In Nordrhein-Westfalen hat mit der "Qualitätsoffensive Hauptschule" der Aufbau von gebundenen Ganztagshauptschulen begonnen. Nun gilt es, dem Ziel "Mehr Bildung und mehr Erziehung" durch die Kooperation mit außerschulischen Partnern näher zu kommen. Kinder- und Jugendhilfe bringen oft Instrumente mit, die die Schule im Bemühen gegen Schulmüdigkeit und Gewalt unterstützen, wie Beispiele von Hauptschulen in Münster und Bocholt zeigen.
In Nordrhein-Westfalen lag der Schwerpunkt der Ganztagsschulentwicklung bisher auf dem Primarbereich - mehr als 1000 Offene Ganztagsgrundschulen sind in den vergangenen Jahren entstanden. Seit Jahresbeginn sind nun außerdem rund 100 Hauptschulen in gebundener Ganztagsform hinzugekommen. Sie sind Teil der "Qualitätsoffensive Hauptschule", bei der bis 2012 insgesamt 50.000 Ganztagsplätze entstehen sollen. Für 2006 hat die Landesregierung bereits 516 zusätzliche Lehrerstellen im Gegenwert von rund 32 Millionen Euro bereit gestellt. Ein Drittel dieser Lehrerstellen kann kapitalisiert werden, um die Leistungen außerschulischer Partner zu bezahlen.
Welche Möglichkeiten die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern bieten, welche Kompetenzen sie in die Hauptschulen einbringen, um den Übergang von der Schule zur Arbeitswelt zu erleichtern, Aktionen gegen Schulmüdigkeit durchzuführen oder erzieherische Hilfe zu leisten - dies müssen manche der neuen Ganztagshauptschulen selbst noch in Erfahrung bringen. Eine Gelegenheit dazu bot die Tagung "Ganztagsschule gemeinsam gestalten - Ganztagshauptschule und Jugendhilfe", zu welcher die Serviceagentur NRW, das Ministerium für Schule und Weiterbildung, das Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration und die Landesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege am 30. Oktober 2006 ins Dortmunder Reinoldinum eingeladen hatten. Hier präsentierten sich den rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern Praxisbeispiele zu gelungenen Kooperationsprojekten.
"Ganztagshauptschulen sollten kontinuierliche Kooperationen eingehen", riet Manfred Wallhorn vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Schule und Weiterbildung zu Beginn der Veranstaltung in seinem Grußwort. "Kinder- und Jugendhilfe haben einiges zu bieten, sie bringen Erfahrungen und Instrumente zur Unterstützung von Familien und einzelnen Jugendlichen mit und haben auch Erfahrung bei der Beruforientierung." Die Einzelförderung sei ebenfalls das Geschäft der Hauptschulen - "ohne diese geht es nicht." Man dürfe die Jugendhilfe allerdings nicht zu stark in schulische Vorgaben pressen.
Jugendhilfe von Anfang an einbinden
Für die Jugendhilfe ergriff der LAG-Vorsitzende Dr. Uwe Becker vom Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche im Rheinland das Wort. Die Resonanz auf die "Qualitätsoffensive Hauptschule" sei riesig, nun müssten die Schulen die Nachhaltigkeit der Angebote unter Beweis stellen. "Zunächst einmal müssen Schüler wie Lehrer überzeugt werden, dass Ganztagsschule keinen verlängerten Vormittagsunterricht bedeutet", so Becker, "sondern dass man in ihr ganz neu lernen und leben kann. Dies kann aber nur gelingen, wenn die Jugendhilfe von Anfang an eingebunden wird. Es darf nicht so sein, dass sich die Lehrer am Vormittag auf das Fachlernen konzentrieren und die Jugendhilfe am Nachmittag 'reparieren' soll, was vormittags schief läuft."
Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts München, verdeutlichte, dass es "nicht um die zeitliche Ausdehnung des Unterrichts gehen darf. Es geht vielmehr um die Gestaltung des Zusammenlebens, um die Frage, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Die Ganztagsschule geht in ihren Implikationen weit über die Frage der Schulleistungen hinaus." Die Ausweitung der Ganztagsschule in die Sekundarstufe I sei ein folgerichtiger Schritt, ihm müssten konsequent weitere für ein flächendeckendes Angebot folgen: "Man darf nicht auf halber Strecke halt machen."
Viele Hauptschulen hätten sich zu einem Sammelbecken von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund entwickelt, führte Rauschenbach aus. Dieses Problem zu einem kognitiven umdeuten zu wollen, sei ein Skandal. In der Ganztagsschule müssten vielmehr Projekte direkt auf diese Zielgruppe zugeschnitten werden - in den ersten drei Hauptschuljahren mit der Vermittlung elementarer Fähigkeiten, in den Klassen acht bis zehn mit der Berufsvorbereitung. Ganztagsschule, das bedeute mehr Bildung und mehr Erziehung. "Es müssen kulturelle Kompetenzen vermittelt werden", erläuterte der Wissenschaftler. "Die Kinder und Jugendlichen müssen den Code der Schule verstehen lernen. Es müssen materielle Kompetenzen vermittelt werden: Die Schülerinnen und Schüler müssen sich physisch im Leben bewegen und zurechtfinden können, und soziale Kompetenzen erwerben, die für das menschliche Zusammenleben elementar sind. Und schließlich brauchen sie personale Kompetenzen: Hierbei geht es um Fähigkeiten der Selbstwahrnehmung sowie von Selbstständigkeit und Selbstvertrauen."
Ganztag sei Bildung über den ganzen Tag, meinte Rauschenbach. Für diese Bildung sei die Kooperation mit der Jugendhilfe von besonderer Wichtigkeit. "An Ganztagshauptschulen muss der Personalmix verstärkt werden, sie müssen außerschulische Partner, lokale Firmen und die Eltern einbeziehen." Trotz der Hilfe von außen müsse sich die Politik darüber im Klaren sein, dass "die Schule teurer, nicht billiger wird". Diese Debatte müsse geführt werden, damit die Ganztagsschule nicht am Geld scheitere.
"Die Schüler erwarten, dass ihnen geholfen wird"
An der Geistschule im Südviertel Münster läuft bereits eine Kooperation von Hauptschule und Jugendhilfe. Die Schule musste auf die um sich greifende Schulmüdigkeit reagieren. "Als ich Schulleiter wurde, waren es recht viele Schülerinnen und Schüler, die dem Unterricht fernblieben", berichtete Karl-Heinz Neubert. Heute liege diese Zahl nur noch bei zwei bis drei Jugendlichen. Erreicht habe man dies mit der Kombination aus zwei Kooperationsvorhaben. UVAS - Unterstützung für verhaltensauffällige Schüler bietet speziell ausgearbeitete Hilfen für Schülerinnen und Schüler der fünften und sechsten Klassen und beugt mit hoher präventiver Wirkung den Gefahren des sozialen Rückzugs, der Ausgrenzung, der Entwicklung der Schulverweigerung und einer Überweisung in die Förderschule vor. UVAS findet in Kooperation mit dem Diakonischen Werk Münster statt.
Darauf aufsetzend richtet sich Pro-B - Projekt für schulverweigernde Schüler der Mittelstufe, welches die Geistschule in Zusammenarbeit mit der Erziehungsberatungsstelle durchführt, an ältere Schülerinnen und Schüler. "Es hat sich gezeigt, dass durch UVAS die Schülerzahlen in Pro-B zurückgehen, sodass wir dieses Projekt auch für andere Hauptschulen haben öffnen können", berichtete Neubert.
Ein drittes Projekt schließlich ist BUS - Beruf und Schule. Dieses soll mit der Verknüpfung eines einjährigen Schülerbetriebspraktikums mit speziell auf diese Praktika ausgerichtete Unterrichtsinhalte benachteiligten und schulmüden Jugendlichen auch ohne Hauptschulabschluss individuelle Übergänge in Ausbildung und Beschäftigung ermöglichen.
Die drei sozialpädagogischen Stellen von UVAS und Pro-B werden zu 100 Prozent von der Stadt Münster finanziert. Dirk Zeuner, einer der Sozialarbeiter der Geistschule, betonte: "Schulsozialarbeit darf sich nicht nur als Anwalt der Schülerinnen und Schüler verstehen, sondern sie muss am Gelingen von Schule mitarbeiten. Dazu muss man erst mal die Bedürfnisse der Schüler herausfinden, was oft schwierig ist, da sie selbst diese meistens nicht formulieren können. Danach muss man Wege finden, wie diesen Bedürfnissen Rechnung getragen werden kann, welche Hilfen notwendig sind und wie man diese in der Schule sicherstellen kann."
Mögliche Instrumente seien Einzelfallhilfen wie Verhaltenstraining, die Moderation von Lehrer-Schüler- Elterngesprächen, Konzentrationstrainings. Auch könnten integrative Gruppenangebote gemacht werden, die sich an Themen wie Eigen- und Fremdwahrnehmung, Impulskontrolle, Konfliktlösung, Kommunikation und Erwerb von Sozialkompetenzen orientierten. Ein weiteres Hilfsmittel seien schulspezifische Angebote wie die Unterstützung von Lehrkräften in Jugendhilfefragen.
Schulleiter Neubert betonte: "Unsere Sozialpädagogen sind bei der Jugendhilfe beschäftigt und bringen ihre eigenen Interessen mit ein - ich möchte dieses Korrektiv nicht missen. Den Schülern ist es in gewisser Weise egal, ob jemand Lehrer oder Jugendhilfemitarbeiter ist. Sie verlangen nach ständigen Ansprechpartnern und dass sich jemand ihrer Probleme annimmt."
Mit Coolness-Training gegen Gewalt
Ein Problem an vielen Hauptschulen sind Gewalttätigkeiten. Eine Möglichkeit, für Schüler wie Lehrer gleichermaßen, mit Konflikt- und Bedrohungssituationen umzugehen, stellte Rainer Bojarzin von der Evangelischen Jugendhilfe Münsterland in einem weiteren Workshop vor. Bojarzin ist Diplomsozialpädagoge und Familientherapeut und seit fünf Jahren "Coolness-Trainer".
Das Coolness-Training arbeitet mit interaktionspädagogischen Übungen und Spielen, Rollen- und Theaterspiel, sport- und körperbetonten Spielen, Körpersprache, Visualisierungen und Übungen zur Deeskalation. Es kann je nach Bedarf an einem Projekttag, in einer Projektwoche oder über einen längeren Zeitraum durchgeführt werden. Schulen können sich dieses Training quasi einkaufen. Die übliche Dauer sind zehn Einheiten à zwei Zeitstunden.
Karen Dense, Schulsozialarbeiterin an der Melanchthon-Hauptschule in Bocholt, konnte ihren Schulleiter und das Kollegium überzeugen, dass ein solches Training an der Schule notwendig war. "Suspendierungen vom Unterricht können nicht der Weisheit letzter Schluss sein", meinte die Diplomsozialpädagogin. "Die Schüler machen sich zu Hause eine schöne Zeit und kommen dann unverändert in den Unterricht zurück." In Bocholt integrierte man das Coolness-Training in den Unterricht. Die Stiftung "Aktive Bürger Borken" und das "Young Project" des Jugendamtes Borken halfen bei der Finanzierung.
Die Ereignisse an der Rütli-Schule sind in den Medien sicherlich aufgeplustert worden", erklärte Bojarzin. Dennoch finde sich verbreitet die Auffassung, dass ganze Klassen "nicht beschulbar" seien. "Die Gewalt ist mächtig, und genau so entschlossen sollte man sich dagegenstellen."
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 17.11.2006
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