14. NOVEMBER 2006

Der "Dritte Mann" der kulturellen Bildung

"Wir müssen das Wagnis eingehen, etwas Drittes zu denken, das weder Künstler noch Lehrer kennen". Die kulturelle Bildung sucht das "Dritte", das zwischen dem Messbaren und dem Unwägbaren in der Schule zu finden ist. Dieses "Curriculum des Unwägbaren" soll in drei Veranstaltungsfolgen der Yehudi Menuhin Stiftung Deutschland klarere Konturen bekommen. Nach dem gelungenen Auftakt, der am 20. Oktober 2006 in der Folkwang Hochschule (Essen) stattfand, werden auf dem Weg zum fertigen "Curriculum des Unwägbaren" noch einige Berge zu besteigen sein. Erste Gipfel wurden bereits gesichtet.

Auf dem Höhepunkt seines musikalischen Lebens wandte Yehudi Menuhin seine ganze Kraft den Drop-outs, den ausgegrenzten Kindern und Jugendlichen des Schulsystems zu. Seine Wunderwaffe gegen Hoffnungslosigkeit und Schulversagen war eben jene Muse, die ihm, dem "Jahrhundertgeiger", zu einem außergewöhnlichen Leben auf den Konzertbühnen der Welt verhalf.

Schon 1992 begründete die Yehudi Menuhin Stiftung das "MUS-E"-Projekt ("Music for Schools in Europe"), mit dem das Unwägbare, also jene fremde Schwester des nicht Messbaren, in die Schule zog. Sieben Jahre später, 1999, wurde das europaweite Projekt MUS-E auch hierzulande eingeführt.

Uraufführung im Olymp

Doch nun möchte die Stiftung einen Schritt weiter gehen, denn mit dem "Curriculum des Unwägbaren" hat sie in einer Uraufführung unvergesslich vor Augen geführt, was Schule und die Künste zukünftig voneinander erwarten können, und was sie miteinander verbindet. Der erste Fachkongress, den die Stiftung am 20. Oktober 2006 in Kooperation mit der Folkwang Hochschule und der Robert Bosch Stiftung veranstaltete, war dafür Programm. Fachliche Unterweisung zum Thema verband sich mit dem Gedanken, aus dem Kongress selbst eine künstlerische Installation zu machen, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmern in ein kreatives Feld des Denkens einbeziehen sollte.

Kein Ort eignete sich dazu besser, als die weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannte Folkwang Hochschule in Essen. Seit ihrer Geburtsstunde, im Jahr 1927, versteht sie sich als eine Begegnungsstätte für "alle Bürger jedweden Standes", die "eine Begegnung mit der Kunst, mit der Schönheit" ermöglicht und "eine volkserzieherische Forderung" einlöst.

Hochzeitsvorbereitungen .

Die anvisierte "Hochzeit" von Kunst und Schule präsentierte sich schon zum Auftakt der Tagung in Essen als ein "Fest der Sinne": mit einer höchst anschaulichen und gleichermaßen sinnlichen Choreographie des Wägbaren und Unwägbaren. Noch während Prof. Martin Pfeffer, Rektor der Folkwang Hochschule, Dr. Oliver Scheytt, Kulturdezernent der Stadt Essen, und Prof. Rita Süssmuth, Kuratoriumsvorsitzende der Yehudi Menuhin Stiftung, ihre Eröffnungsreden hielten, entfaltete sich auf der Leinwand ein Feld kreativer Fragen wie "Ist mit Lehrern alles wägbar und mit Künstlern unwägbar?", "Wie viel Schule braucht Kunst und wie viel Pädagogik verträgt sie?" oder "Wie kann das Curriculum des Unwägbaren in die Lehrerbildung integriert werden".

Dass Schule und Kunst sich in der jüngsten Zeit so nahe kamen, verdanken sie zwei miteinander zusammenhängenden Entwicklungen: der Ausrichtung von PISA an "überfachlichen Kompetenzen" und dem verstärkten Ausbau der Ganztagsschulen, die "für das Gelingen in hohem Maße auf Kooperationen angewiesen sind", so Manfred Walhorn vom Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen. Von der Dynamik dieser Entwicklungen künden in Nordrhein-Westfalen allein "707 Projekte", die im Rahmen des Landesprogramms "Kultur und Schule in NRW" aus Kooperationen zwischen Schule und den Künsten hervorgegangen sind.

.für das "Curriculum des Unwägbaren".

Nimmt man die Ergebnisse des MUS-E-Projekts und des Landesprogramms zusammen, darf die Zusammenarbeit von Schule und Kultur an offenen Ganztagsschulen in NRW beinahe als "paradiesisch" gelten. Für Winfried Kneipp zeichnet sie sich insbesondere dadurch aus, dass an "fast jeder Schule Künstlerinnen und Künstler anzutreffen sind". Dennoch ist manches verbesserungswürdig. Das Hauptproblem liegt für den Geschäftsführer der Yehudi Menuhin Stiftung darin, dass die Aktivitäten "in den Nachmittag geparkt wurden, und dass sie nicht zum Kernbereich der Schule gehören". Es stelle sich auch die Frage einer Verstetigung der durch MUS-E initiierten Projektarbeit: "Wie kann das, was wir getan haben, in den Alltag der Schule einbezogen werden?"

Die Einbeziehung der Kunst bewirkt an den Schulen mitunter wahre Wunder, da sie dazu beitragen kann, die Persönlichkeit und das Selbstvertrauen der Schülerinnen und Schüler zu stärken: "Ich erkenne die Kinder kaum wieder, wenn sie mit den Künstlerpersönlichkeiten zusammen arbeiten", sagt Gabriele Westerwelle von der Katholischen Hauptschule St. Benedikt in Düsseldorf. Als nämlich das zeitlich befristete MUS-E-Projekt vor dem Auslaufen stand, trugen die Schülerinnen und Schüler Zeitungen aus, um mit dem Geld "ihren" Künstler an der Schule zu halten: "Die Kinder haben nämlich gelernt, dass sie wertvoll sind und den Kopf nicht den Sand stecken dürfen."

Jenseits von "richtig und falsch"

Die eigentliche Wirkung der Kunst, ihre heilende Funktion, besteht für Gabriele Westerwelle vor allem darin, die Kategorien "richtig und falsch" infrage zu stellen. Anstatt junge Menschen in die "sechs Schubladen" der Notenvergabe zu zwängen und dem Wägbaren allein zu überlassen, gewinnen sie in der Kunst neue Wahrnehmungshorizonte und Handlungsspielräume im Unwägbaren hinzu. Für Rita Süssmuth hat die Kunst ohnehin die Aufgabe, die ganzheitliche Menschenbildung zu fördern, um einer "deformation professionelle" der Pädagogen entgegenzuwirken.

Weil Kunst "neue Beziehungen zwischen den Dingen herstellt, wird man selbst zur Mitte einer Sache", erkannte Prof. Stefan Lausch von der Universität Duisburg-Essen. Qualitäten und Beziehungen treten an die Stelle einer Definition von Leistung, "die sich am Grad des Scheiterns und nicht des Gelingens" orientiert. Eine bestechend einleuchtende Formel für die neue Qualität von Schule in der Zusammenarbeit mit den Musen fand die bildende Künstlerin Diemut Schilling aus Düsseldorf: "Wir müssen das Wagnis eingehen, etwas Drittes zu denken, das weder Künstler noch Lehrer kennen. Das Dritte hat noch keine Form, denn es ist erst in Konturen erkennbar." Deswegen müssten die Künstlerinnen und Künstler die Hefe des Kuchens sein und nicht die Kirsche auf der Torte.

Die nützliche und die nutzlose Schwester

Doch der Umgang mit der Kunst sollte nicht mit unrealistischen Hoffnungen überfrachtet werden. "Die Kunst diente früher zur Erbauung der besseren Stände, sie adelte das Bürgertum oder sie wollte zur allgemeinen Geschmacksverbesserung des Volkes beitragen", so Prof. Meike Baader von der Universität Hildesheim. Noch im 19. Jahrhundert sei die Kunst mit dem Anspruch angetreten, als "diesseitige Religion des Lebens" die offizielle Religion als Sinnstifterin zu ersetzen. Im gleichen Atemzug betonte die Nationalökonomie den wirtschaftlichen Nutzen der Kunsterziehung an den Schulen.

Seit dem 18. Jahrhundert trat die Kunst im öffentlichen Diskurs in Gestalt zweier Schwestern auf: der nützlichen und der nutzlosen bzw. der "schönen und hässlichen Schwester". Denn "im Zeitalter der Dampfmaschine wurden Ingenieure gesucht, die rechnen und (gewissermaßen künstlerisch) zeichnen konnten", so Prof. Johannes Bilstein von der Folkwang Hochschule. Deshalb war der nützlichen Schwester daran gelegen, Fachkräfte für den Wettbewerb der Nationen ausbilden. Die nutzlose Schwester aber wollte einen Beitrag wider das allgegenwärtige Funktionieren in der Gesellschaft leisten. Obwohl beide Strömungen der Kunst noch im 18. Jahrhundert gemeinsame Ziele verfolgten, trennten sich seit dem 19. Jahrhundert ihre Wege.

Mündigkeit oder Brauchbarkeit?

Letztlich kann auch die Kunst die entscheidende Frage nicht in Wohlgefallen auflösen: "Wie soll der Bürger erzogen werden? Zur Mündigkeit oder zur Brauchbarkeit?" so nämlich lautet das Paradoxon für Bilstein. Wenn die Kunst nicht das ganz Andere der Schule sein wolle, wie dies bei vielen Reformpädagogen der Fall ist, habe sie auch als Nichtsnutzige der beiden Schwestern einen Platz in der Schule: "Ich entlaste die Lehrerinnen und Lehrer, wenn ich den utopischen Ballast und das Pathos von ihr abstreife." 

Im "Curriculum des Unwägbaren" kommt schließlich die vernachlässigte Leiblichkeit der kulturellen Bildung wieder zum Vorschein. Sie nimmt die Endlichkeit des Menschen ernst und wertet den Körper auf, dessen Entwicklungsgesetze doch gerade für die Lernbereitschaft der jungen Menschen ausschlaggebend sein können. Wenn Menschen "ein Viertel ihrer Lebenszeit" an der Schule verbringen, sollte der Leiblichkeit mehr Spielraum zugedacht werden, so Prof. Eckard Liebau von der Universität Nürnberg-Erlangen. Nicht nur Tanz, Musik, Theater, auch die Übung des Leibes sei eine Form der Kunst: "Selbst das Gehen auf der Bühne bedarf der Übung, das den Bewegungsablauf und den Rhythmus, also die gesamte menschliche Sinnlichkeit einbezieht." Leibeskünste wie Tanzen, Basketball oder Sport generell sind wahre Wundermittel in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in den Ghettos der sozialen Brennpunkte. Gefährdete Hauptschulen seien mit den Mitteln der Kultur, also mit Hilfe der Künstlerinnen und Künstler, vor dem Kollaps gerettet worden.

Mit Musik und Kunst wider die "Zeitgefängnisse"

Darf die Muse, die kulturelle Bildung, nur wenige Auserwählte küssen, oder ist es gerade Aufgabe der Schulen, sie möglichst allen Kindern und allen Jugendlichen zugänglich zu machen? Momentan sei in der Schule noch zu wenig Raum und Zeit für ästhetische Bildung, so Prof. Wolfgang Edelstein, ehemaliger Direktor des Max Planck Instituts für Bildungsforschung. Edelstein konkretisierte: "Der Stoff, aus dem alle Bildungs- und Entwicklungsprozesse gemacht sind, ist Zeit. Nichts ist kostbarer und schärfer bewirtschaftet in der Schule als die Ressource Zeit" spitzte Edelstein seine These zu. Die Halbtagsschule sei als "veritables Zeitgefängnis organisiert" und der Lernprozess in den Panzer des Curriculums eingezwängt. Doch Bildung der Wahrnehmung und Bildung der Handlungskompetenz seien die zentralen Größen im "Curriculum des Unwägbaren". Immer mehr Bereiche des Unwägbaren werden Edelstein zufolge aus der Schule gedrängt, um der Funktionalisierung des Schulsystems Platz zu machen.

Einen Brückenschlag zwischen dem Wägbaren der Schule und dem Unwägbaren der Kunst erlaube ausgerechnet der Kompetenzbegriff der PISA-Studie der OECD, der drei Kernkompetenzen formuliert, die auch für die ästhetische Bildung von zentraler Bedeutung sind: Selbstständig handeln, Instrumentarien in Interaktion mit anderen gebrauchen und in sozial heterogenen Gruppen erfolgreich handeln. Längst habe die Hirnforschung die Wirkung ästhetischer Bildung untermauert: "Diese Kompetenzen erinnern an Kunst und Können: So unwägbar sind die gar nicht", betonte der ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.

Der Einzug des Kompetenzbegriffes in die Lernwelten der Schulen stellt die Schülerinnen und Schüler und ihre subjektive Aneignung des Lernprozesses in den Mittelpunkt: "Damit rückt die ästhetische Bildung, die ästhetische Erfahrung und das ästhetisch-künstlerische Handeln in eine privilegierte Stellung in der Ökonomie der Schule, in der Ordnung des Lernens. Denn ästhetische Bildung ist der Prototyp des Kompetenzlernens".

Von Gipfeln und Brennpunkten der kulturellen Bildung

Erste Eck- und Orientierungssteine eines "Curriculums des Unwägbaren" konnten in Essen bereits angeeignet werden. Dazu gehörten die Diskussion der Fachvorträge und die konzeptionelle Einbindung aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Fragestellung der Tagung. Welche produktiven und kreativen Fähigkeiten die kulturelle Bildung darüber hinaus bei den Schülerinnen und Schülern freisetzt und wozu sie eigentlich im Leben gut ist, dies demonstrierte die Kinderopa "King Solomon's Cat".

Bunt gemischt, mit 40 Kindern aus fünf Nationen, setzten große und kleine Nachwuchskünstler mit Tanz und englischem Gesang die Vorstellungen der MUS-E Künstlerin und Komponistin Chris Seidler in Szene. Es war eine elektrisierende Darbietung jenes Unwägbaren zwischen Kunst und Schule, die das Publikum in ihren Bann zog. Die Aula der Folkwang Hochschule war voll besetzt und alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer klatschten frenetisch Beifall zu einer Aufführung, die dem "dritten Mann" der kulturellen Bildung in Deutschland, Yehudi Menuhin, zur Ehre gereicht hätte.

Zu einem Brennpunkt der kulturellen Bildung im wahrsten Sinne des Wortes wandelte sich die Essener Veranstaltung dann glücklicherweise nicht, auch wenn am Ende eines denkwürdigen Tages ein Feueralarm zur Räumung der Aula führte. Der lakonische Kommentar der Yehudi Menuhin Stiftung folgte auf dem Fuße: "Das Unwägbare lauert immer und überall".

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 14.11.2006
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