Kinder sind von Natur aus neugierig und für Technik und Wissenschaft zu begeistern. Doch in den Schulen besteht aus Zeit- und Personalmangel und der oft unzureichenden Ausstattung kaum die Möglichkeit, Mathematik-, Physik- oder Chemieunterricht praxisnah und anschaulich zu unterrichten. Die JugendTechnikSchule in Berlin bietet Schulen die Möglichkeit, dieses Defizit auszugleichen. In den bestens ausgestatteten Werkstatträumen der Einrichtung in Köpenick und Charlottenburg-Wilmersdorf können Schülerinnen und Schüler werkeln, basteln, experimentieren und bauen, beispielsweise Funkfernsteuerungen von Automodellen, Radiogeräte oder Robotermodelle. "Kinder haben heutzutage wenig Möglichkeiten, technische Produkte aus Einzelteilen zusammenzusetzen und als festes Produkt mit nach Hause zu nehmen", erklärt Sieghard Scheffczyk, der Leiter der JugendTechnikSchule, den Erfolg dieses Projektes, welches unter dem Dach des Technischen Jugendfreizeit und -bildungsvereins e.V. organisiert ist.
Und erfolgreich ist die JugendTechnikSchule ohne Zweifel, besieht man sich allein die nackten Zahlen: Beim offiziellen Start 1998 kamen rund 1.800 Schülerinnen und Schüler in die Einrichtung, für dieses Jahr schätzt Scheffczyk, dass circa 13.000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen betreut worden sind. Diese Explosion der Teilnehmerzahl erklärt sich der gelernte Diplom-Ingenieur mit den für die JugendTechnikSchule günstigen Bildungszeiten. "Wir werden zwar nicht vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert", erläutert Scheffczyk, "haben aber einen indirekten Aufschwung durch das Engagement und die Initiativen von Ministerin Bulmahn zur Stärkung außerschulischer Bildung erhalten." Dazu kamen dann die Ergebnisse der PISA- und der TIMSS-Studien, welche die Aufmerksamkeit wieder stärker auf mathematisch-naturwissenschaftliche Bildung lenkten - also genau die Art Bildung, die die JugendTechnikSchule mit ihrem Programm anbietet.
Sprunghaft angestiegenes Interesse
Das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" der Bundesregierung lieferte einen weiteren indirekten Schub. "Als wir von der Ganztagsschuloffensive erfuhren, ließen wir vor Beginn dieses Schuljahres eine CD-Rom von einer professionellen Agentur herstellen, auf der wir uns und unser Angebot vorstellen", berichtet Scheffczyk. "In einer Großaktion haben wir diese dann an sämtliche Berliner Grundschulen versandt." Dies zahlte sich aus: Das Interesse stieg sprunghaft an. "Auf meinem Schreibtisch steht ein dicker Ordner über Grundschulaktivitäten. Aus jedem Berliner Stadtbezirk haben wir Anfragen", beschreibt der Ingenieur die Resonanz. Trotz der prekären Haushaltssituation in der Hauptstadt hält die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport die JugendTechnikSchule deshalb für unverzichtbar und fördert sie weiterhin.
Schülerinnen und Schüler von Grund- und weiterführenden Schulen können vormittags für zwei bis drei Stunden an schulergänzenden Unterrichtsprojekten wie "Elektronik macht Spaß" oder im "Robotik-Center" arbeiten. "Zum 80. Geburtstag des Radios haben die Jugendlichen neulich ein Ökoradio gebaut, das drei Jahre mit einer einzigen Batterie auskommt", gibt Scheffczyk ein Beispiel für die Aktivitäten. Auch nachmittags bietet die Einrichtung schuljahrbegleitende Kurse, die freiwillig sind und mit etwa 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern laut Scheffczyk ebenfalls sehr gut angenommen werden. "Einige von unseren Schülerinnen und Schülern gehen nachmittags freiwillig in die JugendTechnikSchule", bestätigt Frau Swjetik.
Ehemalige Schüler spenden aus Dankbarkeit
Ein weitgestecktes Ziel der Einrichtung ist, dass die Kinder und Jugendlichen über die Lust am Experimentieren, Basteln und Bauen hinaus befähigt werden, technische Berufe zu ergreifen oder naturwissenschaftliche Studiengänge zu belegen. Die JugendTechnikSchule bemüht sich daher auch, mathematische Kenntnisse zu vermitteln, die "oft mangelhaft sind", so Scheffczyk. Darüber hinaus wolle man "das theoretisch geprägte Schulwissen durch Praxis festigen, die Kinder an die Technik in all ihren Nuancen und Aspekten - auch den ökologischen - heranführen. Es gibt Jugendliche, die seit Jahren zu uns kommen und bis zum Abitur bleiben, um sich zusätzliches Know-how anzueignen."
Der Wissens- und damit auch Wirtschaftsstandort Deutschland soll auch durch solche Maßnahmen wieder einen der vorderen Plätze weltweit einnehmen. Scheffczyk bringt es auf den Punkt: "Wir wollen die Jugendlichen bereitstellen, die später einmal Nobelpreisträger werden könnten." Das mag Zukunftsmusik sein, aber einige Absolventen säßen inzwischen schon in sehr anerkannten Stellungen in der Wissenschaft und würden der Schule aus Dankbarkeit Spenden zukommen lassen. Weniger spendabel zeigt sich zu Scheffczyks Bedauern die Wirtschaft, "obwohl sie doch schon aus eigenem Interesse mehr tun sollte. Es ist bitter, dass sich die Wirtschaftsvertreter in Sachen Sponsoring so zurückhalten." Dagegen würde die Politik ihren Verpflichtungen "über 100 Prozent" nachkommen.
Doch nicht nur Schülerinnen oder Schüler können unter dem Dach des Technischen Jugendfreizeit und -bildungsvereins etwas lernen, in einem weiteren Projekt unter dem Titel "Lern Werkstatt Technik" erhalten Pädagogen die Möglichkeit, sich als so genannte Multiplikatoren weiterbilden zu lassen. Hier wird den Lehrenden in Kursen wie "Lust auf Technik - Lernen für die sozialpädagogische Praxis" beigebracht, wie sie mit welchen Experimenten Technisches und Wissenschaftliches am besten ihren Schülerinnen und Schülern nahe bringen können. Zusätzlich ist es den Lehrerinnen und Lehrern möglich, sich in den entsprechenden Themenfeldern die nötigen Kenntnisse anzueignen, um die Fragen der Kinder zu beantworten. "Seit dem Start der Lern Werkstatt Technik im Februar haben wir 483 Besucher ausgebildet", berichtet Leiter Manfred Bisanz. Auch hier die Tendenz: steigend.
Sicherlich kein schlechtes Omen vor dem Wissenschaftsjahr 2004, dem Jahr der Technik.
Autor: Ralf Schmitt
Datum: 16.12.2004
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