"Ganztagsschule - Herausforderung für ganzheitliches und anregendes Lernen" lautete der Titel des diesjährigen Bundeskongresses des Ganztagsschulverbandes. Vom 1. - 3. November 2006 informierten sich rund 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Möglichkeiten, lebensnahen und spannenden Unterricht zu gestalten.
Für Stefan Appel ist Bremen kein klassisches Ganztagsschulland, in welchem Ganztagsschulen seit Jahrzehnten existieren und eine gewisse Tradition haben. Als der Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes am 1. November 2006 vor das Auditorium im Bremer Atlantic Universum Hotel trat, um den diesjährigen Bundeskongress des Ganztagsschulverbandes zu eröffnen, fiel es ihm dennoch nicht schwer, die Wahl des Tagungsortes zu begründen: "In Bremen hat sich in den vergangenen Jahren Erhebliches verändert. Der Aufbruch zur Ganztagsschulidee ist in dieser Stadt wie kaum sonst zu spüren."
Welches Gewicht der Senat dem Thema Ganztagsschule beimisst, zeigte sich schon darin, dass mit Bürgermeister Jens Böhrnsen und dem Senator für Bildung und Wissenschaft Willi Lemke gleich zwei Regierungsverantwortliche Grußworte an die rund 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmer richteten. Böhrnsen sprach zur Eröffnung und bestätigte, dass "Ganztagsschulen ein Schwerpunkt unserer Politik sind. Wir haben uns über das großartige Investitionsprogramm 'Zukunft Bildung und Betreuung' der Bundesregierung gefreut und werden konsequent die gesamten IZBB-Mittel abrufen." Er bedauere, dass solche sinnvollen Projekte wegen des Auslaufens des IZBB-Programms und der in der Föderalismusreform vereinbarten Abstinenz des Bundes in der Bildungspolitik in Zukunft nicht mehr möglich seien.
Dennoch wolle Bremen weiter vorne dabei sein, versicherte der Präsident des Senats: "Bildungspolitisch ist die Ganztagsschule ein erfolgreiches Modell: Sie ermöglicht Familien die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und unterstützt ganz wesentlich die soziale Integration und Teilhabe. Gerade uns hat die PISA-Studie ja ganz bitter die zunehmende soziale Spaltung bestätigt."
Das Gehirn fragt: "Was habe ich davon?"
"Wenn es Ganztagsschulen gelingt, das Lernen vielseitig, lebensnah und spannend zu gestalten, sind sie eine möglich Antwort auf die PISA-Studie", erklärte Stefan Appel. Letztlich kommt es darauf an, die Lerninhalte der Neugier der Kinder anzupassen." Ganzheitliches und anregendes Lernen zu entwickeln, sei Herausforderung und Verpflichtung für alle an Ganztagsschulen arbeitenden Pädagogen. "Ansonsten rauben wir den Kindern und Jugendlichen nur ihre Jugend", mahnte der Vorsitzende.
Der Wissenschaftler benannte Grundfaktoren, die für den Lernerfolg elementar sind: Die Vertrauenswürdigkeit des Lehrenden, die Lernmotivation, die Anschlussfähigkeit des Lerninhalts. "Wissen wird im Kontext erworben", führte Roth aus, "je lebhafter, desto einprägsamer. Alle Inhalte, zu denen ich einen persönlichen Bezug herstellen kann, lerne ich um so leichter. Unser Gehirn fragt ständig: Was habe ich davon?" Das Problem beim Lernen sei, dass Aufmerksamkeit extrem limitiert und Verstehen ein langsamer Prozess seien. Deshalb sei es vorteilhaft, neue Inhalte in Happen von fünf Minuten zu bearbeiten, dann mit den Schülerinnen und Schülern zu klären, ob dieses verstanden wurde, bevor man die nächste Einheit lehre.
Zeit am Nachmittag sinnvoll nutzen
"Das Gehirn fragt aber auch, ob sich der Aufwand lohnt", so Roth. Deshalb seien beim Lernen Belohnungserwartungen so wichtig - wichtiger als die Belohnung selbst. "Darum ist es auch so wichtig, dass Lehrerinnen und Lehrer die Schülerinnen und Schüler loben." Vor das Lob haben die Pädagogen allerdings die Lernanstrengung gesetzt. Die Hirnforschung habe erwiesen, dass neues Wissen im Langzeitgedächtnis abgespeichert wird, wenn es an bereits vorhandenes Wissen anknüpft. Für Roth ist ein Unterricht daher eklatant schlecht, wenn nicht auf das Vorwissen der Kinder Rücksicht genommen wird.
"Nichts wird beim ersten Mal gelernt, der Stoff muss sich setzen können", erklärte der Wissenschaftler. "Das Wiederholen ist äußerst wichtig - in Abständen von zum Beispiel sechs oder 24 Stunden." Die Ganztagsschule sei auch deshalb zu empfehlen, weil am Morgen Gelerntes am Nachmittag vertieft werden könne, was der Hirntätigkeit und dem Biorhythmus der Kinder zugleich entgegen käme. "Dass diese Zeit am Nachmittag nicht verschenkt wird, spricht für die Ganztagsschule." Auf keinen Fall dürfe die Ganztagsschule in dem Sinne missverstanden werden, dass man in mehr Zeit auch mehr Stoff vermitteln könne: "Die Behauptung, unsere Kinder lernten zu wenig, ist Schwachsinn." Wesentlich sei die gezielte Vertiefung von Stoff, um die Inhalte überhaupt im Langzeitgedächtnis speichern zu können. Dabei solle ein möglichst guter Unterrichtsmix angestrebt werden, damit sich ähnliche Inhalte nicht überlagerten und so Vorwissen ausgelöscht werde.
Unverzichtbarer Frontalunterricht
In der anschließenden Aussprache kritisierte ein Zuhörer, der Vortrag sei zu sehr vom klassischen Frontalunterricht ausgegangen, statt die mit Ganztagsschulen intendierten Lernformen wie offenen Unterricht, Projektlernen und selbstständige Wochenplanarbeit stärker zu berücksichtigen. In seiner Erwiderung stellte Gerhard Roth den Frontalunterricht tatsächlich als "unverzichtbar" heraus, da Lernen auch etwas mit dem Bezug zu einer Autoritätsperson wie der Lehrerin oder dem Lehrer zu tun habe. Das Lernen mit anderen Schülerinnen und Schülern solle nur zur Vertiefung eingesetzt werden. "Optimal wäre es, wenn zu Beginn einer Schulstunde rund 15 Minuten Frontalunterricht stattfinden, dann Gruppenarbeit und zum Schluss wieder 15 Minuten Frontalunterricht. Das Gehirn liebt die Abwechslung", resümierte der Wissenschaftler.
Von einer anderen Warte aus betrachtete Prof. Dr. Elsbeth Stern am zweiten Tagungstag das Thema: "Von Intelligenz, Schubladendenken und Lerntypen" handelte der Vortrag der Lehr- und Lernforscherin von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Die Wissenschaftlerin forderte, "Strukturen zu schaffen, um den Umgang mit unterschiedlichen Kindern zu erleichtern. Dazu gehört eine verlängerte Lernzeit." 50 Prozent der unterschiedlichen Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler seien genetisch bedingt. Es könne also nicht darauf ankommen, diese Unterschiede zu nivellieren, sondern für jedes Kind in seiner Verschiedenheit ein möglichst hohes Niveau anzustreben.
Schülerinnen und Schüler unterschieden sich weniger in der Art der von ihnen gemachten Fehler, sondern in der Menge und Dauer, mit denen diese aufrecht erhalten würden. "In einer Ganztagsschule kann man mit unterschiedlichen Lernzeiten diese Unterschiede berücksichtigen", folgerte Elsbeth Stern. Auch als Ort könne eine Ganztagsschule dabei helfen, intuitives Wissen in akademisches zu überführen. Wissen müsse vernetzt und transferierbar gemacht werden.
Selbstbewusste Sozialpädagogen
Es geht nicht nur um die Vernetzung von Unterricht, sondern auch um die äußere, zum Beispiel mit die Vernetzung mit Sozialpädagogen und Erziehern. Im Gesprächskreis Sozialpädagogik diskutierten Monika Nebgen vom Arbeiter Samariter Bund Bremen und Stefan Siefert von der Bremer Grundschule am Baumschulenweg Bedingungen einer gelungenen Kooperation von Schule und außerschulischen Pädagogen. Nicht überall könne es so ideal zugehen wie an der Grundschule an der Andernacher Straße, wo Lehrerinnen und Erzieherinnen den Unterricht gemeinsam bestreiten. Aber eine gleichberechtigte Zusammenarbeit möglichst mit einer aktiven Beteiligung am Schulkonzept und die Akzeptanz durch die Schulbehörde, die Sozialpädagogik nicht nur als Leihfirma betrachtet, sollten gegeben sein. "30 Arbeitsstunden in der Schule sind eine Mindestvoraussetzung", so Siefert. Feste Zeiten für Absprachen und für gemeinsame Fortbildungen sollten die Schulen einplanen.
Eine Sonderpädagogin erklärte Beharrlichkeit zu einem Erfolgskriterium: "Ich habe mich viel im Lehrerzimmer blicken lassen und jeder Kollegin und jedem Kollegen dort von meiner Tätigkeit berichtet - ich habe sozusagen Werbung für meine Person gemacht. Auch in den Konferenzen berichtete ich über meine Tätigkeit. Als ich dann auch noch Tätigkeitsberichte schrieb, gab es erste Resonanzen: Ich wurde angesprochen, ob ich für bestimmte Kinder Lösungsansätze wisse." Insgesamt sollten Sozialpädagogen selbstbewusst mit ihren Angeboten und Fähigkeiten auftreten und mit den Schulen im Vorfeld über die unterschiedlichen Erwartungen diskutieren.
Lesen Sie hier den 2. Teil unserer Kongressreportage.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 07.11.2006
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