27. OKTOBER 2006

"Heterogenität muss man pflegen"

Was können Lehrkräfte und außerschulische Pädagogen gemeinsam tun, um die Stärken und Begabungen von Kindern individuell zu unterstützen oder um Lernschwächen auszugleichen? Auf der 1. Herbstakademie "Individuelle Förderung in der offenen Ganztagsschule", die vom 11. - 13. Oktober 2006 in Herne stattfand, diskutierten über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausführlich über die Möglichkeiten und Chancen der individuellen Förderung.

Das neue nordrhein-westfälische Schulgesetz von 2006 stellt erstmals die individuelle Förderung in den Vordergrund. An den rund 2.200 offenen Ganztagsgrundschulen und den 225 Ganztagshauptschulen des Landes soll jedem Schüler und jeder Schülerin die Förderung zukommen, die seine und ihre Stärken unterstützt und Lernschwächen ausgleicht. "Doch noch ist individuelle Förderung nur ein Wort, das es nun gilt, mit Leben zu füllen", räumte Eva Adelt vom nordrhein-westfälischen Schulministerium zum Auftakt der 1. Herbstakademie "Individuelle Förderung in der offenen Ganztagsschule" ein.

Was können Lehrkräfte und außerschulische Pädagogen gemeinsam tun, wie entwickelt, plant und setzt man Förderung um? Wie können Kinder und Eltern am Bildungs- und Erziehungsprozess aktiv teilhaben? Wie können kulturelle Angebote die sozialen Kompetenzen der Kinder stärken? Das BLK-Verbundprojekt "Lernen für den GanzTag" hatte zusammen mit den nordrhein-westfälischen Ministerium für Schule und Weiterbildung, dem Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration, der Regionalen Serviceagentur NRW und dem Institut für soziale Arbeit über 100 Pädagogen und Bildungsexperten zu der Tagung in die Mont Cenis Akademie eingeladen.



Arbeiten in angenehmer Atmosphäre: Kleingruppen während der Workshop-Phase

So wie eine gute Ganztagsschule profitierte die Tagung von der Örtlichkeit - einer luftigen, riesigen gläsernen Halle -, dem rhythmisierten Programm, das aus Vorträgen, Workshoparbeit und Filmeinspielungen zusammengesetzt war, und der Konzentration auf jeweils ein spezifisches Problem. "Auf dieser Veranstaltung findet kein 'Workshop-Hopping' statt", stellte Uwe Schulz vom Institut für soziale Arbeit in Aussicht. Jeder Teilnehmer blieb über die gesamte Zeit an einen der fünf thematischen Workshops gebunden. Als vorteilhaft erwies sich die gute proportionale Mischung aus Lehrerinnen und Lehrern sowie außerschulischen Pädagogen, die nicht auf jeder Veranstaltung selbstverständlich ist. So entstand ein echter Austausch der Perspektiven.

Gemeinsames Lernen ist entscheidend

Analog setzten sich auch die Workshop-Leitungen aus jeweils einer Vertretung der Schule und der Jugendhilfe zusammen. Im Workshop "Lernsettings am Bildungsort offene Ganztagsschule: Kinder individuell fördern" wurde das Leitungstandem von Andrea Lyding, Grundschullehrerin an der Katholischen Antonius-Grundschule in Rosendahl-Darfeld im Kreis Coesfeld, und der Diplomsozialpädagogin Gabriele Nordt gebildet. Letztere hatte auch die Einführung der offenen Ganztagsgrundschule in NRW wissenschaftlich begleitet.

Andrea Lyding stellte das Konzept des "jahrgangsgemischten Unterrichts" vor. "Schon 2001 kam uns der Gedanke, an unserer Schule etwas verändern zu müssen", berichtete die Lehrerin. "Die Kinder, die zu uns kamen, brachten immer unterschiedlichere Voraussetzungen mit. Wir fragten uns, warum wir diese Heterogenität nicht nutzen sollten." Ab 2003 führte die Antonius-Grundschule daher den jahrgangsgemischten Unterricht in den Eingangsklassen ein. Mit positiven Konsequenzen: "Die erfahrenen Kinder nehmen die jüngeren an die Hand, sodass die Lehrerin oft gar nichts mehr initiieren muss", berichtet Andrea Lyding. Besonders der Aspekt der Sozialkompetenz spiele dabei eine Rolle: "Jedes Kind soll helfen und erklären lernen. Dabei können auch leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler die Erfahrung machen, dass sie als Experten gefragt sind und Kompetenzen zeigen. Solche Schüler blühen regelrecht auf. Jedes Kind soll aber auch erfahren, dass es Hilfe annehmen kann."


 
Informierten ihren Workshop über Methoden individuellen Lernens: Andrea Lyding, Gabriele Nordt und Karin Reble (v.l.)

Die Weitergabe von Wissen führe bei den älteren Schülerinnen und Schülern zu einer Festigung ihres Wissens, die nachhaltiger sei, als es Erklärungen von Lehrerinnen und Lehrern vermochten. In der altersgemischten Gruppe bestünden indes auch mehr Möglichkeiten, Partner mit vergleichbaren Kompetenzen kennen zu lernen. "Die Verweildauer in der Eingangsphase kann individuell gehandhabt werden", erläuterte Andrea Lyding. "Manche Kinder können nach einem Jahr bereits in die 3. Klasse springen, andere können drei Jahre in der Eingangsklasse bleiben. Da ein Teil der Klasse sie immer begleiten wird, gibt es keine Stigmatisierung durch Sitzenbleiben." Das gemeinsame Lernen sei entscheidend, weniger das Lernen nach einem individuellen Lehrplan für jedes Kind, befand die Lehrerin. Die ideale Form sei dabei die gemeinsame Bearbeitung desselben Themas auf unterschiedlichen Niveauformen mit anschließender gemeinsamer Reflexion. Möglich sei es aber auch, die gesamte Klasse zu einem Thema hinzuführen und dieses dann in getrennten Lerngruppen zu vertiefen.

Selbst reguliertes Lernen in der Lernwerkstatt

Die Lehrertätigkeit verändere sich bereits in der Konzeption des Unterrichts: "Da man immer im Zweijahresrhythmus plant, muss man sich stets etwas Neues einfallen zu lassen, um für Teile der Klasse eine Wiederholung zu vermeiden. Man bietet möglichst viel Projektarbeit und offene Arbeitsformen an." Ansonsten sei die Arbeit mit der jahrgangsgemischten Eingangsklasse eine "richtige Erleichterung", es entstehe ein "schönes Zusammengehörigkeitsgefühl".

Ein weiteres Förderkonzept, das dem Workshop vorgestellt wurde, ist das der "Lernwerkstatt", das Karin Reble von der Grundschule Om Berg in Bonn präsentierte. "Heterogenität muss gepflegt werden", stellte die Lehrerin gleich eingangs fest. Individuelle Förderung sei dabei ein Muss, sodass Wochenplan, Werkstattarbeit, Lernen an Stationen und Projektunterricht selbstverständlich sein sollten. Jedes Kind habe ein Recht auf individuelle Förderung, die Schule müsse ihm dazu aber auch eine anregende Lernumgebung, klar strukturierte Lernangebote, variable Lernzeiten, eine systematische Entwicklung von Arbeitstechniken, eine kontinuierliche Begleitung des Lernprozesses und eine kritische Reflexion bieten. "Eine Form dafür ist das selbst regulierte Lernen in einer Lernwerkstatt", so die Pädagogin.

Die Schülerinnen und Schüler sollten frei und selbstbestimmt lernen, Verantwortung für ihr Lernen übernehmen und das Lösen von Problemen einüben. In der Schule Om Berg gebe es daher in drei eigens eingerichteten Räumen ein Dauerangebot für ganzheitliches Lernen mit vielfältigen Arrangements von Materialien und Lernsituationen: Versuchsaufbauten, Spiele, Basteleien, Leseübungen, Schreibaufträge, Mathematikaufgaben und Knobeleien. Dabei steht das Angebot in keinem inhaltlichen Zusammenhang zum Unterricht, es gibt aber so genannte Thementische, die sich über Monate einem speziellen Bereich widmeten, den die Schülerschaft wählt. Bisher waren das die Themen Sport, Dinosaurier und Ägypten. "Die schöne Einrichtung der Räume soll den Kindern deutlich machen, dass die Lernwerkstatt etwas Besonderes ist", so Karin Reble.

Hausaufgabendruck durch die Eltern

"Die Lehrerinnen und die Erzieherinnen bestimmen alle Aufgaben mit", berichtete die Pädagogin. "Bestimmende Faktoren bei der Auswahl sind der Unterricht, die Bedürfnisse, die sich aus den Beobachtungen der Kinder gezeigt haben, und aktuelle Projekte." Die Werkstatt stehe allen offen, nicht nur den Kindern, die am Ganztag teilnähmen. In die Lernwerkstatt habe man das "Leseparadies" integriert, dazu kämen noch ein Computer- und ein Konstruktionsraum. Das Angebot sei absolut freiwillig - "der Aufforderungscharakter besteht allein durch das Material", erklärte Karin Reble. Wie Andrea Lyding betonte sie, dass Bildung nicht nur auf das Kognitive beschränkt bleiben dürfe, sondern auch sozial verstanden werden müsse. Einen Tipp hatte die Lehrerin noch: "Das Ausfüllen der AG-Wünsche sollte vor Ort in der Schule geschehen, sonst erhält man nur die verkappten Elternwünsche."


 
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren ständig in Aktion. Rechts das Sinnbild eines Teilnehmers für individuelle Förderung

Dass die Teilnahme an der Lernwerkstatt in der Grundschule Om Berg freiwillig ist, hörten die Workshop-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer mit Erleichterung. Auf der Tagung war aller Orten zu hören, dass der Ganztag die Kinder teilweise dadurch überfordere, dass ihnen paradoxerweise zu wenig Zeit bliebe. "Es herrscht eine Hektik ohne Gleichen", klagte eine Schulleiterin. "Wir sind vollkommen verkurst, die Kinder hetzen vom Unterricht zum Mittagessen zur Hausaufgabenbetreuung und dann zu den Arbeitsgemeinschaften. Hier haben Erwachsene Zeitstrukturen geplant, die die Kinder einschnüren." Als Lehrerin sei man manchmal entsetzt, wie voll gepackt der Tag der Schüler sei, wenn die Eltern durch die Bank alles angekreuzt hätten, was es an Möglichkeiten gebe.

Ein ewiges Streitthema konnte nicht ausgespart werden: die Hausaufgaben. "Nach sechs Stunden Unterricht erwarten die Eltern, dass ihre Kinder zwei weitere Stunden Hausaufgaben machen - und manchen ist selbst das nicht genug, die fordern noch Extraaufgaben", berichtete eine Lehrerin. Dabei war man sich auf der Tagung einig, dass Hausaufgaben - während sie für die Eltern das "einzig Wichtige" seien - für die individuelle Förderung unbedeutend seien. Mehrere Schulleiterinnen erklärten, die Hausaufgaben ganz abgeschafft zu haben.

Auch Norbert Reichel, im Schulministerium für die Ganztagsschulen zuständig, kritisierte, dass viele Eltern zwei sich gegenseitig ausschließende Interessen mit der Ganztagsschule verbänden: "Sie wollen ihr Kind jederzeit am Nachmittag abholen können, aber die Hausaufgaben sollen stets tiptop erledigt sein."

Kinder brauchen Platz und Zeit für sich

Die Forderung nach mehr unreglementierter und unbeaufsichtigter Zeit für die Ganztagsschüler deckte sich mit den Forderungen, welche die Diplompsychologin Oggi Enderlein in ihrem Referat "Was Kinder brauchen - Individuelle Förderung aus Sicht der Kinder" formuliert hatte: "Kinder brauchen Platz und Zeit für sich, nicht nur Druck durch Projekte und Arbeitsgemeinschaften. Sie wünschen sich weniger Hausaufgaben und statt dessen mehr Sport, Spiel und Bewegung - Aktivitäten, die ihr Wohnumfeld immer weniger zulässt."

Dem stimmte Dr. Hans Haenisch vom Landesinstitut für Schule NRW zu, der zur Jahreswende 2005/2006 eine Umfrage an 166 Ganztagsgrundschulen und 34 Förderschulen durchführte, an der alle pädagogischen Mitarbeiter und alle Lehrkräfte teilnehmen konnten. "Viele empfanden, dass der Tag zu hektisch sei und den Kindern zu wenig Ruhe- und Rückzugsmöglichkeiten zur Verfügung stünden. Ein wichtiges Ziel in Ganztagsschulen sollte es daher sein, Zeitkorridore für die Kinder zu schaffen", resümierte Haenisch.


  
Jürgen Seewald, Oggi Enderlein und Hans Haenisch (v.l.) beleuchteten das Thema aus Sicht der Wissenschaft

Prof. Dr. Jürgen Seewald forderte eine Veränderung des Leitbildes: "Wir müssen Abschied von der homogenen Lerngruppe nehmen und Heterogenität als Ressource begreifen. Die Schulen müssen sich öffnen, denn die Heterogenität wird weiter zunehmen, sodass es bald nicht mehr mit Hausaufgabenbetreuung getan sein wird. Wichtig ist, dass die Rahmenbedingungen und die Atmosphäre an einer Schule stimmen. Die Schule muss sich ein Profil geben und eine eigene Schulkultur entwickeln." Individuelle Förderpläne schätzte der Bewegungswissenschaftler der Philipps-Universität Marburg als "zwiespältig" ein: "Die Entwicklung eines Kindes verläuft nicht linear, man kann es nicht auf einen gewissen Punkt hin fördern. Zwar sind die Pläne wichtig, weil das Wissen sonst zu nebulös bleibt, aber sie dürfen nicht zu sehr im Vordergrund stehen. Das Gesicht des Kindes muss sich in diesen Plänen ebenso wiederfinden wie seine Umwelt."

Die Veränderung der Sichtweise auf das Kind, die Änderung der Arbeitsweise hin zur mehr Kooperation innerhalb der Schule und mit außerschulischen Partnern, das Verändern des Lehrens und Lernens weg von der Gleichbehandlung einer Gruppe hin zur Förderung eines jeden Einzelnen - "Ganztagsschule braucht auch ein Ganztagsbewusstsein, nicht nur ein Betreuungsbewusstsein", wie Norbert Reichel forderte. "Wir haben die Chance, etwas daraus zu machen. Individuelle Förderung verändert sich durch die Ganztagsschule." Der Appetit komme dabei beim Essen: "Wir werden mit Sicherheit die Diskussion über die flächendeckende Einführung der Ganztagsschule in der Sekundarstufe I erhalten."

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 27.10.2006
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