24. OKTOBER 2006

Gemeinsam in der Schule - statt allein zu Haus

Veränderung kann vorübergehend schmerzhaft sein, doch am Ende fragen sich alle Beteiligten, warum sie sich nicht viel früher auf den Weg gemacht haben. Die Hamburger Fachtagung "Gemeinsam in der Schule - statt allein zu Haus" zeigte, wie Präsenzzeitmodell und Teamarbeit in Hamburg und Bremen verkrustete Strukturen aufbrechen.

"Die Tür der Veränderung wird von innen aufgestoßen": Vom tieferen Sinn dieses skandinavischen Sprichwortes wissen auch engagierte Pädagogen, die eigentlich alles richtig machen und sich zu Hause perfekt auf den Unterricht vorbereiten, ein Lied zu singen. Wenn sie nämlich erleben, wie ihnen die Klasse am Vormittag einfach davon rudert. An vielen Schulen, die nach dem Pflichtstundenmodell arbeiten, fehlt es in der Praxis an Zeit, Rhythmisierung und Teambildung, es fehlt somit auch an jener Zeit, die Veränderung für alle Beteiligten, insbesondere in der Klasse erst schmackhaft macht.

Das dänische Handelsgymnasium International Business College (IBC) in Kolding versteht die Teamstruktur als strategischen und organisatorischen Ausgangspunkt, um die Schule als Lernort zu gestalten - ein Lernort, an dem das Wachstum der einzelnen Schülerin, des einzelnen Schülers und der Klasse im Zentrum stehen. "Erst Schule zu sein und dann Team", spiegelt übrigens das Selbstverständnis des Handelsgymnasiums. Die Inspiration zu dieser Art der Corporate Identity - so Schulleiterin Lis Petersen - gab ihr ein Beispiel aus dem Sport, genauer: ein Handballtrainer.


   
Blicke über den eigenen Tellerrand: Blick auf das "Haus des Sports" des Hamburger Sportbundes und auf den Fernsehturm. Rechts: das Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung, Hamburg.

Wie Lehrerteams entstehen, das haben die Dänen in Kolding in der Praxis vorgemacht. Die Freude an gelingenden Lehrerteams und somit an innovativer Schule wirkt bei Lis Petersen ansteckend. Sie übertrug sich auf der Fachtagung "Gemeinsam in der Schule - statt allein zu Haus" am 6. und 7. Oktober 2006 auf alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung organisierten Veranstaltung in Hamburg.

Drehscheibe für die fachlich-pädagogische Arbeit

Für das dänische Handelsgymnasium IBC ist das Team "eine verpflichtende Zusammenarbeit von längerer Dauer, in der eine Gruppe von Lehrern aufgrund einer klar definierten Zielsetzung und einer Reihe festgelegter Aktivitäten mit den fachlichen und persönlichen Lernprozessen der Schüler sowie mit der eigenen Teamkultur, der eigenen Kompetenzentwicklung und den innerkollegialen Relationen arbeitet".

Laut "Teamvertrag 2006-2007" des IBC gehören alle Lehrerinnen und Lehrer jeweils einem Team an, das drei bis sechs Klassen umfasst. Heterogenität "in Bezug auf Geschlecht, Fächer, Alter" ist ausdrücklich erwünscht. Hat ein Lehrer Stunden in zwei Teams, ist der betreffende Lehrer Primärlehrer in dem Team, in welchem er die meisten Stunden hat".



Peter Daschner, Direktor des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung eröffnete die Fachtagung in Hamburg. Die dänische Schulleiterin Lis Petersen stellte die Arbeitsorganisation und Teamstrukturen ihrer Schule in Kolding vor.

Ins Auge sticht die Bandbreite der Teamaufgaben, deren Koordination natürlich Teamsache ist: also die Koordinierung der Hausarbeiten (selbst die Schülerinnen und Schüler sollen sich mit verschiedenen Korrekturmethoden vertraut machen), Koordinierung der Evaluation, der Zusammenarbeit der Fächer, Ausarbeitung der Zielsetzung und des Qualitätsrahmens sowie Festlegung gemeinsamer Spielregeln im Klassenzimmer. 

"Das Team ist die dynamische Drehscheibe für die fachlich-pädagogische Arbeit", heißt es weiter. An der Schnittstelle zwischen dem Team und der Schulleitung stehen für die Dauer von zwei Jahren eine Koordinatorin bzw. ein Koordinator, die sich regelmäßig mit der Schulleiterin treffen, um "schwierige Aufgaben zu lösen", schließlich gibt es viele Interessen, die unter einem Hut gebracht werden wollen.

Wenn die Pädagogen im Handelsgymnasium Kolding vor der Klasse erscheinen, haben sie im Gepäck "mehr Vorbereitung und Planung im Team". Sie sind auch besser auf die individuelle Lernsituation ihrer Klasse eingestellt. Da sich die Schülerinnen und Schüler heutzutage kaum 20 Minuten am Stück konzentrieren könnten (laut Studien 17 Minuten in Dänemark, 8 Minuten in den USA, 22 Minuten in Deutschland,) "muss alle 20 Minuten etwas Neues passieren", etwa durch Visualisierungen bestimmter Zusammenhänge im Unterricht. Das erfordere - Petersen zufolge - bessere Absprachen zwischen den Pädagogen, die ja auch ihren Schülern ein Feedback darüber geben sollen, wo sie in ihrem jeweiligen Fach stehen.

Die Verantwortung für das, was Schule im Kern ausmacht - der messbare Lernfortschritt und ein Zuwachs an Schlüsselkompetenzen der Kinder und Jugendlichen -, liegt aber nicht nur bei den Lehrerinnen und Lehrern, sondern auch bei den Schülerinnen und Schüler selbst. In Sachen Verantwortung geht die Direktorin mit leuchtendem Beispiel voran. "Die Lehrerinnen und Lehrer sollen an der Schule anwesend sein, wenn die Aufgaben es verlangen".

Arbeitszeit und Berufszufriedenheit

Dass die Einführung der Teamstruktur echte Veränderungen in der Schule herbeiführt, belegen verschiedene Studien, darunter die Studie "Arbeitszeitgestaltung und Berufszufriedenheit - Ergebnisse einer Befragung von Lehrkräften", die Cosima Dorsemagen vom Institut für Psychologie der Universität Freiburg durchgeführt hat.



Cosima Dorsemagen von der Universität Freiburg: "Die Gerechtigkeitsfrage hat große Auswirkungen auf die Arbeitszufriedenheit". Ästhetische Gestaltung der Raumumgebung im Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung. 

Demnach sind die Pädagogen bereit, "zu neuen Ufern des Präsenzzeitenmodells aufzubrechen" und dabei sogar persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen, wenn dadurch "der Prozess in der Schule verbessert wird". Wenn also am Ende eine höhere Qualität der pädagogischen Arbeit, eine bessere Kooperation, mehr Gerechtigkeit und ein angenehmeres soziales Klima herauskommen.

Doch dafür müsse man die "Implementierung alternativer Arbeitszeitmodelle sorgfältiger planen und begleiten", so Dorsemagen. Das Pflichtstundenmodell jedenfalls wurde von den in Baden-Württemberg befragten Pädagogen stark kritisiert. In Punkto pädagogische Qualität, Arbeitszeitgerechtigkeit, soziales Klima und Ermöglichung von Kooperation "wird es subjektiv als schlecht eingestuft".

Einseitige Konzentration auf die Unterrichtszeit, wenig Selbstständigkeit und geringe Teamorientierung förderten die Unzufriedenheit mit dem Lehrerjob. Eine Vorstellung von der mangelnden Gerechtigkeit der Jahresarbeitszeit geben Zahlen aus Nordrhein-Westfalen: Dort variiert sie zwischen 606 und 3.562 Stunden pro Jahr. "Die Gerechtigkeitsfrage hat große Auswirkungen auf die Arbeitszufriedenheit", folgert Dorsemagen.

Mit Zimmerpflanzen und eigenem PC

Neue Ufer der Arbeitsorganisation und Arbeitszeitgestaltung hat das Goethe-Gymnasium im Hamburger Stadtteil Lurup entdeckt. Die gebundene Ganztagsschule garantiert ihren gegenwärtig 720 Schülerinnen 37 Wochenstunden mit den Schwerpunkten Musik, Theater, Europa, soziales Lernen und Klassenlehrerteams. Ein Akzent liegt ferner auf der Berufsorientierung.


 
"Nach Freiraum abgescannt": Das Goethe-Gymnasium im Hamburger Stadtteil Lurup.

"Unabhängig von der Behörde für Bildung und Sport in Hamburg haben wir uns für Rhythmisierung und ein alternatives Arbeitszeitmodell entschieden", so Schulleiter Egon Tegge. Das ganze Kollegium habe Geschmack am Präsenzzeitmodell gefunden. Der Schulleiter hat bereits etliche Kollegen "mit Zimmerpflanzen und eigenem Computer" in die Schule einziehen sehen. Dort arbeiten die Pädagogen nun freiwillig nicht selten bis in den Abend hinein. Durch das selbst gewählte Präsenzzeitmodell verringerte sich der Zeitdruck spürbar, und seitdem gehorcht die Schulorganisation pädagogischen Anforderungen und nicht mehr den formalen Vorgaben des Pflichtstundenmodells.

Zuvor wurde die Schule unter die Lupe genommen und für Umbaumaßnahmen "nach Freiraum abgescannt", so Tegge. Zwischenwände wurden gezogen, Besprechungszimmer geteilt, kurz alle Räume auf ihre Eignung für den ganztägigen Arbeitsplatz Schule geprüft. Mit dem Ergebnis des Umbaus sind alle Beteiligten, der mit 2,7 Mio. Euro aus IZBB-Geldern geförderten Einrichtung mehr als zufrieden, "wir können uns Schule anders nicht mehr vorstellen", so Tegge, der sich nicht zu schade war, eigenhändig erschwingliche Möbel wie Schreibtische und Drehstühle für seine Teams aufzutreiben.

Wie Schulen sich frei rudern

"Was ermöglicht Schulen, Teamstrukturen aufzubauen?" Die Arbeitsbelastung und der Zeitdruck, der an Halbtagsschulen herrsche, reichen nicht immer aus, um Veränderungen durchzusetzen, meint Peter Daschner, Direktor des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg: "Veränderung geschieht, wenn der Druck so groß wird, dass das Interesse daran überwiegt." Wenn erst einmal Arbeitsplätze in der Schule eingerichtet würden, ergäben sich nach allen Seiten Kooperationen.


 
Argumente für das Präsenzzeitmodell in der "Fishbowl": Cornelia von Ilsemann (Bremen), Cosima Dorsemagen (Freiburg), Peter Daschner (Hamburg), Rainer Dahlem (GEW Stuttgart), Holger Gisch (Elternkammer Hamburg). 

In der "Fishbowl", die zum Abschluss der Hamburger Fachtagung stattfand, wurden weitere Argumente für das Präsenzzeitmodell gefunden. "Positive Lernergebnisse", so Cornelia von Ilsemann mit Bezug auf die DESI-Studie, "korrelieren mit engeren Kooperationen zwischen Lehrerinnen und Lehrern". Die Abteilungsleiterin für den Bereich Bildung der Bremer Bildungsbehörde erinnerte in diesem Zusammenhang auch an die Bremer Fortbildungs- und Präsenzzeitverordnung.

Dort ist festgelegt, dass die Pädagogen in jedem Jahr nicht nur 30 Stunden an Fortbildungen teilnehmen, sondern dass sie mindestens drei Stunden pro Woche für Kooperationszeiten aufbringen müssen. Lehrerarbeitsplätze an der Schule, Präsenzzeiten, Kooperation und Kollegialität setzen ungeahnte Energien frei. Warum länger warten?

 

Autor/in: Peer Zickgraf
Datum: 24.10.2006
© www.ganztagsschulen.org

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt. Wir bitten bei Zustimmung um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. URL: http://www.ganztagsschulen.org. Datum des Zugriffs: xx.xx.xxxx

Themenmappe