Veränderung kann vorübergehend schmerzhaft sein, doch am Ende fragen sich alle Beteiligten, warum sie sich nicht viel früher auf den Weg gemacht haben. Die Hamburger Fachtagung "Gemeinsam in der Schule - statt allein zu Haus" zeigte, wie Präsenzzeitmodell und Teamarbeit in Hamburg und Bremen verkrustete Strukturen aufbrechen.
"Die Tür der Veränderung wird von innen aufgestoßen": Vom tieferen Sinn dieses skandinavischen Sprichwortes wissen auch engagierte Pädagogen, die eigentlich alles richtig machen und sich zu Hause perfekt auf den Unterricht vorbereiten, ein Lied zu singen. Wenn sie nämlich erleben, wie ihnen die Klasse am Vormittag einfach davon rudert. An vielen Schulen, die nach dem Pflichtstundenmodell arbeiten, fehlt es in der Praxis an Zeit, Rhythmisierung und Teambildung, es fehlt somit auch an jener Zeit, die Veränderung für alle Beteiligten, insbesondere in der Klasse erst schmackhaft macht.
Das dänische Handelsgymnasium International Business College (IBC) in Kolding versteht die Teamstruktur als strategischen und organisatorischen Ausgangspunkt, um die Schule als Lernort zu gestalten - ein Lernort, an dem das Wachstum der einzelnen Schülerin, des einzelnen Schülers und der Klasse im Zentrum stehen. "Erst Schule zu sein und dann Team", spiegelt übrigens das Selbstverständnis des Handelsgymnasiums. Die Inspiration zu dieser Art der Corporate Identity - so Schulleiterin Lis Petersen - gab ihr ein Beispiel aus dem Sport, genauer: ein Handballtrainer.
Drehscheibe für die fachlich-pädagogische Arbeit
Für das dänische Handelsgymnasium IBC ist das Team "eine verpflichtende Zusammenarbeit von längerer Dauer, in der eine Gruppe von Lehrern aufgrund einer klar definierten Zielsetzung und einer Reihe festgelegter Aktivitäten mit den fachlichen und persönlichen Lernprozessen der Schüler sowie mit der eigenen Teamkultur, der eigenen Kompetenzentwicklung und den innerkollegialen Relationen arbeitet".
Laut "Teamvertrag 2006-2007" des IBC gehören alle Lehrerinnen und Lehrer jeweils einem Team an, das drei bis sechs Klassen umfasst. Heterogenität "in Bezug auf Geschlecht, Fächer, Alter" ist ausdrücklich erwünscht. Hat ein Lehrer Stunden in zwei Teams, ist der betreffende Lehrer Primärlehrer in dem Team, in welchem er die meisten Stunden hat".

"Das Team ist die dynamische Drehscheibe für die fachlich-pädagogische Arbeit", heißt es weiter. An der Schnittstelle zwischen dem Team und der Schulleitung stehen für die Dauer von zwei Jahren eine Koordinatorin bzw. ein Koordinator, die sich regelmäßig mit der Schulleiterin treffen, um "schwierige Aufgaben zu lösen", schließlich gibt es viele Interessen, die unter einem Hut gebracht werden wollen.
Wenn die Pädagogen im Handelsgymnasium Kolding vor der Klasse erscheinen, haben sie im Gepäck "mehr Vorbereitung und Planung im Team". Sie sind auch besser auf die individuelle Lernsituation ihrer Klasse eingestellt. Da sich die Schülerinnen und Schüler heutzutage kaum 20 Minuten am Stück konzentrieren könnten (laut Studien 17 Minuten in Dänemark, 8 Minuten in den USA, 22 Minuten in Deutschland,) "muss alle 20 Minuten etwas Neues passieren", etwa durch Visualisierungen bestimmter Zusammenhänge im Unterricht. Das erfordere - Petersen zufolge - bessere Absprachen zwischen den Pädagogen, die ja auch ihren Schülern ein Feedback darüber geben sollen, wo sie in ihrem jeweiligen Fach stehen.
Die Verantwortung für das, was Schule im Kern ausmacht - der messbare Lernfortschritt und ein Zuwachs an Schlüsselkompetenzen der Kinder und Jugendlichen -, liegt aber nicht nur bei den Lehrerinnen und Lehrern, sondern auch bei den Schülerinnen und Schüler selbst. In Sachen Verantwortung geht die Direktorin mit leuchtendem Beispiel voran. "Die Lehrerinnen und Lehrer sollen an der Schule anwesend sein, wenn die Aufgaben es verlangen".
Arbeitszeit und Berufszufriedenheit
Dass die Einführung der Teamstruktur echte Veränderungen in der Schule herbeiführt, belegen verschiedene Studien, darunter die Studie "Arbeitszeitgestaltung und Berufszufriedenheit - Ergebnisse einer Befragung von Lehrkräften", die Cosima Dorsemagen vom Institut für Psychologie der Universität Freiburg durchgeführt hat.

Doch dafür müsse man die "Implementierung alternativer Arbeitszeitmodelle sorgfältiger planen und begleiten", so Dorsemagen. Das Pflichtstundenmodell jedenfalls wurde von den in Baden-Württemberg befragten Pädagogen stark kritisiert. In Punkto pädagogische Qualität, Arbeitszeitgerechtigkeit, soziales Klima und Ermöglichung von Kooperation "wird es subjektiv als schlecht eingestuft".
Einseitige Konzentration auf die Unterrichtszeit, wenig Selbstständigkeit und geringe Teamorientierung förderten die Unzufriedenheit mit dem Lehrerjob. Eine Vorstellung von der mangelnden Gerechtigkeit der Jahresarbeitszeit geben Zahlen aus Nordrhein-Westfalen: Dort variiert sie zwischen 606 und 3.562 Stunden pro Jahr. "Die Gerechtigkeitsfrage hat große Auswirkungen auf die Arbeitszufriedenheit", folgert Dorsemagen.
Mit Zimmerpflanzen und eigenem PC
Neue Ufer der Arbeitsorganisation und Arbeitszeitgestaltung hat das Goethe-Gymnasium im Hamburger Stadtteil Lurup entdeckt. Die gebundene Ganztagsschule garantiert ihren gegenwärtig 720 Schülerinnen 37 Wochenstunden mit den Schwerpunkten Musik, Theater, Europa, soziales Lernen und Klassenlehrerteams. Ein Akzent liegt ferner auf der Berufsorientierung.
Zuvor wurde die Schule unter die Lupe genommen und für Umbaumaßnahmen "nach Freiraum abgescannt", so Tegge. Zwischenwände wurden gezogen, Besprechungszimmer geteilt, kurz alle Räume auf ihre Eignung für den ganztägigen Arbeitsplatz Schule geprüft. Mit dem Ergebnis des Umbaus sind alle Beteiligten, der mit 2,7 Mio. Euro aus IZBB-Geldern geförderten Einrichtung mehr als zufrieden, "wir können uns Schule anders nicht mehr vorstellen", so Tegge, der sich nicht zu schade war, eigenhändig erschwingliche Möbel wie Schreibtische und Drehstühle für seine Teams aufzutreiben.
Wie Schulen sich frei rudern
"Was ermöglicht Schulen, Teamstrukturen aufzubauen?" Die Arbeitsbelastung und der Zeitdruck, der an Halbtagsschulen herrsche, reichen nicht immer aus, um Veränderungen durchzusetzen, meint Peter Daschner, Direktor des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg: "Veränderung geschieht, wenn der Druck so groß wird, dass das Interesse daran überwiegt." Wenn erst einmal Arbeitsplätze in der Schule eingerichtet würden, ergäben sich nach allen Seiten Kooperationen.
In der "Fishbowl", die zum Abschluss der Hamburger Fachtagung stattfand, wurden weitere Argumente für das Präsenzzeitmodell gefunden. "Positive Lernergebnisse", so Cornelia von Ilsemann mit Bezug auf die DESI-Studie, "korrelieren mit engeren Kooperationen zwischen Lehrerinnen und Lehrern". Die Abteilungsleiterin für den Bereich Bildung der Bremer Bildungsbehörde erinnerte in diesem Zusammenhang auch an die Bremer Fortbildungs- und Präsenzzeitverordnung.
Dort ist festgelegt, dass die Pädagogen in jedem Jahr nicht nur 30 Stunden an Fortbildungen teilnehmen, sondern dass sie mindestens drei Stunden pro Woche für Kooperationszeiten aufbringen müssen. Lehrerarbeitsplätze an der Schule, Präsenzzeiten, Kooperation und Kollegialität setzen ungeahnte Energien frei. Warum länger warten?
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 24.10.2006
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