17. OKTOBER 2006

Qualifikationsprofile für den Ganztag

Das vierjährige Verbundprojekt der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK), "Lernen für den GanzTag", hat sich zum Ziel gesetzt, Qualifikationsprofile und Fortbildungsbausteine für pädagogische Fachkräfte in Ganztagsschulen zu entwickeln. In den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz können Fortbildungsmodule und Expertisen zur Qualitätsverbesserung von Ganztagsschulen in Anspruch genommen werden. Gaby Petry vom Landesinstitut für Schule NRW und Uwe Schulz vom Institut für soziale Arbeit (ISA) in Münster stellen im Interview das Projekt vor. Beide sind Mitglieder der BLK-Lenkungsgruppe.

Online-Redaktion: Herr Schulz, warum gibt es das BLK-Verbundprojekt "Lernen für den GanzTag"?

Uwe Schulz: Das Projekt ist neben dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) ein Baustein der fachlichen Begleitung der Ganztagsschulentwicklung. Die Bildungsministerien der Länder Berlin, Brandenburg, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz haben 2003 die Initiative ergriffen, in einem BLK-Projekt Fortbildungsmodule für Multiplikatoren zu entwickeln. Diese Multiplikatoren sollen das pädagogische Personal in Ganztagsschulen ausbilden, qualifizieren und bei ihrer Arbeit begleiten und beraten.

Gaby Petry: Die Anforderungen an das Personal einer Ganztagsschule sind andere als in einer Halbtagsschule: Die Lernzeit verändert sich, und unterschiedliche Professionen sind am Schulleben beteiligt. "Lernen für den GanzTag" ist wichtig, weil es hilft, Schulentwicklung voranzubringen und die unterschiedlichen Berufsgruppen bei ihrer Zusammenarbeit zu unterstützen. Die gemeinsame Fortbildung der beteiligten Professionen hat dabei einen zentralen Stellenwert.

Online-Redaktion: Wie zentral ist das Projekt gesteuert?

Schulz: Dreimal im Jahr trifft sich eine Lenkungsgruppe, die sich aus Vertreterinnen und Vertretern der fünf teilnehmenden Länder zusammensetzt. Jedes Land entsendet je einen Vertreter aus dem Schul- und Jugendhilfebereich. Dazu kommen institutionelle Mitglieder aus dem BMBF, der DKJS und dem Institut für soziale Arbeit, das für die Evaluation des Projekts zuständig ist. Die Lenkungsgruppe hat sich inzwischen auf die Inhalte der Fortbildungen verständigt. Das schloss eine grundlegende Diskussion darüber ein, in welche Richtung sich Ganztagsschulen entwickeln sollen. In einem zweiten Schritt haben wir überlegt, was Ganztagsschulen zur Erreichung dieser Ziele benötigen und wie Fortbildung einen Beitrag dazu leisten kann.

Online-Redaktion: In welche Richtung sollten sich Ganztagsschulen denn entwickeln, und was für Fortbildungen sind dazu notwendig?

Schulz: Die Frage, wie man Schulen weiterentwickelt, hat verschiedene Dimensionen, und es gibt viele Hebel. Zu Beginn unserer Überlegungen haben wir mit den fünf Qualitätskriterien von "QUAST - Qualität für Schulkinder in Tageseinrichtungen" des Sozialpädagogischen Instituts NRW gearbeitet. QUAST ist zwar ursprünglich nicht für die Schule erarbeitet worden, sondern für den vorschulischen und Hortbereich, wir fanden die Qualitätsdimensionen als Ansatzpunkt dennoch sehr hilfreich und haben überlegt, was sich davon übertragen lässt: Welches Ziel verfolge ich für die Schülerinnen und Schüler in der Ganztagsschule? Wohin soll sich unsere Organisation darum entwickeln? Daraus gingen Überlegungen hervor, was sich zum Beispiel im Bereich Rhythmisierung in Ganztagsschulen erreichen lässt, wie man eine andere Struktur des Schul- und Lerntages einführen kann und wie man dafür das Personal fortbildet.

Online-Redaktion: Ist mit dem Personal das der Schule oder das der Jugendhilfe gemeint?

Petry: Beides. Unser Ziel ist die Entwicklung von Bausteinen für die gemeinsame Fortbildung - ein ganz neuer Ansatz. Bisher waren getrennte Fortbildungen die Regel. Wir wollen die Professionen an einen Tisch bringen und in die Entwicklung von Schule einbeziehen. Schule, Jugendhilfe und alle weiteren außerschulischen Partner sollen auf gleicher Augenhöhe am gemeinsamen Ziel arbeiten, die Ganztagsschule zum Wohl der Kinder voranzubringen.

Online-Redaktion: Wer ist für die Ausarbeitung der Fortbildungsmodule zuständig?

Schulz: Die Projektleitungen in den beteiligten Ländern setzen die Schwerpunkte und vereinbaren ein Vorgehen. In jedem der fünf Länder gibt es dann Projektkoordinatorinnen und -koordinatoren - in Nordrhein-Westfalen ist das zum Beispiel Gaby Petry -, die die Entwicklung der Fortbildungsmodule organisieren. Dabei werden sie von Fachleuten und Fortbildungsinstituten in den Ländern unterstützt.

Petry: Der Lenkungsgruppe war nach der Auswahl der Fortbildungsthemen klar, dass Fortbildungen eine wissenschaftliche Fundierung brauchen. Für die verschiedenen Fortbildungsthemen haben wir daher Expertisen vergeben. Wissenschaftler der jeweiligen Fachgebiete wie Schulforschung, Sozialpädagogik und Sozialarbeit erstellten Gutachten, in denen sie erläuterten, wie der Forschungsstand aussieht und welche Inhalte aus ihrer Sicht für die Fortbildung wichtig sind. Die Länder haben jeweils einzelne Expertisen begleitet und in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Experten die Ergebnisse zusammengetragen. Auf der Basis dieser Expertisen haben wir in den Ländern Wissenschaftler und Praktiker ins Gespräch gebracht. Jetzt erarbeiten wir die Fortbildungsmodule und stellen Materialien zusammen.

Online-Redaktion: Wie haben Sie diese Praktiker gefunden?

Petry: In den Ländern sind unterschiedliche Strukturen vorhanden. In Nordrhein-Westfalen existiert beispielsweise ein Beratungssystem, auf das wir zurückgreifen konnten. Das besteht aus freigestellten Lehrerinnen und Lehrern, Fachberatungen der Jugendhilfe, den Landesjugendämtern und den Wohlfahrtsverbänden. Hier konnten wir gezielt Personen ansprechen, die auch gerne bereit waren, an der Entwicklung dieser Fortbildungsmodule mitzuarbeiten.

Schulz: In Rheinland-Pfalz kooperieren zum Beispiel das Institut für Lehrerfortbildung und schulpsychologische Beratung und das Sozialpädagogische Fortbildungszentrum. Sie greifen unter anderem auf regionale Ganztags-Moderatoren zurück, die bei der Bausteinentwicklung mitarbeiten. Beide Institute haben die Ausbildung der Multiplikatoren im Rahmen von "Lernen für den GanzTag" ausgeschrieben und somit Bewerbungen von Interessierten aus Schulen, von Partnern und dem Umfeld eingeladen. Für Berlin und Bremen gilt Ähnliches. Die Multiplikatoren durchlaufen den Zyklus der Ausbildungsbausteine, für die sich ein Land jeweils stark gemacht hat. Es werden dabei aber auch Bausteine, die beispielsweise in Rheinland-Pfalz entstanden sind, in Bremen eingesetzt. Einige Module werden von jeweils einem Land alleine entwickelt, es gibt aber auch Gemeinschaftsprojekte wie zum Beispiel "Raum im GanzTag", das von Brandenburg und Nordrhein-Westfalen gemeinsam erarbeitet wird.


 
Gaby Petry (l.) und Uwe Schulz

Online-Redaktion: Woraus bestehen die Fortbildungsmodule?

Petry: Wir wollen den Multiplikatoren keine fertigen Produkte an die Hand geben, sondern ihnen Konzeptideen, Inhalte und Materialien anbieten, aus denen sie auswählen können und die auch noch weiter entwickelt werden können. Insgesamt befinden sich etwa 20 Fortbildungsmodule in der Entwicklung - von der Organisationsentwicklung über Arbeitszeitmodelle, Kooperation und Kommunikation im Ganztag bis zur individuellen Förderung. Wir decken ein sehr breites Spektrum von Ganztagsschulthemen ab.

Schulz: Das Fortbildungsmaterial soll Auskunft über die Ziele geben, die erreicht werden sollen. Welche Inhalte und Methoden, die zum Erreichen des Zieles notwendig sind, benötige ich? Was ist fortbildungsdidaktisch zu berücksichtigen? Für das Material soll eine Präsentationsform angeboten werden, die es unterschiedlichsten Fortbildnern erlaubt, daraus zu schöpfen. Es gibt keine Blaupause, denn jeder Fortbildner arbeitet anders, und nicht jede Methode passt auf jeden Fortbildner und jede Gruppe.

Jedes der fünf beteiligten Länder kann auch Modifikationen vornehmen. Der Lenkungsgruppe ist es dabei aber wichtig, dass gewisse Standards erfüllt werden. Die Materialien sollen dabei letztlich auch für Menschen handhabbar sein, die mit dem BLK-Projekt unmittelbar nichts zu tun haben.

Online-Redaktion: Gibt es schon Rückmeldungen, wie die Fortbildungen laufen und angenommen werden?

Schulz: In Berlin und Bremen sind bereits einige Fortbildungen gelaufen. In Rheinland-Pfalz hatte ich die Gelegenheit, an der ersten Fortbildung für 27 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren teilzunehmen. Diese Gruppe ist zur Hälfte mit Schulvertretern und zur anderen Hälfte mit Mitarbeitern aus der Jugendhilfe und von außerschulischen Partnern optimal besetzt. Man darf sehr gespannt sein, wie sich das Potential dieser Gruppe im Rahmen des Ausbildungszyklus entwickelt! Das Interesse in Rheinland-Pfalz ist sehr groß. In Nordrhein-Westfalen und Brandenburg wird auch versucht, Fortbildungsinhalte durch größere Veranstaltungen in die Fläche zu tragen. In Nordrhein-Westfalen spielen örtliche Qualitätszirkel eine wichtige Rolle.

Uns ist natürlich wichtig, dass den Multiplikatorengruppen sowohl Schulpädagogen als auch außerschulische Pädagogen angehören. Wenn diese die Fortbildungen in Ganztagsschulen durchführen, dann wird dort der Adressatenkreis ebenso gemischt sein. So setzt sich im Projekt die Mischung der Professionen von der Lenkungsgruppe bis hin in die einzelne Schule fort.

Online-Redaktion: Wie ist der gegenwärtige Stand des Projekts?

Petry: Unser Projekt läuft bis August 2008. Bis dahin werden die Fortbildungsmodule in den Ländern entwickelt, erprobt und fertig gestellt sein. Im Moment liegen erste Erfahrungen und Materialien vor, mit denen weiter gearbeitet wird. Wir befinden uns also in einem fortlaufenden Prozess, einer dichten Entwicklungsphase - eine spannende Zeit!

Online-Redaktion: Sie haben sich im Rahmen dieses Projekts intensiv mit der Ganztagsschule befasst. Was ist für Sie das Prägende dieser Schulform?

Schulz: Ich sehe den größten Unterschied zur Halbtagsschule und die größte Chance für den Ganztag in der Zusammenarbeit unterschiedlicher pädagogischer Berufsgruppen in der Ganztagsschule. Natürlich wird auch in einer Halbtagsschule mit sozialpädagogischen oder anderen Berufsgruppen kooperiert. In einer Ganztagsschule kann so etwas aber strukturell verstetigt werden und auf gleicher Augenhöhe stattfinden. Die Frage ist: Wie wird das Neue aussehen, das daraus entsteht? Wie wirkt sich das auf den Unterricht und die Lerngelegenheiten von Schülern aus?

Petry: Ich glaube, dass sich in einer Ganztagsschule die Haltung zum Kind ändert. Die Erwachsenen fangen an, sich verantwortlicher für die Kinder zu fühlen. Diese größere Verantwortung für das Wohlergehen der Kinder verändert den Schultag. Es wird bewusster, dass Kinder Phasen des Zurückziehens oder der Bewegung benötigen, wenn der Schultag länger dauert. Dieser tief greifende Prozess der Entwicklung zu einem Haus des Lebens und Lernens ist für mich zentral.

 

Autor/in: Ralf Augsburg
Datum: 17.10.2006
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