"RHYTHM IS IT!" ist in aller Munde. In dem Dokumentarfilm tanzen sich Schülerinnen und Schüler aus dem gesellschaftlichen Abseits ins Rampenlicht - angetrieben von dem zum Star avancierten Choreografen Royston Maldoom. Doch was ist "OzonTanz", das auf dem 3. Ganztagsschulkongress als kulturelles Highlight vorgesehen ist? Unsere dritte und letzte Vorschau auf den Kongress klärt auf.
Tanzen ist atmen, bewegen, fühlen. Tanzen ist aber auch hinfallen und aufstehen. Tanzen ist wie die Chemie: Verbindungen entstehen, Verbindungen lösen sich wieder. Tanzen ist Rhythmus, ist Leben.
Tanzen kommt - da es kein Schulfach ist - stets von außen in die Schulen, so auch das Projekt "OzonTanz", das im Rahmen der Kooperation "TanzpädagogischesProjektSchultanz" (TAPST) zwischen der Diplomtanzpädagogin Claudia Hanfgarn und dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung entstanden ist. Bemerkenswerterweise kam der eigentliche Anstoß für das Tanzprojekt vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven.
"Davon kriegt man Gänsehaut"
Beherzt hat TAPST die Grenze zur Schule überschritten. In der Tanzvorführung "OzonTanz" sehen die Zuschauer, wie 22 Schülerinnen und Schüler des Lloyd-Gymnasiums (davon zwei ältere Schüler der Jahrgangsstufe 11) sowie der Körnerschule Bremerhaven (insgesamt 20 Eleven der Klasse 6) ein Phänomen von globaler Bedeutung inszenieren. Sie bilden in dramaturgisch und choreografisch exakt einstudierten Szenen chemische Verbindungen, die sich unter Sonneneinwirkung zum Ozon-Gift FCKW verwandeln und unwiderstehlich in die Atmosphäre hochschrauben.
"Davon kriegt man Gänsehaut", sagt Dr. Jens Kube vom Alfred-Wegener-Institut. Schwarz gekleidete und leuchtende Tänzerinnen und Tänzer verkörpern das FCKW, wie es "von der Erde in den Himmel steigt".
Tanzen wider das Ozonloch
Die Kinder sind die Forscher von morgen, und angesichts der immer drängender werdenden Klimaprobleme ist die Ozonforschung ein wichtiger, ein elementarer Forschungszweig geworden. "Wir möchten die Kinder zu uns ins Boot zu holen", sagt Jens Kube, der dem Tanzprojekt ein wissenschaftliches Fundament verleiht. Auch deshalb hat das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung den Weg an die Schulen gesucht. Herausgekommen ist das Schulprojekt "OzonTanz", das von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) im Rahmen des Themenateliers kulturelle Bildung gefördert wird.
Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung gewährte über die Themenateliers eine Projektförderung von 1.500 Euro. Darüber hinaus geht es ihr - in Anlehnung an ein Expertenhearing in Bonn - auch darum "dass Schule und außerschulische Partner in der kulturellen Bildung besser zusammenarbeiten: ästhetisch, pädagogisch und strukturell", sagt Thomas Busch von der DKJS.
Eine Tanzvorführung lebt vom Augenblick, ein Film verleiht dem Augenblick dagegen Dauer. Auch deshalb hat die Prozessbegleiterin Angelika Wunsch im Auftrag der DKJS gemeinsam mit dem Deutschen Tanzfilminstitut einen Film über das Tanzprojekt gedreht, der schon auf dem 3. Ganztagsschulkongress vorgeführt werden soll. "Mit wenig Geld können wunderbare Projekte im Bereich der kulturellen Bildung entstehen", so Busch über die Botschaft dieses Filmes. "OzonTanz" zeige ferner, dass Projekte sinnvoll mit dem Unterricht verzahnt werden können. Es schafft außerdem günstige Voraussetzungen für individuelle Förderung sowie altersübergreifendes Lernen.
Der Ozonforscher Jens Kube war auch für die Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer verantwortlich, er brachte die Pädagogen auf den aktuellen Stand der Ozonforschung: "Sie haben einen Grundstock vermittelt bekommen." Darüber hinaus sah er seine Aufgabe darin, die einstudierte Choreografie des "OzonTanzes" gewissermaßen wissenschaftlich abzunehmen. Schließlich ging es auch darum, dass der tänzerische Ausdruck "wissenschaftlich korrekt ist", hält der Forscher fest.
Wie Jungen beim Tanzen "cool" aussehen
Zur Tat ermutigt, fangen die Jungen an zu wachsen: "Die Jungen mussten erst mal lernen, dass es "cool aussehen kann, wenn sie tanzen". Nach dem Kennenlernen der Klassen startete Claudia Hanfgarn im November 2005 einen Crash-Kurs. Dafür standen ihr zwei Doppelstunden in der Woche zur Verfügung, auch am Vormittag des Schultages.
Weniger Glück hatte sie mit den Raumgelegenheiten. Da die Turnhalle kaum zur Verfügung stand, verlor sie viel Zeit damit, die Klassenräume leer zu räumen. "Wir benötigten große bewegungsfreundliche Räume, aber dafür waren die Schulen nicht ausgerüstet", bedauert die Tanzpädagogin. Trotz guter Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen und Lehrern aus der Körnerschule und dem Lloyd-Gymnasium Bremerhaven tauchten nun erste Reibungen auf, die aber zu allen Schulkooperationen als konstitutiver Lernprozess dazugehören.
Der "Dialog und die Zusammenarbeit zwischen den Berufen" ist für den Erziehungswissenschaftler Dr. Christian Alix eine zentrale Aufgabe aller Schulkooperationen: "Da, wo die Grenzen waren, müssen sie neu interpretiert werden", führte Alix in einem Interview mit www.ganztagsschulen.org im November 2005 aus. Alix fügt hinzu: "Das finde ich in dem Film ,RHYTHM IS IT!' so interessant: Lernen findet in fortwährender Spannung zwischen unterschiedlichen Polen, zwischen unterschiedlichen Kulturen statt. Das erfordert den Umgang mit Konflikten und Krisen, wie der Film deutlich zeigt."
Raum für den schöpferischen Körper
Das Tanzen selbst ist eine Option innerhalb der unbegrenzten Möglichkeiten, die sich für die Schule und die außerschulischen Partner auf dem Gebiet der Kooperation auftut. Doch es scheint auch, als liege dem Tanzen, das ja dem Körper einen schöpferischen Platz in der Schule einräumt, eine magische Kraftquelle zugrunde, die Claudia Hanfgarn in folgenden Worten ausdrückt: "In der Schule ist so viel Leben und gibt es so viele Emotionen, die dort nicht sein dürfen. Mit dem Tanzen - so meine Erfahrung - kehrt häufig der Spaß am Lernen wieder zurück." Die Kinder lernten nämlich neue Seiten an sich kennen und die Schule verwandelt sich durch die Kooperationsprojekte in einen Ort, der sich dem Rhythmus des Lebens anpasst.
"Die Kinder, die heute in die Schulen kommen, stehen unter einem unfassbaren Lerndruck", diese Erfahrung hat die Tanzpädagogin im Laufe ihrer Kooperation mit verschiedenen Schulen gemacht. Stichwort G 12, also zwölfjähriges Abitur, Stichwort selektives Schulsystem und Lernen unter Konkurrenz und Leistungsdruck: "Wenn die Kinder dann die Schule verlassen, sehen sie draußen nur noch Autos", so Hanfgarn.
In der heutigen Zeit prasseln Eindrücke auf die Kinder nieder, die sie kaum verarbeiten können. Beim Tanzen ist es umgekehrt: Tanzen bedeutet, aus sich heraustreten, griechisch: Ekstasis. Durch Tanzen schaffen die Kinder und Jugendlichen - Hanfgarn zufolge - einen Ausdruck ihrer seelischen Befindlichkeit, den sie während der Aufführung nach außen tragen. Mehr noch, sie lernen aus der Körperwahrnehmung heraus: "Mit dem Ozontanz vergessen die Kinder und Jugendlichen nichts mehr, weil sie die Bilder der Tanzchoreografie in ihren Körpern speichern."
Erfüllung vor einem großen Publikum
Die Lehrerinnen und Lehrer reiben sich die Augen, wenn sie feststellen, dass die Einzelschüler gar nicht mehr ihrer Rollenerwartung entsprechen: "Ein Schüler, der vorher verhaltensauffällig war, und um den selbst die Lehrer lieber einen Bogen machten, war nach dem Tanzprojekt überhaupt nicht wiederzuerkennen", betont die Tanzpädagogin.
Die Stunde der Wahrheit für die 22 Schülerinnen und Schüler der Körnerschule und des Lloyd-Gymnasiums Bremerhaven läutet am zweiten Tag des Ganztagsschulkongresses, kurz vor der Podiumsdiskussion um 12:30 Uhr. "Ich werde ihnen sagen, dass sie es schaffen: trotz der großen Bühne mit den über tausend Zuschauerinnen und Zuschauern", so die Tanzpädagogin Hanfgarn. Wenige Tage warten noch, dann werden die Kinder und Jugendlichen ihre große, unvergessliche Stunde erleben, denn so viel steht fest: Der Kongress tanzt!
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 19.09.2006
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