19. SEPTEMBER 2006

"Der Kongress tanzt!" oder: Vom gesellschaftlichen Abseits ins Rampenlicht

"RHYTHM IS IT!" ist in aller Munde. In dem Dokumentarfilm tanzen sich Schülerinnen und Schüler aus dem gesellschaftlichen Abseits ins Rampenlicht - angetrieben von dem zum Star avancierten Choreografen Royston Maldoom. Doch was ist "OzonTanz", das auf dem 3. Ganztagsschulkongress als kulturelles Highlight vorgesehen ist? Unsere dritte und letzte Vorschau auf den Kongress klärt auf.  

Tanzen ist atmen, bewegen, fühlen. Tanzen ist aber auch hinfallen und aufstehen. Tanzen ist wie die Chemie: Verbindungen entstehen, Verbindungen lösen sich wieder. Tanzen ist Rhythmus, ist Leben.

Tanzen kommt - da es kein Schulfach ist - stets von außen in die Schulen, so auch das Projekt "OzonTanz", das im Rahmen der Kooperation "TanzpädagogischesProjektSchultanz" (TAPST) zwischen der Diplomtanzpädagogin Claudia Hanfgarn und dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung entstanden ist. Bemerkenswerterweise kam der eigentliche Anstoß für das Tanzprojekt vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven.

"Davon kriegt man Gänsehaut"

Beherzt hat TAPST die Grenze zur Schule überschritten. In der Tanzvorführung "OzonTanz" sehen die Zuschauer, wie 22 Schülerinnen und Schüler des Lloyd-Gymnasiums (davon zwei ältere Schüler der Jahrgangsstufe 11) sowie der Körnerschule Bremerhaven (insgesamt 20 Eleven der Klasse 6) ein Phänomen von globaler Bedeutung inszenieren. Sie bilden in dramaturgisch und choreografisch exakt einstudierten Szenen chemische Verbindungen, die sich unter Sonneneinwirkung zum Ozon-Gift FCKW verwandeln und unwiderstehlich in die Atmosphäre hochschrauben.

"Davon kriegt man Gänsehaut", sagt Dr. Jens Kube vom Alfred-Wegener-Institut. Schwarz gekleidete und leuchtende Tänzerinnen und Tänzer verkörpern das FCKW, wie es "von der Erde in den Himmel steigt".



"OzonTanz"-Probe mit allen Schülerinnen und Schülern und Claudia Hanfgarn (alle Bilder hat die Künstlerin der Online-Redaktion freundlicherweise zur Verfügung gestellt).

Niemand weiß genau, welche langfristigen Folgen das Ozonloch auf der Erde haben wird, auf das Klima, die Erträge in der Landwirtschaft, auf Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen. Sicher ist nur: Zwischen September und November ist die schützende Ozonschicht über der Antarktis praktisch vollkommen verschwunden und Stürme umwirbeln dieses ominöse Loch über dem Globus.

Dabei ist die Ozonschicht, die die Erde vor ultravioletter-Strahlung schützt, der natürliche Schutzschild der Erde. Vor diesem Hintergrund erstreckt sich der Forschungsbereich des Alfred-Wegener-Instituts auf die Arktis, die Antarktis sowie die Ozeane der gemäßigten sowie hohen Breiten. Darüber hinaus ist das Institut für die Koordination der Polarforschung in Deutschland zuständig.

Tanzen wider das Ozonloch

Die Kinder sind die Forscher von morgen, und angesichts der immer drängender werdenden Klimaprobleme ist die Ozonforschung ein wichtiger, ein elementarer Forschungszweig geworden. "Wir möchten die Kinder zu uns ins Boot zu holen", sagt Jens Kube, der dem Tanzprojekt ein wissenschaftliches Fundament verleiht. Auch deshalb hat das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung den Weg an die Schulen gesucht. Herausgekommen ist das Schulprojekt "OzonTanz", das von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) im Rahmen des Themenateliers kulturelle Bildung gefördert wird.

Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung gewährte über die Themenateliers eine Projektförderung von 1.500 Euro. Darüber hinaus geht es ihr - in Anlehnung an ein Expertenhearing in Bonn - auch darum  "dass Schule und außerschulische Partner in der kulturellen Bildung besser zusammenarbeiten: ästhetisch, pädagogisch und strukturell", sagt Thomas Busch von der DKJS.


 
"OzonTanz"-Vorführung in Bremerhaven: Eine Tanzvorstellung erfährt ihre Aura durch den Augenblick.

So erhalten drei Bremer Tanzprojekte, darunter Claudia Hanfgarns "OzonTanz", eine Prozessbegleitung, die eine bessere Verankerung der Projekte in den Schulen gewährleisten soll. "Projekte brauchen eine externe Begleitung und eine mediierende institutionelle Begleitung", sagt Busch mit Blick auf den Workshop "Schule und Kultur" am 7. September in Essen. Das Themenatelier der DKJS ermöglicht auch eine bundesweite Vernetzung des Tanzprojektes.

"Mit wenig Geld wunderbare Projekte" 

Eine Tanzvorführung lebt vom Augenblick, ein Film verleiht dem Augenblick dagegen Dauer. Auch deshalb hat die Prozessbegleiterin Angelika Wunsch im Auftrag der DKJS gemeinsam mit dem Deutschen Tanzfilminstitut einen Film über das Tanzprojekt gedreht, der schon auf dem 3. Ganztagsschulkongress vorgeführt werden soll. "Mit wenig Geld können wunderbare Projekte im Bereich der kulturellen Bildung entstehen", so Busch über die Botschaft dieses Filmes. "OzonTanz" zeige ferner, dass Projekte sinnvoll mit dem Unterricht verzahnt werden können. Es schafft außerdem günstige Voraussetzungen für individuelle Förderung sowie altersübergreifendes Lernen.

Der Ozonforscher Jens Kube war auch für die Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer verantwortlich, er brachte die Pädagogen auf den aktuellen Stand der Ozonforschung: "Sie haben einen Grundstock vermittelt bekommen." Darüber hinaus sah er seine Aufgabe darin, die einstudierte Choreografie des "OzonTanzes" gewissermaßen wissenschaftlich abzunehmen. Schließlich ging es auch darum, dass der tänzerische Ausdruck "wissenschaftlich korrekt ist", hält der Forscher fest.


 
Der tänzerische Ausdruck der Moleküle hat den Anspruch, wissenschaftlich exakt zu sein.

Zurück auf die Schulbank, hieß es auch für Claudia Hanfgarn, die die künstlerische Leitung des Projektes "OzonTanz" seit Dezember 2004 innehat. Sie war sich nicht zu schade, den Chemieunterricht ihrer Tanzeleven zu besuchen, um sich mit dem Thema Ozonforschung vertraut zu machen: "Für die Schülerinnen und Schüler ist das ein tolles Gefühl", sagt die Tanzpädagogin, die auch Preisträgerin des Schulkooperationswettbewerbs "Kinder zum Olymp!" 2005 ist.

Sie lernte zum Beispiel, dass es zwei- und dreiwertigen Sauerstoff gibt, der sich unter dem Einfluss der Energie der Sonne chemisch verändert. "Was wollen wir davon den Leuten erzählen?", so lautete für Hanfgarn die nächste Problemstellung. Und der Knackpunkt, der zu lösen war: Wie kann man die tanzscheuen Jungen einbinden?

Wie Jungen beim Tanzen "cool" aussehen

Zur Tat ermutigt, fangen die Jungen an zu wachsen: "Die Jungen mussten erst mal lernen, dass es "cool aussehen kann, wenn sie tanzen". Nach dem Kennenlernen der Klassen startete Claudia Hanfgarn im November 2005 einen Crash-Kurs. Dafür standen ihr zwei Doppelstunden in der Woche zur Verfügung, auch am Vormittag des Schultages.

Weniger Glück hatte sie mit den Raumgelegenheiten. Da die Turnhalle kaum zur Verfügung stand, verlor sie viel Zeit damit, die Klassenräume leer zu räumen. "Wir benötigten große bewegungsfreundliche Räume, aber dafür waren die Schulen nicht ausgerüstet", bedauert die Tanzpädagogin. Trotz guter Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen und Lehrern aus der Körnerschule und dem Lloyd-Gymnasium Bremerhaven tauchten nun erste Reibungen auf, die aber zu allen Schulkooperationen als konstitutiver Lernprozess dazugehören.

Der "Dialog und die Zusammenarbeit zwischen den Berufen" ist für den Erziehungswissenschaftler Dr. Christian Alix eine zentrale Aufgabe aller Schulkooperationen: "Da, wo die Grenzen waren, müssen sie neu interpretiert werden", führte Alix in einem Interview mit www.ganztagsschulen.org im November 2005 aus. Alix fügt hinzu: "Das finde ich in dem Film 'RHYTHM IS IT!' so interessant: Lernen findet in fortwährender Spannung zwischen unterschiedlichen Polen, zwischen unterschiedlichen Kulturen statt. Das erfordert den Umgang mit Konflikten und Krisen, wie der Film deutlich zeigt."

Raum für den schöpferischen Körper

Das Tanzen selbst ist eine Option innerhalb der unbegrenzten Möglichkeiten, die sich für die Schule und die außerschulischen Partner auf dem Gebiet der Kooperation auftut. Doch es scheint auch, als liege dem Tanzen, das ja dem Körper einen schöpferischen Platz in der Schule einräumt, eine magische Kraftquelle zugrunde, die Claudia Hanfgarn in folgenden Worten ausdrückt: "In der Schule ist so viel Leben und gibt es so viele Emotionen, die dort nicht sein dürfen. Mit dem Tanzen - so meine Erfahrung - kehrt häufig der Spaß am Lernen wieder zurück." Die Kinder lernten nämlich neue Seiten an sich kennen und die Schule verwandelt sich durch die Kooperationsprojekte in einen Ort, der sich dem Rhythmus des Lebens anpasst.

"Die Kinder, die heute in die Schulen kommen, stehen unter einem unfassbaren Lerndruck", diese Erfahrung hat die Tanzpädagogin im Laufe ihrer Kooperation mit verschiedenen Schulen gemacht. Stichwort G 12, also zwölfjähriges Abitur, Stichwort selektives Schulsystem und Lernen unter Konkurrenz und Leistungsdruck: "Wenn die Kinder dann die Schule verlassen, sehen sie draußen nur noch Autos", so Hanfgarn.

In der heutigen Zeit prasseln Eindrücke auf die Kinder nieder, die sie kaum verarbeiten können. Beim Tanzen ist es umgekehrt: Tanzen bedeutet, aus sich heraustreten, griechisch: Ekstasis. Durch Tanzen schaffen die Kinder und Jugendlichen - Hanfgarn zufolge - einen Ausdruck ihrer seelischen Befindlichkeit, den sie während der Aufführung nach außen tragen. Mehr noch, sie lernen aus der Körperwahrnehmung heraus: "Mit dem Ozontanz vergessen die Kinder und Jugendlichen nichts mehr, weil sie die Bilder der Tanzchoreografie in ihren Körpern speichern."

Erfüllung vor einem großen Publikum

Die Lehrerinnen und Lehrer reiben sich die Augen, wenn sie feststellen, dass die Einzelschüler gar nicht mehr ihrer Rollenerwartung entsprechen: "Ein Schüler, der vorher verhaltensauffällig war, und um den selbst die Lehrer lieber einen Bogen machten, war nach dem Tanzprojekt überhaupt nicht wiederzuerkennen", betont die Tanzpädagogin.



Viele Kinder und Jugendliche sind nach dem Tanzprojekt nicht wiederzuerkennen.

Weil Tanzprojekte wie "OzonTanz" und "RHYTHM IS IT!" ihre Erfüllung in der Aufführung vor einem großen Publikum finden, sind sie eine wahre Schule des Lebens, eine Fundgrube sozialen Lernens. "You can change your life in a dance class" ist mehr als ein Versprechen des Dokumentarfilms "RHYTHM IS IT!". Es zeigt das Ziel eines Lernprozesses an. Noch einmal Alix: "Der Anlass, das Medium, welches zwei verschiedene Lernkulturen zusammenbringt, die schulische einerseits und die außerschulische andererseits ist die gemeinsame Veranstaltung in der Öffentlichkeit".

Die Stunde der Wahrheit für die 22 Schülerinnen und Schüler der Körnerschule und des Lloyd-Gymnasiums Bremerhaven läutet am zweiten Tag des Ganztagsschulkongresses, kurz vor der Podiumsdiskussion um 12:30 Uhr. "Ich werde ihnen sagen, dass sie es schaffen: trotz der großen Bühne mit den über tausend Zuschauerinnen und Zuschauern", so die Tanzpädagogin Hanfgarn. Wenige Tage warten noch, dann werden die Kinder und Jugendlichen ihre große, unvergessliche Stunde erleben, denn so viel steht fest: Der Kongress tanzt!

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 19.09.2006
© www.ganztagsschulen.org

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.

Themenmappe

Materialien

  • "Partner machen Schule - Bildung gemeinsam gestalten" - Broschüre zum Ganztagsschulkongress 2006 [mehr]

  • Kongress Reader des Ganztagsschulportals [mehr]