Im weltweiten Netz sind die Ganztagsschulen eigentlich winzige Spaceshuttles, die im grenzüberschreitenden Meer aus digitalen Zeichen und Daten mit seinen wechselnden Gezeiten ihre Ortung erst noch finden müssen. "Lernen ohne Grenzen" war deshalb auch der Slogan des 1. Internationalen Workshops, der von Schulen ans Netz e.V. im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zum Thema "Neue Medien in den Ganztagsschulen" veranstaltet wurde.
Am 1. und 2. Dezember 2003 trafen sich im Gustav-Stresemann-Institut in Bonn Bildungsfachleute aus zehn verschiedenen Staaten mit Vertretern aus dem Bund, den Ländern sowie von Bildungseinrichtungen und Schulen und diskutierten über die Rolle der Neuen Medien in den Ganztagsschulen.
Ganztagsschulen mit Europa vernetzen
Ralf Münchow, geschäftsführender Vorstand von Schulen ans Netz, eröffnete die Veranstaltung mit den Worten: "Wir möchten vernetzen, und wir wollen aus dem Ausland lernen." Andreas Vogel vom Bundesministerium für Bildung und Forschung bekräftigte in seinem Grußwort die Bedeutung des europäischen Erfahrungsaustausches: "Ein Blick über die Grenzen tut uns allen gut." Dieser Blick über den Tellerrand sei das Verdienst der PISA-Studie. Die Initiative der Bundesregierung, die den Ganztagsschulausbau mit vier Milliarden Euro unterstützt, führe zu einer notwendigen und grundlegenden Reform unseres Bildungswesens. Damit habe der Bund auch die Basis für eine flächendeckende Nutzung der Neuen Medien in den Ganztagsschulen geschaffen: "Ganztagsschulen sind für den Einsatz der Neuen Medien prädestiniert, weil sie ein Abbild der Lebenswirklichkeit in der Schule sind." Dies habe auch im Juni 2003 der nationale Workshop gezeigt, der ebenfalls von Schulen ans Netz veranstaltet wurde. Die Erwartungen der Eltern an das Gelingen der Bildungsreform seien nun sehr groß, sagte Vogel weiter.
Der Verein Schulen ans Netz e.V., der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Deutschen Telekom AG gefördert wird, unterstützt seit 1996 den Einzug der Neuen Medien in die Schulen und betreibt mehrere Online-Portale mit multimedialen Bildungsangeboten für Schülerinnen, Schüler und Lehrer.
In der Europäischen Tagungsstätte des Gustav-Stresemann-Instituts, das wie eine Enklave im ehemaligen Regierungsviertel liegt, war ein umfangreiches Programm zu bewältigen. Außer Vorträgen und Diskussionen im Plenum, bei denen der Filmemacher Reinhard Kahl und Rainer Domisch aus Finnland herausragten, gab es themenbezogene Arbeitsforen unter verschiedenen Fragestelllungen: "Können Neue Medien in der Ganztagsschule für mehr soziale Chancengleichheit in der Bildung sorgen?"; "Welche Bedeutung hat die Öffnung von Schule für die Medienarbeit in der GTS?"; "Welche Möglichkeiten bietet die Ganztagsschule bezüglich des Lernzieles Medienkompetenz?"
In jedem der sechs Arbeitsforen wurden jeweils die Erfahrungen von Frankreich, Finnland, Schweden, Polen, Ungarn und Deutschland im Umgang mit den Neuen Medien lebendig und teilweise kontrovers diskutiert. Nun, wo sich PISA am 4. Dezember zum zweiten Mal gejährt hat, schlägt das deutsche Bildungssystem mit dem Ganztagsschulausbau Brücken nach Frankreich und Europa.
Der nächste PISA-Schock?
Es wird aber auch höchste Zeit, denn Experten der OECD, die eine internationale Lehrervergleichsstudie vorbereiten sollen, haben nach ersten Beobachtungen darauf hingewiesen, dass Deutschland mit seinen Reformen hinsichtlich des Schulsystems und der Lehrerbildung spät dran sei, und vermissen grundlegende Weichenstellungen zur Neuausrichtung des Bildungssystems.
Nicht alles, was auf der Tagung inhaltlich erarbeitet wurde, war neu, und nicht alle Referenten trugen zur befriedigenden Klärung auch solch drängender Fragen bei. Die Meinung des finnischen Referenten Ilpo Halonen dagegen sorgte für eine kleine Überraschung: "Ich glaube, dass wir in Finnland eine bessere Infrastruktur haben als die meisten Länder, aber methodisch didaktisch vertreten wir nur den guten Durchschnitt."
Der beste Ort für die Nutzung der Neuen Medien sind die Ganztagsschulen
Zum Abschluss des Workshops wurden die Ergebnisse der Foren in einem gemeinsamen Thesenpapier zusammengefasst und der Vertreterin der Generaldirektion Bildung der Europäischen Kommission Maruja Gutierrez-Diaz übergeben. "There is nothing that I like more than ideas", sagte die Europäerin. Die Quintessenz dieser Ideen bestand in der Botschaft, dass Ganztagsschulen die wohl besten Voraussetzungen für den Einsatz der Neuen Medien und für ein eigenverantwortliches und handlungsorientiertes Lernen mitbringen.
Wenn Deutschland kein Museum für eine überholte Industriegesellschaft und ein marodes Schulsystem werden will, ist für Reinhard Kahl die Zeit zum gemeinsamen bildungspolitischen Handeln gekommen: "Der 30-jährige Bildungskrieg ist der einzige Krieg, der den Deutschen geblieben ist." Rainer Domisch erinnerte das Plenum vor diesem Hintergrund noch einmal an die Gründe für den Erfolg der Finnen: "Es gibt eine gemeinsame, kontinuierliche Schulpolitik, die von niemandem und keiner Partei infrage gestellt wird". Integration, Inklusion, eine Lernkultur der Anerkennung und die Orientierung am Wohlbefinden der Schüler seien der Schlüssel für den Erfolg der finnischen Bildungspolitik. "Die technische Ausstattung ist wichtig, aber sie ist nur ein Teil einer vernünftigen Nutzung der Neuen Medien", so Domisch.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 05.12.2003
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