12. SEPTEMBER 2006

Den Umgang mit Geld lernen

Noch nie haben Kinder und Jugendliche in der Bundesrepublik über eine so große Geldmenge verfügt. Noch nie waren aber auch so viele Jugendliche schon verschuldet. Um den Weg in die Schuldenspirale zu vermeiden, hat das Ministerium für Umwelt, Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen das Projekt "MoKi - Money & Kids" ins Leben gerufen. Im Herbst sollen in 16 Ganztagsgrundschulen Schülerinnen und Schüler spielerisch den Umgang mit Geld lernen. Das Projekt sollte auch in anderen Ländern Schule machen.

Das Schlagwort "finanzieller Analphabetismus" macht derzeit Karriere in den Medien. Denn der Umgang mit Geld scheint viele Bürgerinnen und Bürger zu überfordern. Fehlendes Wissen und unzureichende Erfahrungen münden für den Einzelnen oftmals in dramatische wirtschaftliche Probleme.

Dem "Schuldenreport 2006" zufolge gelten bundesweit mehr als drei Millionen private Haushalte als überschuldet. Dabei machen Schulden nicht vor bestimmten Altersgruppen halt. Laut Auskunft der Schufa waren beispielsweise 2005 in der Kategorie der 18- bis 25-Jährigen rund 200.000 junge Erwachsene überschuldet. Nach Schätzung der Bankexperten sind rund zwölf Prozent der 13- bis 17-Jährigen bei Freunden oder Familienmitgliedern verschuldet, wobei sich die Verbindlichkeiten auf 370 Euro im Schnitt belaufen. Auch die Statistiken der Wohlfahrtsverbände belegen diesen zunehmenden Trend der Verschuldung junger Menschen.

Um dem schleichenden Abgleiten in die Schuldenspirale vorzubeugen, sollte sich die Vermittlung von Informationen über den Umgang mit Geld bereits an die Kinder oder Jugendlichen richten. Finanzkompetenzen müssen früh erlernt werden, um im Erwachsenenalter souveräne und eigenverantwortliche Konsum- und Finanzentscheidungen treffen zu können. Auch aus diesem Grund rief das nordrhein-westfälische Ministerium für Umwelt, Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (MUNLV) im Januar 2006 mit einer Auftaktveranstaltung ein landesweites "Netzwerk zur Förderung der Finanzkompetenz" ins Leben.

Diese Initiative soll Ressourcen von kompetenten Partnern auf Landesebene bündeln und Synergieeffekte nutzen, um gemeinsam neue Wege zur Vermittlung von Handlungskompetenzen zum Umgang mit Geld beschreiten. Die Initiative will mit dem Projekt im Rahmen der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung 2005-2014" bewerben. Das inhaltliche Ziel des Netzwerks ist es dabei unter anderem, die Finanzkompetenzen bei Kindern und jungen Menschen zu stärken, Finanzwissen zu erweitern und das eigene Konsumverhalten kritisch zu hinterfragen.

Was kann Geld nicht kaufen?

Nach der Auftaktveranstaltung des Netzwerkes gründeten sich vier Arbeitsgruppen, an denen rund 100 Expertinnen und Experten aus der Schuldner- und Verbraucherberatung, aus Wirtschaft, Bildung, Wissenschaft und Politik mitwirken. Diese Arbeitsgruppen fokussierten ihren Blick auf die Gruppe der Grundschulkinder, die Gruppe der Berufsneulinge, auf junge Familien und die Berichterstattung in den Medien.

Die Arbeitsgruppe "Finanzkompetenz für Grundschulkinder" ist bunt gemischt. Zu den ständigen Mitgliedern gehören: Wohlfahrtsverbänden wie der Diakonie, der Caritas oder dem Katholischen Verein für soziale Dienste, Schuldnerberaterinnen und -beratern zum Beispiel aus Krefeld und Aachen, Fachkräften aus der Nachmittagsbetreuung an offenen Ganztagsgrundschulen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Rheinische Sparkassen Verbandes und des Deutschen Sparkassen Verlages, des Landesinstitut für Schule, des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie und der Universität Paderborn zusammen.

"Nach einer ersten Auswertung vorhandener Materialien für der Vermittlung von Finanzwissen für die Gruppe der Sechs- bis Zehnjährigen - von Broschüren der Schuldnerberatungen bis hin zu Arbeitsheften der Bankenvereinigungen und Sparkassen - kam die AG zu dem Ergebnis, dass es nur wenige Materialien gibt, die die gesamte Bandbreite des Themas Geld umfassen  und dabei auf ausreichend spielerische Elemente achten, berichtet Nicole Goedecke, Referentin im Verbraucherschutzministerium. "Außerdem wurde deutlich, dass die Chancen der offenen Ganztagsgrundschule zur Vermittlung dieses Themas bis dahin kaum genutzt wurden. Aus diesem Grund sollte das vorhandene Material ergänzt und in einer Sammlung mit Moduleinheiten und konkreten Arbeitsanweisungen für Multiplikatoren in der offenen Ganztagsgrundschule aufbereitet werden."

Fünf Lernmodule im Rucksack

Dazu entwickelte die Arbeitsgruppe das Projekt "MoKi - Money & Kids": Kinder der Klasse eins bis vier sollen in der Nachmittagsbetreuung der offenen Ganztagsgrundschule hier auf spielerische Weise den Umgang mit Geld und Konsum erlernen und Spaß dabei haben. Dr. Maria Welfens, Projektkoordinatorin am Wuppertal Institut, beschreibt: "Das Lernangebot umfasst fünf Module, die aufeinander aufbauen. Kinder erproben mit Hilfe von Unterrichtsmaterialien aus dem so genannten MoKi-Rucksack kreative Zugänge zu fünf Themenbereichen. Die Grundkenntnisse zum Thema Geld sollen dabei kindgerecht vermittelt und die Kinder befähigt werden, sich selbstständig mit Finanzfragen auseinander zu setzen. Dazu sollen clevere Sparmöglichkeiten im Alltag aufgezeigt, die Kinder zu souveränen Kaufentscheidungen ermutigt und auf Schuldenfallen sensibilisiert werden."

Die im Rahmen des Projektes entwickelten Lernmaterialien sind von der Konzeption her für das aktuelle Programm der Nachmittagsbetreuung gedacht. Die einzelnen Materialien könnten dabei je nach Lernkontext und Stand des Wissens zusammen gestellt werden. "In jedem Modul sind Zusatz- beziehungsweise Alternativangebote vorhanden. Es werden unterschiedliche Materialien mit unterschiedlichem Zeitbedarf wie Rollenspiele, Malen und Basteln, Gesprächsrunden, Spiele und Erfahrungsaustausch sowohl für den Einstieg in die Problematik als auch für zwei Vertiefungen angeboten", erläutert Dr. Welfens. Jedes Modul solle die kognitiven, analytischen, kreativen und motorischen Bereiche der Kinder ansprechen. Sie enthielten daher die Elemente "Sortieren", "Analysieren", "Kreativität" und "Bewegung" und ermöglichten so die Anregung unterschiedlicher Fähigkeiten der Kinder.

Ideen der Betreuerinnen und Betreuer können das Angebot unter Berücksichtigung des individuellen Lernumfelds ergänzen. Die Integration aller Kinder von der 1. bis zur 4. Klasse ist möglich. Für jedes Modul gibt es eine Anleitung für die Betreuer. Diese Durchführungsblätter enthalten die Zielsetzung der Einheit, die Durchführungsdauer, benötigtes Material, den Ablauf, den "Fahrplan", Bonusmaterial sowie Hinweise zur Vorbereitung für die nächste Stunde und Alternativvorschläge. Weiterhin liegen themenbezogene Folien, Arbeitsblätter, Kopiervorlagen und Elterninformationen bei.

Lernen, über Geld zu reden

Im ersten Modul von "MoKi" - "Wünsche und Bedürfnisse" soll Schülerinnen und Schüler klar werden, dass Bedürfnisse und Wünsche zwar der Ausgangspunkt für alle menschlichen Aktivitäten sind und dass zu ihrer Befriedigung oft Produkte und Dienstleistungen benötigt werden, es aber auch eine ganze Reihe von Bedürfnissen gibt, die man mit materiellen Produkten nicht befriedigen kann - wie zum Beispiel die Bedürfnisse nach Liebe oder Freundschaft. Die Kinder sollen sich vergegenwärtigen, welche Bedürfnisse ihnen wichtig sind und welche wirklich zu einem glücklicheren Leben führen. Das Bewusstsein für materielle und immaterielle Werte soll hier geschult werden. Auf diesem Modul bauen die weiteren auf.

Viele Kinder bekommen mit dem Beginn ihrer Schulzeit das erste Taschengeld. Die Bedeutung des Geldes als Zahlungsmittel, Wertmesser, Wertaufbewahrung und Wertübertragung steht im zweiten Modul "Mein Taschengeld" im Mittelpunkt. In diesem Lernfeld vermittelt man ihnen den Wert des Geldes, was man von einzelnen Geldbeträgen kaufen kann und wie sie die Preise von Gütern und Dienstleistungen vergleichen können. Zudem werden die verschiedenen Möglichkeiten der Geldverwendung thematisiert: Einnehmen, Ausgeben, Sparen.

Um das "Geld in der Familie" geht es im dritten Modul. Da in manchen Familien nicht offen über Geld gesprochen wird, haben die Kinder dort keine Möglichkeit zu lernen, wie man mit Geld verantwortlich umgeht. Rechtzeitig den angemessenen Umgang mit Geld in der Familie zu erlernen und über Geld offen zu sprechen, sind aber wichtige Elemente der Finanzkompetenz der Kinder. Das Ziel dieser Einheit ist es daher, sich zusammen mit den Schülerinnen und Schülern darüber klar zu werden, welche Ausgaben ein Haushalt haben kann, wie sich das Einkommen der Familie zusammen setzt, wie eine Familie mit dem Einkommen auskommt und wie Preisvergleiche durchgeführt werden.

Woher kommt das Geld?

Das vierte Modul thematisiert den "Kreislauf des Geldes": Was machen die Geschäftsleute mit dem Geld, das sie einnehmen? Was passiert mit dem Geld bei der Bank? Woher bekommen die Familien das Geld? Woher kommt das Taschengeld der Kinder? Wieso haben einige Menschen mehr Geld als andere? In dieser Einheit soll der Geldkreislauf interaktiv erfahren werden, um die Tauschrolle des Geldes nachvollziehbar zu machen und die wirtschaftlichen Zusammenhänge anschaulich darzustellen. Auch die geschichtliche Entwicklung vom Tauschhandel bis zu den Geldscheinen soll erläutert werden. "Dieses Modul ist wichtig, da viele Kinder oft denken, dass man sich Geld einfach so beim Geldautomaten oder dem netten Onkel in der Bank abholen kann", erläutert Prof. Dr. Kirsten Schlegel-Matthies von der Universität Paderborn, die das Projekt "MoKi" wissenschaftlich begleitet.

Im September und Oktober 2006 erhebt die Universität Paderborn Daten aus dem Schulumfeld und dem Vorwissen der Kinder, zudem werden die Eltern informiert. "Ein Ziel von uns ist es, die Eltern mit einzubinden", so Prof. Schlegel-Matthies. "Zu diesem Zweck werden wir auch Elternabende durchführen." Im November und Dezember finden dann die MOKI-Stunden mit zehn Terminen á zwei Stunden in der Nachmittagsbetreuung von 16 Ganztagsgrundschulen in Aachen, Dortmund, Gelsenkirchen, Köln, Krefeld, Paderborn und Wuppertal statt.

Kurz nach Projektende und ein zweites Mal nach den Weihnachtsferien führt die Wissenschaftlerin für Verbraucherbildung Umfragen unter den Schülerinnen und Schülern durch, um zu klären, "ob und was bei den Kindern hängen geblieben ist". Nach erfolgreicher Erprobung wird im Ministerium über eine breitere Verbreitung auch an anderen Ganztagsgrundschulen im nächsten Jahr nachgedacht. Im Februar 2007 wird es eine Abschlussveranstaltung zu den Ergebnissen der gesamten Netzwerkarbeit geben.

"Ich hoffe, dass sich das Ministerium für eine Weiterführung des Projektes an allen offenen Ganztagsgrundschulen entscheidet", meint Schlegel-Matthies. "Dieses Thema ist drängend und kann nicht allein in der Verantwortung der Eltern belassen werden, sondern geht die gesamte Gesellschaft etwas an - und damit auch die Schulen." Dies sieht auch der Bundesverband deutscher Banken so. Nachdem eine von ihm in Auftrag gegebene Studie aufgedeckt hat, dass es "schon bei einfachen ökonomischen Sachverhalten" am Verständnis bei Jugendlichen und Erwachsenen im Alter von 14 bis 24 Jahren hapert, fordert Verbandsgeschäftsführer Manfred Weber: "Erforderlich ist ein systematischer Unterricht in einem eigenständigen Schulfach."

Die dafür erforderliche Zeit bieten in erster Linie die zahlreichen Ganztagsschulen und Ganztagsangebote in Nordrhein-Westfalen. Das Projekt "Money & Kids" hat aber das Potenzial, um auch in anderen Ländern Schule zu machen.

 

Autor/in: Ralf Augsburg
Datum: 12.09.2006
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