Innovation, Teamplaying, Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis waren Themen der Fachtagung "Ganztagsschule - von der Theorie zur Praxis" am 4. und 5. Juli 2006 in Greifswald, die vom Bildungsministerium Mecklenburg-Vorpommern, der Friedrich-Ebert-Stiftung sowie dem Alfried Krupp Wissenschaftskolleg gefördert wurde.
In der Regel gehen Forscher und Praktiker - auch wenn sie beide das Gleiche wollen, nämlich bessere Ganztagsschulen - getrennte Wege. Forscher sehen die Dinge aus der Vogelperspektive. Sie schaffen Ordnung in der Unübersichtlichkeit, während die Praktiker sich in den "Niederungen des Alltags herumschlagen", und die "graue Theorie" lieber links liegen lassen.
"Wi55en lockt. 550 Jahre Universität Greifswald" war eine Gelegenheit für die Forschungsgruppe "Schulentwicklung in Mecklenburg-Vorpommern", rund 200 Menschen - Wissenschaftler und Praktiker aus Schule, Jugendhilfe und Schulverwaltung - an einem Ort mit gemeinsamen Foren und Workshops zu versammeln.
"Optimale Entwicklung aller"
Pädagogen, Sozialarbeiter, Politiker und überwiegend empirisch arbeitende Erziehungswissenschaftler trafen zusammen, um sich über den Stand der Ganztagsschulentwicklung zu verständigen. Die Tagung in Greifswald war in Sonne getaucht - und wurde getragen vom Rausch des Fußballfestes. "Wer nach Greifswald kommt, erlebt hier immer die Sonne", so der Hauptveranstalter Prof. Franz Prüß von der Forschungsgruppe "Entwicklung von Ganztagsschulen in Mecklenburg-Vorpommern" an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifwald zum Auftakt der Veranstaltung. Ganztagsschulen seien ein Ausdruck für Innovation, die die "optimale Entwicklung aller" im Blick habe, so Prüß.
Ganztagsschulen seien auf den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis angewiesen, um die Unterrichtsentwicklung effizienter und Leitungsprozesse wirksamer zu gestalten, Schule und außerschulische Mitarbeiter einander anzunähern oder die Potenziale der Kinder und Jugendlichen weiter zu entfalten. Der Ganztagsschulausbau in der Bundesrepublik habe "viele neue Impulse - auch aus dem Ausland - für eine konzentrierte innovative Entwicklung erhalten".
Als das deutsche Bildungssystem nach den PISA-Studien 2000 und 2003 die rote Karte sah, hat die Kultusministerkonferenz reagiert und sieben Handlungsfelder zum Ausbau schulischer und außerschulischer Angebote benannt. Dazu gehöre der Ausbau ganztägiger Bildung ebenso, so Prüß, wie das Aufarbeiten des Forschungsdefizits. Eine Kernfrage der heutigen Gesellschaft sei, "wie die Kinder und Jugendlichen in ihrer Biographieentwicklung unterstützt werden können". Es gehe um eine optimale Entwicklung aller Schülerinnen und Schüler und darum, Bildungspartnerschaften zwischen Elternhaus, Schule und außerschulischem Bereich aufzubauen: "Bildung muss als ganztägiger und lebenslanger Prozess verstanden werden", so der Wissenschaftler.
Die gute Ausbildung der Schülerinnen und Schüler hat eine individuelle, aber auch eine gesamtgesellschaftliche Dimension, die angesichts zunehmender sozialer Ungleichheit an Bedeutung gewinnt. Prüß verwies auf die Armutsquote der Kinder unter 15 Jahren in den alten Bundesländern von Ende 2004 bis Anfang 2005 von 7,3 Prozent auf 11,5 Prozent gestiegen. Noch deprimierender sehen die Vergleichswerte in den neuen Ländern aus: Dort stieg die Armutsquote von 12,2 Prozent auf 25,5 Prozent. Die daraus erwachsenden Aufgaben können nur mit veränderten Konzepten erfüllt werden.
Das heißt: neue Kooperationsformen zwischen Schule und außerschulischen Partnern. In Mecklenburg-Vorpommern gehe es darum, die Akzeptanz bei den Lehrerinnen und Lehrern für die Ganztagsschulen zu erhöhen. Auf große Gegenliebe stoßen ganztägige Lernangebote bei den Schülerinnen und Schülern, denn 56 Prozent sehen in den Ganztagsschulen des nordöstlichen Bundeslandes "eine Chance für ihre Entwicklung".
Der Dortmunder Erziehungswissenschaftler Heinz-Günther Holtappels erkannte für Deutschland eine "Doppelstruktur von Halbtags- und Ganztagsschulen". Derzeit würden offene Modelle von Ganztagsschulen bundesweit zunehmen. In seinem eher normativ orientierten Vortrag mit dem Titel "Ganztagsschule und Schulentwicklung: Konzeption, Steuerung und Entwicklungsprozesse" sah Holtappels mit den Ganztagsschulen eine neue Lernkultur aufkommen:
"Eine differenzierte Lernkultur im Unterricht, erweiterte Lerngelegenheiten nach Interesse und Neigung, individuelle Förderung von Lernchancen, Partizipation und Demokratielernen, soziales und interkulturelles Lernen, freizeit-, medien- und spielpädagogische Angebote sowie Öffnung der Schule zur Lebenswelt". Dies alles gehöre zum Setting einer erweiterten Lernzeit, so Holtappels. Ganztagsschulen seien auch "Teamschulen" par excellence.
"Ganztagsschulen nicht überfrachten"
Mit einem eher konventionellen Instrumentarium, thematischen Arbeitsgruppen, wurden Theoretiker und Praktiker der Ganztagsschule in den Nachmittag geleitet. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hörten interessante, wenn auch manchmal etwas zu lange Referate von anerkannten Experten zu den Themen "Die Ganztagsschule - eine Schule für alle?", "Steuerungsprozesse an der Schule aus der Sicht der Schulleitung", "Innerschulische Kooperation", "Schule und Jugendhilfe: Kooperieren, aber wie?", "Schule und außerschulische Einrichtungen",
Das Forum "Die Ganztagsschule - eine Schule für alle?" zeichnete sich durch eine echte Debattierkultur aus. Nach den Referaten hakten die Praktiker nach. Sie füllten die akademischen Vorträge mit Erfahrungswissen aus den Schulen in Mecklenburg-Vorpommern auf. Etliche Fragen richteten sich an die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Reh von der TU Berlin, die warnte: "Wir sollten die Ganztagsschulen nicht mit allen möglichen Ansprüchen überfrachten". Ganztagsschulen müssten andererseits als Schulen verstanden werden und nicht als Freizeitveranstaltung.
Immer unter Strom?
Das "Jahrzehnt der Schulleiter", so war in der AG "Steuerungsgruppe und Schulleitung" zu erfahren, zeichne sich auch dadurch aus, dass die Schulleitungen auf moderne Managementmethoden angewiesen sind, um sich nicht "ständig unter Strom zu fühlen". Schließlich seien sie "Motoren für Innovation", so Ilse Kamski vom Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der Universität Dortmund. Sie gab Hinweise, wie dauergestresste Schulmanager die Strukturen vor Ort zu "straffen und zu optimieren" können.
Gibt es Königswege der Innovation?
Ob Ganztagsschulen der Königsweg für die Lösung der PISA-Probleme sind, bleibt für Prof. Wolfgang Nieke von der Universität Rostock eine bislang offene Frage. "Mecklenburg-Vorpommern ist aber auf dem richtigen Weg, es sollte ihn in kleinen Schritten realisieren". Gute Ganztagsschulen kosteten dem Land 30 Prozent mehr Personalkosten, also rund 300 Mio. Euro, rechnete Nieke vor. Für den Erziehungswissenschaftler Thomas Coelen von der Universität Rostock zumindest ist fraglich, ob sie im Hinblick auf Lernleistungssteigerungen der "Königsweg" sind. Der Erziehungswissenschaftler leitet derzeit ein wissenschaftliches Projekt, das das Ganztagsschulsystem Mecklenburg-Vorpommerns mit Schweden, Finnland, Litauen und Russland vergleicht.
"Ich würde gerne von Ihnen lernen", signalisierte Klieme in der AG "Unterrichtsentwicklung" seine Bereitschaft zum Dialog mit den Praktikern. Schulen bräuchten Anregungen von außen. Dagegen meinte Stefan Appel, Vorsitzender des Ganztagsschulverbandes und Schulleiter in Kassel, Schulen sollten sich auf die Universitäten zu bewegen und wissenschaftliche Ergebnisse zur Kenntnis nehmen. Für die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Reh lautete die entscheidende Frage "Was kann man wo wie machen": "In der konkreten Interaktion findet kognitive Aktivierung statt".
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 21.07.2006
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