14. JULI 2006

Zwischen den Schuljahren: Sommeraktion 2006

Sommerzeit, Ferienzeit. Fünf Schulen öffneten uns kurz vor Schuljahresende noch ihre Türen, bilanzierten das abgelaufene Schuljahr und wagten einen Ausblick in die Zukunft: Die Grund- und Regelschule Milda in Thüringen, die Grundschule Witthauschule in Baden-Württemberg, die Evangelische Montessori-Grundschule Plauen in Sachsen, die Hauptschule Markt Indersdorf und das Privatgymnasium Pindl Regensburg in Bayern.

Freie Grund- und Regelschule Milda

Online-Redaktion: Herr Krüger, wie ist Ihre Ganztagsschule organisiert?

Carsten Krüger: Unsere Freie Grund- und Regelschule ist eine staatlich anerkannte, zweizügige Ganztagsschule in freier Trägerschaft. Uns besuchen rund 310 Schülerinnen und Schüler. Wir sind eine gebundene Ganztagsschule, das heißt, dass es einen Unterrichtsblock gibt, der bis 14.30 Uhr dauert, dann schließen sich Arbeitsgemeinschaften an, die über eine Stunde gehen. Der Schultag ist gegen 16 Uhr beendet – außer Freitags, wo wir nur bis 13 Uhr Unterricht haben.

Unser Einzugsgebiet ist relativ gemischt, wir liegen recht ländlich im Großraum Jena. Die Schülerinnen und Schüler rekrutieren sich so je zur Hälfte aus der Stadt und aus den ländlichen Gemeinden. Viele unserer Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher sowie außerschulischen Fachkräfte kommen aus diesen Gemeinden und verfügen über ganz gute emotionale Brücken in die Familien der Kinder hinein, kennen deren Hintergründe und Lebenswelten.

Eine Klasse ist etwa 25 Kinder stark und wird durch ein Lehrerteam von fünf bis sechs Kolleginnen und Kollegen begleitet. Die Gruppe – Lehrer wie Schüler – bleibt von der 5. bis zur 10. Klasse zusammen. Die Teams decken auch die meisten Fächer ab, lediglich Fächer wie Chemie oder Musik werden durch andere Lehrerinnen und Lehrer – wir nennen sie "Einflieger" – unterrichtet.

Online-Redaktion: War das für die Lehrerinnen und Lehrer eine große Umstellung, im Team zu arbeiten?

Krüger: Für die meisten nicht, wir hatten ein relativ junges Kollegium. Bei der Zusammensetzung der Teams haben wir darauf geachtet, dass die Mischung aus erfahrenen und frisch aus dem Referendariat dazu gekommenen Kolleginnen und Kollegen stimmte. Für viele war es auch entlastend, den Unterricht nicht alleine zu Hause im Kämmerchen planen zu müssen, sondern die Projekte und Unterrichtseinheiten gemeinsam im Team zu entwickeln. Es gab sehr viel Gestaltungsspielraum, alles war relativ offen. Wir haben kein Lehrerzimmer, sondern die Teams sitzen jeweils in kurzer Entfernung zum Klassenraum zusammen, frühstücken auch gemeinsam und sind im ständigen Kontakt mit den Kindern.

Online-Redaktion: Wie ist die Entwicklung zur Ganztagsschule verlaufen?

Krüger: 1996 gab es aus der Schule heraus eine Initiative, eine Ganztagsschule zu gründen. Die politische Stimmung war damals recht gut, sodass wir unter zwei Bedingungen grünes Licht erhielten: Es durfte das Land nicht wesentlich mehr kosten, und die Inhalte der Thüringer Lehrpläne mussten verwirklicht werden. Eine kleine Gruppe aus dem Kollegium hat dann ein Konzept entwickelt. Wir starteten schrittweise mit einem Jahrgang und bauten die Ganztagsschule so nach und nach auf, was wesentlich besser ist, als eine Schule auf einen Schlag völlig umzukrempeln. Wir konnten damals ein leer stehendes Gebäude beziehen und haben in den vergangenen Jahren drei weitere errichten können.

Online-Redaktion: Haben Sie sich für diese Art der Schulorganisation Anregungen von außerhalb geholt?

Krüger: In der Gründungsgruppe gab es natürlich auch ein bisschen Schulfrust, sodass ein Konsens darüber bestand, wie man Schule eigentlich nicht wollte. Daraufhin haben wir Wunschgedanken formuliert, wie unsere Schule aussehen sollte. Diese Wünsche haben wir mit weiteren Konzepten angereichert und für unsere Zwecke angepasst, zum Beispiel haben wir uns die Konzepte der Max-Brauer-Schule in Hamburg, der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden oder der Jenaplanschule hier in Thüringen näher angeschaut. Unser Konzept ist kein Dogma oder ein starrer Rahmen, sondern wir entwickeln es ständig, fast täglich weiter.

Online-Redaktion: Hat das Ganztagsschulkonzept denn den Schulfrust vertrieben?

Krüger: Die zeitliche Belastung ist immens höher, aber der in Halbtagsschulen auf den Vormittag komprimierte Leidensdruck fällt dafür hier geringer aus. Das liegt auch daran, dass die Teams aus innerer Begeisterung die Schule weiterentwickeln und niemand groß mitgezogen oder überzeugt werden muss. Die Gelassenheit wächst auch: Wenn die Teams merken, dass in bestimmten Bereichen bei den Kindern und Jugendlichen noch Defizite bestehen, hängen sie einfach zu einem Thema noch eine Projektwoche dran. Sie besitzen da völlige Autarkie in der Planung. Sie verfügen darüber hinaus über eigene kleine Budgets, mit denen sie auch Ausflüge finanzieren können, um Unterrichtsinhalte praktisch und anschaulicher zu gestalten. Das tangiert den restlichen Schulbetrieb überhaupt nicht, weil ja keine Vertretungsstunden für die mitfahrenden Lehrerinnen und Lehrer organisiert werden müssen. Daher gibt es bei uns auch keine Vertretungspläne. Krankmeldungen werden einfach durch das Team aufgefangen.

Online-Redaktion: Welche institutionelle Klammer hält denn die Teams zusammen?

Krüger: Es gibt die Freitagsrunden, zu denen von 13 bis 15 Uhr noch mal alle zusammen kommen. Dort werden die die gesamte Schule betreffenden Dinge besprochen. Einen Teil in diesen zwei Stunden nimmt die so genannte Pädagogische Tagesschau ein. Dann können Kolleginnen und Kollegen, die von einer Tagung oder Fortbildung kommen, allen von diesen berichten oder auch mal Gedanken weiterspinnen und Innovationen vorantreiben.

Online-Redaktion: Wovon profitieren die Schülerinnen und Schüler am meisten?

Krüger: Gute Methodik gibt es auch an anderen Schulen. Ich denke, dass Schülerinnen und Schüler an unserer Schule am meisten von der selten gewordenen emotionalen Wärme und Sicherheit profitieren, die wir mit diesen Teams in ihrer personellen Konstanz zu verkörpern suchen. Wenn bei manchen Kindern Leistungseinbrüche auf Grund von persönlichen und familiären Problemen drohen, kann dieses verlässliche soziale Umfeld das besser auffangen.

Online-Redaktion: Zeigt sich dies auch in den Schulleistungen?

Krüger: In den ersten drei Jahren mussten wir eine "dialogische Schulaufsicht" über uns ergehen lassen: Wir liefen als Schulversuch, das Schulamt begutachtete uns und der Lehrstuhl Erziehungswissenschaft der Universität Jena begleitete uns. In Vergleichsarbeiten lagen wir über dem Schnitt. Wir beteiligen uns heute an Kompetenztests und lassen uns extern über das Thünes-Programm der Bertelsmann-Stiftung evaluieren. Durch Fragebögen an Lehrer, Schüler und Eltern, die von der Universität ausgewertet werden, erhalten wir eine externe Rückmeldung über die Schulqualität und -entwicklung.

Online-Redaktion: Spiegelt sich Ihre Arbeit auch in der Öffentlichkeit, z. B. in veränderten Anmeldezahlen wider?

Krüger: Obwohl wir keine große Werbung machen, gibt es trotzdem immer eine sehr hohe Nachfrage nach unseren Plätzen, besonders in der jetzt neu gegründeten Grundschule, die sich mittlerweile im zweiten Jahr etabliert hat und pro Jahrgang mit 15 Kindern arbeitet. Auf diese 15 Plätze melden sich bis zu 60 Kinder an. Im Regelschulbereich liegt das Verhältnis bei 80 Anmeldungen für 55 Plätze.

Wir organisieren Infoveranstaltungen und Elternabende, zu denen auch die Kinder eingeladen sind. Die Auswahl erfolgt dann über Einladungen der Kinder, bei denen deren Zeugnisse eine weniger große Rolle spielen als der Eindruck, den wir von ihnen gewinnen: Wie ist ihr Sozialverhalten, was bringen sie mit, passen sie gut zusammen? Die Zeugnisse dienen eher dazu, für die Klasse 5 möglichst eine Drittelung mit Kindern zu erreichen, die vom Notenschnitt für Gymnasium, Real- oder Hauptschule geeignet sind.

Online-Redaktion: Gehen Sie auf die unterschiedlichen Kompetenzen und Interessen der Kinder ein?

Krüger: Im Nachmittagsbereich gibt es nicht nur Arbeitsgemeinschaften, sondern auch Trainings-AGs sowohl für Hochbegabte wie auch für Kinder, die etwas mehr Zeit benötigen. Wir mussten dazulernen, was Förderung eigentlich meint: Manchmal hilft es den Schülerinnen und Schülern mehr, wenn man sie indirekt stärkt, als wenn man endlos mit ihnen Mathe paukt. Bei uns gibt es zum Beispiel eine kleine Schüler GmbH, die in unserem Backofen Brot backt, dieses im Dorf verkauft und auch kleinere Veranstaltungen organisiert. Das hat einige Schülerinnen und Schüler in ihrem Selbstbewusstsein derart gestärkt, dass sich dies auch auf ihre schulischen Leistungen ausgewirkt hat. Es lohnt sich, diesen Umweg zu gehen.

Online-Redaktion: Welche Arbeitsgemeinschaften stehen den Jugendlichen zur Verfügung?

Krüger: Es gibt jeden Tag etwa 25 AG-Angebote für die Schülerinnen und Schüler, beispielsweise Natur- und Umweltgestaltung, Seidenmalerei, Keramik und sehr viele Sport-AGs wie Tennis, Fechten, Judo und Reiten. Da wir ein Präsenzarbeitszeitmodell eingerichtet haben, das die Lehrerinnen und Lehrer verpflichtet, von 8 bis 16 Uhr in der Schule anwesend zu sein, werden die meisten AGs durch das Kollegium durchgeführt. Das ist schön, weil die Kinder die Lehrer dann auch mal aus einer ganz anderen Perspektive kennen lernen. Dazu kommen noch Eltern und auch Rentnerinnen und Rentner aus dem Dorf.

Online-Redaktion: Wie organisieren Sie das Mittagessen?

Krüger: Es gibt einen externen Anbieter, der das Essen anliefert. In unserem schönen Speisesaal gibt es die Möglichkeit, aus drei Mahlzeiten – eine davon immer Salat – zu wählen. Das Essen wird von zwei Frauen aus dem Dorf ausgegeben, die ein echtes Herz für die Kinder und einen wunderbaren Draht zu ihnen haben. Sie nehmen deren Sorgen und Nöte auf, das ist wie so ein kleiner Beichtstuhl – die sind ganz wichtig. Wir bestehen darauf, dass diese Frauen weiterbeschäftigt werden, auch wenn der Anbieter – wie bisher einmal geschehen – wechseln sollte. Die Schülerinnen und Schüler können sich auch nach draußen ins angrenzende Amphitheater, das Eltern mitgebaut haben, reinsetzen, um dort zu essen. Nebenan gibt es noch ein Schülercafé, wo man sich einen Saft mixen oder ein Müsli anrühren kann.

Online-Redaktion: Bieten Sie auch während der Ferien Betreuung an?

Krüger: Ja, im Grundschulbereich – da kann Ihnen meine Kollegin Katja Ender, die als Sozialpädagogin in der Grundschule arbeitet, etwas mehr zu sagen...

Katja Ender: In vier der sechs Wochen biete ich eine Ferienbetreuung an, wobei jede Woche unter einem anderen Thema stehen wird. In der ersten Woche geht es um Natur: Da werden wir eine große Bank aus Weidenruten bauen, diese mit Erde füllen und darauf Gras säen. In der zweiten Woche ist das Thema Filz. Wir gehen auf einen Bauernhof und schauen uns Schafe an. Dann waschen und kämmen wir Wolle und filzen gemeinsam mit einer Filzerin daraus Tierfiguren. In der dritten Woche geht es um Ton. Die Kinder glasieren und brennen mit einer Töpferin Kacheln, die dann für unser neues Schulgebäude verwendet werden. In der letzten Woche wollen wir mit einer Fotografin dann eine camera obscura bauen. Geplant ist auch, alle unsere Aktivitäten und Ergebnisse zu dokumentieren.

Online-Redaktion: Herr Krüger, was wird das kommende Schuljahr bringen?

Krüger: Wir haben IZBB-Mittel beantragt und 500.000 Euro erhalten, mit denen das älteste Haus unserer Anlage umgebaut wird, um Räume für den Ganztagsbereich zu gewinnen. Diese Arbeiten laufen schon, damit sie zum Start des kommenden Schuljahrs abgeschlossen sind. Im Oktober feiern wir dann unser zehnjähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass wird eine Projektwoche mit einem Zirkus stattfinden.

Unsere große Vision, die das thüringische Schulgesetz auch zulässt, ist ein Bildungsstandort, der ein Angebot von Klasse 1 bis 13 macht, sodass alle Kinder so lange wie möglich zusammen bleiben und nicht wechseln müssen.


Grundschule Witthauschule Haigerloch

Online-Redaktion: Herr Schempp, wieso ist Ihre Schule mit dem gerade zu Ende gehenden Schuljahr Ganztagsschule geworden?

Harald Schempp: Eigentlich ein wenig zufällig. Wir liegen hier zusammen mit einer Realschule und einem Gymnasium in einem Schulzentrum. Das Gymnasium erhielt einen Vollausbau, und aufgrund des erforderlichen Platzbedarfs sollten auch wir einen Neubau erhalten. Ich hatte mich schon Jahre zuvor für einen grundschulgerechten Neubau stark gemacht - nun war die Zeit reif dafür.

Der Gemeinderat hatte den Neubau bereits beschlossen, als die Nachricht vom IZBB-Programm des Bundes kam. Für mich das Signal, neben dem Neubau gleichzeitig auch den lang gehegten Wunsch nach einem neuen Schulkonzept zu realisieren. Es handelte sich um den idealen Zeitpunkt, um alle Entscheidungsträger von dieser Maßnahme, Ganztagsschule zu werden, zu überzeugen.

Online-Redaktion: War denn Überzeugungsarbeit nötig?

Schempp: Am Anfang gab es seitens der Elternschaft große Vorbehalte. Unsere Schule befindet sich in einer ländlichen Umgebung, und viele waren der Ansicht, dass es keinen Betreuungsbedarf für ihre Kinder gebe. Durch zahlreiche Informationsveranstaltungen gelang es uns, diese Stimmung umzudrehen. Und der Anfangserfolg hat uns dann auch Recht gegeben.

Online-Redaktion: Was hat die Skeptiker denn überzeugt?

Schempp: Letztlich das umfassende Angebot, aber auch das Engagement aller Beteiligten, darunter vieler Eltern selbst. Unser Schultag beginnt um 7.00 Uhr. Die Kinder haben die Möglichkeit zu frühstücken und werden betreut. Diese Betreuung ist den gesamten Schultag über sehr intensiv und wird durch die Unterstützung von Erzieherinnen möglich gemacht. Für die Schülerinnen und Schüler ist das ein runder Tag, der um 16.15 Uhr endet. Die Eltern haben bereits nach kurzer Zeit festgestellt, dass ihre Kinder in der Regel viel ausgeglichener nach Hause kommen. Das entlastet auch die familiäre Situation.

Online-Redaktion: Auch was die Hausaufgaben angeht?

Schempp: Gerade was die Hausaufgaben betrifft. Wir haben diesbezüglich eine Umfrage unter den Kindern und Eltern gemacht. Die Schülerinnen und Schüler haben dabei erklärt, dass sie in der Schule das Gefühl hätten, ihre Aufgaben in Ruhe erledigen zu können - das war zu Hause offensichtlich nicht immer der Fall. Sie haben die Möglichkeit, nach Unterstützung zu fragen, die scheinbar daheim ebenfalls nicht immer gewährleistet war. Die Eltern erkennen diese Vorteile an.

Online-Redaktion: Sie sprachen von einem "lang gehegten Wunsch", Ganztagsschule zu werden. Waren Sie mit der Schule, wie sie bis dahin existierte, unzufrieden?

Schempp: Im Rahmen des Projekts "Verlässliche Grundschule" boten wir schon längere Schulzeiten an, aber das Wesentliche beschränkte sich auf den Vormittag. Die Zeit war knapp. Lehrerinnen und Lehrern wie Schülerinnen und Schülern ging oftmals die Zeit aus. Seit vielen Jahren veranstalteten wir aber auch Projektwochen, in denen sich zeigte, dass ein Mehr an Zeit und Miteinander ein entspannteres Lernen und mehr Möglichkeiten bietet. Das war mit ein Grund für unsere Entscheidung, mehr Zeit miteinander verbringen zu wollen und den Kindern so mehr bieten zu können.

Online-Redaktion: Die Witthauschule ist eine offene Ganztagsschule. Wie viele Schülerinnen und Schüler nehmen am Ganztag teil?

Schempp: 180 Schülerinnen und Schüler besuchen insgesamt unsere Schule, davon sind 100 im Offenen Ganztag. Wir hatten ursprünglich mit der Hälfte der Schülerschaft für den Ganztag kalkuliert. Diese Marke haben wir bereits zwei Monate nach Anmeldeeröffnung erreicht, sodass wir eine Warteliste einführen mussten. Bei 100 Kindern mussten wir dann wirklich Schluss machen. Wäre die Personalsituation günstiger, könnten wir sicher mehr Kinder aufnehmen.

Online-Redaktion: Ist die Personalausstattung denn im Moment ausreichend?

Schempp: Die stellt nach wie vor ein Problem dar. Die Stadt, die auch unser Schulträger ist, hat sich zwar gut eingebracht, so dass wir über drei Erzieherinnen verfügen, die zwei ganze Stellen ausmachen. Daneben haben wir nach dem erfolgreichen Beginn und dem großen Zuspruch auch durch das Amt für Schule und Bildung Unterstützung erfahren, die uns noch mal mit einigen Lehrerstunden helfen konnten. Der wesentliche Teil der Angebote und der Betreuung wird allerdings durch Ehrenamtliche, darunter - wie schon erwähnt - vielen Eltern, geleistet. Insgesamt sind zusätzlich zu den 14 Lehrkräften etwa 25 Personen im Ganztagsbereich beschäftigt. Die Koordination dieser rund 40 Beschäftigten ist anspruchsvoll und erfordert einen erheblichen Mehraufwand.

Online-Redaktion: Besteht ein Kontakt der Nachmittagskräfte zu den Lehrkräften?

Schempp: Es gibt gemeinsame Schulkonferenzen, und wir haben unterschiedliche Kreise und Gremien gebildet. Ein regelmäßig enger Kontakt zwischen Lehrerschaft und Betreuungspersonal ergibt sich durch unser Herzstück im Schultag: Der für alle Kinder tägliche obligatorische, 90-minütige Block "Arbeiten und Lernen", der die herkömmliche Hausaufgabenbetreuung integriert. Darin versuchen wir auch, gezielt zu fördern, zu diagnostizieren und die Rückmeldungen dann direkt an die Klassenlehrerinnen und -lehrer zu geben. Sind erhebliche Lernschwierigkeiten oder Defizite bei einzelnen Kindern eingeschätzt worden, sind wir bestrebt, diese im Rahmen von Einzelbetreuungsmaßnahmen am Vormittag aufzufangen. Für etwa 20 Minuten können diese Schülerinnen und Schüler dann aus dem Klassenverband herausgenommen werden, um spezielle Unterstützung zu erhalten.

Online-Redaktion: Hat sich auch der Vormittag für die Schülerinnen und Schüler geändert, oder ist lediglich am Nachmittag etwas an Angeboten dazugekommen?

Schempp: Der komplette Schulalltag hat sich verändert. Wir haben den Tag neu rhythmisiert, indem wir den 45-Minuten-Takt abgeschafft haben und nun in Blöcken von 90 Minuten arbeiten. Das tut eigentlich allen Kindern gut. Am Vormittag sind zwei größere Pausen vorgesehen, es können aber auch individuelle Pausen, auch Bewegungspausen, eingeschoben werden. Dies betrifft natürlich auch die Regelschülerinnen und -schüler.

Online-Redaktion: Viele Ganztagsschullehrerinnen und -lehrer räumen eine höhere Arbeitsbelastung im Vergleich zur Halbtagsschule ein, zugleich erhöhe sich aber die Arbeitszufriedenheit. Sehen Sie das ähnlich?

Schempp: Durchaus. Auch alle Kolleginnen und Kollegen, die im Ganztagsbetrieb mitarbeiten, bestätigen dies. Sie verbringen mehr Zeit in der Schule, auch zur Vorbereitung der Aktivitäten und für die Absprache mit den Betreuerinnen und Betreuern. Dennoch sind alle damit zufrieden und sehen auch eine Qualitätsverbesserung ihrer Arbeit.

Online-Redaktion: Welche Angebote machen Sie den Kindern am Nachmittag?

Schempp: Wir bieten von Montag bis Donnerstag Arbeitsgemeinschaften an. Nach dem "Arbeiten und Lernen"-Block gibt es am Nachmittag fünf bis sechs parallele Kurse. Die Kinder entscheiden sich auf ein halbes Jahr verbindlich für eine dieser Arbeitsgemeinschaften. Wir versuchen, das Angebot jeden Tag ausgewogen musisch, sportlich und kreativ zu halten. Zu jedem Schulhalbjahr gibt es neue Kursangebote. Integriert sind dabei außerschulische Partner wie die Jugendmusikschule, Fußballschule und muttersprachliche Kurse.

Online-Redaktion: Durch diese Partner kommt die Lebenswelt in die Schule. Erkunden umgekehrt die Kinder auch ihre Umgebung?

Schempp: Ja, die Schülerinnen und Schüler gehen zum Beispiel ins Seniorenheim, um dort etwas vorzutragen. Wir nehmen auch am "Comenius"-Schulpartnerschaftsprogramm teil und hatten gerade Schüler im Austausch in Griechenland.

Online-Redaktion: In Ihrem Schulprogramm liest man, dass die Witthauschule eine "Erziehung mit einer klaren Werteorientierung" anstrebt. Können Sie erläutern, was Sie darunter verstehen?

Schempp: Wir wollen den Kindern ein Gefühl für Demokratie geben und haben daher ihre Mitgestaltungsmöglichkeiten durch die Einrichtung von Morgenkreis, Klassenrat und Schülerversammlung gestärkt. Die schulischen Abläufe sollen den Kindern transparent und offen vermittelt werden. Im einmal wöchentlich stattfindenden Klassenrat können die Kinder anstehende Probleme besprechen und Vorschläge machen. Themen, die alle betreffen, werden in der Montags veranstalteten Schülerversammlung besprochen.

Online-Redaktion: Was haben Sie baulich mit Hilfe der IZBB-Mittel verändern können?

Schempp: Eigentlich alles. Wir konnten ja einen kompletten Neubau hinstellen, wobei uns die IZBB-Mittel einen größeren Spielraum verschafft haben. Die Zusammenarbeit mit den Architekten war optimal. Unser pädagogisches Konzept der Offenheit und der Transparenz wurde aufgegriffen und hervorragend umgesetzt. Erst jetzt verfügen wir über die räumlichen Voraussetzungen, um diesen Ganztagsbetrieb überhaupt durchführen zu können. Beispielweise wäre es uns vorher nicht möglich gewesen, die eben erwähnte Assembly abhalten zu können. Jetzt geht dies problemlos innerhalb unseres offenen Gebäudes mit Sitztreppen. In diesen offenen Bereichen, in der Bibliothek, den Medienecken, der Holzwerkstatt und dem Musikraum finden die meisten Arbeitsgemeinschaften statt. Das Außengelände ist so angelegt, dass die sportlichen Aktivitäten gefördert werden können. Wir verfügen über ein Hallen- und Freibad und haben ein Biotop angelegt. Da bieten sich viele Möglichkeiten.

Online-Redaktion: Welche Wünsche bleiben noch für das kommende Schuljahr?

Schempp: Unser Problem liegt in der Nachhaltigkeit unseres auf recht hohem Niveau stehenden Angebots. Es wird sich zeigen müssen, ob die Finanzierung so gehalten werden kann. Dies hängt letztlich auch von der dauerhaften Unterstützung der Stadtverwaltung ab.

Ansonsten ist der eingeschlagene Weg ein guter. Das "Haigerlocher Modell", wie wir es nennen, hat im weiten Umkreis große Resonanz erfahren. Seit November 2005 empfange ich fast jede Woche ein bis zwei Besucherabordnungen, die sich Vorschläge und Rezepte für ihre eigenen Bestrebungen abgucken möchten. Viele Eltern wollen ihre Kinder an unsere Schule wechseln lassen, stellen sogar Anträge auf Änderung des Schulbezirks und sorgen dafür, dass - nun ja, "Konkurrenz belebt das Geschäft" - andere Grundschulen auch beginnen, am Nachmittag Angebote zu machen. Die Witthauschule ist schon so etwas wie ein Motor der Aufbruchsstimmung in Richtung Ganztagsschule geworden. Wenn man sich dann die anfängliche Skepsis noch mal vor Augen hält, ist diese Entwicklung bemerkenswert.


Evangelische Montessori-Grundschule Plauen

Online-Redaktion: Frau Kreßner, wieso ist aus Ihrer Schule eine Ganztagsschule geworden?

Sabine Kreßner: Wir wollten unseren Kindern nicht nur Unterricht, sondern den ganzen Tag über sinnvolle Angebote bieten. Deshalb schrieben wir ein pädagogisches Konzept und beantragten Fördermittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung", die wir auch erhalten haben. Dadurch ist es uns seit zwei Jahren möglich, viele Dinge zu verwirklichen, die wir uns schon lange vorgenommen hatten.

Online-Redaktion: War in der Lehrerschaft der Wunsch vorhanden, etwas anders zu machen?

Kreßner: Auf jeden Fall. Die Lehrerinnen und Lehrer, die seit der Schulgründung 2001 bei uns arbeiten, hatten von Beginn an den Wunsch, den Kindern mehr Möglichkeiten zu bieten. Jetzt arbeitet das Kollegium ganz eng mit den Erzieherinnen und Erziehern zusammen. Die Erzieherinnen und Erzieher sind vormittags in den Unterricht eingebunden. Während der Freiarbeitszeit stehen den Kindern dann bereits zwei Pädagogen zur Verfügung. Dadurch wissen diese natürlich wunderbar Bescheid, was die Kinder machen und was von den Lehrern im Unterricht gefordert worden ist. Dieses Wissen können sie dann in der Hausaufgabenbetreuung nutzen.

Online-Redaktion: Was war Ihnen bei den Baumaßnahmen besonders wichtig?

Kreßner: Wir wollten vor allem ausreichenden Platz für die Kinder. Jetzt stehen uns pro Klasse zwei große Zimmer, die sowohl am Vor- als auch am Nachmittag genutzt werden, sowie ein kleinerer Computerraum zur Verfügung. Jede Klasse bleibt die gesamte Schulzeit von vier Jahren über in ihren Räumen. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich wohlfühlen und ihre Räume als ihr Zuhause in der Schule annehmen. Dazu gehört auch, dass es auf jeder Etage Toiletten und Waschräume gibt - damit sich die Kinder zum Beispiel nach dem Mittagessen die Zähne putzen können. Wir benötigten auch einen größeren Speisesaal und neue Werkräume. Zuletzt haben wir noch einen Snoezel-Raum eingerichtet.

In diesem Sommer wird unser Außengelände fertig gestellt. Hier ist alles neu gestaltet, wir haben neue Spielgeräte aufgebaut und neue Pflaster gelegt, damit die Schülerinnen und Schüler Inline skaten können. Es wird auch einen Fußballplatz und einen Schulgarten geben, der vor- wie nachmittags genutzt werden kann.

Online-Redaktion: Arbeiten Sie mit festen Klassenverbänden?

Kreßner: Wir arbeiten mit festen Klassen ohne Jahrgangsmischung. Wenn allerdings einzelne Schülerinnen und Schüler in bestimmten Bereichen sehr weit fortgeschritten sind, schicken wir sie auch schon mal zur Freiarbeit in eine höhere Klasse. Unsere Integrativkinder wiederum werden zu bestimmten Zeiten von einem Förderschullehrer unterrichtet.

Online-Redaktion: Wie muss man sich den Unterricht an Ihrer Schule vorstellen?

Kreßner: Mit dem herkömmlichen Frontalunterricht hat er nicht mehr viel gemein. Ein klein wenig erinnert unsere so genannte Gruppenstunde noch an den Frontalunterricht. Diese nutzen die Lehrerinnen und Lehrer, um allen Kindern gemeinsam etwas zu erklären oder neues Material einzuführen. So etwas kann auch mal auf dem Teppich sitzend geschehen. Der größte Teil der Zeit ist der Freiarbeit gewidmet. Die Schülerinnen und Schüler haben nicht die Wahl, ob sie lernen wollen oder nicht. Aber sie können bestimmen, an welchem Arbeitsplatz sie lernen, ob sie allein oder in der Gruppe arbeiten wollen, mit wem sie lernen wollen und vor allem womit sie beginnen.

In den unteren Klassen gibt es Wochen-, in den oberen Klassen Monatspläne. In diesen Plänen stehen Pflichtaufgaben, die die Schülerinnen und Schüler in einem bestimmten Zeitraum erfüllen müssen. Darüber hinaus haben sie die Möglichkeit, sich mit dem benötigten Material zu versorgen, um ihr Wissen zu vertiefen und sich neues Wissen anzueignen. Es gibt auch Computerarbeitsplätze, die sie nutzen können.

Die Pausenklingel haben wir abgeschafft. Der morgendliche Anfang ist gleitend, die Klassen können beginnen, wie sie es für richtig halten.

Online-Redaktion: Was zeichnet Ihre Schule noch aus?

Kreßner: Wir sind eine umweltgerechte Schule mit einem EMAS-Gütesiegel (EMAS= Europäisches Umwelt-Audit-System). Uns ist wichtig, dass die Kinder umweltgerechtes Verhalten verinnerlichen. Daher sind sie dafür verantwortlich, dass der Müll getrennt wird, das Licht ausgemacht wird, das Wasser nicht unnötig läuft und im Winter nicht bei geöffneten Fenstern geheizt wird. Unsere Kinder achten selbstständig auf solche Dinge, das läuft ganz automatisch über das ganze Jahr.

Online-Redaktion: Ist die Teilnahme am Ganztagsangebot verpflichtend?

Kreßner: Jedes Kind, das unsere Schule besucht, ist auch für den Hort angemeldet. Das bedeutet nicht, dass alle bis 17 Uhr bleiben müssen. Aber viele Schülerinnen und Schüler sind einfach gerne hier. Wir hatten schon Fälle, dass die Eltern, die ihre Kinder abholen wollten, wieder gehen mussten, weil diese nicht mit nach Hause wollten.

Online-Redaktion: Wie sieht die Nachmittagsgestaltung aus?

Kreßner: Ab Klasse 2 können die Kinder selber entscheiden, was sie nach dem Unterricht zuerst tun wollen: Gehe ich zuerst Mittagessen oder will ich mich erst ausruhen und spielen? Oder möchte ich als erstes die Hausaufgaben erledigen? Jedes Kind ist da ein bisschen anders, und es kommt ihnen sehr entgegen, dass sie nicht alle das Gleiche machen müssen, sondern sich frei entscheiden können. Für alle drei Bereiche gibt es Aufsichtspersonal, sodass wir gewährleisten können, dass jedes Kind auch wirklich Mittag gegessen hat.

Danach gibt es verschiedene Kreativangebote: Zum Beispiel Schach, Darstellendes Spiel, Töpfern, Chor, Backen, Kreatives Gestalten, Basteln mit Holz oder Tanzen. Die Schülerinnen und Schüler entscheiden, welche AG sie besuchen, und melden sich verpflichtend für ein Schuljahr an. Sollte sich aber mal jemand völlig verwählt haben, kann er oder sie natürlich noch den Kurs wechseln. Das ist aber die Ausnahme, denn die Kinder sollen ja auch lernen, an einer Sache dranzubleiben. Ab dem kommenden Schuljahr bieten wir zusätzlich noch offene Angebote an, bei denen sich die Kinder auch tageweise für Kurse entscheiden können.

Online-Redaktion: Gestalten auch Lehrerinnen und Lehrer den Nachmittagsbereich?

Kreßner: Relativ wenig. Den Nachmittagsbereich decken die Erzieherinnen und Erzieher und unsere sehr engagierte Elternschaft ab.

Online-Redaktion: Wie sieht es mit außerschulischen Partnern aus?

Kreßner: Die Musikschule engagiert sich bei uns. Diese schließt mit den Eltern einen Extra-Vertrag ab. Die gängigsten Instrumente wie Flöte, Gitarre und Keyboard sind in unserem Haus vorhanden. Daneben wird noch Ergotherapie angeboten. Für die Eltern und Kinder haben beide Angebote jeweils den Vorteil, dass man am späten Nachmittag nicht noch mal extra los muss.

Online-Redaktion: Veranstaltet Ihre Schule ein Ferienprogramm?

Kreßner: Bis auf eine Schließwoche haben wir die ganzen Ferien über geöffnet. Es wird keine bloße Betreuung, sondern eine Feriengestaltung geben. Die Schülerinnen und Schüler unternehmen jeden Tag etwas Interessantes. Beispielsweise werden sie einen Ausflug zu einem Bienenzüchter in Jarnitz machen, das Kinderland besuchen, wo es um Indianer und Fotografie gehen wird, zur Drachenhöhle nach Syrau fahren, und eine Dampferfahrt an der Talsperre Pöhl machen. Es wird immer was los sein.

Online-Redaktion: Haben Sie das Gefühl, nach zwei Jahren Ganztagsschule Ihrem Ziel nahe gekommen zu sein, den Kindern mehr Möglichkeiten zu bieten?

Kreßner: Wir sind auf jeden Fall auf einem guten Weg. Es gilt aber, sich auf dem Erreichten nicht einfach auszuruhen, sondern zum Bewährten immer wieder neue Ideen hinzuzufügen. Deshalb haben wir alle Ohren und Augen geöffnet - beim Besuch an anderen Schulen oder auch einfach nur im Bekanntenkreis.


Hauptschule Markt Indersdorf

Online-Redaktion: Herr Güll, weshalb hat sich Ihre Schule entschieden, Ganztagsschule zu werden?

Martin Güll: Die Nachfrage für ganztägige Betreuung in der Schule ist in den letzten Jahren zunehmend gestiegen. Bei uns sperrten sich allerdings zunächst die Kommune, aber auch die Eltern, als wir die offene Form der Ganztagsschule einführen wollten. Das "offene" Ganztagsangebot in Bayern ist im Prinzip eine Nachmittagsbetreuung, die an den Halbtagsschulbetrieb angehängt wird. Hier gibt es einen Kostenverteilungsschlüssel 40:40:20. Das bedeutet, dass 40 Prozent der Kosten vom Land Bayern übernommen werden, 40 Prozent vom Sachaufwandsträger, also der Kommune, und 20 Prozent von den Eltern. Erst als wir die gebundene Form anboten, also - mit Ausnahme der Mittagsverpflegung - eine Ganztagsschule ohne zusätzliche Kosten für Kommune und Eltern, stieg die Nachfrage sprunghaft an.

Online Redaktion: Gab es Unterstützung oder Widerstände seitens des Kollegiums, der Eltern oder durch Politik und Verwaltung bei der Entscheidung?

Güll: Die Eltern waren sehr stark an der Einrichtung interessiert. Das Kollegium hat die Entscheidung mitgetragen, allerdings nicht vorbehaltlos. Es ist aber kein Problem gewesen, gute Kolleginnen und Kollegen für die Leitung der Ganztagsklassen zu finden. Bei der Politik gibt es ein starkes "Jein". Im Prinzip will man auch in Bayern mehr Ganztagsschulen in der gebundenen Form, aber nur langsam aufbauend. Wir dürfen nur Jahr für Jahr eine weitere Klasse dazu nehmen, bis ein kompletter Zug - pro Jahrgangsstufe eine Klasse -  fertig ist. Eigentlich besteht aber ein viel größerer Bedarf. Für das nächste Schuljahr 2006/2007 müssen wir alleine 47 Schüler in der 5. Jahrgangsstufe abweisen, weil wir nur insgesamt zwei Klassen bilden dürfen - eine aus 6 in 7 weiter geführte Klasse und eine neue 6. Klasse bei 32 Anmeldungen!

In einer Pressekonferenz gab Rektor Martin Güll (2.v.l.) die Genehmigung der Ganztagesklasse bekannt. Mit auf dem Foto (v.l.n.r.): Schulamtsdirektor Helmut Wagner, CSU-Landtagsabgeordneter Blasius Thätter und Schulverbandsvorsitzender Bürgermeister Josef Kreitmeir

Online-Redaktion: Welches Ziel verfolgen Sie mit der Einführung der Ganztagsschule?

Güll: Wir wollen der Tatsache Rechnung tragen, dass immer mehr Schüler zu Hause eine unzureichende Unterstützung bekommen können und dafür eine schulische Alternative geschaffen werden muss. Die individuelle Förderung steht bei uns ganz oben. Dazu kommt dann natürlich auch der Betreuungsgedanke, die Kinder von der Straße zu holen. Für die Oberklassen - wir sind eine reine Hauptschule mit derzeit rund 550 Schülerinnen und Schülern - steht eine intensive Berufsvorbereitung im Vordergrund. Die Vermittlung auf dem Lehrstellenmarkt wird selbst in der wirtschaftlich starken Region München immer problematischer.

Online-Redaktion: Können Sie die Schüler bezüglich ihrer Persönlichkeitsentwicklung und ihrer Leistungen besser unterstützen, als es in einer Halbtagsschule möglich ist?

Güll: Eindeutig ja. Gerade für die Persönlichkeitsentwicklung können wir durch das ganztägige Zusammensein mit dem rhythmisierten Unterricht viel tun, insbesondere beim Aufbau der Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit, selbstständiges Lernen und Sozialkompetenz. Die individuelle Förderung gelingt natürlich um so besser, je mehr sich Schülerinnen und Schülern darauf einlassen und die Förderangebote annehmen.

Online-Redaktion: Was zeichnet Ihre Schule bereits jetzt aus?

Güll: In unserer Schule laufen auch für die Schülerinnen und Schülern im Halbtagsbetrieb beispielsweise berufskundliche Projekte und eine ganze Menge an freiwilligen Angeboten im Bereich der Arbeitsgemeinschaften. Vor allem die Projektarbeit wird im Ganztagsschulbetrieb stark forciert. So verfügen wir zum Beispiel über einen Schulgarten und eine Schülerfirma, den "Cookery Master Service".

Online-Redaktion: Welche Baumaßnahmen konnten Sie realisieren?

Güll: Mit Hilfe der Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" konnte aus zwei ehemaligen Klassenzimmern eine Schulkantine umgebaut werden. Dazu bekamen wir im Pausenhof zusätzliche Flächen für Tischtennis und Streetball sowie eine Freikletterwand. In der Aula wurde eine stationäre Bühne mit einer Grundausstattung für Licht und Beschallung angeschafft. Ansonsten ist unsere Schule gut ausgestattet und für den Ganztagsbetrieb gerüstet.

Online-Redaktion: Welche personellen Ressourcen stehen Ihnen dabei zur Verfügung?

Güll: Hier ist eine unerfreuliche Entwicklung im Gange. Im gerade beendeten Schuljahr 2005/2006 bekamen wir für jede Ganztagsklasse 19 zusätzliche Lehrerstunden. Ab September werden es nur noch zwölf Lehrerstunden sein, und als Ausgleich steht für jede Klasse ein Betrag in Höhe von 6.000 Euro zur Verfügung, der für die Beschäftigung von Honorarkräften gedacht ist. Allerdings gibt es bis wenige Wochen vor Beginn des neuen Schuljahres keine genauen Ausführungsbestimmungen. Das Geld wurde leider nicht den Schulen zur selbstständigen Verwendung überlassen. So viel zum Thema "teilautonome Schule"...

Online-Redaktion: Welche Herausforderungen bringt das kommende Schuljahr?

Güll: Wir stehen ja noch ganz am Anfang mit unseren Erfahrungen. Die größte Herausforderung bleibt auch im nächsten Schuljahr, den Halbtagsbetrieb, immerhin 19 von 21 Klassen, mit dem Ganztagsbetrieb mit seinen zwei Klassen harmonisch zusammenzuführen. Hier ist noch viel Grundlagenarbeit zu leisten. Ich bin überzeugt, dass wir den Ansprüchen einer Ganztagsschule erst dann im vollen Umfang gerecht werden können, wenn wir in allen Jahrgangsstufen und dann vielleicht auch noch in mehr als einer Klasse einen Ganztagsbetrieb haben, um Synergieeffekte nutzen zu können. Wir arbeiten daran.


Privatgymnasium Pindl Regensburg 

Online-Redaktion: Frau Neumann-Grziwok, wie kam es dazu, dass Ihr Gymnasium Ganztagsschule geworden ist?

Barbara Neumann-Grziwok: Wir machen uns immer Gedanken, wie wir uns unterrichtlich verbessern können. Als die Landesregierung 2003 die Umstellung der Gymnasien auf die achtjährige Schulzeit ankündigte, entschieden wir uns, mit dem Schuljahr 2004/2005 für die gebundene Ganztagsschule in rhythmisierter Form. Bei uns wechseln also Unterricht, die Erledigung von Arbeitsaufträgen - von Hausaufgaben kann man ja eigentlich nicht mehr sprechen -, Wahlfächer, Neigungskurse und Freizeitangebote, die von Lehrern gemeinsam mit Sozialpädagogen angeboten werden, einander ab. Insgesamt können sich die Schülerinnen und Schüler bis 17 Uhr in der Schule aufhalten.

Online-Redaktion: Warum haben Sie sich für die gebundene Form entschieden?

Neumann-Grziwok: Wir wollten die Schule so gestalten, dass sie dem Biorhythmus und den Bedürfnissen der Kinder entgegenkommt. Die rhythmisierte Form ist dafür am besten geeignet. Wir können ja den direkten Vergleich an unserer Schule ziehen. Unsere Schule ist vierzügig, je zwei Klassen lernen im rhythmisierten Ganztag, die beiden anderen erhalten den Unterricht kompakt am Vormittag und können am Nachmittag noch ihre Hausaufgaben in der Schule erledigen. Diese Schülerinnen und Schüler sind am Nachmittag im Vergleich zu jenen, die am ganztägig rhythmisierten Unterricht teilnehmen, erschöpfter - obwohl sie letztlich nicht mehr Unterricht und Schulaufgaben haben. Gerade die sechste Unterrichtsstunde schlaucht die Kinder. Die rhythmisierte Form, bei der die sechste Stunde durch das Mittagessen ersetzt wird, kommt den Schülerinnen und Schüler viel mehr entgegen. Sie verlassen die Klassenzimmer am Nachmittag immer noch heiter und entspannt.

Online-Redaktion: Sind Sie auch vom 45-Minuten-Takt abgegangen?

Neumann-Grziwok: Nicht generell. Die Lehrerinnen und Lehrer haben aber die Möglichkeit, ihren Unterricht in Doppelstunden differenziert zu gestalten. Wenn zwei Stunden Englisch auf dem Plan stehen, dann teilt sich der Lehrer die Zeit selbst ein. Nach einem Teil Frontalunterricht kann zum Beispiel eine Übungsphase eingeschoben werden, in der die Schülerinnen und Schüler selbstständig Aufgaben lösen - in Anwesenheit des Lehrers. Dieser kann so sehr schnell erkennen, wo bei den Kindern noch Hilfestellung notwendig ist, wer noch Unterstützung braucht oder es aber ganz alleine schafft. Wer die Aufgaben viel schneller erledigt als der Rest, kann dann eben anspruchsvollere erhalten. Diese Binnendifferenzierung ist sehr hilfreich.

Die Schülerinnen und Schüler lernen mit Wochenarbeitsplänen. Am Ende der Woche müssen alle Schülerinnen und Schüler gleich weit sein. Ihr Arbeitstempo können die Kinder und Jugendlichen dabei selbst bestimmen. Die stärkeren Schülerinnen und Schüler unterstützen als eine Art Lerntutoren auch mal die schwächeren. Das ist eine sehr kommunikative Form des Lernens, die die Klassengemeinschaft enorm stärkt und hilft, selbstständiges Arbeiten zu lernen.

Manche Stunden werden auch in verschiedene Module aufgeteilt: Die Schülerinnen und Schüler können sich in diesen so genannten Neigungsgruppen verschiedene Angebote aussuchen. Sie wählen Sport, Chor, Kunst oder Mikroskopieren. Diejenigen, die mit ihrer Arbeit noch nicht fertig sind, gehen indessen in die Arbeitsstunden. Hier sind wir offen, dies erfordert aber auch von uns eine intensive Organisationsarbeit.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt da überhaupt noch der klassische Frontalunterricht?

Neumann-Grziwok: Der ist weiterhin ein wesentlicher Bestandteil, aber eben nur ein Teil des Schultags. Durch die ganztägige Struktur ist es möglich, darüber hinaus flexiblere Unterrichtsformen wie beispielsweise Gruppenarbeit oder auch absolute Stillarbeit anzubieten.

Online-Redaktion: Können Schülerinnen und Schüler, die mit der einen oder anderen Form des Schultages nicht zurecht kommen, auch noch wechseln?

Neumann-Grziwok: Natürlich. Manchmal raten wir auch dazu, wenn beispielsweise ein Kind von dem langen Schultag überfordert ist. Solche Fälle von Schülerinnen und Schülern, die einfach noch mehr Freiräume brauchen, gibt es. Dies sind aber Einzelfälle.

Online-Redaktion: Nicht nur die Schülerinnen und Schüler sind länger in der Schule, auch die Lehrerinnen und Lehrer. Konnten Sie dem Rechnung tragen, zum Beispiel durch die Einrichtung von Lehrerarbeitsplätzen?

Neumann-Grziwok: Wir sind gerade dabei, das Lehrerzimmer deutlich zu vergrößern, damit für jeden Lehrer genügend Arbeitsbereiche und Computerarbeitsplätze vorhanden sind. Aber ich muss noch mal deutlich sagen, dass sich der Umfang der Lehrerarbeitszeit nicht groß verändert. Statt des Nachmittags ist dann eben der Vormittag unterrichtsfrei und die Vor- und Nachbereitung, die sonst zu Hause geleistet wird, kann jetzt innerhalb des Schultages bewältigt werden. Für diese Arbeit richten wir auch einen reinen Silentium-Raum für Lehrkräfte ein.

Online-Redaktion: Durch die verschiedenen Möglichkeiten, Unterricht zu gestalten, können ja auch neue Methoden und Ideen in die Schule Eingang finden. Gibt es einen Austausch der Lehrerinnen und Lehrer darüber?

Neumann-Grziwok: Diese neuen Unterrichtsformen bedingen geradezu mehr Teamarbeit. Wir veranstalten regelmäßige Sitzungen mit allen Klassenlehrern und Sozialpädagogen, die sich auch darüber austauschen, wie sich die Kinder im Freizeitbereich verhalten. Es finden auch viele von Lehrern und Sozialpädagogen gemeinsam gestaltete Projekte statt. Dies macht den Austausch notwendig, erleichtert aber auch die Arbeit. Es muss ja nicht jeder für sich das Rad neu erfinden.

Nicht allen Kolleginnen und Kollegen liegt diese Arbeitsweise. Niemand wird gezwungen, im Ganztag zu arbeiten. Wir beobachten aber, dass die Kolleginnen und Kollegen im Ganztag mit ihrer Begeisterung andere anstecken und auch auf Lehrerseite der Zuspruch deutlich steigt.

Online-Redaktion: Frau Hiebsch, wie sehen die Teamsitzungen der Lehrer und Sozialpädagogen aus?

Margarete Hiebsch, stellvertretende Schulleiterin: Die Teamsitzungen der einzelnen Klassen sind ein zentrales Element des Ganztags. Hier wird die Verzahnung zwischen den Lehrkräften untereinander und den Sozialpädagogen hergestellt. Wir treffen uns in sechswöchigen Abständen und besprechen pädagogische Grundsätze. Meistens geht es dann um bestimmte Schülerinnen und Schüler, die einer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen.

Der ständige Kontakt zwischen Lehrern und Sozialpädagogen läuft über mich. Einmal in der Woche bitte ich alle Sozialpädagogen zu mir, und sie können mir Besonderheiten schildern. Diese Informationen gebe ich dann an die Lehrkräfte weiter. Zusätzlich gibt es so genannte Kontaktordner, die für jede Klasse geführt werden. Hier legen die Sozialpädagoginnen und -pädagogen eine Art Tagebuch an. Die Klassenlehrer schauen sich das dann am nächsten Morgen an und geben gegebenenfalls relevante Informationen an die Fachlehrerinnen und -lehrer weiter. Bei echten Problemen arrangieren wir Treffen der Sozialpädagogen mit den entsprechenden Klassen- oder Fachlehrerinnen und -lehrern. So ist insgesamt eine dichte Verzahnung und pädagogische Betreuung der Kinder gegeben.

Online-Redaktion: Arbeiten die Sozialpädagoginnen und -pädagogen auch am Vormittag mit?

Hiebsch: Die Arbeitsstunden am Vormittag werden durch die Fachlehrer geleitet. Die Sozialpädagogen kommen erst zum Mittagessen in die Schule und betreuen die Schülerinnen und Schüler dann bei den Arbeitsaufträgen.

Online-Redaktion: Wenn eine Sozialpädagogin beobachtet, dass die Kinder mit den Aufgaben einer bestimmten Lehrkraft nicht zurecht kommen, weil zum Beispiel der Umfang viel zu groß ist, kann sie dann auch Rückmeldung an die Lehrkraft geben?

Hiebsch: Natürlich, genau das ist ja der Punkt.

Online-Redaktion: Die Lehrer reagieren dann auch nicht allergisch auf diese Kritik?

Hiebsch: Nein, da gibt es überhaupt keine Reibereien. Gerade diese Rückkopplung braucht man für seine Arbeit.

Online-Redaktion: Der Organisations- und Kommunikationsaufwand ist nicht unerheblich. Beeinträchtigt dies die Arbeitszufriedenheit?

Hiebsch: Im Gegenteil. Die Nachfrage nach Ganztagsklassen ist von Lehrerseite her ständig gestiegen. Am Anfang gab es eine gewisse Zurückhaltung, weil die Kolleginnen und Kollegen nicht genau wussten, was auf sie zukommt, dann aber stiegen nach und nach immer mehr ein. Und auch von Elternseite hören wir, wie gut es den Kindern gefällt.

Online-Redaktion: Was bieten Sie im Freizeitbereich und den Neigungsgruppen an?

Hiebsch: In der Mittagsfreizeit sind besonders die Sozialpädagoginnen und -pädagogen eingebunden, die mit den Schülerinnen und Schülern zum Beispiel mal rausgehen. Diesen Bereich hoffen wir demnächst anders strukturieren zu können. Im Herbst wird unser Neubau eingeweiht, den wir über das IZBB-Programm haben erstellen können. Dort gibt es dann neue Aufenthaltsbereiche und einen neuen Schulhof, wo weitere Freizeitangebote gemacht werden und sich die Kinder entscheiden können, was sie wahrnehmen. Es wird sportliche, kreative, kulturelle und wissenschaftliche Angebote geben. Die Fachlehrerinnen und -lehrer können dabei ebenfalls ihre Neigungen einbringen: So veranstalten wir demnächst eine Schach-AG. Und weil wir einen Schüleraustausch mit China beginnen, haben wir bereits Chinesisch im Angebot.

Online-Redaktion: Frau Neumann-Grziwok, welche baulichen Maßnahmen sind an Ihrer Schule durchgeführt worden?

Neumann-Grziwok: Es ist ein komplett neuer, vierstöckiger Ergänzungsbau, der etwa ein Drittel an Fläche des Altbaus umfasst, entstanden. Dieser verfügt über eine große Küche, einen abwechslungsreich gestalteten Essbereich und einen großen Aufenthaltsbereich. Es schließen sich ein Schulgarten und eine Bibliothek sowie ein Computerraum mit 30 Arbeitsplätzen an. Den Schülerinnen und Schülern steht ein Ruheraum mit herrlichem Blick über Regensburg zur Verfügung. Ein ganzer Teil ist dem Künstlerischen und Musischen gewidmet, ein anderer Bereich den Naturwissenschaften mit Arbeitsräumen für Schülerexperimente. Darüber hinaus sind vier Klassenräume entstanden. Jedem dieser Räume ist ein Intensivierungsraum zugeordnet, den man nutzen kann, wenn man die Klassen geteilt hat, um in Kleingruppen weiterzuarbeiten.

Online-Redaktion: Denken Sie, mit der Ganztagsschule auf dem richtigen Weg zu sein?

Neumann-Grziwok: Wir sind voll davon überzeugt. Das ist sicherlich die richtige Form des Unterrichtens für die Zukunft. Besonders in der 5. und 6. Jahrgangsstufe ist das optimal. Die Klassengemeinschaft hat für die jungen Schülerinnen und Schüler einen hohen Stellenwert. Durch den ganztägig rhythmisierten Schultag wächst man gut zusammen und wird hilfsbereit. Wir unterstützen das noch durch soziale Projekte, die im Auge haben, wie man sein Leben generell gestaltet - immer an die jeweilige Altersstufe angepasst. Wir achten auf Tischsitten und eine gesunde Ernährungsweise, besuchen einen Bio-Bauerhof oder einen besonders ausgezeichneten Laden, damit die Kinder sehen, wie man vernünftig und gesundheitsbewusst einkauft.

Ab der 7. Klasse kommen die Jugendlichen in die Pubertät und schätzen dann mehr das Individuelle. Hier müssen wir, was den Freizeitbereich angeht, uns neue Gedanken machen, um den Schülerinnen und Schülern mehr Freiräume zuzugestehen und Möglichkeiten zur Selbstentfaltung zu bieten. Wir sind selbst Lernende bei diesem Konzept.

Online-Redaktion: Haben Sie noch einen Wunsch für die nähere Zukunft?

Neumann-Grziwok: Nach den vielen Veränderungen in der letzten Zeit, die alle bayerischen Gymnasien betroffen haben, wünsche ich mir zukünftig ruhigere Fahrwasser, um die vielen Neuerungen in Ruhe umsetzen und für die Schülerinnen und Schüler eine gute Zukunft gestalten zu können.

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 14.07.2006
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