Zum Jahresbeginn sind 20 nordrhein-westfälische Hauptschulen im Ganztagsbetrieb gestartet, zum Schuljahr 2006/2007 kommen 80 weitere hinzu. Welche rechtlichen Fragen es zu beachten gibt und welche Möglichkeiten die zusätzliche Zeit bietet, wurde auf der Auftaktveranstaltung "Neue erweiterte Ganztagshauptschule" der Regionalen Serviceagentur Nordrhein-Westfalen und des Ministeriums für Schule und Weiterbildung am 30. Mai 2006 in Köln erörtert.
Die nordrhein-westfälische Landesregierung gibt nach den Grundschulen nun auch verstärkt Hauptschulen die Möglichkeit, den Ganztagsbetrieb aufzunehmen. Bereits zum zweiten Schulhalbjahr 2005/2006 sind 20 Schulen gestartet, zum Schuljahr 2006/2007 kommen 80 weitere hinzu. "Das zentrale Anliegen ist die Qualitätsverbesserung der Hauptschulen", erklärte Manfred Walhorn, Leiter der Schulabteilung des Ministeriums für Schule und Weiterbildung, am 30. Mai 2006 vor über 100 Anwesenden im Kölner Maternushaus.
Das Ministerium richtete dort zusammen mit der Regionalen Serviceagentur Nordrhein-Westfalen die Auftaktveranstaltung "Neue erweiterte Ganztagshauptschule" für die Schulen aus den Regierungsbezirken Köln und Düsseldorf aus. Die Veranstalter wollten gemeinsam mit den Schulen rechtliche Fragen klären, in Workshops gute Beispiele vorstellen und pädagogische Impulse geben.
"Der Erfahrungstransfer wird wichtiger, weil Schulen voneinander lernen wollen", stellte Anja Durdel von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) in ihrem Grußwort fest. Die DKJS helfe, das Wissen über die Bundesländergrenzen hinwegzutragen, während die Regionale Serviceagentur vor Ort Unterstützung leiste. Nordrhein-Westfalen lobte sie als Land, dass in der Qualitätsdiskussion weit vorne sei, was sich auch an den hohen qualitativen Standards bei den Anträgen zur Ganztagshauptschule gezeigt habe. Den Schulen selbst riet sie: "Fangen Sie mit den Sachen an, die Sie gut können! Schauen Sie auf Ihrem Weg nach rechts und links!"
Schulhalbjahr als Lernphase
Manfred Wallhorn erklärte in seinem Grußwort: "Bis 2012 wollen wir 50.000 Ganztagshauptschulplätze schaffen und stellen dafür 24 Millionen Euro im Haushalt bereit. Dadurch soll die Entkopplung von schulischem Erfolg und sozialer Herkunft gelingen. Wir wollen das Leistungsvermögen der Hauptschüler mobilisieren." Im Gegensatz zu den offenen Ganztagsgrundschulen sollen die Hauptschulen in gebundener Form geführt werden. Schwerpunkte sind laut Wallhorn die Arbeit mit Kooperationspartnern und die Berufsvorbereitung. An so genannten sozialen Brennpunkten würden die Ganztagshauptschulen flächendeckend eingeführt.
"Wir setzen auf die tatkräftige Unterstützung der Schulträger und die finanzielle Unterstützung aus dem Investitionsprogramm ,Zukunft Bildung und Betreuung' des Bundes", so Wallhorn weiter. Die Landesregierung habe 500 Stellen, die eigentlich wegen rückläufiger Schülerzahlen weggefallen wären, an den Hauptschulen belassen, um eine bessere individuelle Förderung zu ermöglichen.
Als eine große Hilfe erwies sich im Anschluss der Vortrag von Alfred Möller, Leiter des Referats Arbeits- und Vertragsrecht im Ministerium für Schule und Weiterbildung. Möller sprach über die "Kapitalisierung von Lehrerstellen: Arbeitsrechtliche Grundlagen und Vertragsgestaltung". Für viele Schulleitungen ist die Kooperation mit außerschulischen Partnern oder gar das "Einkaufen" von Projekten oder Arbeitsgemeinschaften noch Neuland. Entsprechend hoch war der Informationsbedarf. "Zu diesem Thema gibt es die meisten Nachfragen", berichtete Sabine Wegener, Leiterin der Serviceagentur NRW, über ihre Erfahrung mit analogen Veranstaltungen.
Die Ganztagshauptschulen können ihren Stellenzuschlag für pädagogisches Personal zu zehn Prozent kapitalisieren und mit diesen Mitteln zusätzliche pädagogische Angebote finanzieren. Möller wollte mit seinem Referat die Anwesenden sensibilisieren, keine Verträge einzugehen, an deren Ende sich die Vertragsnehmer in ungewollte Dauerbeschäftigungen einklagen könnten. "Erkundigen Sie sich vorher, in welchem Beschäftigungsverhältnis ein Arbeitnehmer steht, den Sie von einem anderen Arbeitgeber überlassen bekommen", riet der Referatsleiter.
Kein Verständnis hätten Schulträger zu erwarten, die Personal abzögen, um es dann - über die Ganztagsschulmittel finanziert - wieder einzustellen. "Das ist rechtswidrig und steht auch so im Erlass. Die Genehmigung kann dann zurückgezogen werden", erklärte der Referatsleiter auf Nachfragen aus dem Plenum, die darauf schließen ließen, dass Schulträger genau dies vereinzelt versuchten.
Aachen: Fördergutscheine, Zertifikate und Berufswahlpass
Am Nachmittag bestand für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, jeweils drei von vier pädagogischen Workshops zu besuchen. Von "Chancen der Unterrichtsentwicklung und Förderung im Ganztag" berichtete Manfred Paul, seit 13 Jahren Schulleiter der Gemeinschaftshauptschule Aretzstraße in Aachen. "Fördermaßnahmen müssen alle treffen, wir fördern nicht nur schwache Schüler", stellte der Lehrer zu Beginn klar. Mit einer breiten Palette von Fördermaßnahmen begleite man die Schüler während der gesamten Schulzeit. Es habe sich dabei sehr bewährt, eine Mischung aus Förderungen, die sich an den Stoffen des Unterrichts orientierten und die davon unabhängig seien, zu finden. Individuelle Förderung werde in so genannten Förderfreiräumen durchgeführt, die jeweils eine Viertelstunde lang vor Schulbeginn freiwillig, in der Mittagspause und nach Schulschluss für manche verpflichtend stattfänden. "Es gibt aber auch Schülerinnen und Schüler, die freiwillig bleiben", erklärte Paul.
"Versuchen Sie nicht, für alle Schülerinnen und Schüler Förderpläne aufzustellen, das ist gar nicht leistbar", warnte der Schulleiter. Für manche Kinder und Jugendliche hätten sich Förderpläne jedoch sehr bewährt. Im Wochenplan sei immer die gleiche Stunde für Förderungen vorgesehen, zusätzlich gebe es parallele Förderangebote im AG-Bereich. "Mit einem Fördergutschein haben wir das Fördern positiv besetzt. Manche Kinder wollen sogar möglichst viele Scheine sammeln. Für die Teilnahme an Fördermaßnahmen erhalten die Schüler Zertifikate und Testate, die zunächst vom Klassenlehrer in einer Mappe gesammelt werden und später in den Berufswahlpass kommen können", so Paul.
80 Prozent der Schülerinnen und Schüler, die die Gemeinschaftshauptschule Aretzstraße besuchen, haben einen Migrationshintergrund. Was die Sprachförderung angehe, habe man den Lehrplan entrümpelt und statt dessen mehr Zeit für Training mit selbst entworfenen Trainingsheften eingeräumt. Das Ergebnis laut Schulleiter: "Die Deutschleistungen haben sich seitdem verbessert."
Konfirmandenunterricht in der Hauptschule Neunkirchen
An der Hauptschule Neunkirchen scheint der Ganztagsbetrieb zu funktionieren. Zumindest konnte Schulleiterin Anita Pütz in ihrem Workshop "Organisation des Ganztags in einer Hauptschule" berichten, dass eine Elternbefragung sehr positiv ausgefallen und kein Kind seit der Umwandlung zur Ganztagsschule abgemeldet worden sei.
Bei der Organisation einer Ganztagsschule müsse man zunächst beachten, dass auch der Schulbusverkehr umgestellt werde und daher das Gespräch mit den Verkehrsbetrieben suchen. In Neunkirchen-Seelscheid fahren nun zwei zusätzliche Busse, allerdings ist das immer noch zu wenig: "Die Fahrtzeiten von einer Stunde für manche Schüler sind zu lang. Das soll demnächst geändert werden."
Es sei der Schule gelungen, alle Vereine als Kooperationspartner mit ins Boot zu bekommen. Die Evangelische Kirche habe ihren Konfirmandenunterricht in den Schultag integriert. Auch die Eltern arbeiteten in der Schule mit und kämen über die Schule mit ihren Kindern ins Gespräch, was "meine ideale Vorstellung von Schule ist", so Anita Pütz.
Schwierig sei indes die Situation rund um das Mittagessen. Das gemeinsame Essen, an dem auch ein Lehrer teilnehme, sei für manche Kinder ein echtes Erlebnis, da sie dies von zu Hause nicht kennen würden. Aber für immer mehr Eltern und damit auch für die Kinder würde es schwierig, das Essensgeld aufzubringen.
Die gleiche Klage hörte man von Rektor Peter Hoffmann von der Kopernikusschule Lippstadt im Workshop "Beispiel eines bestehenden Kooperationskonzeptes zwischen einer Hauptschule und der Initiative für Jugendhilfe, Bildung und Arbeit (INI)". Der Schulleiter berichtete: "Essen ist mehr als Sattmachen, sondern ein gemeinsames Erlebnis. Es ist für die Eltern aber ein schwieriges Thema, denn nicht alle können 50 Euro im Monat aufbringen. Das bringt wiederum einen erhöhten organisatorischen Aufwand für INI mit sich, die als Träger des Mittagstisches dann dem Geld hinterherlaufen müssen."
Lipptstadt: Kein Problem der Schule, sondern des Wohnbezirks
Die Kopernikusschule liegt in einem sozialen Brennpunkt mit vielen Spätaussiedlern. Die sich häufenden Probleme mit Gewalt und Vandalismus seien der Schule angelastet worden, doch das ließ Hoffmann so nicht stehen: "Das war kein Problem der Schule, sondern des gesamten Wohnbezirks." 2001 habe man mit dem Schulamt, dem Schulverwaltungsamt, dem Fachbereich Jugend und Soziales, den beiden anderen Lippstädter Hauptschulen, INI und der Polizei ein Konzept "Leben und Lernen im Sozialraum" entwickelt. 2003 kam ein Schulsozialarbeiter mit einer halben Stelle an die Schule.
Mit INI arbeitet man bereits seit 1983 zusammen, und durch die Ganztagsschule hat man diese Zusammenarbeit vertiefen können. In Blöcken von sechs Wochen bietet die Initiative Kurse zum sozialen Lernen und zu Themen wie Gewaltprävention, Integration, Mobbing oder Drogen an. "Ein Ziel ist es, dieses Programm in der Klasse 5 kontinuierlich das ganze Jahr anzubieten", berichtete Hoffmann.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Berufsvorbereitung. INI veranstaltet berufspraktische Tage, Seminare zur Berufswahl, Informationsveranstaltungen zur Jugendberufshilfe, vermittelt Praktikumsplätze und führt Testverfahren zur Kompetenzfeststellung durch. Nicht nur seine Schülerinnen und Schüler, sondern auch seine Schule habe von der Zusammenarbeit sehr profitiert, meinte der Schulleiter: "Diese Maßnahmen sind immer auch Lehrerfortbildungen gewesen."
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 13.06.2006
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