28. NOVEMBER 2003

"Ganztagsschulen rechnen sich"

Für Stefan Appel, den Vorsitzenden des Ganztagsschulverbandes, war der Vortrag "Ganztägige Bildung und Betreuung aus ökonomischer Sicht" von Professor Stefan Sell von der Fachhochschule Koblenz ein Höhepunkt des diesjährigen Ganztagsschulkongresses. Im Interview legt Sell noch einmal dar, weshalb es im Bildungsbereich besser und billiger ist, "früh zu investieren, als später zu reparieren".

Online-Redaktion: Herr Professor Sell, die Bildungspolitik hat auf den PISA-Schock unter anderem mit der Ganztagsschulen-Offensive reagiert. Wie stehen Sie als Volkswirtschaftler und Sozialwissenschaftler zur Ganztagsschule?

Sell: Wir müssen zunächst einmal eine konzeptionelle Klarheit bekommen, was man unter Ganztagsschulen versteht. Ein zentrales Problem der aktuellen Diskussion ist die große Varianz im Verständnis dessen, was man mit Ganztagsschulen bezeichnet. Die neue Definition der Kultusministerkonferenz zum Beispiel beinhaltet auch Schulen, an denen lediglich das halbtägliche Konzept als Betreuungsfunktion in den Nachmittag verlängert wird. Und wir müssen aufpassen, dass wir nicht zwei unterschiedliche Diskussionen vermischen: Die Frage der tatsächlich defizitären Betreuung von Schulkindern mit der pädagogischen Diskussion der Ganztagsschule.
Aus ökonomischer Sicht macht beides Sinn. Der Ausbau der Betreuungsfunktionen ist ein wichtiger Punkt, weil viele empirische Untersuchungen zeigen, dass die betroffenen Mütter bei der Frage nach Schwierigkeiten mit der Kinderbetreuung häufig sagen, mit der Schule fingen die Probleme durch die Halbtäglichkeit und die langen Ferienzeiten erst an. Es gibt allerdings noch stärkere Argumente, die Ganztagsschule im engeren Sinn als Modell zu diskutieren und zu fördern. Die Ausweitung auf den ganzen Tag in Form von rhythmisierten Zeiten könnte ein zentrales Problem lösen, was vor allem aus sozialpolitischer Sicht relevant ist: die Zeitnot.

Online-Redaktion: Was spricht denn für Ganztagsschulen aus ökonomischer Sichtweise?

Sell: Wir haben die Möglichkeit, durch den umfassenden Ausbau der Betreuungs- und Bildungseinrichtungen einen Sprung zu machen, was die Erwerbstätigkeit der Frauen angeht. 84 Prozent der kinderlosen Frauen zwischen 25 und 44 Jahren arbeiten, bei Frauen der gleichen Altersgruppe mit kleinen Kindern liegt die Erwerbsquote jedoch bei nur 29 Prozent. In Frankreich arbeiten aus dieser Gruppe 70 Prozent, da besteht also ein Unterschied, der darauf zurückzuführen ist, dass die Franzosen ein sehr gut ausgebautes und funktionierendes System der Kinderbetreuung haben. Wenn Frauen einer Tätigkeit nachgehen, hat das volkswirtschaftlich positive Auswirkungen wie höhere Steuereinnahmen, höhere Sozialversicherungsbeiträge und ein höheres Familieneinkommen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die Länder, die im internationalen Vergleich über eine hohe Erwerbsquote der Frauen verfügen, auch eine niedrigere Arbeitslosigkeit haben. Man darf nicht dem Irrtum aufsitzen, es gebe keine Arbeitsplätze für diese zusätzliche Beschäftigung. Hinzu kommt, dass wir viele Frauen aus dem Transferbezug herauslösen könnten. Vielen alleinerziehenden Müttern bleibt oft nichts anderes übrig, als Sozialhilfe zu beziehen.

Online-Redaktion: Sie kritisieren, dass Bildungsaufwendungen oft nicht als Investitionen, sondern als Konsumausgaben dargestellt und verstanden werden. Welche Folgen hat das Investieren im Bildungsbereich?

Sell: Für Volkswirte besonders interessant sind die so genannten positiven externen Effekte. Wir wissen aus empirischen Untersuchungen, dass es zum Beispiel einen klaren Zusammenhang zwischen dem Gesundheitszustand und dem Bildungsniveau gibt. Ebenso ist erwiesen, dass Menschen mit höherem Bildungsniveau besser mit Kaufentscheidungen in einer Konsumgesellschaft umgehen können. Investitionen im frühkindlichen Bereich und in den Grundschulen führen dazu, dass wir in der Folge sehr hohe Ausgaben beispielweise im Jugendhilfebereich oder in der Arbeitsmarktpolitik einsparen können - also gerade in Bereichen, wo die Kosten in den vergangenen Jahren mit zweistelligen Prozentsätzen gestiegen sind.

Online-Redaktion: Es stellt sich die Frage nach der Finanzierbarkeit von Ganztagsschulangeboten. Wie würden Sie zusätzliche Mittel mobilisieren?

Sell: Zunächst mal müsste der Bund nicht nur auf der Investitionskostenseite mit Anschubfinanzierungen tätig sein, sondern er könnte - ähnlich wie es derzeit in den USA diskutiert wird - auch laufende Betriebskosten finanzieren. Diese laufenden Kosten, also die Personalkosten, machen natürlich den größten Anteil bei den Investitionen aus. Die Kommunen und Länder haben große Bedenken, dass sie auf diesen dauerhaft hohen Kosten sitzen bleiben. Es gibt in der Bundesrepublik allerdings wie in der Schweiz das verfassungsrechtliche Problem, dass der Bund nicht direkt an die Kommunen zahlen darf, sondern den Umweg über die Bundesländer gehen muss. Mit einem Gutscheinsystem für einkommensschwache Familien würde dieses Problem umgangen, indem die Mittel wie beim Kindergeld direkt an die Eltern flössen.

Online-Redaktion: Es bleibt immer noch die Frage, woher zusätzliche Mittel kommen könnten...

Sell: Es müssen klare Prioritäten gesetzt werden. Nach allem, was wir über die ökonomischen Effekte, die sich aus der Ganztagsschule ergeben, wissen, muss das Motto in den nächsten Jahren lauten: "Lieber früh investieren, als später reparieren!" Wir brauchen daher eine Mittelumkehr: Die OECD hat uns konstatiert, dass wir im Verhältnis zu den Aufwendungen für die Sekundarstufe II zu wenig Geld für den Elementarbereich ausgeben. Innerhalb des Bildungssystems kann also durchaus über Umschichtungen diskutiert werden. Eine Ganztägigkeit könnte zum Beispiel eine Verkürzung der Schulzeit um ein Schuljahr ermöglichen. Nichtsdestotrotz brauchen wir zusätzliche Finanzmittel. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat für eine bedarfsgerechte Betreuung der bis zu 16-Jährigen auf einen Betrag von 23 Milliarden Euro jährlich errechnet. Man müsste daher auch über Umschichtungen in den familienpolitischen Leistungen reden: Eine Abschaffung des Ehegattensplittings würde eine Summe in dieser Größenordnung freisetzen. Darüber hinaus gibt es Einnahmen, auf die der Staat zur Zeit unverständlicherweise verzichtet: Das rheinland-pfälzische Finanzministerium hat zusammen mit dem Ifo-Wirtschaftsforschungsinstitut in München errechnet, dass der Staat jährlich auf 17,6 Milliarden Euro Mehrwertsteuereinnahmen wegen Umsatzsteuerbetrugs "verzichtet". Relativ einfache gesetzliche Änderungen könnten dies eingrenzen oder gar ganz verhindern. Grundsätzlich gilt es aber, viel stärker zu betonen, dass es sich hier nicht um Kosten, sondern um Investitionen handelt: Im Elementarbereich besteht ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von eins zu vier, das heißt, dass ich für jeden Euro, den ich investiere, volkswirtschaftlich vier Euro zurückerhalte. Investitionen in Ganztagsschulen amortisieren sich also um ein Vielfaches.

Online-Redaktion: Was wünschen Sie sich für den Bildungsstandort Deutschland?

Sell: Wenn man träumen darf: Gerade vor dem Hintergrund der anderen sozial- und wirtschaftspolitischen Diskussionen wünsche ich mir Politiker, welche die Fähigkeit besitzen, der Bevölkerung zu sagen, dass die Reformen im Bildungsbereich visionäre, positive Projekte sind, für die es sich lohnt, Einschnitte in Kauf zu nehmen. Wenn man dann den Bereich der vorschulischen und schulischen Betreuung als das Mega-Investitionsprojekt der nächsten Jahre ankündigte, würde das auf eine sehr positive Resonanz stoßen.

 

Autor: Ralf Schmitt
Datum: 28.11.2003
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Prof. Dr. Stefan Sell

  • Prof. Dr. Stefan Sell, geboren 1964 im schleswig-holsteinischen Eutin, absolvierte von 1981 bis 1983 eine Ausbildung zum Krankenpfleger und machte 1986 Abitur in Essen. Nach dem Zivildienst Studium der Sozialwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum von 1988 bis 1991 mit Abschluss als Diplom-Sozialwissenschaftler. Von 1992 bis 1999 verschiedene Tätigkeiten in Landes- und Bundesinstitutionen. Seit 1999 Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Koblenz in Remagen. Prof. Sell ist Mitglied in zahlreichen Beiräten und Herausgeber des "Sozialpolitischen Informationsdienstes".