Mit einem Schlag wurden 70 neue Schulen in das hessische "Ganztagsprogramm nach Maß" aufgenommen. Die Novizen brauchen Rat und Ermutigung. Diese bekamen sie auf einer zentralen Veranstaltung am 16. Mai 2006 in Frankfurt am Main. Solche Termine signalisieren den Schulen: Der zusätzliche Aufwand an Zeit und Ressourcen zum Aufbau eines Ganztagsbetriebs wird mit Anerkennung und einem gestiegenen Selbstbewusstsein belohnt. Rituale wie der vom Hessischen Kultusministerium und der Regionalen Serviceagentur Hessen initiierte Einstieg in das Programm festigen das Engagement vor Ort.
Früher hätten jene 70 Schulen, die am 16. Mai 2006 gleichzeitig in das Ganztagsschulprogramm Hessens aufgenommen wurden, vermutlich nichts voneinander gewusst. Jede Einzelschule hätte den offiziellen Bescheid des Hessischen Kultusministeriums auf brieflichem Wege empfangen und sich im Stillen darüber gefreut, dass sie in das "Ganztagsprogramm nach Maß" aufgenommen wurde. Dann hätten sich die Schulen mehr oder weniger allein auf ihren Weg gemacht, der ja außer der Anerkennung, nun Ganztagsschule zu sein, auch jede Menge zusätzliche Arbeit und ein Mehr an pädagogischer Anstrengung bedeutet.
Aber an diesem 16. Mai 2006 ist alles anders - so wie es sich viele Schulen früher sicherlich oft wünschten. Denn mitten im Großstadtleben der Mainmetropole Frankfurt findet im Philipp-Jakob-Spener-Haus eine zentrale Auftaktveranstaltung für die Neuen statt, jene neuen ganztägig arbeitenden Schulen in Hessen, die auch mit den Mitteln des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) gefördert werden. Den Auftakt hat die Regionale Serviceagentur Hessen in enger Abstimmung mit dem Kultusministerium initiiert und durchgeführt. Der geräumige, jeden Repräsentationszwecken genügende Saal im Mutterhaus des Evangelischen Regionalverbandes ist mit 120 Besuchern bis auf dem letzten Platz gefüllt.
Auftakt nach Maß
Es ist eine gute Idee gewesen, die Schulleitungen und Lehrkräfte jener 70 Schulen zu einer zentralen Veranstaltung einzuladen, die das Hessische Kultusministerium zuvor in das "Ganztagsprogramm nach Maß" aufgenommen hat. Eine Idee, die auch deswegen überzeugt, weil die Schulen nicht nur ein Forum zum gegenseitigen Kennenlernen bekommen, sondern weil dadurch ein Ritual der Anerkennung und des Wir-Gefühls initiiert wird, das zukünftige und schon bestehende Ganztagsschulen ermutigt, ihren Weg engagiert und wenn möglich in Kooperation fortzusetzen.
Schließlich befinden sich viele der 70 ausgewählten Schulen erst am Anfang ihres Weges zur Ganztagsschule. Das Land Hessen unterscheidet drei Modelle "ganztägig arbeitender Schulen", die auch unterschiedliche Grade der Ganztagsschulentwicklung darstellen: Die "Pädagogische Mittagsbetreuung" (Mittagessen und Angebote an mindestens drei Nachmittagen - als Einstiegsmodell), die "Kooperative Ganztagsschule in offener Konzeption" (Angebot an fünf Tagen) und die "Kooperative Ganztagsschule in gebundener Konzeption" (Pflichtunterricht am Nachmittag und Rhythmisierung).
"Insgesamt wurden im Rahmen des "Ganztagsprogramms nach Maß" (2002 bis 2005) bisher 193 Ganztagsangebote neu geschaffen und 23 vorhandene erweitert. Aktuell verfügen 336 Schulen in Hessen über ein Ganztagsangebot: 64 Kooperative Ganztagsschulen mit gebundener Konzeption, 35 Kooperative Ganztagsschulen mit offener Konzeption sowie 237 Schulen mit Pädagogischer Mittagsbetreuung", heißt es in einer Pressemitteilung des Hessischen Kultusministeriums vom 26.04.2006.
Pädagogische Profile und vergleichbare Standards in Hessen
Als gemeinsames Band dieser drei Modelle ist ein verlässliches Bildungs- und Betreuungsangebot vor und nach dem Vormittagsunterricht vorgesehen, das durch ein Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung sowie Förderunterricht und Wahlangebote getragen wird. Eine Richtlinie vom 1. August 2004 nach § 15 des Hessischen Schulgesetzes verpflichtet die neuen 70 Schulen zu einem kooperativen Ansatz: "Land, Schulträger oder Jugendhilfe gestalten gemeinsam ein Angebot vor Ort; alle Beteiligten tragen zur personellen, räumlichen und sächlichen Ausstattung der ganztägig arbeitenden Schulen bei."
Für die Schulen, die neu in das Landesprogramm aufgenommen wurden, gehe es insbesondere darum, die "qualitative Entwicklung" der Ganztagsschulen voranzubringen, stellte Wolf Schwarz, Referatsleiter im Hessischen Kultusministerium, zur Begrüßung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer fest. Dabei stünden pädagogische Profile, infrastrukturelle Aspekte, aber auch die Entwicklung vergleichbarer Standards für die ganztägigen Angebote im Vordergrund. Um diese Ziele zu erreichen, bekommen die neuen Ganztagsschulen für ihre wohnortnahen Angebote zusätzliches Personal und Geld vom Hessischen Kultusministerium gestellt:
Eine Chance für Schülerinnen und Schüler
Wenn die 70 neuen Schulen in Hessen Qualitätsstandards entwickeln wollen, brauchen sie kompetente Beratung und Leitbilder für ihre Entwicklungsarbeit. Stefan Appel, der Vorsitzende des vor 51 Jahren in Frankfurt gegründeten Ganztagsschulverbandes und Schulleiter der Hegelsbergschule in Kassel, klärte in seinem Hauptvortrag "Qualitäts- und Strukturmerkmale von Ganztagsschulen" über diese Merkmale auf, die ja nicht zuletzt das Geheimnis für den Erfolg vieler Ganztagsschulen in Hessen und überhaupt in Deutschland sind.
Mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit der Ganztagsschulen betonte Appel: "Ganztagsschulen bieten die Chance, die PISA-Ergebnisse zu verbessern, eine Garantie dafür sind sie aber nicht." Ganz oben rangieren für Appel die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler. Und mit Blick auf die Qualitätsmerkmale für gute Ganztagsschulen hob er acht Kategorien hervor, die eine gute Ganztagsschule aus Sicht des Verbandes erfüllen müsse, wenn sie das "Maximalprogramm" erfüllen wolle.
"Eine Schule darf nicht aussehen wie ein Bahnhof"
Sofern diese Kategorien wie zum Beispiel "Rekreationsbedürfnisse", "Kompensationsbedürfnisse" und "Edukationsbedürfnisse" mit Inhalt gefüllt werden, sofern sie also in der Praxis einer Ganztagsschule räumlich und zeitlich berücksichtigt werden, entsprechen sie für Appel einer Ganztagsschule als "Lebensschule". Eingedenk der Tatsache, dass viele, insbesondere neue Ganztagsschulen sich zunächst mit weniger zufrieden geben müssen, besann sich Appel auf ein alternatives "Minimalprogramm". Dieses sei auch geeignet, die Lernatmosphäre, die "von gravierender Bedeutung" sei, merklich zu bessern. Eine Schule dürfe nicht aussehen wie ein Bahnhof früher: "In den Bahnhöfen von heute tut sich wenigstens was."
Genau betrachtet, ist auch Appels "Minimalform" der Ganztagsschule eine anspruchsvolle Aufgabe, erfordert sie doch vier Merkmale, die es in sich haben: Den Bereich des Gemeinschaftserlebens, eine angemessene Zeiteinteilung, Professionalisierung und demokratische Mitwirkung ("Demokratie-Erprobung").
Eine Ebene darunter müssten sich in einer Ganztagsschule unter anderem Strukturmerkmale entwickeln wie Rhythmisierung, Schulatmosphäre, neue Unterrichtsformen, Projektarbeit und ein pädagogischer Konsens. Im inneren Bereich finden sich weiter "Mahlzeiten des Tagesablaufes", Hausaufgaben beziehungsweise Schulaufgaben, neue Unterrichtsfächer, gebundene und ungebundene Freizeit. Auch die "Minimalform" guter Ganztagsschulen verdeutlicht, dass "die klassische Idee der Ganztagsschule darin bestand, den Stress am Vormittag aufzulösen", so Appel.
In Hessen sah Appel ähnlich wie in Brandenburg und Rheinland-Pfalz einen Motor der Ganztagsschulentwicklung in Deutschland. Diese Einschätzung wird durch offizielle Zahlen des Hessischen Kultusministeriums bestätigt: "Ab Herbst 2006 werden insgesamt 406 Schulen - rund ein Fünftel aller Schulen in Hessen - über ein vom Land gefördertes Ganztagsangebot verfügen. Damit hat sich die Zahl der Ganztagsschulen seit 2001 fast verdreifacht. Insgesamt stellt Hessen im Rahmen des Dreijahresprogramms bis zum Schuljahr 2008/09 zusätzlich 180 Lehrerstellen für Ganztagsschulen zur Verfügung", so der weitere Wortlaut der Pressemitteilung vom 26.04.2006.
Entwicklungsaufgabe Ganztagsschule
Etliche Fragen - wie der Einsatz von Sozialpädagogen, Hausaufgaben, Probleme mit der Aufsicht oder dem Aufbau einer Ganztagsschule um den Busfahrplan - an den Vorsitzenden des Ganztagsschulverbandes brachten die Bedürfnisse nach Austausch und Beratung über das neue Schul-Phänomen zum Ausdruck, die offiziell anerkannte Ganztagseinrichtung. Schulen beispielsweise, die ihren Ganztag um den Fahrplan des Busses ausrichten müssten, sollten sich an die Schulträger wenden, um die Problematik mit dem Busunternehmen oder den Verkehrsbetrieben zu lösen. Dieses Beispiel verdeutlichte wie viele andere auf der Tagung auch: Modelle guter Ganztagsschulen sollten sich immer an der Entwicklungsaufgabe der einzelnen Schule und den jeweiligen lokalen Bedingungen orientieren.
Beispielhaft auch dafür war die Einführung in die Problematik der Mittelzuweisung und -verwaltung sowie der Vertragsgestaltung durch Pia Hesse und Dr. Fuhrmann vom Hessischen Kultusministerium. Weil Schulen keine Rechtspersonen seien, müssten sie ihre Verträge über den Schulträger oder eine bevollmächtigte Person der Schule abwickeln. Verträge könnten auch mit Trägervereinen geschlossen werden. Um den Aufbau des Ganztages zu unterstützen, hat das Ministerium ein zusätzliches Instrument entwickelt: "Mittel statt Stelle" können die Schulen über die Schulämter beantragen.
Diese Themen wurden nach der Mittagspause, in der die Schulen Kontakte zu außerschulischen Partnern wie dem Hessischen Sportbund, dem Hessischen Jugendring oder dem Musikschulverband aufbauen konnten, noch vertieft. Am Nachmittag wurden fünf praxisorientierte Arbeitsgruppen angeboten: Hausaufgabenbetreuung, Rund ums Mittagessen, Kooperation im Ganztagsprogramm, Spiel- und Freizeitkultur sowie Mittelverwaltung und Vertragsgestaltung. Letztere war bezeichnenderweise am besten besucht.
Im Dickicht der Verträge
Von größter Relevanz für die Arbeit neuer Ganztagseinrichtungen ist die Vertragsgestaltung, denn "jeder Fall ist anders", so die Feststellung von Frau Lenz vom Hessischen Kultusministerium. Alle Verträge schließe der Schulträger ab, und sobald das Geld den Landeshaushalt verlasse, gehe es an den Schulträger. "Ich rate allen Schulleitern davon ab, Verträge in eigener Regie durchzuführen", mahnte Lenz.
Viele Fragen gab es auch rund um das IZBB-Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Auskunft und Rat gab es von Wolf Schwarz vom Hessischen Kultusministerium. Für die Beantragung von IZBB-Mitteln beim Kultusministerium durch den Schulträger gelte, dass bis spätestens 31. Januar die vorläufigen Vorhabenplanungen und bis spätestens zum 30. April die endgültigen Vorhabenplanungen eines jeden Jahres vorgelegt werden müssten. Die Mittel könnten unter Umständen übertragen werden. Das Investitionsprogramm sei zunächst bis zum 31. Dezember 2008 terminiert.
Zum Abschluss der Veranstaltung würdigte Schwarz noch einmal die gute Zusammenarbeit mit der Serviceagentur Hessen um Barbara Zeisinger, Stephanie Welke und Cornelia Lehr. Sie werden nämlich die Aufbauarbeit der 70 neuen Ganztagsschulen engagiert vor Ort begleiten. Die Redaktion wird gelegentlich wieder vorbeischauen.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 26.05.2006
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