23. MAI 2006

Kooperation zum Ausprobieren

Kooperationen sind das Thema des Jahres. Hochkonjunktur also für die Werkstatt 3 "Kooperation mit außerschulischen Partnern" im Rahmen des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen". Zusammen mit der Regionalen Serviceagentur Nordrhein-Westfalen hatte sie am 26. und 27. April 2006 zur Fachkonferenz "Schule ist Partner" nach Soest eingeladen, um auf Bundesländer übergreifender Ebene zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen.

Kooperationen sind das Thema im Ganztagsschuljahr 2006. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) hat bei ihrem 2. bundesweiten Wettbewerb "Zeigt her eure Schule" am 2. Mai Ganztagsschulen prämiert, die mit besonders gelungenen Kooperationsbeispielen aufwarten konnten. Der Dritte Berliner Ganztagsschulkongress wird am 22. und 23. September seinen Schwerpunkt ebenfalls auf dieses Thema legen.

Insofern hat die Werkstatt 3 "Schule ist Partner - Kooperation mit außerschulischen Partnern" im Rahmen des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" Hochkonjunktur. Am 26. und 27. April luden die Werkstatt und die Regionale Serviceagentur Nordrhein-Westfalen in das Soester Landesinstitut für Schule zur Fachkonferenz "Schule ist Partner". Auf länderübergreifender Ebene galt es, über das Thema Kooperationen zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen. Eingeladen waren Schulen und ihre wichtigsten Partner.

Nach einer ersten Diskussionsrunde der rund 45 Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde eines schon ganz deutlich: Was eine Ganztagsschule und ein Kooperationspartner ist, wird im Osten des Landes offenbar anders wahrgenommen als im Westen. So wollten viele Schulleitungen und Jugendhilfevertreter aus den alten Ländern darüber diskutieren, wie die Verzahnung von Schule und Jugendhilfe unter dem Dach der Offenen Ganztagsschule besser funktionieren könne, als es an ihren Schulen jeweils der Fall war. Dies löste großes Erstaunen unter anderem bei Günter Haas, Schulleiter der Kooperativen Gesamtschule Ulrich von Hutten in Halle an der Saale aus: "Ich bin schon verwundert, dass eine Schule, in der am Nachmittag vom Unterricht unabhängige Angebote gemacht werden, als Ganztagsschule bezeichnet wird."



Impulsreferat von Krimhild Strenger

Im Osten sei die Verzahnung von Schule und Horten selbstverständlich - man begreife sich als ein gemeinsames Ganzes. Hier drücke der Schuh woanders: Wie findet man außerschulische Partner wie Sportvereine oder Musikschulen - und wie finanziert man diese Zusammenarbeit? Da es in einigen Ländern wie Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder Brandenburg Kooperationsverträge mit großen Verbänden gibt, war klar, dass man durchaus voneinander würde lernen können.

"Wir hatten uns nicht vorgestellt, dass die Herangehensweisen an das Thema Kooperation so unterschiedlich sein würden", räumt Nadia Fritsche von der Werkstatt 3 ein, die zusammen mit ihrer Kollegin Kriemhild Strenger und Sabine Wegener, der Leiterin der Serviceagentur NRW, durch die Tagung führte. "Für zukünftige Veranstaltungen müssten wir überlegen, ob wir nicht lieber länderspezifisch vorgehen."

Schule und Offenen Ganztag nicht auseinander dividieren lassen

Sehr gut kam das Konzept der Kollegialen Fallberatung an. "Ich bin schon auf so vielen Veranstaltungen zum Thema Ganztagsschule gewesen und war nachher nicht viel klüger", meinte eine Teilnehmerin als Resümee am Ende des ersten Tages. "Heute nehme ich schon mehr mit als aus all diesen Veranstaltungen zusammen."

Bei der Kollegialen Fallberatung schildert ein Mitglied einer Kleingruppe die Situation oder Problematik an seiner Schule, wobei noch keine Zwischenfragen erlaubt sind. Dann diskutiert die Gruppe das Gehörte, wobei der Erzähler zuhört. Danach werden gemeinsame Lösungen und Antworten gesucht. Der Erzähler erfragt weitere Tips zur Umsetzung dieser Lösungen. Diese Schritte werden in einem fest vorgegebenen Zeitrahmen absolviert, über dessen Einhaltung ein Mitglied der Gruppe wacht.


 
Kollegiale Fallberatung in den Arbeitsgruppen

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer begrüßten es, gleich in medias res gehen, ihre konkreten Probleme diskutieren und Impulse und Erfahrungen von Kolleginnen und Kollegen aufnehmen zu können. "Manche Gedanken, die man hat, sind bestätigt worden, ich habe aber auch Neues aufgenommen. Insgesamt ist das eine gute Anregung zum Ausprobieren und Nachdenken. Es ist schön zu sehen, was andere machen", lobte eine Teilnehmerin.

In einer Gruppe beispielsweise wollte die Erzieherin einer Offenen Ganztagsschule in Nordrhein-Westfalen wissen, was man bei der Hausaufgabenbetreuung zu beachten habe. Sie müsse diese demnächst an ihrer Schule organisieren. Grundsätzlich rieten alle in der Gruppe, dass sich Schule und Offener Ganztag nicht auseinander dividieren lassen dürften. "Hausaufgaben sind das Knallerproblem, da rappelt´s!", meinte ein Schulleiter. "Man muss den Eltern klarmachen, was Schule leisten kann und was nicht."

Die Hausaufgabenbetreuung kann auch für Unmut im Kollegium sorgen. Manche Lehrer, die ihre Arbeit bisher noch nie verteidigen mussten, reagieren abwehrend auf Kritik von Kollegen oder Erzieherinnen an Menge und Schwierigkeitsgrad der gestellten Aufgaben, welche die Kinder am Nachmittag dann sichtbar vor große Probleme stellen. "Bei Häufung dieser Probleme muss das auch in der Lehrerkonferenz angesprochen werden", so eine Lehrerin, "und zwar unter der Überschrift, dass die Schule ein gemeinsames Problem hat und dieses alle angeht."

Jahrgangsteams und Steuergruppen

In der Zusammenarbeit mit außerschulischen Kräften, der Jugendhilfe oder Erzieherinnen und Erziehern sei die Kommunikation alles. Die Teilnahme an Konferenzen müsse den außerschulischen Partnern möglich sein. "Bei uns haben die Erzieherinnen einen Lehrerzimmerschlüssel", berichtete eine Lehrerin. Aber Konferenzen sollten ebenso in den Räumen des Offenen Ganztags stattfinden, damit dieser Bereich deutlich als zum Schulleben dazugehörig gekennzeichnet werde. "Die Ortswahl macht viel aus", pflichtete eine Jugendhilfemitarbeiterin bei.


 
Nadia Fritsche (l.) und Krimhild Strenger als Moderatorinnen in den Arbeitsgruppen

In einer nordrhein-westfälischen Grundschule besteht das berühmte Problem der "ungleichen Augenhöhe". Eine Jugendhilfeträgerin klagte: "Ich fühle mich nicht gleichberechtigt!" Die Schule schreibe ihr vor, welche Mitarbeiter nicht mehr im Nachmittagsbereich eingesetzt werden dürften, ohne zuvor Dreiergespräche zwischen der Schule, dem Betroffenen und ihr zu ermöglichen. "Bei Interna der Schule bin ich außen vor", kritisierte sie. Kommuniziert werde fast nur bei Problemen. Wie anders sieht es da an der brandenburgischen Grundschule Brück aus. Lothar Garpow berichtete, dass an seiner Schule einmal die Woche Jahrgangsteams aus Lehrerinnen und Erzieherinnen tagen. "Wir haben keine Lehrerkonferenz mehr, sondern Steuergruppen, die alles zusammen entscheiden", erzählte der Schulleiter.

Andrea Taschner hatte ein anderes Problem. Als Mitglied des Schulentwicklungsteams der Städtischen Realschule für Mädchen in München wollte sie wissen, wie man für die Berufsorientierung Kontakte knüpfen und dabei Mädchen auch Praktika in eher männerdominierten Berufsfeldern ermöglichen könne. Günter Haas, an dessen Hallenser Gesamtschule gleich vier Projekte zur Berufsorientierung laufen, konnte wertvolle Tips geben. Hier funktionierte der Austausch über Landesgrenzen hinweg nun doch.

Zuverlässige Kommunikation ermöglichen

Krimhild Strenger, Nadia Fritsche und Sabine Wegener hatten die Fachtagung bewusst ohne größere Reden oder Referate gestaltet. Die Diskussionsrunden der Kollegialen Fallberatung und damit der Praxisbezug standen im Vordergrund. "Uns war der Praxistransfer ein Anliegen", erklärt Nadia Fritsche. Neben einer kurzen Einführung durch Kriemhild Strenger, die unter anderem die Moderation eines Kooperationsprozesses skizzierte, gab es lediglich zu Beginn des zweiten Tages ein Impulsreferat durch Uwe Schulz vom Institut für soziale Arbeit (ISA) in Münster.

Schulz: "Wenn die Chemie zwischen Kooperationspartnern nicht stimmt, kann man viel über Kooperationsentwicklung und ihren Nutzen reden, es wird sich nichts ändern - ist das so? Ja, das kann sein, und nein, das kann ja nicht alles sein. Fehlende Chemie kann ja nicht bedeuten, dass man für die nächsten Jahre die Hände in den Schoß legen will." 70 Prozent aller Fehler in vielen Bereichen des Wirtschaftslebens entstünden durch mangelnde Kommunikation.



Uwe Schulz

In Ganztagsschulen müssten Strukturen geschaffen werden, die personenunabhängig eine zuverlässige Kommunikation zwischen den Partnern ermöglichten. Diese Kommunikation sei die Voraussetzung einer gelingenden Kooperation zum Wohle der Schülerinnen und Schüler: "Die Ganztagsschule lernt, mit dem einzelnen Kind einen veränderten Umgang zu erzielen. Das ist aus meiner Sicht der zentrale Anlass für Kooperation zwischen verschiedenen Professionen in der Ganztagsschule."

Am besten kann diese Kooperation gelingen, wenn sich Lehrerinnen und Lehrer und Erzieherinnen und Erzieher zu Teams zusammenschließen, die eng für ihre Klassen zusammenarbeiten. Oft fehlt es an Zeit für Absprachen, einige Ganztagsschulen zeigen aber schon jetzt, wie sich mit innovativen Stundenplanmodellen zusätzliche Zeit gewinnen lässt.

Die Kommunikation auf der Soester Fachtagung stimmte jedenfalls. Als Gradmesser einer gelungenen Veranstaltung konnte man die vielen Köpfe werten, die auch dann noch diskutierend zusammensteckten, als schon die Pause begonnen hatte.

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 23.05.2006
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Kollegiale Fallberatung auf der Tagung in Soest

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