21. NOVEMBER 2003

Unterstützung der Praktiker

Einstimmig votierte der Rat der westfälischen Kleinstadt Schwerte am 21. Mai 2003 für die flächendeckende Einführung von Offenen Ganztagsschulen im Primarbereich - und verband dies mit der Einsetzung einer Arbeitsgruppe. Hier sprechen Schulen, Politik, Verwaltung und externe Kooperationspartner alle Probleme offen an und tauschen Anregungen aus - ein Projekt mit Modellcharakter.

Die westfälische Kleinstadt Schwerte, südlich von Dortmund gelegen, dürfte überregionale Bekanntheit hauptsächlich durch die regelmäßige Erwähnung in den Staunachrichten erlangt haben. Doch darüber hinaus hat die 50 000 Einwohner-Kommune in Sachen Ganztagsschule einiges zu bieten, bezeichnet sich selbst gar als "Referenzstadt". Alle sieben Grundschulen und eine Sonderschule für Lernbehinderte sind zu Beginn des neuen Schuljahres im September in Offene Ganztagsschulen mit einem Nachmittagsangebot bis 16 Uhr umgewandelt worden. Damit ist Schwerte in Nordrhein-Westfalen die größte von lediglich drei Kommunen, in denen sämtliche Grundschulen zu Ganztagsschulen geworden sind. Rund eine halbe Million Euro aus dem Bundesinvestitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" sind inzwischen für Bau- und Einrichtungskosten investiert worden. Der "Schwerter Weg" wird laut Schuldezernent Hans-Georg Winkler "mit Aufmerksamkeit verfolgt".

Beachtung verdient auch eine weitere Beschlussfassung des Rates, die mit jener zur Ganztagsschuleinführung einherging: Ebenfalls einstimmig folgten die Volksvertreter einer Empfehlung des Jugendhilfe- und Sozialausschusses (JSA) und setzten eine Arbeitsgruppe "Offene Ganztagsschule" ein, welche die Ganztagsschulen in ihrer Arbeit begleiten soll. Diese Gruppe wird sich in unregelmäßigen Abständen treffen - momentan sind vier Sitzungen pro Jahr geplant - und soll laut JSA-Protokoll "die Praktiker vor Ort unterstützen und den Eltern ein verlässlicher Partner sein."

Im Vorfeld klären, wo es klemmt

Die Arbeitsgemeinschaft wird durch Vertreterinnen und Vertreter der Schulen, der Kooperationspartner und Organisatoren der Betreuungskräfte, je einem Vertreter des Schul- und des Jugendamtes sowie je einem Vertreter der im Rat vertretenen Parteien und Wählervereinigungen gebildet. Dass die Parteien nicht auf Proporzabbildung in diesem Gremium bestanden haben, ist für den JSA-Vorsitzenden Joseph Bender schon der erste Schritt zum Erfolg. Denn die Arbeitsgruppe soll kein Ersatzparlament werden, sondern ein offenes Diskussionsforum, welches bewusst unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagt. "Dort müssen wir im Vorfeld klären, wo es klemmt", so Bender, "und uns nicht im Nachhinein die Köpfe einschlagen."

Konsequenterweise verzichten die Parteien absprachegemäß darauf, sich zu profilieren, indem sie Probleme und deren Lösungsvorschläge aus der Arbeitsgruppe in die Öffentlichkeit hineintragen. Der einzige offizielle Berührungspunkt zwischen der Arbeitsgruppe und dem Parlament werden die Berichterstattungen durch Schuldezernent Winkler vor den Ausschüssen sein. Beschlüsse fassen darf die Arbeitsgemeinschaft ebenso wenig wie Empfehlungen geben. Aber durch den Meinungsaustausch der verschiedenen Akteure werden Beschlussnotwendigkeiten für die Politik und Handlungsnotwendigkeiten für die Verwaltung transparent, so dass die Politik sachgerecht reagieren kann.

Trotz der fehlenden Befugnisse übt die Arbeitsgemeinschaft einen Reiz auf die Akteure rund um die Ganztagsschule aus. "Das sieht man daran, wie viele in dieses Gremium wollten", erklärt Winkler. Aber um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten, wollten die Initiatoren des Kreises diesen nicht zu groß werden lassen. Mit knapp 20 Teilnehmern an der ersten Sitzung am 17. November im Schwerter Rathaus war die Runde schon beachtlich. Hier verständigte man sich gleich zu Beginn auf das grundsätzliche Ziel der gemeinsamen Arbeit: "Es soll ein möglichst einheitliches, hohes Niveau im Leistungsangebot, im Unterricht, in der Förderung und Betreuung, unter anderem bei der Hausaufgabenhilfe, der Offenen Ganztagsschulen in Schwerte auf Dauer erreicht werden." Zur Verwirklichung dieses Ziels sollen neben dem Informations- und Erfahrungsaustausch auch gemeinsame Projekte an den Schulen initiiert, Rahmenbedingungen entwickelt und Ideen für inhaltliche Angebote gesammelt werden.

Praktische Fragen klären

Die Schulleiterinnen nutzten in der ersten Sitzung gleich die Möglichkeit, praktische Fragen an die Verwaltung zu richten: Wie sind die rechtlichen Rahmenbedingungen im Nachmittagsangebot? Was für Sanktionen sind bei disziplinlosen Schülerinnen und Schülern oder zahlungssäumigen Eltern möglich? Kann das Stundenkontingent der Sekretärinnen wegen des gestiegenen Verwaltungsaufwands erhöht werden? Können statt zusätzlicher pädagogischer Hilfskräfte nicht weitere festangestellte Fachkräfte engagiert werden? Renate Goeke, Schulleiterin der Friedrich Kayser-Grundschule, betonte für die Direktorinnen in diesem Zusammenhang, dass allein die "Qualität der Pädagogik" für alle Entscheidungen ausschlaggebend sein müsse: "Wichtig ist für unsere Schule die bessere Verzahnung des Unterrichts mit dem Nachmittagsbereich."

Als nützlich dürfte sich die Arbeitsgruppe in Zukunft besonders auf dem Feld der außerschulischen Kooperationen herausstellen. Die Grundschulen fangen laut Goeke nach der Etablierungsphase nun an, "die Fühler nach Partnern auszustrecken". Jede Schule hat dabei andere Kontakte und Angebote, der Friedrich Kayser-Grundschule liegt zum Beispiel ein Kooperationsangebot der Musikschule vor, während die Grundschule Schwerte-Ergste Kontakte zum Ergster Heimatverein hat. In der Arbeitsgruppe können diese Angebote und Erfahrungen mit den Kooperationspartnern ausgetauscht werden, so dass sich nicht jede Schule allein auf dieses Neuland wagen muss. Dies wird neben den Fragen der Weiterbildung für die Betreuungskräfte, der Ferienreglung und der Jugendhilfe ein Schwerpunkt der nächsten Sitzung im Februar sein.

Von der ersten Sitzung war der Politiker Joseph Bender "begeistert": "Genauso hatte ich mir das hier vorgestellt - alles konnte in Ruhe ohne Parteienhickhack angesprochen werden. Die Information steht im Vordergrund." Nach dieser gelungenen Premiere ist es gut möglich, dass Schwerte nach der Referenzstadt auch zu einer Modellcharakterstadt wird.

 

Autor: Ralf Schmitt
Datum: 21.11.2003
© www.ganztagsschulen.org

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