21. APRIL 2006

Wegweiser zum Wissen und Können

Was brauchen Kinder, um sich nicht nur geistig, sondern auch sozial, emotional und körperlich gesund entwickeln zu können? Was können die in der Schule tätigen Erwachsenen dazu beitragen? Diplompsychologin Oggi Enderlein von der Werkstatt 4a "Schule wird Lebenswelt" diskutierte am 30. März 2006 in der Erfurter Puschkinschule mit rund 40 Lehrerinnen und Lehrern über diese Themen im Rahmen der Fortbildungsveranstaltung "Veränderte Kindheit und die Konsequenzen für die Schule", zu der die Regionale Serviceagentur Thüringen eingeladen hatte.

Als Ort für eine Fortbildungsveranstaltung zur Ganztagsschule ist die Erfurter Puschkinschule prädestiniert. Die Grundschule ist bereits seit zwei Jahren Ganztagsschule und reicht mit ihrer gebundenen Form über die vom thüringischen Kultusministerium vorgegebene Ganztagsschuldefinition hinaus. Am 30. März 2006 fanden sich rund 40 Lehrerinnen und Lehrer aus Thüringen auf Einladung der Regionalen Serviceagentur Thüringen und des Thüringer Instituts für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (ThILLM) in der Aula der Puschkinschule zur Veranstaltung "Veränderte Kindheit und die Konsequenzen für die Schule" ein.

Für ihre Fortbildungsveranstaltungen greift die Serviceagentur auf die Expertise der Werkstätten des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" zurück, wie Christine Wolfer von der Serviceagentur erläuterte. Zum ersten Termin in Erfurt hatte man die Diplompsychologin Oggi Enderlein von der Werkstatt 4a "Schule wird Lebenswelt" eingeladen, die sich in ihrem Vortrag vor allem der Frage widmete, was Kinder brauchen, um sich nicht nur geistig, sondern auch sozial, emotional und körperlich gesund entwickeln zu können - und wie Schulen aussehen müssen, um eine solche Entwicklung zu befördern.



Engagierter Vortrag: Referentin Oggi Enderlein

Zuvor gab es die Gelegenheit, etwas mehr über die Puschkinschule zu erfahren und sich bei einem Schulrundgang eigene Eindrücke zu verschaffen. Schulleiterin Christina Walter informierte über die Organisation und das Konzept ihrer Grundschule, die von rund 300 Kindern besucht wird und sich um die Zukunft vorerst keine Sorgen machen muss. Die Schulleiterin rechnet in den nächsten Jahren mit über 100 Schulanfängern pro Jahr, wozu nicht zuletzt die Attraktivität des Ganztagsangebotes beitrage.

Zwei Baustellen: Präsenzarbeitszeit und Budgethoheit

An drei Wochentagen - dienstags bis donnerstags - lernen die Kinder rhythmisiert bis 15 Uhr. Von 6.30 bis 7.45 Uhr starten sie im Frühhort, es folgt eine Viertelstunde Gleitzeit, bis dann von 8.00 bis 10.30 Uhr der erste Unterrichtsblock mit den Kernfächern stattfindet, in welchen das Frühstück eingebettet ist. Nach einer viertelstündigen Hofpause folgt die halbstündige so genannte Aufgabenzeit, in der die Schülerinnen und Schüler mit Hilfe der Erzieherinnen selbstständig ihre Wochenplanarbeit erledigen. Von 11.25 Uhr bis 12.10 Uhr können die Kinder an einem der etwa 20 verschiedenen Förderangebote teilnehmen. Die Angebote reichen vom Gitarrenunterricht über Mathematik, Naturforschung, Märchen hören, Kochen und Backen bis hin zu Yoga. Einmal im Jahr besteht die Möglichkeit, in einen anderen Kurs zu wechseln. Kooperationspartner sind die Musikschule, die Designschule und eine Tanzschule. "Immer mehr Anbieter wollen in die Schule kommen", berichtete Christina Walter.

Von 12.10 bis 13.20 Uhr ist Zeit zum Mittagessen und zum Spielen, bevor dann bis 15.00 Uhr nochmals zwei Unterrichtsblöcke von je 45 Minuten folgen. Bis 17.30 Uhr können die Kinder an der Hortbetreuung teilnehmen. Montags und freitags dauern die Schultage jeweils nur bis 13.30 Uhr. "Es bestand Konsens mit den Eltern, freitags keinen langen Unterrichtstag einzuführen", so die Schulleiterin. Anders verhält es sich mit dem Montag, dessen Nachmittage zu Besprechungen genutzt werden. Sämtliche Lehrkräfte müssen sind verpflichtet, bis 16 Uhr anwesend zu sein und an den Steuerungsgruppen teilzunehmen. Die Zusammenarbeit der 24 Lehrerinnen mit den 13 Erzieherinnen ist eng, die Erzieherinnen sind auch im Unterricht dabei. Der Erzieherinnenberuf hat dadurch eine Aufwertung erfahren.



Schulleiterin Christina Walter

100.000 Euro hat die Puschkinschule aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes erhalten und diese zur Renovierung und Erweiterung ihrer Ausstattung genutzt. Die Aula erhielt neue Fenster, eine Bibliothek konnte ebenso eingeweiht werden wie ein Raum für Naturkunde und Versuche. Für den Innenanstrich zeichnen die Eltern verantwortlich, die nach der Farbberatung durch eine Innenarchitektin in zweijähriger Wochenendarbeit für diese Verschönerung ihrer Schule gesorgt haben. "Die Eltern haben erkannt, was wir pädagogisch wollen", erzählte Christina Walter, "und sind zusammen mit dem Förderverein unsere großen Stützen."

Für die Eltern bestätigte eine Mutter, dass man "nach anfänglicher Skepsis" vom Ganztagsschulkonzept überzeugt sei, da es merklich positive Auswirkungen zum Beispiel auf ihren Sohn gezeigt habe: "Er geht gern in die Schule, ist entspannter und aufnahmebereiter. Besonders bei den Hausaufgaben hat ein deutlicher Qualitätssprung stattgefunden."

Christina Walter betonte: "Wir sind noch mittendrin im Prozess und noch lange nicht am Ende." Zwei große Baustellen würde sie gerne nach ihren Plänen vollenden: Zum einen die Präsenzarbeitszeit für das Kollegium. Zwar ist diese bereits eingeführt, rechtlich aber nicht unumstritten. Zum anderen wünscht sie sich eine Budgethoheit, um Personal selbst einstellen zu können. Hier kommen von der Landesregierung Signale, dass den Schulen in dieser Hinsicht mehr Freiraum gewährt werden könnte.

Ganztagsschule als historische Chance

Freiraum war das Stichwort für Oggi Enderlein - und ganz wörtlich zu nehmen, denn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich in der Diskussion über die Bedürfnisse von Kindern einig, dass es erschreckend sei, "dass Kinder nicht mehr draußen sind". Für die Referentin besteht ein klarer Zusammenhang zwischen mangelnder Bewegung und psychischen Auffälligkeiten sowie körperlichen Beschwerden. Die Diplompsychologin zitierte aus der in Thüringen 2005 durchgeführten HBSC-Gesundheitsstudie (Health Behaviour in School-aged Children), in der besonders Mädchen der vierten, siebten und neunten Klassen über regelmäßige Müdigkeit, Kopfschmerzen und Einschlafstörungen berichten. Eine Mischung aus Langeweile im Unterricht, Versagensängsten und Beschämung sorge für eine Zunahme von Depressionen und Suizidgedanken schon bei Grundschülerinnen und Grundschülern.



Diskussionen im Plenum in der Aula der Puschkinschule

Um zu zeigen, wie es Kindern in der Schule besser gehen kann, bat Oggi Enderlein die Anwesenden, sich in ihre Grundschulzeit zurückzuversetzen: Was prägte die eigene Kindheit? In Kleingruppen trugen die Pädagogen einige zentrale Erfahrungen zusammen: Das Zusammensein mit Gleichaltrigen, das eigenständige Entdecken der Umwelt, selbst ausgedachte Spiele und Aktivitäten.

"Bewegung ist essentiell wichtig", erklärte die Referentin, andersherum sei das stundenlange Sitzen in der Schule "inhuman". Statt Ritalin sollte man Kindern mit Zappelphilipp-Syndrom Bewegung verschreiben. "Wir verbieten Kindern, auf Bäume zu klettern, und schicken sie dann zur Krankengymnastik - das ist doch schizophren", schimpfte Oggi Enderlein. Den Schülerinnen und Schülern fehlten heutzutage die sinnlichen Erfahrungen. "Mit der Ganztagsschule besteht die historische Chance, den Kindern das zurückzugeben, was sie brauchen", meinte die Diplompsychologin. Dies ginge allerdings nur mit der Rhythmisierung über den ganzen Tag, wie sie die Puschkinschule organisiere.

Orte für Gemeinsamkeit und für Heimlichkeit

Eine Ganztagsschule könne Bewegungselemente in den Schultag integrieren, die Umgebung und Umwelt einbeziehen, so ein Lernen mit allen Sinnen ermöglichen und den Schülerinnen und Schülern durch eine kindgerechte Schulhofgestaltung auch Gelände und Wildnis zum Toben bieten, was im urbanen Wohnumfeld immer schwieriger werde. "Es müssen Orte für Gemeinsamkeit und für Heimlichkeit gegeben sein. Kinder kommen strahlend vom Toben wieder", erzählte Oggi Enderlein. Die Schulen sollten den Klassen ermöglichen, das Schulgelände zu verlassen. Die Lehrerinnen und Lehrer müssten dabei mehr als Begleiter, als "Wegweiser zum Wissen und Können", weniger als Macher wirken.

Sinnvoll sei es, eine Ganztagsschule von unten langsam hochwachsen zu lassen, was sich dann bei den Jahrgängen acht bis zehn, die schwieriger zu bändigen seien, auszahle, da diese den Ganztagsbetrieb dann schon verinnerlicht hätten. Als vorbildlich lobte die Diplompsychologin die Europaschule Nordhorn im westfälischen Gütersloh, die den Kindern Räume zur Meditation, ein vielseitiges Spielangebot am Nachmittag, einen Streichelzoo, große Bewegungspausen und Angebote zum Aggressionsabbau biete.

"Wir müssen weg von der Frage, wie ein Kind sein muss, um der Schule gerecht zu werden, hin zur Frage, wie eine Schule sein muss, um dem Kind gerecht zu werden", schloss Oggi Enderlein. Wenn sich Kinder gefragt und beteiligt fühlten, identifizierten sie sich mit der Schule, was zu einer besseren Atmosphäre, weniger Angst und Aggression und schließlich zu besseren Lernleistungen führe.

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 21.04.2006
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