11. APRIL 2006

Endstation Hauptschule?

Endstation Hauptschule? Die Schriftstellerin Mirijam Günter, die 2003 mit ihrem Erstlingsroman "Heim" den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis gewann, weiß es aus eigener Erfahrung: Hauptschulen können ein Abstieg in die unteren Etagen der Gesellschaft sein. Sie bergen aber auch Chancen, für jene Außenseiter und Benachteiligten, die ihren Platz in der Gesellschaft erst noch finden müssen: als Schriftsteller beispielsweise oder als Elektriker.

Online-Redaktion: Wie erlebt Ihre Protagonistin, die ja Außenseiterin ist und Heimkind, eigentlich Schule: als Chance, als Behinderung?

Günter: Sie erlebt die Schule erstmal als etwas, das nicht vorhanden ist. Aber sie versucht, die Schule für sich zu gewinnen, in mehreren Anläufen und wird in ihrer Rolle als Außenseiterin unter Außenseitern dabei noch mehr bestärkt.

Es gibt eine Stelle in dem Buch, wo sie feststellt, dass sie gerne zur Schule gehen würde und wo die Erzieher ihr entgegnen: "Was willst du denn da: dort bist ohnehin nur der Außenseiter". Und es gibt noch eine Stelle, wo sie zur Schule geht, weil sie sich nicht vorstellen kann, bis ans Ende ihres Lebens in der Gärtnerei Unkraut zu zupfen, was sie als Beschäftigungstherapie machen muss. Ihr Schulbesuch jedenfalls erweist sich als relativ erfolgreich. Sie hat ja mit einem passablen Zeugnis die Schule verlassen.



Mirijam Günter: Sie schrieb den preisgekrönten Jugendroman "Heim" und hält viele Lesungen, darunter auch an Hauptschulen.

Online-Redaktion: Wie werden Sie als Schriftstellerin in den Schulen und in den Klassen empfangen? Und wie erleben Sie eine Lesung an Hauptschulen?

Günter: Ich erlebe ziemlich oft, dass sich die Lehrerinnen und Lehrer bei mir im Vorhinein für das Verhalten ihrer Hauptschüler entschuldigen und sagen: 'Frau Günther, machen Sie sich nichts draus, aber länger als zehn Minuten werden sie Ihnen nicht zuhören'. Oder: 'Wir trauen uns schon mit denen seit zwei Jahren nicht mehr raus. Das ist die erste Veranstaltung, die wir mit ihnen machen'. Ich sag dann immer: Gucken wir mal! Ich hatte noch nie Probleme in irgendeiner Schule.

Ich bin halt ehrlich und sage: Passt mal auf Leute! Erst mal freue mich, dass ich vor einer Hauptschulklasse lesen darf, weil das nicht so oft passiert. Die Hauptschule ist ja im Augenblick in die Negativschlagzeilen geraten, aber ich war selber auf der Hauptschule und mir ist ein Leben lang gesagt worden, dass aus mir nichts wird. "Schaut mich an", sage ich den Jugendlichen in solchen Fällen - und dann habe sie schnell auf meiner Seite.

Ich sage auch: Passt auf Leute, wenn ihr in meiner Lesung quatscht, macht mich das total nervös, dann muss ich leider aufhören, weil ich sonst anfangen muss zu stottern und das bringt euch nichts und mir auch nichts. 

Online-Redaktion: Sie haben auch die Erfahrung gemacht, dass "die schlimmsten Klassen vor mir sitzen und lieb sind". Wie passt das mit dem öffentlichen Bild der Hauptschüler zusammen?

Günter: Viele Lehrerinnen und Lehrer kommen nach der Lesung zu mir und sind total verwundert, dass meine Lesungen so gut klappen. Meist sind die Schülerinnen und Schüler, auf die ich treffe, Großstadtjugendliche, die keine fünf Minuten zuhören können, die breitbeinig vor mir sitzen und Kaugummi kauen. Das ist so das typische Bild.

Ich habe mein Buch in einer Sprache verfasst, die eine Welt beschreibt, mit der solche Jugendlichen in meinen Lesungen etwas anfangen können. Ich finde übrigens das Bild, das es in der Öffentlichkeit über die Hauptschulen gibt, ziemlich furchtbar.

Letzten Mittwochmorgen war ich zum Beispiel in einer Lesung mit zwei Hauptschulklassen der Stufe 10 in Neubekkum. Diese Schülerinnen und Schüler haben durchschnittlich 30 bis 40 Bewerbungen geschrieben, doch von 60 Schülerinnen und Schülern bekommen nur vier eine Ausbildungsstelle.

Ich wusste nicht so genau, was ich ihnen raten soll. Ob sie jetzt das einzige Häuschen der Bushaltestelle zertrümmern sollen, damit die Presse auf sie aufmerksam wird, damit sie vielleicht doch noch eine Chance kriegen. Denn was vermittelt man gegenwärtig solchen Jugendlichen in der Öffentlichkeit: Wenn Ihr euch an die Regeln haltet, dann hilft euch keiner. 

Online-Redaktion: Wie schaffen Sie es nun bei lesefaulen Schülern, den Funken für das Buch und das Lesen selbst zu entzünden?

Günter: Wenn ich die Schülerinnen und Schüler mit Sachen langweile, die unsere Elterngeneration erlebt hat, bekomme ich sie nicht zum Lesen. Wenn ich aber von der Gegenwart schreibe, dann versuche ich die Realität der Jugendlichen zu beschreiben und nicht die Welt, wie ich sie gerne hätte. Und weil ich es nicht leiden kann, wenn Erwachsene die Jugendsprache nachäffen, schreibe ich so, dass es von den Jugendlichen verstanden wird.

Online-Redaktion: Eignet sich eine Hauptschule als Plot eines Romans?

Günter: In meinem zweiten Roman, den ich gerade schreibe, geht es um Jugendliche, die in einer Hochhaussiedlung aufwachsen und nicht auf die Hauptschule gehen, weil sie keinen Sinn darin sehen: Sie haben nämlich die Erfahrung gemacht, dass man die Hauptschule besucht als Beweis dafür, dass dort nichts aus einem werden kann.

Online-Redaktion: Dann wäre die Hauptschule ein Ort des Scheiterns. Könnte sie nicht auch ein Ort des Gelingens sein?

Günter: Es ist ein Bild der öffentlichen Wahrnehmung, dass Hauptschule mit Scheitern verbunden ist, nach dem Prinzip: Wenn ich ein Außenseiter dieser Gesellschaft bin, lande ich halt auf der Hauptschule. Infolgedessen versuchen Eltern mit allen Mitteln, ihre Kinder auf die Realschule oder das Gymnasium zu schicken. Ich finde, das ist eine Schande, weil es sehr viele fähige und engagierte Schüler und Lehrer an den Hauptschulen gibt.

Die öffentliche Wahrnehmung der Hauptschulen ist einfach: als Migrant ist man Außenseiter oder Heimkind, die Eltern haben Schwierigkeiten, sie trinken etwa Alkohol und schon ist der Weg an die Hauptschule vorgezeichnet. Wenn die Verhältnisse irgendwie etwas besser sind, kriege ich die Chance, etwas anderes als die Hauptschule zu besuchen. Das ist natürlich von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. In Bayern und Baden-Württemberg ist es kein Makel, eine Hauptschule zu besuchen.

Online-Redaktion: Werden Sie auch als Vorbild empfunden, wenn Sie an Hauptschulen Lesungen abhalten? Und überhaupt: brauchen Hauptschüler nicht generell bessere Vorbilder?

Günter: Es sollten auf jeden Fall mehr ehemalige Hauptschüler, aus denen etwas im Leben geworden ist, an die Öffentlichkeit gehen oder sie sollten den Schülerinnen und Schülern an der Hauptschule sagen, wir waren auch an einer Hauptschule und das ist überhaupt nichts Ehrenrühriges oder Anrüchiges. Wir brauchen uns doch gegenseitig. Ein Intellektueller, der auf dem Gymnasium war und heute Professor ist, wird euch rufen, weil er nicht weiß, wie man die Elektrik in der Wohnung anbringt oder repariert. Ihr seid genauso nötig wie Absolventen eines Gymnasiums.

Online-Redaktion: Sind Sie auch als Schriftstellerin ein Vorbild, das manche Schülerinnen oder Schüler gerne nachahmen würden?

Günter: Damit verhält es sich etwas schwieriger, weil die Schülerinnen und Schüler einer Hauptschule sich doch überwiegend in der Pubertät befinden. Ich frag manchmal: schreibt jemand von euch? Na ja, dann kommt halt manchmal zaghaft das Bekenntnis, dass sie schreiben. Meist kriege ich aber Post von den Leuten, die mir Sachen schicken, die sie geschrieben haben. Öffentlich in der Klasse sagt man so was natürlich nicht.

Ein Thema, das für mich sehr wichtig ist, betrifft die Integration, insbesondere der Jugendlichen der vierten Generation. Wenn wir nicht begreifen, dass diese ein Teil unserer Gesellschaft sind, mit denen wir zusammen leben, wird es schwierig. Das Problem wird aber auf die 68er verschoben, und darauf, dass deren Visionen gescheitert sind.

Ich denke aber, dass das eher ein Problem der 90er ist. Bis in die 90er Jahre war es nämlich in einer Großstadt wie Köln möglich, dass deutsche Kinder und Jugendliche mit ihren Altersgenossen, die Migrationshintergrund besaßen, zusammen gespielt haben. Das sieht man ja heutzutage so gut wie gar nicht mehr und ich denke, dass das was mit den Anschlägen in Rostock, Mölln etc. zu tun hat.

Die Öffentlichkeit hat damals versäumt zu sagen, die Migranten sind ein Teil unserer Gesellschaft, egal woher sie ursprünglich herkommen. Da muss sich ganz dringend etwas ändern.


Mirijam Günter, geboren am 18. September 1971 hat bis zu ihrem 16. Lebensjahr in vielen Heimen gelebt und außerdem etliche Schulen besucht. Für ihren Erstlingsroman >Heim< wurde sie mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis 2003 ausgezeichnet. Mirijam Günter lebt heute in Köln-Ehrenfeld und Leipzig, wo sie am Deutschen Literaturinstitut studiert.

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 11.04.2006
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