Mit Hilfe der Regionalen Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen haben sich landesweit Qualitätszirkel gebildet, die in den Kommunen ihre Ganztagsschulentwicklung vorantreiben. Um über den Tellerrand blicken zu können und sich auszutauschen, finden gemeinsame Fortbildungen von Schulen aus verschiedenen Regierungsbezirken statt.
Kommunikation ist das Wichtigste bei Schulentwicklungsprozessen. Wenn es an der Abstimmung zwischen Schulleitung und Kollegium oder zwischen Kollegium und außerschulischen Fachkräften hakt, versanden viele gute Ideen, wird viel Energie verschwendet und Frust erzeugt. "Ich habe einmal in einer Diskussionsrunde mit Lehrerinnen und Lehrern die These aufgestellt, dass 50 Prozent der Demotivation in den Schulen hausgemacht sind", erklärt der schweizerische Schulberater Hans-Rudolf Lanker. "Die Gruppe korrigierte mich und meinte, es seien eher 80 Prozent."
Kommunikation ist aber nicht nur schulintern, sondern auch über Schulen und Kommunen hinweg eine Hilfe. In Nordrhein-Westfalen hat die Regionale Serviceagentur einen Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Vernetzung von Schulen und Kommunen gelegt. In so genannten Qualitätszirkeln treffen sich Vertreterinnen und Vertreter von Schulen in regelmäßigen Abständen, um sich gegenseitig über ihre Arbeit, Probleme und Lösungen zu informieren. Eine Etage höher - auf Regierungsbezirksebene - bietet die Regionale Serviceagentur sechs so genannte QUAST-Fortbildungen für diese kommunalen Qualitätszirkel an. Hier tauschen sich überregional Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus verschiedenen Kommunen aus und werden mit der QUAST-Methode (Qualität für Schulkinder in Tageseinrichtungen) vertraut gemacht. Mit ihr können Pädagogen anhand eines detaillierten Fragenkatalogs Stärken und Schwächen in begrenzten Themenfeldern bestimmen und daraus Handlungsbedarf formulieren.
Enge Verzahnung von Hort und Schule
Hinter QUAST steht Dr. Rainer Strätz vom Sozialpädagogischen Institut (SPI) in Köln, das von der Serviceagentur NRW als Partner gewonnen werden konnte. "Seitdem ich mich mit der Schulbildung beschäftige, war mir klar, dass wir mit der Trennung von Halbtagsschule und offener Jugendarbeit am Nachmittag nicht konkurrenzfähig sein würden", meint der Wissenschaftler. "Nötig ist eine Vernetzung dieser beiden Teile zu einem Lebensort, an dem die Kinder gefördert werden." Daher dürften Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden, wenn es um die offenen Ganztagsschulen und die Horte in Nordrhein-Westfalen gehe. "Es geht doch um die gleichen Kinder", betont Strätz. "Eine enge Verzahnung von Hort und Schule vermeidet viele Probleme, weil eine enge inhaltliche Abstimmung ermöglicht wird."
Fortbildungen wie die vom 15. März 2006 im Sozialpädagogischen Institut in Köln dienen auch als Erfahrungsaustausch, bei dem deutlich wird, wie unterschiedlich die Kommunen die Qualitätszirkel an bestehende kommunale Strukturen anbinden. In Wuppertal hat sich zum Beispiel nach einer Auftaktveranstaltung im November 2005 eine Steuerungsgruppe gebildet, in der Vertreterinnen und Vertreter des Schulamtes, der Freien Wohlfahrtsverbände, der Schulverwaltung und zwei QUAST-Mitglieder zusammen tagen. Noch ist man hier in einer Phase der Konstituierung. In bisherigen zwei Treffen hat die Gruppe zu klären versucht, welche Handlungsfelder man in den Blick nehmen und ob man für die Arbeit an den offenen Ganztagsschulen Standards setzen könne. Der Qualitätszirkel in Wuppertal bemüht sich, die Kommunikation zwischen den Bereichen Schule und Jugend, die auf zwei Dezernate aufgeteilt sind, zu unterstützen.
Die Arbeit der Steuerungsgruppen
In Mönchengladbach ist eine Steuerungsgruppe mit Schulleitungen und der Schulrätin gegründet worden. Die Ergebnisse werden in Arbeitskreise weitergetragen, die aus Eltern, Lehrerinnen und Lehrern sowie Erzieherinnen und Erziehern bestehen. Die Stadt hat eine Koordinatorin eingesetzt, die helfen soll, die verschiedenen Sichtweisen von Schule und Jugendhilfe anzugleichen. Auch alle offenen Ganztagsschulen verfügen nun über solche Koordinatoren. Themen der Steuerungsgruppe sind bisher verschiedene Rhythmisierungsmodelle gewesen, demnächst stehen Teamentwicklung und Partizipation auf der Tagesordnung.
In Haan ist die Zusammenarbeit von Schulausschuss und Jugendhilfeausschuss laut Beteiligten zwar "noch verbesserungswürdig", aber gemeinsame Sitzungen dieser Ausschüsse haben schon stattgefunden. Alle Beteiligten sitzen in der Steuerungsgruppe an einem Tisch. Gemeinsam führt man Fortbildungsveranstaltungen durch, hat Ende des letzten Jahres QUAST-Veranstaltungen an einzelnen Schulen veranstaltet. Nun sollen Standards und eine Möglichkeit für potentielle Kooperationspartner, sich den Ganztagsschulen vorzustellen, ohne jede Schule einzeln abklappern zu müssen, entwickelt werden. Die Partizipation ist hier ebenfalls ein wichtiges Thema.
Die Vielfalt der Kommunen
In Mühlheim an der Ruhr, das fast flächendeckend Ganztagsschulen eingeführt hat, haben sich Vertreter der Schulaufsicht, der Verbände, pädagogisches Personal und Lehrerinnen und Lehrer in einem Qualitätszirkel vernetzt, der reihum an den Schulstandorten vier- bis fünfmal im Jahr tagt. Neben der Vorstellung der jeweiligen Schule steht auch hier der Erfahrungsaustausch im Vordergrund. Die Themen der Arbeitskreise des Qualitätszirkels sind Elternpartizipation, Hausaufgaben, die Verzahnung von Vor- und Nachmittag und die Teamentwicklung. Als wichtiges Instrument wird die Kooperation zwischen Jugendhilfe- und Schulausschuss genannt. Der Qualitätszirkel kann hier ein Bindeglied sein.
Grevenbroich hat mit der Nachbarkommune Neuss einen städteübergreifenden Qualitätszirkel begründet. Dabei haben die Kommunen ihre Organisationsformen erst einmal getrennt voneinander entwickelt. In Grevenbroich treffen sich Jugendhilfe- und Schulausschuss zu bestimmten Themen, was sich den Beteiligten zufolge positiv bewährt hat. Gemeinsame Ausschusssitzungen erhofft sich auch der Qualitätszirkel in Neuss. Die Qualität in jeder Schule zu fördern, Experten an die Schulen zu vermitteln und Fortbildungen zu veranstalten wird von beiden Kommunen als kreisweite Aufgabe betrachtet. Eine Vision sind gemeinsame Tagungen der Ausschüsse beider Städte.
Was Standards angeht, sind die Qualitätszirkel skeptisch, ob dies in Fragen der Finanzierung und bei Arbeitsverträgen sinnvoll ist. Die finanziellen Rahmenbedingungen der Kommunen werde man durch Standards kaum beeinflussen können, bei der Trägervielfalt der offenen Ganztagsschulen sind Verträge sehr unterschiedlich und kaum zu standardisieren. "Man holt sich nur Blessuren, wenn man sich da einmischt", warnt auch Rainer Strätz. Er möchte lieber von "Empfehlungen" sprechen. In Haan haben sich die Träger beispielsweise selbst solche Standards auferlegt. Standards könnten anderseits die Arbeit behindern, wenn sie zu ambitioniert seien. Jede Schule müsse für sich selber sehen, was der beste Weg ist, meinten einige Teilnehmer in Köln.
Eine Entwicklung konstatierten die Qualitätszirkel: An immer mehr Standorten entwickeln sich offene Ganztagsschulen zu gebundenen - dem "Modell der Zukunft", wie es hieß. In Neuss kommen die außerschulischen Fachkräfte montagmorgens in den Unterricht, in Mönchengladbach wollen zwei Ganztagsgrundschulen das ganztägig rhythmisierte Modell einführen, Detmold wirbt für die gebundene Ganztagsschule bei den Eltern. Dass seit dem 1. Februar 2006 auch Lehrerstunden im Nachmittagsbereich eingesetzt werden - zumeist in der Hausaufgabenbetreuung - befördert die Entwicklung ebenfalls. Marie-Luise Bretschneider vom Neusser Schulamt hat zudem beobachtet: "Die Kinder wollen den ganzen Tag über zusammen sein."
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 07.04.2006
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