Es gibt ein "Zwischen" der Ganztagsschulen, in dem etwas Bedeutsames passiert. Hier finden die eigentlichen Innovationen und Abenteuer der Schulen statt. Reinhard Kahl hat diese Zwischenräume ausgelotet, damit die richtigen kleinen Schritte im großen Ganzen begangen werden können. Dass es um die kleinen Schritte geht, hat der Grundschulverband am 25. März 2006 mit der Verleihung von drei Preisen in den Bereichen Forschung, Politik und Praxis unter Beweis gestellt, die die Zwischenräume der Ganztagsschulen mit Innovationen beleben sollen.
Warten wie auf Godot, das steht wohl außer Frage, wollte niemand am Tag der Preisverleihung in der Deutschen Bibliothek. Man wollte nicht warten auf den idealen Ganztag, der "mehr Bildungszeit für die Kinder" verspricht, sondern ihm in kleinen Schritten näher kommen, ohne dabei das große Ziel aus den Augen verlieren: die Gestaltung innovativer Grundschulen mit ganztägiger Bildungszeit. Denn soviel ist sicher für Horst Bartnitzky, den Vorsitzenden des Grundschulverbandes: "Dem Anspruch auf grundlegende Bildung wird das gegenwärtige Bildungssystem nicht gerecht".
Dem gegenwärtigen Bildungssystem stellte Bartnitzky auf dem Grundschulforum 2006 in Frankfurt am Main ein schlechtes Zeugnis aus: Zu viel Auslese und Konkurrenzdruck schon für die Pennäler. Und: "Die Schule versagt den Kindern die Zeit für kindgerechtes Lernen." Sie befinde sich noch heute in der Tradition der "preußischen Stillsitzschule mit knapper Stundentafel".
Erste Schritte in den Zwischenraum
Mit der Auslobung von drei Preiskategorien in den Bereichen Forschungsförderung, Politik und Praxis sollte dem Projekt "Innovative Grundschule" am 25. März 2006 auf die Sprünge geholfen werden. Ein Abschied vom Gestern, dem Schritte in die Grundschulen von morgen folgen sollen. "Schulen und Beispiele gelingenden Lernens machen Mut zum Weitermachen", so Wilfried Steinert, der Vorsitzende des Bundeselternrats in seinem Grußwort. Viele Eltern sind nämlich alarmiert, weil ihre Kinder offenbar viel zu früh der falschen Schulform zugewiesen werden: "Die Hälfte der Kinder wird falsch einsortiert", mahnte Steinert.
Schritte nach vorn wagte am 17. und 18. März 2006 bereits das 1. Berliner Forum der Ganztagsgrundschulen. Die Quintessenz dieses Forums fasste die Geschäftsführerin der DKJS, Heike Kahl in ihrem Grußwort, folgendermaßen zusammen: "Anstrengend ist nur der erste Schritt, danach wird die Entwicklungsaufgabe zur Ganztagsschule als Befreiung erlebt". Das Berliner Forum habe deutlich gemacht, dass Unterstützung der Grundschulen notwendig und gewünscht ist.
Expeditionen in die Welt des "Zwischen"
Jemand der Großes vorhat, ist der Bildungsjournalist und Autor des populären Films "Treibhäuser der Zukunft", Reinhard Kahl. Ihm fiel auf dem Grundschulforum 2006 die Aufgabe zu, Zwischenräume auszuloten, in denen innovative Schule erst gelingt. Für diese Herausforderung holte sich Kahl Rat bei einem illustren Kabinett der Philosophen und Weltweisen. Schon Einstein - daran erinnerte Kahl - wusste als Begründer und Verfasser der Relativitätstheorie, dass das "Zwischen" im Raum-Zeit-Verhältnis von zentraler Bedeutung sei.
Allerdings sei dieser Zwischenbereich des Flüssigen, Fließenden überaus prekär: "Die Welt ist zwischen den Menschen, und dieses Zwischen ist etwas Bedrohtes", zitierte Kahl die Philosophin Hannah Arendt. Schulen sollten aber Zwischenräume schaffen, "denn die Welt ist nie fest oder beständig". Das Feste, scheinbar beständige, also Institutionen, Familien, ja selbst Staaten, sind dem permanentem Wandel ausgesetzt, sie stehen in dynamischen Raum-Zeit-Verhältnissen von Erneuerung und Vergehen.
"You can change your life in dance class"
Auf diese neue Welt, ob sie nun Globalisierung oder Postmoderne heißt, solle Schule, wenn es nach Kahl geht, ihr eigentliches Augenmerk richten, um die Vorstellung von dem Raum als Container, der bloß gefüllt werden müsse, zu überwinden. Schulen, die Fächer und nicht Kinder unterrichteten, folgten einer Vorstellung von der Leere, "wo etwas hinein gegeben wird". Die eigentliche Pädagogik finde aber in Zwischenräumen statt: Zwischen den Menschen (Hartmut von Hentig), zwischen den Generationen oder zwischen den Professionen.
Es ist, als ob ein Märchen wahr würde und zugleich ist alles höchst real. Maldooms Expedition steuert ihrem Höhepunkt zu, als die Tänzer auch die letzte große Prüfung bestehen: den Auftritt vor großer Bühne mit der Berliner Philharmonie und dem Dirigenten Sir Simon Rattle. Kahl nennt auch das Wundermittel von Royston Maldoom: "Vertrauen und Leidenschaft".
"Die Entdeckung des Kindes"
Eine andere Expedition in Zwischenräume unternahm das Jacobs-Sommercamp. Dessen Beinahe-Scheitern und Gelingen hat Kahl selber dokumentiert und auf dem Grundschulforum zeigte er Ausschnitte seines Films: "Die kleinen Alis", kommentiert Kahl, reisten als ausgemachte "Ego-Shooter" an: Jeder nur für sich. Doch es gelang, eine Wir-Bühne zu schaffen, ein positives Gefühl der Zugehörigkeit. In den Zwischenräumen von Schule, Lebenswelt und Öffentlichkeit ist etwas Grundlegendes geschehen: "Die Entdeckung des Kindes verbunden mit der Vorstellung eines starken Kindes", erinnert Kahl.
Die Entdeckung des Kindes widerfuhr auch dem argentinischen Dichter Jorge Luis Borges in hohem Alter: "Und ich würde mehr mit Kindern spielen, aber ich weiß, dass ich 85 Jahre alt bin." Kann man das Selbstverständliche entdecken? Man kann: Schließlich habe - so ergänzt Kahl - der Vizepräsident der Kultusministerkonferenz und Berliner Schulsenator Klaus Böger eingestanden: "Die KMK hat sich erst vor eineinhalb Jahren zum ersten Mal mit den Kindertagesstätten als Bildungseinrichtungen beschäftigt".
Die neue Wertschätzung des Kindes bleibt auf Dauer nicht folgenlos, sie drückt sich in einem Zitat von Bundesbildungsministerin Dr. Annette Schavan aus: "Jede Schule in einer Stadt sollte schöner und reicher ausgestattet sein als die beste Sparkasse im Ort."
Die kleinen richtigen Schritte
Wer aber viele kleine richtige Schritte geht, kommt auch ans Ziel. Kinder kennen nichts anderes als kleine Schritte - zunächst. Die großen kommen später. Kinder brauchen auch Eigenzeit für individuelle Entwicklungen und Räume zum Lernen und Leben.
Auch Schulen gehen im Allgemeinen erst kleine, behutsame Schritte, bevor der eigentliche Qualitätssprung kommt. Schulen brauchen fördernde politische Rahmenbedingungen und begleitende Schulforschung, die die Praxis orientierend unterstützt: "Es kommt auf das Zusammenspiel von Schulpraxis, Schulpolitik und Schulforschung an", sagte der Vorsitzende des Grundschulverbandes Horst Bartnitzky vor der eigentlichen Preisverleihung. Wettbewerbe, die mit Preisen ausgelobt werden, sollen Fortschritte anregen. Dementsprechend waren die drei unterschiedlichen Preiskategorien ein Ausdruck jener gewünschten "Schritte auf dem Weg zur Ganztagsgrundschule".

Auf dem Grundschulforum 2006 wurden zuerst zwei Forschungsarbeiten ausgezeichnet, die es noch gar nicht gibt. Der ersten Teil des mit insgesamt 6000 Euro dotierten Förderpreise erhielt Nadine Budych aus Essen, die für ihr Promotionsvorhaben "Ganztagsgrundschule: Dezentrale Entwicklungsmodelle und Qualitätskriterien", betreut von Prof. Tassilo Knauf, ausgezeichnet wurde. Ihr Forschungsvorhaben könne einen "wichtigen Beitrag zu Fragen der Schulentwicklung und Qualitätsentwicklung im Hinblick auf die Implementierung von Konzepten der Ganztagsschule" leisten, hieß es in der Begründung zur Preisverleihung.
Die Zweite im Bunde, Doreen Weide aus Potsdam, erhielt den Forschungspreis für das von Prof. Sabine Reh betreute Promotionsvorhaben "Zur Entwicklung von Zeitumfang und Zeitverständnis bei Schülerinnen und Schülern an Ganztagsschulen", weil - so steht es in der Begründung - "ihr Forschungsvorhaben Konsequenzen der Einführung der Ganztagsschule für Kinder untersucht und deren Perspektive rekonstruiert".
Schritte in der Politik
Dass den kleinen Schritten große folgen können, dafür steht die Stadt Herford, deren mehr als 30 Personen zählende Delegation aus Politik, Verwaltung und lokaler Presse Verleihung der Verleihung des Politikpreises erwartete. Mit einem Schlag sind in Herford alle Grundschulen in Ganztagseinrichtungen umgewandelt worden. In der Begründung zur Preisverleihung heißt es: "Weil die Stadt aus ihrem kommunalen Etat erhebliche Mittel für die Entwicklung ihrer 11 Grundschulen zu Ganztagsschulen bereitstellt und in Kooperation mit den Schulen, einem wissenschaftlichen Beirat, und außerschulischen Institutionen stetig an der Weiterentwicklung ihres Modells arbeitet."
Schuldezernent Rainer Schweppe betonte, dass die Entwicklung von Ganztagsschulen eine Gemeinschaftsaufgabe sei, die ohne Unterstützung des Landes NRW, der DKJS oder des "Investitionsprogramms Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) nicht realisierbar gewesen wäre: "Wir haben alle Schulen zu Lern- und Lebensräumen umgestaltet, was einen immensen ökonomischen und organisatorischen Kraftakt bedeutet."
Schritte in der Praxis
Fünf glückliche Schulen teilen sich den Praxispreis 2006: die Burgschule Esslingen, die Evangelische Grundschule Potsdam, die Französische Schule aus Tübingen, die Berliner Hunsrück-Grundschule und die Tami-Oelfken-Schule aus Bremen.
Ihre Preiswürdigkeit verdankten die fünf Schulen ganz besonderen Merkmalen: Bei der Burgschule ist es die Verbindung von Mittagsband und Naturerlebnis, die Französische Schule überzeugt durch ihre Entwicklung zur Ganztagsschule als Konsequenz der Stadtentwicklung, die Tami-Oelfken-Schule gestaltet interkulturelle Elternarbeit und Kinderorientierung nach dem Motto "friedlich, freundlich, leise, langsam", die Hunsrück-Grundschule besticht durch ihre Öffnung zum Kiez, mit interkulturellem Dialog und der Erprobung von Teamarbeit und der Evangelischen Grundschule gelingt Vorbildliches bei der Partizipation, der Multiprofessionalität und der Integration der außerschulischen Partnern. "Der Praxispreis ist besonders wertvoll, er zählt für die Schulen", betonte Schulleiter Klaus Hummel von der Burgschule Esslingen stellvertretend für die vier anderen Preisträger.
So endete das Grundschulforum 2006 für seine Teilnehmerinnen und Teilnehmer wie für die Preisträger - bei allen kleineren oder größeren Problemen, mit denen es die Ganztagsgrundschulen im Alltag zu tun haben - durchaus zuversichtlich: mit dem Versprechen, die Zwischenräume der Ganztagsschulen mit Innovationen zu beleben, anstatt nur Container mit dem immer Gleichen zu füllen.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 04.04.2006
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