Das Wichtigste ist gefährdet - schon bei Kindern und Jugendlichen steht es nicht immer zum Besten mit der Gesundheit. Längst nicht alle Kinder und Jugendliche erfreuen sich eines Wohlbefindens in körperlicher, emotionaler und sozialer Hinsicht, das die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Gesundheit definiert. Denn heute klagen viele Kinder und Jugendliche über Rückenschmerzen, Stress und Müdigkeit. Körperliche Geißeln, die bisher dem älteren Teil der Menschheit vorbehalten waren, wie Fettsucht, Diabetes und Depressionen, stellen sich immer früher ein. Jedes zehnte Kind ist heute übergewichtig.
Gesundheit bleibt ein aktuelles Thema. Für die Serviceagentur "Ganztägig Lernen" in Thüringen war das Anlass genug, die Tagung "Schulgestaltung und Gesundheit. Schulentwicklung unter den Aspekten Bewegung, Ernährung und Raumgestaltung" zu organisieren, die am 14. März 2006 in der Thüringer Sozialakademie in Jena stattfand. Rosa-Maria Haschke, Christine Wolfer und Wolfgang Koß von der Serviceagentur in Thüringen konfrontierten die ca. 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer dabei mit klar formulierten Thesen:
Erstens: Kinder brauchen kein Ritalin, sondern Aufmerksamkeit. Zweitens: Schule kann Aufmerksamkeit fördern, wenn Schulen ein Bewegungs- und Ernährungskonzept erarbeiten und Räume angemessen gestalten und drittens: Ein Gesamtkonzept kann nur gelingen, wenn ressortübergreifend zusammen gearbeitet wird.
Mangel im Überfluss
Diese Thesen legen zunächst eines nahe: Der Gesundheitsförderung an Ganztagsschulen kommt man nicht mit eindimensionalen Betrachtungen bei. Und es gibt nicht die einfache automatische Lösung - Tablette rein, Störung raus -, sondern nur die aufwendige: Denk- und Beziehungsarbeit. Eine Wurzelbehandlung im Sinne der gesundheitlichen Prävention ist die Verbesserung der Ernährung. "Schule ist nicht nur der Ort des Erwachsenwerdens und der Bildung, sondern Gelegenheit, einen gesunden Lebensstil zu vermitteln", sagte Dr. Charlotte Conze, Ernährungsberaterin und Ernährungswissenschaftlerin in ihrem Vortrag "Das Spannungsfeld zwischen Nahrungsaufnahme und Esskultur". Deutschland sei in Sachen Ernährung ein Entwicklungsland. Ernährungsirrtümer würden sogar über Schulbücher verbreitet. Hinzu kommt, dass viele Lehrkräfte nur mangelhaft in ernährungswissenschaftlichen Fragen qualifiziert seien.
Autoren der Donald-Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung, die 1985 auf dem Weg gebracht wurde und noch heute weitergetrieben wird, sind beinahe wie Stars unter Ernährungswissenschaftlern. DONALD, das steht für Dortmund Nutritional and Anthropometric Longitudinally Designed Study. Die Autoren untersuchen die Wechselwirkung zwischen Essverhalten, Wachstum und Gesundheit von der Kindheit bis zum Abschluss des Wachstums. Die Ergebnisse der Studie überraschen nicht: Kinder essen zu viel fetthaltige Mahlzeiten und zu viel Zucker und sie nehmen zu wenig Ballaststoffe zu sich.
Verhältnisprävention
Ein vollwertiges Essen beuge vielen Krankheiten vor und steigere die Lernleistung, so Charlotte Conze. Ein gutes Essen, so die These der Ernährungswissenschaftlerin, mindere die Reizbarkeit, ja die Aggressivität unter Kindern und Jugendlichen. Beim Mittagessen überwänden Schülerinnen und Schülern auch soziale Barrieren, etwa zu den Lehrenden und außerschulischen Mitarbeitern. Das Mittagessen an Ganztagsschulen darf deshalb nicht einfach eine vom Lernen und der Betreuung abgekoppelte Nahrungsaufnahme in der Suppenküche sein. Bewusst gestaltet, ist das Mittagessen ein tragender Teil der Schulkultur. Der Schüler ist halt, was er isst.
Schulbau für Gesundheit am Leitfaden des Blumenkohls
Räume sind nicht nur, wie ein schwedisches Wort sagt, der dritte Lehrer. Sie sind die dinglichen, oft unterschätzten Verhältnisse, die weit reichende Auswirkungen auf die Art der Beziehungen zwischen den Schülerinnen und Schülern, aber auch zwischen Schülern und Lehrpersonal haben. Die üblichen Klassenzimmer sind offenbar keine geeigneten dritten Lehrer. In dem Vortrag "Lebensraum Schule - Lern- und Lebensräume in der Ganztagsschule" führt Dr. Winfried Buddensiek, Erziehungswissenschaftler an der Universität Paderborn, aus, auf wie wenig Raum Schülerinnen und Schüler sich täglich beschränken müssen. In durchschnittlichen deutschen Schulen leben die Schülerinnen und Schüler eingepfercht auf 2 m². An Ganztagsschulen, empfiehlt Buddensiek, sollten hingegen 3,6 m² Raum pro Schüler einkalkuliert werden.
Im Zentrum seiner Überlegungen zum gesundheitsfördernden Schulbau steht der Begriff der fraktalen Schule. Die fraktale Raumgestaltung ist geleitet vom Gedanken, dass sich die geometrischen Muster von Räumen in den Schulmöbeln wiederholen und dass die natürlichen Formen zu einem Ganzen beitragen. Ein Beispiel für die Wiederholung des großen Musters im kleinen Maßstab ist der Blumenkohl. Sechseckige Klassenräume nach dem Muster des Blumenkohls schaffen Nischen für Gruppenarbeit und handlungsorientierte Lernformen. Schulen, die sich einen Umbau im großen Stil nicht leisten können, empfiehlt der Schulberater: "Aus drei mach zwei" - klobige quadratische Klassenzimmer und unproduktive Flure könnten nach Buddensiek zu größeren zusammenhängenden Lernflächen ausgeweitet werden.
Nicht nur Lernformen müssen also für den Gebrauch an Ganztagsschulen überdacht und angepasst werden, auch Räume und Möbel bedürfen im Hinblick auf die Teamfähigkeit und die Erhaltung der Gesundheit einer neuen Gestaltung.
Die Leichtigkeit des bewegten Seins
Vom Körper im Raum zum Raum im Körper. Schließlich ist der Körper ein lebender Raum, der Spiel und Sport braucht, um nicht zu erschlaffen. Doch geht es nur darum, dass der Körper nicht rostet oder steht mehr auf dem Spiel, etwa das Lernen? Dieser Frage gehen Alexander Bösenberg und Oliver Senff von dem Institut für Sportwissenschaften der FSU Jena nach. "Bewegung, Spiel und Sport - Vorteile für das Lernen?" Die Sportwissenschaftler testeten mit einem Vergleich, wie die Aufmerksamkeit der Kinder dreier Grundschulklassen in der ersten, dritten und fünften Schulstunde verläuft. Eine Klasse hatte Unterricht ohne Auflockerungen durch Bewegung, bei der zweiten Klasse gab es kurze Bewegungseinheiten und die dritte erhielt zusätzliche Bewegungselemente.
Dass allein das Zusehen von artistischen Einlagen die Leichtigkeit des Seins vermittelt und die Körper auflockert, zeigten die Mädchen vom Kinderzirkus des Christlichen Gymnasiums Jena in einer "Bewegungspause". Sie balancierten, bildeten Menschenpyramiden und fuhren auf atemberaubende Weise Einrad.
Schließlich vertieften Referenten in den fünf Arbeitsgruppen von "Lernkompetenz durch - Bewegte Lehr- und Lernmethode" bis "Lernräume zur Ernährung an Jenaer Schulen" den Zusammenhang, der zwischen körperlicher Bewegung, Ernährung und Raumplanung besteht.
Stationslernen und Dreieckstische, Essen im Klassenraum und "gläserne" Küchen, Bewegungsübungen im Unterricht - wenn die Ganztagsschule nicht auch ein Haus der Gesundheit wird, läuft sie ins Leere. Räume, Ernährung und Bewegung sind die Bausteine auf denen diese Schule gebaut wird. Ausweis einer Schule auf den Weg zur Gesundheit ist es, dass Anstrengung weniger als Druck, sondern als Lust erlebt wird. Die Leichtigkeit des Lernens.
Autor: Arnd Zickgraf
Datum: 21.03.2006
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