14. NOVEMBER 2003

Ganztagsschule lernen

Dass Ganztagsschulen in der bildungspolitischen Offensive der Bundesregierung ganz oben auf der Agenda stehen, hält der Ganztagsschulverband für einen Erfolg, an dem er selbst Anteil hat. In dieses für Ganztagsschulen günstige Umfeld fiel der vom Verband veranstaltete jährliche Ganztagsschulkongress. Unter dem Thema "Ganztagsschule - Erweiterter Schultag als pädagogische Herausforderung" trafen sich knapp 300 Mitglieder, Pädagogen und Eltern vom 5. bis 7. November 2003 in Braunschweig.

Im Foyer des Hotels Mercure steht eine Flipchart, auf der die Teilnehmer der seit Wochen ausgebuchten Jahrestagung ihre Eindrücke und Anregungen schriftlich hinterlassen können. "Ein wie immer wunderbarer Vortrag von Otto Herz" und "Den sollte es als Videomitschnitt geben" sind zwei der ersten Einträge. Der Bielefelder Pädagoge und Diplompsychologe Herz, ein stets umherreisender Missionar in Sachen Bildung, hielt den Eröffnungsvortrag mit dem Titel "Gute Zeiten zum Leben und Lernen". Obwohl: "Das war weniger eine Rede als eine Predigt", meint Ulrich Rother, stellvertretender Vorsitzender des Ganztagsschulverbandes, "aber eine gute Predigt. Wenn in den Kirchen so gepredigt würde, wären die voller."

Es sind Begeisterung und Engagement für die gemeinsame Sache, die Herz in seinem Vortrag vermitteln kann - ähnlich wie Reinhard Kahl mit seinem vom Bundesbildungsministerium geförderten Film "Treibhäuser der Zukunft", der am zweiten Kongresstag im Plenum gezeigt wird. Und es sind günstige Zeiten für die Idee der Ganztagsschule. Staatssekretär Wolf Michael Catenhusen aus dem Bundesbildungsministerium spricht in seiner Begrüßungsrede von der Ganztagsschule "nicht nur als Herausforderung, sondern vor allem als pädagogischer Chance." Das Leitbild des Forderns und Förderns müsse auch im Bildungsbereich als Prinzip durchgesetzt werden, um der Ineffizienz und der Ungerechtigkeit in der sozialen Durchlässigkeit zu begegnen. Gefragt sei eine neue Kultur des "Bildungsoptimismus" nach dem Motto: "Jedes Kind kann es schaffen, vorausgesetzt, wir sind gut genug, um es entsprechend zu fördern." Um dieses Ziel zu erreichen, sei ein Länder übergreifender Ideen- und Erfahrungsaustausch "unerlässlich".

Klar wird auf dem Kongress auch: Begeisterung und Engagement sind nicht nur essentiell, wenn ein Referent die Zuhörer für sich einnehmen will - und auf der Tagung gelingt dies nicht allen so gut wie Otto Herz - sie sind auch eine notwendige Voraussetzung für das Gelingen einer Ganztagsschule.

Dies zeigt sich am zweiten Kongresstag beim vom Ganztagsschulverband arrangierten Besuch einer Braunschweiger Ganztagsschule, der Gaußschule am Löwenwall. Das Gymnasium verzeichnete 1996 einen Einbruch bei den Schüleranmeldungen - und das Kollegium ging in Konklave: Was war schiefgelaufen, was musste besser werden? "Es war klar, dass wir etwas tun mussten", erzählt Helga Treinies, die stellvertretende Schulleiterin den Besuchern, die sich unter zwölf zur Wahl stehenden Ganztagsschulen für die Gaußschule entschieden haben und nun in der Aula des altehrwürdigen Gebäudes von 1907 sitzen. "Die Kollegen hatten gute Ideen für Arbeitsgemeinschaften, und nach einigen Krisensitzungen fassten wir den Entschluss, eine Ganztagsschule zu werden - und zwar einstimmig."

Engagement trägt die Schule

Innerhalb von sechs Wochen erarbeiteten die Lehrer ein pädagogisches Konzept - "das Kollegium hat irre gearbeitet", so Treinies - welches dann vom Schulamt tatsächlich genehmigt wurde. Seit 1997 ist die Gaußschule nun ein Offenes Ganztagsgymnasium und hat den Schritt nicht bereut: "Das Schulklima ist ausgezeichnet geworden, die Schüler identifizieren sich mit ihrer Schule, und wir platzen aus allen Nähten", erzählt die Lehrerin.



Von 480 Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe eins nähmen 420 das Ganztagsangebot wahr. Aus nicht weniger als 49 Arbeitsgruppen können die Kinder ihr Nachmittagsangebot zusammenstellen - von Musik über Sport, Naturwissenschaften, Theater und Sprachen bis zum Computerunterricht. Ein wichtiges Element des Ganztagsschulkonzepts, die Kooperation mit außerschulischen Partnern oder Sozialarbeitern und damit das Öffnen der Schule nach außen, ist an der Gaußschule nachrangig. Allerdings erwartet das Gymnasium laut Treinies "sehnlichst" einen Sozialpädagogen. Eine halbe Stelle sei jetzt bewilligt worden. Insgesamt machten sich inzwischen gewisse Verschleißerscheinungen bemerkbar, nachdem der Anfangselan nachgelassen habe. Aus diesem Grund wolle das Kollegium versuchen, das eigene Ganztagsschulkonzept "weiterzuentwickeln".

An der Gaußschule ist es bislang quasi ausschließlich das Engagement der Pädagogen, das die Schule trägt. Wo dieses fehlt, geraten Ganztagsschulen schnell ins Schlingern, wie am Nachmittag die Teilnehmer aus Baden-Württemberg am Bundeslandbezogenen Praktikergespräch zu berichten wissen. Das Organisieren und Leiten einer Ganztagsschule erfordere einen "großen Arbeitsaufwand". Kollegen, die sich gegen Arbeit am Nachmittag sträubten, gefährdeten das Betriebsklima und das Konzept. Auch sei es ungewiss, ob es wirklich für Schüler und Lehrer von Nutzen sei, wenn Schulen entgegen ihrem ursprünglichen Beschluss von Kommunalpolitikern zur Umwandlung in eine Ganztagsschule überredet würden.

Dabei ist es in Baden-Württemberg nicht für jede Schule einfach, zur Ganztagsschule zu werden. "Nur Hauptschulen in sozialen Brennpunkten erhalten Landeszuschüsse", führt Wolfgang Kolb, stellvertretender Vorsitzender des Ganztagsschul-Landesverbandes, aus. "Es müsste schon ein gewaltiger Sinneswandel im Ministerium stattfinden, damit sich daran etwas ändert." Ganztagsschulen würden kaum gefördert, wenn es aber um Bundesländervergleiche gehe, zähle die Landesregierung auch die kirchlichen Schulen mit: "Das ist doch Augenwischerei." Der Ganztagsschulverband müsse deutlich machen, wo die Qualitäten der Ganztagsschule lägen und diese nicht zu einem "Gemischtwarenladen" werden lassen.

Kompetenzzentrum statt Suppenschule

Dies ist auch der Tenor des Vortrages am dritten Tag, den der Managementtrainer Gerhard Regenthal unter dem Titel "Profilierung der Ganztagsschulen durch Corporate Identity-Strategien" hält: "Die Bevölkerung hat noch ein völlig diffuses Bild, was sich hinter Ganztagsschulen überhaupt verbirgt." Um vom Image der "Suppenschulen" wegzukommen und als "Kompetenzzentren" wahrgenommen zu werden, müssten sich die Ganztagsschulen "mit Mut und Leidenschaft professionalisieren und positionieren." Sie sollten Leitbilder, Leitziele und Leitrichtlinien aufstellen, um das Konzept einer Ganztagsschule glaubwürdig in die Öffentlichkeit zu tragen.

Die Leidenschaft ist der Rote Faden, der sich durch den Kongress zieht. Ohne sie kann es bei der Herausforderung, Verpflegungssysteme einzurichten, die Qualität der Schulsozialarbeit zu sichern, eine Spieliothek einzurichten, den Schulhof und die Pausen neu zu gestalten, schwierige Schüler nach einem Unterrichtsverweis zu betreuen oder Zirkuspädagogik einzusetzen, schwierig werden. Die Teilnehmer konnten sich zu den genannten Themen in Arbeitskreisen zum Abschluss des Kongresses Anregungen holen.



Aber genauso wichtig wie das Besuchen der Vorträge und Workshops waren die "nützlichen Begegnungen", die der Ganztagsschulverband in seiner Pressemitteilung den Teilnehmerinnen und Teilnehmer gewünscht hatte. Der vom Alter und Geschlecht bunt gemischte Kreis nutzte den Kontakt bereits beim Frühstück zum Austausch und Argumentieren. An allen drei Tagen steckten die Pädagogen die Köpfe zusammen, sichteten neue Schulbücher, probierten Spiele aus oder kosteten bei Verpflegungsfirmen das Catering-Angebot. Keine Lehrerin und kein Lehrer dürfte den Kongress verlassen haben, ohne etwas dazugelernt zu haben. Als Multiplikatoren kehren sie nun in ihre Schulen zurück, um sich den neuen pädagogischen Herausforderungen mit Engagement zu stellen - und Leidenschaft.

 

Autor: Ralf Schmitt
Datum: 14.11.2003
© www.ganztagsschulen.org

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