Einsam ragt der 266 Meter hohe "Colonius" rund hundert Meter hinter dem Eingangsbereich von "Amaro Kher" an einem grauen, regnerischen Tag in den Himmel. Der imposante, im Kölner Westen gelegene Fernmeldeturm, scheint die Großstadt mit der Welt zu verbinden. Vor dem Eingang des Schul- und Kulturzentrums "Amaro Kher" haben sich Pfützen gebildet, in denen Spielgerät zurückgelassen wurde: ein Dreirad und ein Bobbycar.
Plötzlicher Stimmungswechsel im Schulgebäude, wo ausgelassene Geräusche und Stimmen zu vernehmen sind, die von Kindern stammen. Man hört den ruhigen Takt von Schritten, die sich auf die Turnhalle zu bewegen. Dort spielen Jungen scheinbar selbstvergessen mit einem Ball. Als dieser plötzlich mitten in die Besuchergruppe fällt, springt der Funken der Spontanität von den Kindern auch auf die Delegation aus Costa Rica über.
Mit dem Ball machen die Kinder auf sich aufmerksam, er ist ein Angebot für unmittelbarere Verstädnigung. Vernor Muñoz Villalobos blickt spontan zu den spielenden Kindern, lächelnd. Meist wirkt der 45-jährige Professor der Rechtswissenschaften, der aus Costa Rica kommt und 2004 zum Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Bildung ernannt wurde, ernst und konzentriert.
Von den zahlreichen, provisorisch anmutenden Funktionsräumen schauen sich Muñoz und seine Delegation vor allem die pädagogisch relevanten Räume und die Betreuungseinrichtungen genauer an. Mit dabei ist Renate Graffmann, Pfarrerin und Vorsitzende des Rom e.V., die den UN-Sonderbeauftragten aufmerksam begleitet und mit sachlichen Informationen über die pädagogischen Ziele und Gestaltungsspielräume der jungen Einrichtung unterstützt.
"Der Sonderberichterstatter will konstruktiv und unterstützend tätig werden, um zu Lösungen zu gelangen, die die Umsetzung des Rechtes auf Bildung zum Ziel haben, und er möchte praktische politische Empfehlungen entwickeln", heißt es in einem Aide-Memoire des Büros des UN-Hochkommissars für Menschenrechte vom 16. November 2005.
"Kinder vom äußersten Rand der Gesellschaft"
Vernor Muñoz' Auftreten und sein Vorgehen zeichneten sich durch vornehme Zurückhaltung, diplomatische Neutralität und hohe Systematik aus. Nach dem Rundgang durch das Schul- und Kulturzentrum "Amaro Kher" nimmt er sich abermals Zeit. Beispielsweise für die offizielle Begrüßung durch die Vorsitzende des Rom e.V. und Pfarrerin a.D. Renate Graffmann: "Dass Sie nach Köln kommen, ist eine große Ermutigung für uns. Wir haben es hier mit Kindern zu tun, die am äußersten Rand der Gesellschaft leben".
Damals, vor 20 Jahren, als 500 verelendende Roma nach Köln gekommen sind, habe es noch eine große Hilfsbereitschaft gegeben. Viele haben Bleiberecht bekommen. Doch nach dem Kosovokrieg 1999 haben sich - laut Graffmann - die Vorzeichen verändert: "Wir haben es mit Kriegsflüchtlingen zu tun." Die Situation beschreibt sie als momentan nicht sehr ausländerfreundlich, doch das sei auch ein europäisches Problem. "Unser Fernziel ist, dass die Europäische Union auch diesen Minderheiten eine bessere Rechtsposition verschafft."
Muñoz erhebt sich vom Tisch, der - reichhaltig gedeckt mit Kaffee, Kuchen und Obst - zu einer wirklichen Begegnungsstätte der Vielfalt wurde. Versammelt sind die offiziellen Repräsentanten der Bezirksregierung Köln, des Dezernats Bildung der Stadt Köln, des Schulamtes Köln, des Integrationsministeriums NRW, der Aktion "Wir helfen" und natürlich des Vereins Rom e.V. Muñoz hält seine Begrüßungsrede: "Mein Dank geht an alle, die mir helfen, die Realität des deutschen Bildungssystems zu verstehen." Die Botschaft der Vereinten Nationen laute, dass Bildung ein Menschenrecht sei, das niemand verweigert werden dürfe.
"Botschaft der Liebe und des Respekts"
Der UN-Sonderbotschafter fährt fort: "Wir wissen, dass das Recht auf Bildung nicht verwirklicht werden kann, wenn das Recht auf Arbeit und auf das Haus nicht verwirklicht werden kann." Auch das Recht auf Asyl sei im Zusammenhang mit der Bildung von grundlegender Bedeutung. Auf seiner Deutschlandreise wolle er so viele Informationen wie möglich sammeln, um am Ende seines Besuches die Verwirklichung des Rechtes auf Bildung einzuschätzen. Die Lage der Roma in Deutschland sei für ihn von großer Bedeutung: "Ich möchte an diesem Ort eine Botschaft der Solidarität, der Liebe und des Respekts aussprechen, für das, was Sie hier machen", so Muñoz zum Schluss seiner Ansprache.
"Ohne Schule kein gutes Leben und Denken"
Ein Roma-Schicksal bekam mit Mujic Zajko, 40 Jahre, und Vater von sechs Kindern sein unverwechselbares Gesicht: "Ich bin als reicher Mann 1991 aus Bosnien nach Deutschland geflüchtet. Nun lebe ich seit 15 Jahren in Köln und habe immer noch keine Papiere. Jeden Tag kann ich mit meiner Familie abgeschoben werden", sagt der Familienvater. "Ich bin krank, habe vor kurzem einen Schlaganfall erlitten." Schlafen könne er kaum noch.
Alle drei Monate muss Zajko aufs Amt, um abermalig die Duldung für sich und seine Familie zu erlangen. "Ohne Schule kein gutes Leben und Denken", ist sich Zajkos sicher. Welchen zentralen Stellenwert für ihn die Bildung für seiner Kinder hat, unterstreicht ein dicker Ordner voller Zeugnisse, den er auf den Tisch legt. Dort konzentriert sich die mühsame Ernte einer langjährigen Schullaufbahn seiner Kinder.
Vernor Muñoz hält gegenüber den offiziellen Repräsentanten und der Presse fest: "Das Projekt ist vorbildlich für den Versuch wenigstens einigen Kindern aus der extrem unterprivilegierten Gruppe der Roma eine Chance auf Bildung zu eröffnen". Es müsse unbedingt auf Dauer institutionalisiert werden.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 03.03.2006
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