21. FEBRUAR 2006
Vorbild Skandinavien?
Die Bedeutung und das Ansehen von Nationen werden gewöhnlich an der Wirtschaft und ihrer Stellung im politischen Weltkonzert gemessen. Allerdings kam in Europa - zunächst kaum merklich - mit den skandinavischen Ländern eine weitere Größe hinzu: Bildung. "Wie kann man einen ähnlichen Erfolg wie die skandinavischen Länder auch für Deutschland erzielen?" lautete eine zentrale Frage auf der Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung am 10. Februar 2006.
Brauchen wir heutzutage noch Vorbilder und wozu? Was kann die Gesellschaft - auf der Stufe nationaler Bildungssysteme - von guten Beispielen überhaupt lernen? Das waren einige Kernfragen, zu denen die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) am 10. Februar 2006 eine gut besuchte internationale Tagung veranstaltete. Das Kulturhus Berlin, Mitveranstalter der Tagung, gab ihr den programmatischen Titel "Vorbildfunktion versus Entsorgungspädagogik? Das deutsche und skandinavische Bildungssystem im Vergleich". Sie veranstaltete die Tagung im Berliner Landesbüro auf Initiative des Kulturhauses Berlin. Zentrum für Nordeuropäische Kultur und Wissenschaft sowie in Kooperation mit dem Finnland-Institut, dem Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität und mit finanzieller Unterstützung der schwedischen und norwegischen Botschaft.
Der Erfolg der Bildungssysteme ist nachweislich feststellbar in der internationalen Schulleistungsstudie PISA (PISA 2000 und 2003) der OECD. Nationen mit erfolgreichen Bildungssystemen wie die skandinavischen Länder gelten als zukunftsweisende Gesellschaften, weil sie sich auf die Herausforderungen der innovativen Weltwirtschaft einstellen. Momentan genießen die skandinavischen Länder aufgrund ihres Bildungserfolges großes internationales Ansehen. Das deutsche Bildungssystem hingegen erfuhr anlässlich der PISA-Erhebungen einen empfindlichen Dämpfer. Zu offensichtlich erwies sich die Schere zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Auch deshalb schaute die Friedrich-Ebert-Stiftung am 10. Februar 2006 auf Skandinavien.
Lernen von Skandinavien?
"Die PISA-Studie hat die skandinavischen Länder verstärkt in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt", so Inken Dose vom Kulturhus Berlin. In der Geschichte waren "die skandinavischen Länder häufig Objekte von Machtgelüsten", erinnerte Prof. Henningsen vom Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität. Später, seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, blickte man gerne mit einem idealistischen Blick auf ihren Wohlfahrtsstaat. Allerdings stellte sich für Prof. Bernd Henningsen die Frage, ob die Bildungspolitik der skandinavischen Länder auf Deutschland übertragbar sei.
Mit einer Tour d' Horizont spannte der ehemalige Bildungsminister von Brandenburg und MdB Steffen Reiche einen weiten Bogen. Vom Orientalismus, der Italien-Faszination in der Renaissance, der Französischen Revolution zum Ost-West-Konflikt: "Der Blick Deutschlands richtet sich nun in den Norden: "Vom Norden haben wir lange nichts erwartet." Nun wollten alle vom Besten lernen. "Was machen die Finnen so anders?", fragte Reiche. In Finnland werde auf Vertrauen gesetzt, den Kindern werde jeden Tag gesagt, was sie können. "In Deutschland werden zu oft Fächer unterrichtet und nicht die Kinder", so Reiche weiter.
Humboldt, Fröbel und die DDR
Der Bildungspolitiker erinnerte daran, wie er und eine deutsche Bildungsdelegation bereits 2002 in Finnland mit den Worten empfangen wurden: "Schön, dass ihr hier seid, aber was wollt ihr hier?" Die Finnen gaben zu bedenken, dass das finnische Bildungssystem doch seinerseits von Humboldt, Fröbel und auch von Bildungsexperten aus der DDR gelernt habe. Reiche mahnte eindringlich: "In Deutschland läuft momentan eine griechische Tragödie ab. Alle sehen was passiert, aber keiner kann das Unglück aufhalten", so der Bildungspolitiker. Föderalismus und Eliteuniversitäten seien die Stichworte für den Prolog dieser Tragödie.
Dagegen seien in Skandinavien Transparenz, Partizipation und der hohe Anteil für Bildung und Forschung am Bruttoinlandsprodukt (BIP), das bei 3,5 Prozent liege, wichtige Gründe für den Erfolg der nordischen Länder. Das deutsche Bildungssystem brauche eine neue Kultur des Lernens: "Wir sollten aus vielen finnischen Inseln deutsches Festland verbinden."
Was ist das Skandinavische an Skandinaviens Schulen?
Ermutigung und Lernen durch einen grenzüberschreitenden Vergleich, so könnte man die beiden international besetzten "Panels" auf einen Nenner bringen. Das Wort Panel bedeutet soviel wie Erhebung bzw. Längsschnittstudie. Panel I hieß: "Skandinavien: Vorbildfunktion? Charakteristika der skandinavischen Schulsysteme". Natürlich war Panel I international besetzt: Lars Hendrik Schmidt, Rektor der Pädagogischen Universität Kopenhagen, Max Kramer, ehemaliger Direktor der Balle Jugendschule, Jütland, Prof. Mats Ekholm, ehemaliger Generaldirektor der schwedischen Schulbehörde, Rainer Domisch vom Finnischen Zentralamt für Unterrichtswesen sowie Tobias Werler vom Adger University College in Norwegen als Moderator waren die geladenen Experten.
Eine skandinavische Besonderheit in Dänemarks Bildungssystem ist die Sekundarstufe als eine Schule für alle. Dänemark, so Lars Hendrik Schmidt, habe zwar keine Revolution gehabt, aber eine große demokratische Tradition: "Schulen sind deshalb kulturelle Zentren mit starker Elternbeteiligung." Individuelle Förderung und Selbstrespekt gehören zu den wesentlichen Bildungszielen. In Dänemark sind Schulleiter Vorbilder, oder zumindest haben sie den Anspruch, es zu sein, so die Einschätzung von Max Kramer von der Balle Jugendschule, Jütland. In Dänemark gebe es keine Schulpflicht, sondern eine Unterrichtspflicht, womit die Schulen mehr pädagogische und ökonomische Verantwortung trügen. Viele Schulen würden auf privater Initiative gegründet.
Mut auf schwedische Art
Auch in Schweden haben Einheitsschulen eine lange Tradition, sie wurden bereits in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts eingeführt. "Damals wurde noch davor gewarnt", erinnerte Mats Ekholm von der schwedischen Schulbehörde. Im schwedischen Schulsystem sei die Förderung individueller und sozialer Kompetenzen ein wesentlicher Pfeiler. Die Schulen in Schweden erhielten deutliche Rückmeldungen über ihre Leistungen und Eltern seien echte Gesprächspartner. Deutsche Schulen hätten Nachholbedarf: zu wenig Transparenz und Öffentlichkeit, die Konzentration der Schule auf den Vormittag und Mangel an Feedback zwischen den Lehrerinnen und Lehrern.
"Wie kann man einen ähnlichen Erfolg für das deutsche Bildungssystem erzielen?" fragte Rainer Domisch aus Sicht des PISA-Siegers Finnland. Er lobte den schwedischen Mut: "Die Einheitsschulen waren die wichtigste schulpolitische Entscheidung. Wir sind den schwedischen Schulen gefolgt." Die Weichenstellung für Einheitsschulen fiel in Finnland in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts auf der Grundlage einer breiten parlamentarischen Mehrheit. In den 90ern entschied sich Finnland für die Abschaffung der Schulinspektion und für die Öffnung ins Informationszeitalter. Neun Jahre gemeinsame Schule seien angesichts einer hohen Jugendarbeitslosigkeit ein Beitrag zur Integration: "Bildung ist lebensnotwendig für ein Volk", resümierte Domisch.
Norwegische Experimente
Die Wandlungen des norwegischen Bildungssystems erläuterte Tobias Werler vom Adger University College. Eine starke Arbeiterbewegung sowie ein starker Wohlfahrtsstaat haben in Norwegen die Einführung der Einheitsschulen ermöglicht. Zwischen 1930 und 1960 wurde das norwegische Schulsystem zentralisiert. Seit 1990 befinde sich das System der Einheitsschulen jedoch in "innerer Auflösung". Mehr Privatschulen, Stichwort "Diversität", führten zu einer neuen Situation: Auf der einen Seite würden bessere Resultate erzielt: Andererseits: "Der Ausgleich des sozioökonomischen Hintergrunds zwischen den Familien gelinge nicht mehr so gut."
Skandinavisch humorvoll, lebendig und informiert war die Diskussion, die sich aus Panel I entspann: Hans-Konrad Koch, Leiter der Unterabteilung "Bildungsreform" im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fragte nach: "Worauf führen Sie die Beziehung zwischen familiärer Herkunft und Bildungserfolg zurück?".
"Lehrer sind für die Kinder da"
"In Finnland geht es immer zuerst um die Kinder", sagte Rainer Domisch. Doch Schule habe den Auftrag, den Unterschied zwischen den Elternhäusern nicht noch zu vertiefen. Das Ansehen der Lehrerinnen und Lehrer sei in Finnland deshalb so hoch, weil ein "Paradigmenwechsel" stattfand: "Die Lehrer sind für die Kinder da." Es müsse nun gelingen, die große Bedeutung der Bildung der ganzen Gesellschaft klarzumachen," so Domisch weiter. Wenn Schule in Deutschland neue Qualitätsmaßstabe anstrebe, gewinne sie wieder Vertrauen. In der frühen Förderung schon ab Beginn der Vorschule sah Mats Ekholm ein geeignetes Mittel, um die Diskrepanz zwischen Elternhaus und Bildungserfolg nicht weiter zu verschärfen: "Rund 40 Prozent eines Jahrgangs ab zwei Jahren gehen bei uns in die Vorschule."
Ludger Pieper von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport Berlin sah die Aufgabe einer gesellschaftlichen Debatte ähnlich wie Domisch und Ekholm darin, die politischen Entscheidungen für strukturelle Reformen zu beeinflussen. Die Sorge um die Entsorgungspädagogik sei zwar nicht unbegründet, aber in der überspitzten Form wohl auch nicht zutreffend: "95 Prozent der Kinder in Berlin haben die vollständige Integration durchlaufen und 80 Prozent der Kinder lernen bis zur Klasse 6 gemeinsam." Doch die Schulen in Deutschland müssten sich aus ihrer gesellschaftlichen Isolation befreien und stärker öffnen.
Ort der Hoffnung und Dialogfähigkeit
Ungewöhnlich starken Widerhall erfuhr der Vortrag von Hildburg Kagerer in Panel II. Die Schulleiterin der Ferdinand-Freiligrath-Oberschule in Berlin-Kreuzberg stellte den Schulversuch "Schule im gesellschaftlichen Verbund" vor, der im Schuljahr 2000/ 2001 an dieser integrierten Haupt- und Realschule und davor unter der Bezeichnung "KidS - Kreativität in die Schule" auch im Rahmen eines Modellversuches der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung durchgeführt wurde. Panel II fokussierte unter dem Titel "Deutschland: Inspiration aus Skandinavien oder Entsorgungspädagogik? Aktuelle Tendenzen im deutschen Schulsystem" das hiesige Bildungssystem und die Wechselbeziehung mit den skandinavischen Vorbildern.
Mit der Ferdinand-Freiligrath-Oberschule Berlin-Kreuzberg wurde ein gutes Beispiel ausgesucht: Keine Vorzeigeschule, sondern eine Brennpunktschule, die an ihren Problemen nicht verzweifelte, sondern gewachsen ist. Schwere soziale Probleme wie Gewalt, Lernblockierungen etc. waren anfangs an dieser Schule mit einem Migrantenanteil von 80 Prozent an der Tagesordnung: "Hinter der Zusammensetzung der Schülerschaft verbarg sich eine soziale Deklassierung", so Kagerer. Seine Perpektivlosigkeit drückte ein manifest gewaltsamer Schüler exemplarisch für viele Betroffene aus: "Wir hauen auf den Putz, denn irgendwie musst du zeigen, dass du existierst." Wenn die Angst des Menschen, nicht gebraucht zu werden, bei den Kindern und Jugendlichen ankommt, ist dies für die Gegenwart und Zukunft der menschlichen Gesellschaft überaus gefährlich", erläuterte Kagerer.
Schritt für Schritt entwickelte sich an der Ferdinand-Freiligrath-Oberschule ein Verständnis von Schule, in der die Kinder und Jugendlichen gewollt sind. Schule wurde nicht mehr als Stigma erlebt und die Erwachsenen an der Schule, also die Lehrkräfte, konnten als authentische Menschen erlebt werden: Erst so könne Interesse am Leben und an einer demokratischen Gesellschaft geweckt werden.
"Zur Welt kommen in der Arena"
Es sei wesentlich, dass die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit bekommen, über Erfahrungen von persönlicher Wirksamkeit in der Öffentlichkeit, in so genannten "Arenen" auf die Welt zu kommen: "Die Erfahrung einer Initiation in einer Arena, das heißt an einem Ort, an dem der Einzelne mit seinen Fähigkeiten auf die menschliche Gesellschaft trifft, wird zum Unterrichtsprinzip." Schule müsse endlich aus ihrer Isolation herausfinden und im "gesellschaftlichen Verbund" wirksam werden.
Eine wichtige Säule ihrer Arbeit sei auch die Förderung der Sprachkompetenzen: "Menschen sind dem Gebrüll und dem Schweigen ausgesetzt sind, wenn sie keine Sprachkompetenzen erwerben." Die Schule im "gesellschaftlichen Verbund" solle einen Paradigmenwechsel bewirken, der auf das Ganze des Systems Schule und der Gesellschaft abziele, so Kagerer weiter.
Schulen in Bewegung bringen
Der Erfolg zweier Modellversuche gab der Schule Recht. Der Umgang der Schule mit Problemen habe sich nun nachweislich verbessert. Kreativität, Spaß an der Anstrengung und Mut hätten dabei geholfen, die Angst zu überwinden, so die Pädagogin in der anschließenden Diskussion. Prof. Rainer Lehmann vom Institut für Allgemeine Pädagogik der Humboldt-Universität Berlin bekräftigte, dass die wirtschaftlichen und sozialen Prozesse eine Benachteiligung der Migranten bewirkten: "Schulen sind damit überfordert, die gesamtgesellschaftlichen Ungleichheiten zu verändern."
Am Abend folgte eine lebendige und anregende Abschlussdiskussion, in der Ludger Pieper daran erinnerte, dass die Schule viele Probleme stellvertretend für die Gesellschaft zu lösen habe. So habe der Druck auf die Schulen enorm zugenommen. War bis in den 1970er Jahren das "katholische Mädchen vom Lande" noch die typische Verliererin, so laufe momentan der in der Stadt aufgewachsene Junge mit Migrationshintergrund "größtes Risiko, zum Verlierer des Schulsystems gestempelt zu werden". Wenn Schulen in Deutschland mehr Verantwortung bekämen, so Mats Ekholm, würden sie in Deutschland mehr in Bewegung bringen: "Man kann die staatliche Bürokratie angemessen verkleinern." Claudia Schönsee von der Landesschülervertretung Berlin forderte eine Änderung der Schulstruktur, die die Selektion beende und die fehlende Zeit im dreigliedrigen Schulsystem ausgleiche. Zukunftsforscher Heiner Benking blickte weiter: "Ich sehe in der Vielsprachigkeit der globalen Informationsgesellschaft eine wirkliche Chance." Mehr Frauen auf dem Podium wünschte Kathrin Kropf, Referentin für Bildung, Hochschule und Kunst der CSU-Landesleitung - und sie dankte Hildburg Kagerer und der Ferdinand-Freiligrath-Oberschule für ihr vorbildliches Engagement.
Eine Schule übrigens, die ihre Probleme mit Mut und Vertrauen meistert. Es waren das Beispiel dieser Schule in Berlin und die Gelassenheit der skandinavischen Bildungsexperten, die Hoffnung auf Bewegung im deutschen Bildungssystem weckten.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 21.02.2006
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