17. FEBRUAR 2006

"Neue Balance" in der Bildung

"Neue Balance" im Bildungssystem: Auf dem ersten "Hamburger Bildungsdiskurs" am 9. Februar 2006 diskutierte Bundesbildungsministerin Dr. Annette Schavan mit Reinhard Kahl über das Lernen nach PISA, Ganztagsschulen und eine "neue Balance" im Bildungssystem.

Der Bund sucht in der Bildung nach einem neuen Gleichgewicht. Auf der Bildungswaage liegen einige alte und neue Gewichte, die in ein neues Gleichgewicht gebracht, also austariert werden sollen. Tarieren kommt übrigens aus dem Arabischen und bedeutet so viel wie "Wegnehmen". Von einer Waagschale wird etwas weggenommen und auf die andere gelegt, um eine Balance herzustellen. Zu tarieren sind das Generationenverhältnis, die frühe Bildung, die Wettbewerbsfähigkeit der Schulen im internationalen Vergleich, das Verhältnis von Bund und Ländern und so manche Unbekannte. Welches Gewicht haben Ganztagsschulen im Zuge der "neuen Balance"?

Der Hamburger Bildungsdiskurs, angeregt von der Körber-Stiftung, hat am 9. Februar 2006 einen Einblick gegeben. "Wir wollen weg vom Nürnberger Trichter und weg vom Frontalunterricht und hin zu einem selbst bestimmten Lernen und Forschen der Schüler." Dr. Wolf Schmidt vom Vorstand der Körber-Stiftung, eröffnete den Hamburger Bildungsdiskurs - eine Veranstaltungsreihe zum Thema Bildung. Der Diskurs solle ein "Inkubator für wildes Denken" sein, der notwendig sei, um nicht in Mittelmaß zu verharren.

"Zeit der weiten Wege für Kinder"

Deutschland stehe vor einer beispiellosen demografischen Entwicklung der Gesellschaft, die immer älter wird und in der immer weniger Kinder geboren werden, so die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Annette Schavan. Der Zusammenbruch der Ideale schüre einen Generationenkonflikt. In der Pädagogik führte dieser Prozess zu einer Ausdifferenzierung der Institutionen, die die verschiedenen Lebensalter voneinander getrennt hätten. "Jetzt sind wir auf der Suche nach einer neuen Balance aus einer Phase tiefer Verunsicherung heraus", sagt Schavan.



Bundesministerin für Bildung und Forschung Dr. Annette Schavan und Bildungsjournalist Reinhard Kahl im Bildungsdiskurs.

Sie zitiert den Theologen und Philosophen Friedrich Schleiermacher aus dem Jahre 1826: Das Herzstück jedweder Bildung und Erziehung sei das Generationenverhältnis: Hat die ältere Generation ein Interesse an der jüngeren? Wie schafft sie es, die Erziehung so einzurichten, dass diese sich nicht nur der Gesellschaft anpasst, sondern sie auch mit gestaltet? Viele Kinder in ländlichen Gebieten würden bald weit fahren müssen, da Schulschließungen anstünden. Eine "Zeit der weiten Wege für Kinder" stehe bevor.

Die neue Bundesbildungsministerin Dr. Annette Schavan kann auf eine zehnjährige Erfahrung als Kultusministerin zurückgreifen. Während dieser Zeit, zu der sie beinahe jede Woche eine Schule besuchte, hätte sie sich die häufigsten Sätze gemerkt:  Kinder seien schwierig. Lehrer taugten nicht. Eltern bereiteten Probleme. Es gebe kein Geld. "Diese Sätze", so die Ministerin, "drücken den Kern der Misere aus."

"Bildungsstandort Deutschland nicht schlecht reden"

Noch in den 1950er Jahren sei es in der Kultusministerkonferenz (KMK) undenkbar gewesen, Kinder in Verbindung mit Bildung zu bringen. Kinder spielen und lernen nicht, auch nicht im Kindergarten, hieß es damals. Diese Vorstellung wurde spätestens mit den Ergebnissen der PISA-Studie in Frage gestellt, und Donata Elschenbroichs Buch "Weltwissen der Siebenjährigen" tat sein übriges dazu, dass ein Umdenken stattfand. Dr. Annette Schavan erwartet, dass in zehn Jahren ganz viele "Bildungshäuser für drei- bis zehnjährige Kinder" entstehen werden.

Als Bundesbildungsministerin werde sie ihre Erfahrungen als Kultusministerin und die Herausforderungen der Wissens- und Informationsgesellschaft in eine Balance bringen. Dazu gehöre es, nicht schlecht über den Bildungsstandort Deutschland zu sprechen. "Wer redet in Deutschland über Originalität, Freude am Lernen, wer redet über die vielen Lehrer, die Jugendliche bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützen?" Viele übersähen zudem, dass in Deutschland in der Breite ein höheres Bildungsniveau vorhanden sei als in den meisten OECD-Staaten. Die internationale Studie "Education at a glance" (Bildung auf einen Blick) ergab, dass über 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II einen Abschluss hätten, während es im OECD-Durchschnitt um die 60 Prozent seien. Das sei ein Verdienst der beruflichen Bildung im Lande. Sie werde auch nicht über Lehrer schimpfen, erst Recht  nicht über schwierige Kinder und sie verspreche auch nicht mehr über Ganztagsschulen zu schimpfen.

Ganztagsschulen können ein Gegengewicht zur Ungerechtigkeit in die Waagschale legen. Eine Ungerechtigkeit, die darin begründet ist, dass in Deutschland der Schulerfolg besonders eng mit der sozialen Herkunft gekoppelt ist. Ganztagsschulen können ein Baustein für mehr Bildungsgerechtigkeit sein. Doch bei der Entwicklung von Ganztagsschulen könne man einen schwierigen Weg beschreiten oder einen leichten. Der leichte Weg führe über die Neugestaltung von Schulgebäuden, den Bau von Mensen, die Ausstattung mit Computern. Beim schwierigen Weg müsse man die Schulentwicklung auf der Grundlage moderner Pädagogik vorantreiben.
 
"Kein Abschluss ohne Anschluss"

Bei der Frage um das dreigliedrige Schulsystem geht es traditionell um das "Eingemachte". "An unseren Schulen", so Reinhard Kahl, "wird Schülern der Eindruck vermittelt, sie gehörten nicht hier hin." Die Bundesbildungsministerin sieht jedoch in der Strukturdebatte keine Chance, zu einer neuen Balance zu kommen. " Für sie gibt es ein doppeltes Anliegen von Bewahren und Verändern. Nicht die Schulform entscheide über den Erfolg, sondern Schulentwicklungsprozesse innerhalb der Schulformen. Jede Hauptschule müsse so von innen reformiert werden, dass  es "keinen Abschluss ohne Anschluss" gebe. In den Augen von Dr. Annette Schavan werden die Sekundarstufen I und II, also die Schulen, die in der Regel 10- bis 19-Jährige besuchen, "vielgestaltiger als heute". Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien würden sich als "qualitätsvolle Bausteine" des Bildungssystems ausdifferenzieren. Und keiner der Bausteine dürfe in eine Sackgasse führen. Sie setzt  dabei auf einen Dialog zwischen Bund und Ländern, in einem System, das auf Durchlässigkeit gegründet sei. Krisenszenarien seien jedenfalls nicht der Boden, auf dem es zu einem Paradigmenwechsel im Bildungssystem komme.

Ganztagsschulen in Hamburg

Die Verkürzung der Schulzeit auf acht Jahre in Hamburg war eines der beherrschenden Themen in der abschließenden Diskussion. Eine Mutter beklagt sich über die Belastung ihrer Kinder durch die Verkürzung der Schulzeit. Eine Reform jage die nächste. "Mir ist aber am Familienleben gelegen", sagt sie. Sie wünsche sich eine "kindgemäße Umsetzung" der Reformen. Die Bundesbildungsministerin unterstützt die Verkürzung der Schulzeit nachdrücklich. Die Bildungspläne müssten konzentriert werden, oft könne ein Drittel der Inhalte herausgenommen werden. Das System müsse erreichen, dass im Alter zwischen 17 und 18 Jahren das Abitur gemacht werde. "Wir brauchen einen neuen Umgang mit der Zeit", so Schavan.

Auch Ruben Herzberg, Schulleiter des Ganztagsgymnasiums Klosterschule in Hamburg hält die Verkürzung der Schulzeit für überfällig. Deshalb seien Ganztagsschulen erforderlich, um die Anforderungen zu bewältigen und um ein neues Lernen und Leben zu fördern. "Eine Pädagogik zieht ein, bei der das selbstständige Lernen im Mittelpunkt steht", so Herzberg. Er freue sich über intakte familiäre Verhältnisse. Doch vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen seien Ganztagsschulen alles andere als familienfeindliche Einrichtungen. "Die Hamburger Schulen haben sich gewaltig auf dem Weg gemacht", so Herzberg. Zumindest in Hamburg bringen die Ganztagsschulen einiges Gewicht auf die Waage.

 

Autor: Arnd Zickgraf
Datum: 17.02.2006
© www.ganztagsschulen.org

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.

Themenmappe