Seit zwei Jahren beteiligen sich zehn sächsische Ganztagschulen an einem Modellprojekt, bei dem die Entwicklung und die Effektivität der Ganztagsangebote untersucht werden. Im November 2005 legte Prof. Dr. Hans Gängler, Erziehungswissenschaftler an der Technischen Universität Dresden, der das Projekt wissenschaftlich begleitet, einen ersten Zwischenbericht vor. Im Interview erläutert er die Ergebnisse.
Online-Redaktion: Prof. Gängler, seit Schuljahresbeginn 2003/2004 haben Sie zehn Ganztagsschulen in Sachsen begleitet. Wie sind Sie zu diesem Auftrag gekommen?
Gängler: Ich war Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Projekts Schuljugendarbeit, das damals vom Deutschen Jugendinstitut evaluiert wurde. Als dann überlegt wurde, das erworbene Wissen mit einem Modellprojekt an zehn Ganztagsschulen zu vertiefen, habe ich mich für diese wissenschaftliche Begleitung beworben.
Online-Redaktion: Haben Sie die zehn Schulen ausgewählt?
Gängler: Die Schulen konnten sich über die Regionalschulämter bewerben, die eine Vorauswahl trafen. Die endgültige Auswahl traf eine Arbeitsgruppe, deren Mitglieder ein breites Spektrum des Bildungs- und Sozialwesens abdeckten. Allerdings standen nicht alle Schulformen zur Auswahl, sondern nur Mittelschulen und Gymnasien, die schon über unterschiedliche Erfahrungen mit Ganztagsangeboten verfügten.
Online-Redaktion: Gab es einen Grund für die Beschränkung auf Schulen der Sekundarstufe I?
Gängler: Aufgrund des vergleichsweise guten Angebots an Hortplätzen in Sachsen wurden die Grundschulen zunächst nicht mit einbezogen. Durch die Beschränkung auf zehn Modellstandorte konnten zudem die vielfältigen Förderschulen sowie die zahlreichen Schultypen des berufsbildenden Schulwesens nicht berücksichtigt werden.
Online-Redaktion: Bei den Grundschulen besteht die Horttradition. Wie sah es bei den weiterführenden Schulen aus - mussten dort Ganztagsangebote ganz neu entwickelt werden oder konnte auch dort auf Vorhandenes zurückgegriffen werden?
Gängler: Methodisch und im Hinblick auf die inhaltlichen Angebote im AG-Bereich gibt es sicher Rückgriffe in die Vergangenheit. Organisatorisch ist es allerdings so, dass das sächsische Kindertagesstättengesetz eine Versorgung am Nachmittag nur bis zum Ende der Grundschule vorsieht. Von daher mussten die Ganztagsangebote an weiterführenden Schulen neu entwickelt werden, sofern sie nicht bereits über Schuljugendarbeit oder ähnliche Instrumente existierten.
Online-Redaktion: Was wollen Sie an den zehn Modellschulen herausfinden?
Gängler: Im Wesentlichen geht es um die Frage, wie die Schulen ein Ganztagsangebot entwickeln und wie sie dieses auf ihre speziellen Rahmenbedingungen abstimmen. Es gibt Schulen auf dem Land, in der Stadt oder in Ballungsgebieten mit sozial schwierigeren Einzugsbereichen - und jede Schule entwickelt spezielle Angebote für die Kinder und Eltern, mit denen sie es zu tun hat. Keine von den zehn Schulen ist so wie die andere. Das fängt schon damit an, dass die Anfangs- und Schlusszeiten unterschiedlich sind, weil etwa in ländlichen Regionen Busfahrtzeiten berücksichtigt werden müssen.
Auch bei den Ganztagsangeboten zeigen sich Unterschiede: Manche Schulen gehen sehr stark in den Bereich Freizeitangebote, andere Schulen konzentrieren sich mehr auf unterrichtsbezogene Aktivitäten, wie etwa die Förderung lernschwächerer Schüler. Das entscheiden die Schulen nach ihrem Schulprofil, ihrem pädagogischen Bedarf und den Ergebnissen der Schulkonferenz. Ebenso sind die Organisationsformen unterschiedlich: Es gibt gebundene Formen, teilweise gebundene Formen, bei denen sich ein Teil der Schülerinnen und Schüler für einen bestimmten Zeitraum zur Teilnahme verpflichtet, und offene Formen, bei denen die Teilnahme völlig freiwillig ist.
Online-Redaktion: Ist diese breite Palette eine Stärke des Modells Ganztagsschule?
Gängler: Ja, die schuleigenen Angebote tragen zur Akzeptanz und auch zur Wirksamkeit der Angebote bei. Wenn beispielsweise eine Mittelschule differenzierte Lernangebote abseits der klassischen Unterrichtsmethoden mit speziellen Arbeitsgemeinschaften oder Hausaufgabenbetreuung macht, um Leistungsstarke noch besser zu fördern und Lernschwächere gezielter zu unterstützen, dann kann man tatsächlich einen Leistungszuwachs feststellen. Bei Schulen, die auf Freizeitangebote setzen, ist zu beobachten, dass die Schülerinnen und Schüler sehr engagiert sind und sich darüber freuen, dass sie dank dieser Angebote bestimmte Dinge tun können, die ansonsten in ihrer Region nicht angeboten werden.
Online-Redaktion: Sie erwähnten die unterschiedlichen Anfangszeiten in den Ganztagsschulen: In Baden-Württemberg hat sich gerade eine Debatte über den geeigneten Schulbeginn entsponnen. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Gängler: In Sachsen gibt es wie in allen neuen Ländern das Phänomen des demographischen Rückgangs. Eine Schulnetzplanung, die gewisse Mindestzahlen an Schulstandorten vorsieht, führt in ländlichen Regionen zu längeren Anfahrtzeiten für die Schülerinnen und Schüler. Da ist es sicher sinnvoll, die Schule später beginnen zu lassen. Bei Fahrtzeiten von bis zu eineinhalb Stunden kann man nicht von morgens halb acht bis nachmittags halb fünf Schule machen. Mir erscheint eine prinzipielle Regelung der Anfangszeiten daher auch nicht sinnvoll, die Entscheidungen sollten die Schulen selbst treffen.
Online-Redaktion: Wie ermitteln Sie, was an den Schulen passiert?
Gängler: Mit Hilfe eines ziemlich aufwendigen methodischen Designs, das aus vier Säulen besteht. Erstens gibt es die quantitative Säule: Wir befragen Schüler, Eltern und Lehrer mit Fragebögen. Dann gibt es die qualitative Säule: Interviews mit Lehrern, Koordinatoren des Ganztagsangebotes und Vertretern der Regionalschulämter. Bei der Beobachtungssäule sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jedes Jahr mindestens zweimal einen ganzen Tag in den Schulen, dokumentieren und werten ihre Beobachtungen später aus. Als Viertes gibt es Dokumentenanalysen. Dort schauen wir uns die Schulkonzepte und -profile an und vergleichen diese mit dem, was tatsächlich in der Schule passiert.
Online-Redaktion: Wenn Ganztagsschule als Schulentwicklungsprozess verstanden werden muss, wie Sie es in Ihrem Zwischenbericht formuliert haben, was setzt das dann voraus?
Gängler: Der Prozess darf sich nicht nur auf die Stundenplangestaltung beschränken, sondern er muss Rückwirkungen in die Unterrichtsplanung haben - zum Beispiel mit Rhythmisierung oder fächerübergreifendem Unterricht.
Online-Redaktion: Ist dies an den zehn Schulen bereits der Fall? Oft hakt es ja gerade an diesem Punkt - der Unterricht am Vormittag läuft wie gehabt, und nachmittags kommen dann die Angebote als Extras hinzu.
Gängler: Das hängt von der Entscheidung der Schule ab, ob sie das gebundene oder offene Modell wählt. Wenn die Schülerinnen und Schüler in einer Klasse Ganztagsangebote wahrnehmen, in einer anderen nicht, muss es logischerweise bei der Halbtagsschule bleiben, denn für den Unterricht gilt die Schulpflicht, für den Rest nicht.
Online-Redaktion: Haben Sie eine Veränderung der Lehrerarbeitszeiten feststellen können?
Gängler: Es hängt sehr viel vom Interesse und der Bereitschaft des Lehrpersonals ab, sich auf veränderte Arbeitszeiten einzulassen. Das macht das Kollegium unter sich aus, es gibt keine neuen Arbeitszeitgesetze oder Vorgaben von außen. Nicht alle Angebote am Nachmittag werden von Lehrerinnen und Lehrern gemacht, sondern auch von Kooperationspartnern und Honorarkräften.
Online-Redaktion: Welche Erkenntnisse haben Sie nach zwei Jahren gewonnen?
Gängler: Es gibt eine sehr hohe Elternzufriedenheit von durchschnittlich 80 Prozent. Bei den Schülerinnen und Schülern überwiegen ebenfalls positive Stimmen. Sie erwähnen besonders zwei Punkte: Sie fühlen sich entspannter und schätzen das Zusammensein am Nachmittag. Je älter sie werden, desto eher vermissen sie dann allerdings eine "unbeaufsichtigte" Freizeitgestaltung. Wenn unser Projekt nun ins dritte und vierte Jahr geht, ist es durchaus möglich, dass sich diese Tendenz bei den 13- und 14-Jährigen fortsetzt. Bei der Lehrerschaft zeigt sich eine Dreiteilung: Engagierte Lehrerinnen und Lehrer sind im Großen und Ganzen mit ihren Ergebnissen zufrieden, eine weitere Gruppe beobachtet die Entwicklung neutral, und eine kleine Gruppe steht dem Ganzen skeptisch gegenüber, weil sie zusätzliche Arbeit befürchtet.
Online-Redaktion: Sie sprachen vorhin von Nachweisen der Leistungsverbesserung bei Ganztagsschülerinnen und -schülern - kann man diese auf die Ganztagsangebote zurückführen?
Gängler: Wir haben lange darüber diskutiert, ob diese Frage forschungstechnisch realisierbar ist und letztlich darauf verzichtet. Allerdings hat eine Schule, die sich Leistungsförderung auf ihre Fahne geschrieben hat, von sich aus in regelmäßigen Abständen Testarbeiten in Anlehnung an bestimmte Fördermaßnahmen durchgeführt. Da lässt sich die Leistungssteigerung eindeutig nachweisen. Es ist natürlich nahe liegend, dass zusätzliche Übungen, wenn sie pädagogisch begleitet sind, zu einer Leistungssteigerung führen - und die Ganztagsschule bietet nun mal die Gelegenheit, diese zusätzlichen Fördermaßnahmen anzubieten.
Online-Redaktion: Was geschieht am Ende mit Ihren Ergebnissen?
Gängler: Die Zwischenberichte, die wir im Herbst 2005 abgegeben haben, sollen ganz oder in Teilen publiziert werden. Die Erfahrungen aus diesem Projekt fließen natürlich auch in die weitere Ausgestaltung der Ganztagsangebote mit ein, etwa in die neue Förderrichtlinie des Sächsischen Kultusministeriums zum Ausbau von Ganztagsangeboten.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 09.02.2006
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