In Hamburg ist die Zahl der Ganztagsschulen rasant in die Höhe geschnellt und ein Ende der Entwicklung ist nicht abzusehen. Die Expansion geht allerdings auf Kosten der Personaldichte. An vielen Standorten sind Kreativität und Engagement gefragt, um entstehende Probleme aufzufangen. Doch nun können die Ganztagsschulen der Hansestadt auf Unterstützung hoffen: Am 18. Januar 2006 stellte sich die Regionale Serviceagentur mit einer Auftaktveranstaltung im Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung vor.
Die Hamburger Grundschule Ludwigstraße prognostiziert sich selbst eine düstere Zukunft. Der Ist-Zustand an der Schule: Die Lehrerinnen nehmen das Mittagessen zusammen mit den Klassen ein, die Klassen können für den Unterricht zeitweise geteilt werden, und bis zu zwei Lehrerinnen, Erzieherinnen oder Honorarkräften leiten die Kurse in einer Stärke von acht bis 16 Kindern. Für die Schule ist dies eine "sinnvolle Ganztagsschule". In vier Jahren sieht die Schule die Szene folgendermaßen: Beim Mittagessen sitzen nur noch Honorarkräfte, der Unterricht findet in voller Klassenstärke mit 26 Schülerinnen und Schülern statt, und die Kurse werden von einer Honorarkraft geleitet. Dies empfindet die Schule als bloße "Aufbewahrung" - doch "Ganztagsschule ist mehr als Aufbewahrung!"
"Wie sich die Ganztagsschulen ausgeweitet haben, hätten wir vor Jahren nicht zu hoffen gewagt", meint Peter Daschner, der Direktor des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung. Doch mit der Ausweitung der Ganztagsschulen in der Hansestadt geht das von der Grundschule Ludwigstraße geschilderte Problem einher: Die bereits bestehenden Ganztagsschulen müssen ein Abschmelzen ihres Personalstammes hinnehmen. "Das ist hart für die Schulen, die etwas verlieren", gibt Daschner zu. Man stehe aber mit den Finanzmitteln für den Ganztagsschulbetrieb im Vergleich zu den "anderen nördlichen Bundesländern gut da - nur Bremen macht noch mehr."
Bernd Martens muss da schmunzeln. "So macht man Statistiken", meint der Landesvorsitzende des Ganztagsschulverbandes, "man vergleicht sich nur mit den Ländern Schleswig-Holstein und Niedersachsen, die nichts geben - und bei Bremen, das die Ganztagsschulen finanziell besser ausstattet, geht man so drüber weg."
Ein perfekter Partner
Die Situation in Hamburg ist für viele Ganztagsschulen unbefriedigend und wie so häufig hängt es am Personal, also am Geld. Doch der Anlass, der Peter Daschner, Bernd Martens, die Vertreterinnen der Grundschule Ludwigstraße und viele andere Gäste an diesem 18. Januar 2006 in das Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) geführt haben, ist - da sind sich alle einig - ein erfreulicher. Mit einer Auftaktveranstaltung präsentiert sich die Regionale Serviceagentur Hamburg - es ist die elfte bundesweit - im Rahmen des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen." der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung den interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern.
Auch die DKJS-Geschäftsführerin Heike Kahl ist nach Hamburg gekommen und lobt in ihrem Grußwort "die sehr guten Verhandlungen mit dem Senat und dem Landesinstitut", die im Herbst 2005 zum Abschluss gekommen waren. "Wir haben das LI dabei als sehr selbstbewussten Partner kennen gelernt und uns deutlich gemacht hat, dass es schon viele Projekte in der Stadt gibt. Letztlich haben wir große Schnittstellen entdeckt." Wesentlich sei aber, dass die Agentur für Schulentwicklung bereits in Hamburg bekannt und vernetzt sei. "In den Ländern laufen oft viele Angebote nebeneinander her, und eine Institution muss diese vernetzen - mit dem LI kann man sich daher keinen besseren Partner wünschen."
In der Tat gibt es in der Hansemetropole schon zahlreiche Programme wie "ProRegio", "Schule mit Sportvereinen" oder "Nachbarschaft und Schule". Doch Partnerschaften und Kooperationen fallen nicht vom Himmel, wie Peter Daschner betont, sie müssten gepflegt werden. "Das braucht jede gute Schule, aber Ganztagsschulen leben davon - ohne geht es nicht. Wenn die Kooperationen unter günstigen Bedingungen stattfinden, sieht man das sofort an der Nachfrage."
"Warum habe ich das als Kind nicht erleben dürfen?"
Für Dr. Michael Voges ist die Ganztagsschule "kein Allheilmittel, aber sie schafft Raum für neue Angebote auch im Stadtteil." Der Senat wolle die zügige Ausweitung der Ganztagsschulangebote im Stadtstaat. 32 neue Ganztagsschulen sind im Schuljahr 2005/2006 dazugekommen. Im Sommer 2006 gehen dem Staatsrat der Behörde für Bildung und Sport zufolge vier weitere Ganztagsschulen in Betrieb, ein Jahr darauf zum Schuljahr 2007/2008 kommen weitere 15 bis 20 Schulen hinzu. "Momentan gibt es in unserer Stadt 68 Ganztagsschulen, rechnet man die ganztägigen G8-Gymnasien hinzu, sind es sogar 130 und damit fast 32 Prozent der Schulen. In zwei Jahren hat sich das Angebot damit nahezu verdoppelt." Es sei ein "ehrgeiziges Programm" und mit der Einrichtung der Regionalen Serviceagentur sei ein "entscheidender Schritt voran" gemacht worden. Wichtig sei, dass sich die Schulen öffnen. "Durch die Unterstützung der Regionalen Serviceagentur wird das demnächst hoffentlich Alltag", so Voges.
"Wir sind das Beste, was diesen Kindern je passieren wird. Wir wollen ihnen die Chancen geben, die sie verdienen." Diese selbstbewussten Sätze einer Lehrerin einer Schule im Stadtteil Wilhelmsburg zitierte Angela Kling, die Leiterin der Agentur für Schulbegleitung auf der anschließenden Podiumsdiskussion. Der Stadt angemessen griff sie auf maritime Bilder zurück: "Schulen sind oft wie schwer beladene Tanker. Wir Agenturmitarbeiter sind wie Lotsenboote, die dieser Flotte den Kurs weisen will."
Wie so eine Unterstützung aussehen kann, zeigte sich in der Runde, durch die Agenturleiter Steffen führte. Mit ihm auf der Bühne saßen neben Angela Kling und Bernd Martens auch die Schulleiterinnen Christiane von Schachtmeyer und Dana Schöne und der Schauspieler und Ganztagsschulbotschafter Peter Lohmeyer. Er würdigte die Angebote an Ganztagsschulen, mit denen er als Vater von vier Kindern auch direkt in Kontakt gekommen ist: "Warum habe ich das als Kind nicht erleben dürfen?" Besonders wichtig seien kulturelle Projekte und dass alle Kinder gemeinsam gefördert würden. Ihn nerve aber, dass alle Veränderungen immer nur im Schneckentempo vorankämen. Über Raumkonzeptionen sei zum Beispiel schon zu seiner Schulzeit diskutiert worden.
Öffentlichkeitsarbeit ist für Ganztagsschulen unerlässlich
"Dass es so lange dauert, bis sich Neuerungen durchsetzen, hat mit Verantwortung zu tun", entgegnete Christiane von Schachtmeyer. "Es geht um unsere Kinder, da muss jeder Schritt sehr verantwortlich gemacht werden. Ich gebe aber auch zu, dass die Zögerlichkeit manchmal auch mit Mutlosigkeit zusammenhängt." Ihr Gymnasium Marienthal sei zur Ganztagsschule gekommen "wie die Jungfrau zum Kinde" - durch die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre. Man habe diese Veränderung aber als Chance wahrgenommen und das Doppelstundenprinzip sowie die Mittagspause und die Hausaufgabenhilfe eingeführt. Ganz wesentlich für den Erfolg der Ganztagsschule sei indes die Kommunikation untereinander mit Lehrern, Eltern und Schülern. "Wenn man was bewegen will, muss man kommunizieren", so die Schulleiterin. Die Öffentlichkeitsarbeit sei unerlässlich, weshalb hier die Unterstützung der Agentur, zum Beispiel auch bei der Erstellung der Website, sehr willkommen sei.
Bernd Martens´ Gesamtschule Allermöhe befindet sich in einem Fusionsprozess mit einer anderen Ganztagsschule und wird nun die gebundene Form wählen: "Sobald wir verbindliche Ganztagsschule werden., haben wir uns vorgenommen, zu einem Workshop-Tag alle potentiellen Kooperationspartner einzuladen, die in einem Radius drei Kilometer um unsere Schule liegen." Die Zusammenarbeit mit Honorarkräften im Sportbereich laufe problemlos, Schwierigkeiten bestünden allerdings im kulturellen Bereich, da die außerschulischen Mitarbeiter dort ungleich teurer und nur durch Sponsoren zu finanzieren seien. Und diese Sponsorengelder flössen dann oft in die so genannten Leuchtturmschulen und nicht in diejenigen in sozialen Brennpunkten, die es am nötigsten hätten.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 24.01.2006
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