Bis zum 31. März 2006 können sich Ganztagsschulen für die zweite Phase des Projektes "Freie Lernorte - Raum für mehr" bewerben, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Das Projekt schließt nahtlos an die bildungspolitischen Leitziele des Ganztagsschulprogramms der Bundesregierung an: Individuelle Förderung und Eröffnen von Lernchancen, soziales Lernen sowie Veränderung von Unterricht und Lernkultur. Projektleiter Michael Schopen von "Schulen ans Netz e.V." erläutert im Interview, was die Teilnehmerschulen erwartet.
Online-Redaktion: Herr Schopen, Mitte November hat die zweite Bewerbungsphase Ihres Projektes "Freie Lernorte - Raum für mehr" begonnen, an der sich bundesweit wieder 30 Ganztagsschulen bewerben können. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz mit den ersten 30 Schulen aus?
Schopen: Ende September haben wir unseren ersten Erfahrungsaustausch in der Gesamtschule Wuppertal-Barmen veranstaltet und konnten schon eine gute Aufbruchstimmung erzeugen. Die Schulen haben sich Ziele gesetzt und erörtert, was sie sich für das erste Schuljahr vorgenommen haben. Wir haben zwei wichtige Ziele: "Freie Lernorte" in den Schulen einzurichten und Nutzungskonzepte für diese zu entwickeln.
Online-Redaktion: Wird der Begriff "Freie Lernorte" von Ihnen und den Schulen identisch interpretiert?
Schopen: Wir haben diesen Begriff entwickelt, weil wir uns bewusst von bestehenden Begriffen wie "Lernateliers" und "Selbstlernzentren" abgrenzen wollten. "Freie Lernorte" sollte zugleich auch eine Botschaft an die teilnehmenden Schulen sein: Räume, die frei verfügbar sind, in denen man gezielt individuell fördern und Lernchancen eröffnen kann. Wir haben keine feste Definition, sondern bestimmte Kriterien, die diese "Freien Lernorte" erfüllen. Anfangs waren die Vorstellungen unterschiedlich. Inzwischen konnten wir mit den Schulen einen Konsens darüber, was "Freie Lernorte" sind, erzielen.
Online-Redaktion: Die zweite Bewerbungsrunde für "Freie Lernorte" läuft bis zum 31. März 2006. Was erwarten Sie von Schulen, die gerne teilnehmen möchten?
Schopen: Eine gewisse Projekterfahrung ist wünschenswert. Wesentlich ist in erster Linie eine starke Motivation, sich an der Konzeption, Einrichtung und Nutzung von "Freien Lernorten" zu beteiligen und an der eigenen Schule umzusetzen.
Online-Redaktion: Wie gehen Sie vor, wenn die Vorstellungen der Schulen mit den Ihren nicht deckungsgleich sind?
Schopen: Wir haben die Vorstellungen der Schulen über die Realisierungsbedingungen "Freier Lernorte" erfragt. Viele Schulen nannten die Unterstützung durch die Schulleitung und das Interesse des Kollegiums. Wir sehen die frühzeitige Einbindung der Schulleitung ebenfalls als sehr wichtig an und schließen deshalb mit den Schulen einen Kooperationsvertrag ab, der nicht nur von unseren Ansprechpartnern in der Schule, sondern auch von der Schulleitung unterzeichnet wird. Dort ist dezidiert festgelegt, was wir von der Schulleitung erwarten und was wir bieten. Das ist eine Möglichkeit, deutlich zu machen, wie wichtig es uns ist, dass die gesamte Schule hinter dem Projekt steht.
Online-Redaktion: Sind alle Schulformen in Ihrem Projekt vertreten?
Schopen: "Freie Lernorte - Raum für mehr" steht allen Ganztagsschulen offen, unabhängig von der Schul- und der Ganztagsform.
Online-Redaktion: Gerade bei der Nutzung von Neuen Medien, die Ihr Projekt vorsieht, stellt sich die Frage nach der Ausstattung an den Schulen. Können diese von Ihnen materielle Unterstützung erwarten?
Schopen: Das muss ich leider klar verneinen. Ich weiß auch, dass es Schulen gibt, die da einen erheblichen Bedarf haben. Schulen in unserem Projekt verfügen allerdings schon über eine gewisse Ausstattung. Dies ist neben Erfahrung in der Arbeit mit Neuen Medien auch Teil der Ausschreibung gewesen. Wir können kein Ausstattungsprojekt sein, sondern verfolgen einen pädagogischen Ansatz - verknüpft mit dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) der Bundesregierung: Was kann man durch "Freie Lernorte" in punkto individuelle Förderung, Eröffnung von Lernchancen und Qualifizierung von Personal erreichen?
Online-Redaktion: Es geht Ihnen also auch darum, für eine andere Art von Unterrichtsskripten aufzuschließen - und die Neuen Medien sind dabei Mittel zum Zweck?
Schopen: Ganz eindeutig ja. Die "Freien Lernorte" sollen Kristallisationspunkte für Unterrichtsentwicklung und Schulentwicklung sein. Wenn man "Freie Lernorte" an der Schule einrichtet, hat das Konsequenzen für die Lehrer-Schüler-Rollen, für die Unterrichtsgestaltung und möglicherweise sogar für die Schulorganisation. Das, was die Ganztagsschule als Organisationsgroßform verändert, geschieht beim Einsatz Neuer Medien auf der Mikroebene. Insofern passen diese Entwicklung und diese Kombination sehr gut zusammen.
Online-Redaktion: Wie können "Freie Lernorte" individuelle Förderung ermöglichen oder vereinfachen?
Schopen: In einer Ganztagsschule ist mehr Zeit vorhanden, die auch für Medienarbeit genutzt werden sollte. Darüber hinaus besteht die Chance, den Vormittagsbereich sinnvoll mit dem Nachmittag zu verknüpfen: In einer gebundenen Ganztagsschule geht dies über eine Tagesrhythmisierung, bei einer offenen Ganztagsschule kann man die Angebote am Nachmittag auf die Unterrichtsinhalte am Vormittag zumindest abstimmen.
Ein simples Beispiel wäre die Nutzung virtueller Klassenräume: Im Unterricht bereitet eine Klasse Aufgaben vor, auf welche die Schülerinnen und Schüler nachmittags am "Freien Lernort", beispielsweise einem Selbstlernzentrum oder der Schulmediothek, mittels eines virtuellen Klassenzimmers zugreifen und diese dann weiter bearbeiten können. Über die Neuen Medien wird hier die sinnvolle Verzahnung zwischen Vor- und Nachmittag hergestellt. Bei einer normalen Hausaufgabenbetreuung können die Fachkräfte zwar in die Hefte schauen und kontrollieren, wissen aber nicht immer, was morgens im Unterricht genau gelaufen ist. Beim virtuellen Klassenzimmer kann der Lehrer selbst den Lernprozess begleiten.
Online-Redaktion: Wissen die Schulen mit den Neuen Medien eigentlich etwas anzufangen, oder ist die Ausstattung häufig mit dem früheren Sprachlabor vergleichbar: Sieht modern aus, wird aber kaum genutzt?
Schopen: An Schulen besteht immer Informationsbedarf, wie man Neue Medien sinnvoll in den Unterricht integrieren kann. In der Zwischenzeit gibt es nicht zuletzt dank Projekten von "Schulen ans Netz" eine ganze Reihe von Angeboten im Internet, auf welche die Schulen kostenlos zugreifen können, zum Beispiel fachbezogene Unterrichtsmaterialien. Es kommt ja nicht nur darauf an, Rechner im 45-Minuten-Takt rauf- und wieder runterzufahren, sondern auf den richtig dosierten Medienmix, der auf die Unterrichtsinhalte abgestimmt ist.
Online-Redaktion: Über welchen beruflichen Hintergrund verfügen Sie und die vier Mitarbeiterinnen in Ihrem Team?
Schopen: Als Vertreter von "Schulen ans Netz" haben wir natürlich viel mit dem Medienbereich zu tun, die meisten von uns kommen aus dem pädagogischen Bereich: Eine Kollegin ist von Haus aus Grundschullehrerin, eine andere Medienpädagogin, ich selbst bin ebenfalls Lehrer.
Online-Redaktion: Wie gestalten Sie die medienpädagogische Begleitung, die Sie den Schulen über die gesamte Projektlaufzeit anbieten?
Schopen: Es handelt sich um ein Paket aus verschiedenen Maßnahmen. Es gibt drei Treffen pro Schuljahr mit je zwei Vertretern aller Schulen. Auf jedem Treffen geht es um ein konkretes Thema - im Januar werden wir über Raumkonzeptionen diskutieren.
Der zweite Baustein besteht aus bedarfsorientierten Fortbildungen. Wir haben bei den teilnehmenden Schulen eine Umfrage durchgeführt, welche fortbildende Unterstützung sie zur Einrichtung von "Freien Lernorten" benötigen. Da zeichnen sich verschiedene Aspekte ab: Es geht um Raumkonzeptionen, Nutzungskonzepte und darum, welche Medienprojekte man durchführen kann. Unser Projekt zeichnet aus, dass den Schulen keine vorgefertigten Schablonen angeboten werden, sondern wir uns erst bei ihnen über den tatsächlichen Bedarf informieren.
Der dritte Baustein besteht aus der Evaluation des Projektes und der Prozesse vor Ort. Zusammen mit der Vernetzung der Schulen und der Begleitung durch Beraterschulen wollen wir einen regen Austausch anstoßen, auch weil wir nicht alles selbst leisten können. Die Schulen aus der ersten Phase sollen dann auch einmal als Beraterschulen für die in der zweiten Phase dazustoßenden Schulen fungieren und ihre Erfahrungen weitergeben.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 16.12.2005
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