"Verantwortung lernen" ist nicht versetzungsrelevant. Gleichnamige Projekte sind deswegen längst keine pädagogischen Mauerblümchen. Auch wenn sie noch oft mit "weichen Fähigkeiten" (soft skills), den sozialen Kompetenzen in Verbindung gebracht werden. Dass es gar nicht um die Alternative von Beziehungsarbeit oder Kopfarbeit geht, sondern um die Kombination verschiedener Faktoren, zeigte die Fachtagung "Verantwortung macht Schule!" am 6. Dezember 2005 in Blossin.
Lernen, was wichtig ist - dazu sollten die Schulen für Kinder und Jugendliche doch da sein. Nur was ist wirklich wichtig im Leben und im Beruf? Und wer befindet überhaupt darüber, was wichtig ist und was unwichtig? Der Zeitgeist, die OECD, die Europäische Union, die Kultusministerien, die Hochschulen, die Unternehmen, die Eltern, die Schülerinnen und Schüler selbst? Unstrittig scheint: Kinder und Jugendliche hierzulande sollen Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen lernen, etwas über die Arbeitswelt erfahren, auch über das zusammenwachsende Europa, ebenso über die so genannte globalisierte Welt. Naturwissenschaften sind wichtig und Geisteswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften und Informationswissenschaften.
Umgeben von so viel bedeutsamem Lernstoff steht "Verantwortung lernen" recht einsam da. Für Regina Schmidt, Schulsozialarbeiterin an der Albert-Schweitzer-Schule in Hennigsdorf in Brandenburg, ist Verantwortung: "Für andere da sein und was tun, ohne Vorteil für sich selbst herauszuziehen". Angelika Holzheimer von der Oberschule Sachsenhausen kommt es darauf an, "sich an Absprachen zu halten und zuverlässig zu sein". Genauer besehen ist Verantwortung lernen das Herzstück einer Pädagogik, die Konsequenzen aus dem schlechten Abschneiden deutscher Sekundarschulen bei PISA zieht. Denn im Ansammeln von Stoff sind die Schülerinnen und Schüler hierzulande gar nicht mal so schlecht. Sie fallen aber international zurück, wenn es darum geht, den gelernten Stoff kompetent anzuwenden.
Eine Konsequenz aus PISA lautet daher: "Verantwortung macht Schule". Das ist auch das Motto der Fachtagung der Kooperationsstelle Schule-Jugendarbeit in Brandenburg (KoBra.net). Am 6. Dezember versammeln sich in Blossin Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter, Kooperationspartner, Erziehungswissenschaftler, Jugendliche, um Wege zu erörtern, die Übernahme von Verantwortung im Alltag zu üben. Das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (MBJS) in Brandenburg unterstützt ausdrücklich Projekte rund um "Verantwortung lernen":
"Oft heißt es: Entweder Leistungsorientierung oder Lebensorientierung. Entweder nachprüfbares Wissen oder Förderung oder kulturelle Verwurzelung. Zu denken, dass ein Zugewinn auf der einen Seite mit einem Verlust auf der anderen Seite verbunden sein muss, ist ein Irrtum", sagt Petra Knobloch, Referatsleiterin für die Sekundarstufe im MBJS.
Die Servicestelle Ganztag bei Kobra.net wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) unterstützt. Kobra.net präsentiert auf der Fachtagung drei Modelle, die zeigen, wie Projekte zur Übernahme der Verantwortung an Ganztagsschulen gelingen. In fünf Arbeitsgruppen von A wie "Aktivierung von Schülerinnen und Schülern bis V wie "Verantwortungsprojekte im Schulalltag" vertiefen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Praxisbeispiele aus Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Brandenburg. Allen Modellen gemeinsam ist die Suche nach neuen Formen der Beteiligung der Schülerinnen und Schüler sowie der außerschulischen Partner, so Roman Riedt von Kobra.net.
"Einfach mal quer denken"
Mit einem Entweder-oder-Denken an Schulen kann man den Herausforderungen der hoch technisierten Gesellschaft nicht gerecht werden, die sich in einen permanenten Spagat zwischen Technisierung und Menschenwürde befindet. Es gehe, so Petra Knobloch, um ein Sowohl-als-auch-Denken: Die Stärkung der Lebensweltorientierung an Schulen müsse man genauso wie die Leistungssteigerung im Blick behalten. Die Schule kann sowohl eine Instanz der Bildung als auch eine Stätte der Beziehungsarbeit, also eine Erziehungsinstanz sein. "Einfach mal quer denken", rät Josef Bayer-Ruf, Schulsozialarbeiter an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Leverkusen-Rheindorf, um Denkblockaden zu überwinden. Das Beispiel der Gesamtschule, einer Ganztagsschule in gebundener Form, zeigt, wie "schräge" Ideen von Schülern die Schule nicht nur pädagogisch bereichern, sondern Geld oder doch Stellen wert sind.
Denn Oberstufenschüler sprachen den Schulsozialarbeiter vor über 20 Jahren einfach mal an, ob Kurse, welche sie in Kirchen oder Sportvereinen anböten, nicht auch mal an der Schule zu realisieren wären. Gesagt, getan. Doch halt: Der Teufel liegt bekanntlich im Detail. Aus Sicht der Schule war zunächst zu klären, ob dieses Engagement der Oberstufenschüler ein Strohfeuer ist oder länger anhält. Erst dann könne man sich darauf einlassen, dass ältere Mitschüler Pflicht-AGs für Kinder der fünften und sechsten Stufen anbieten. Damit die Oberstufenschüler länger am Ball bleiben, erschien es wichtig, das Interesse durch eine Kultur der Anerkennung zu würdigen. Und einen konkreten Nutzen aus diesem Engagement für die Zukunft auszuweisen.
"Wissen von der Verwaltungsseite der Schule"
Heraus kam ein "sozialpädagogisches Grundpraktikum", das Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II im Ganztagsschulbetrieb für die Jüngeren anbieten. Dieses wird von Fachhochschulen in Nordrhein-Westfalen anerkannt, beginnt im ersten Halbjahr der elften Stufe und geht bis zur zwölften Klasse. Nach dem Motto "Man darf Schülerinnen und Schüler nicht ins kalte Wasser stoßen" werden die Jugendlichen außerhalb des Stundenplans wöchentlich drei Stunden auf den Ernstfall "Praxis" vorbereitet. Sie werden unterwiesen in Spielpädagogik, Gruppenleitungsstile, Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung mit Videobeobachtung.
Die Praktikanten bereiten sich ähnlich wie ihre erwachsenen Vorbilder auf die AG's vor. Sie führen genau wie sie Anwesenheitslisten und "Fehlerzettel", das sind die Listen der fehlenden Fünft- oder Sechstklässler. Durch diese administrative Tätigkeit erfahren die Schüler eine "starke Aufwertung", sagt Josef Bayer-Ruf und fährt fort: "Die Schüler lernen dabei auch die Verwaltungsseite der Schule kennen." Dieser Perspektivwechsel ist ein wichtiger Einblick in die Schulpraxis. Während der Schüler-AG's ist ständig eine Lehrkraft oder ein Schulsozialarbeiter anwesend, die Bereichsaufsicht bleibt erhalten.
Das Grundpraktikum schließt eine Betreuung der Fünftklässler auf Klassenreisen genauso ein wie die Assistenz von Pädagogen bei Projektwochen. Rund 30 Prozent eines Jahrgangs melden sich regelmäßig freiwillig für das Grundpraktikum. Für die Oberstufenschüler - überwiegend sind es Schülerinnen, die sich bewerben - ist der Nutzen offensichtlich: Das Praktikum an der eigenen Schule ist eine Referenz bei Bewerbungen. Versicherungen, Banken, selbst die Bundeswehr erkennen das Engagement als Bereicherung des Lebenslaufs offiziell an. Für die Schule ergeben sich auch Einsparwirkungen. Praktikanten erbrächten eine Dienstleistung im Umfang einer Lehrerplanstelle von 25 Wochenstunden.
"Die Unfähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen..."
"Die Unfähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen", ist eine treibende Kraft, die das Projekt "Sozial macht Schule" (SMS) bewegt. Wie sollen junge Menschen Mitgefühl/Empathie lernen, wenn die Welt zunehmend durch Monitore aller Art vom Handydisplay über den Computermonitor bis zum Fernsehbildschirm vermittelt wird? Wirklich scheint allein zu sein, was auf dem Bildschirm zu sehen ist. Für Rainer Micha vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Hamburg und Dr. Joachim Schulze-Bergmann vom Landesinstitut für Schule in Soest ist die Fähigkeit, sich in die Haut eines anderen Menschen versetzen zu können, heutzutage eine entscheidende Kompetenz:
SMS ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem ASB, der Hamburger Schulbehörde und verschiedenen regionalen Kooperationspartnern. Vordringliches Ziel des Sozialpraktikums ist es, einen Dreiklang von Werten, sozialen Fähigkeiten und fachlichem Wissen zu vermitteln, die im schulischen Alltag zu kurz kommen.
Ob nun Schülerinnen und Schüler sich mit alten Menschen in Altenheimen über die Kindheit austauschen oder Zeitzeugen über die Zeit des Nationalsozialismus befragen oder Speisungen für Menschen in Armut unterstützen - immer lassen sich die Praktika an schulische Fächer binden. Seit PISA ist bekannt, dass Jugendliche heute mehr denn je Problemlösungsfertigkeiten brauchen. Dem kommt entgegen, dass die Sozialpraktika so angelegt sind, dass in den unterschiedlichen Jahrgängen die "Indikatoren für Kompetenzentwicklung" mit steigendem Alter auch angehoben werden. Geht es bei den Sozialpraktika der siebten Stufen noch eher um das Erfahren von Armut, Alter, Krankheit und der eigenen Verletzlichkeit, so steigt bei den älteren, den Zehntklässlern, die bewusste, auch theoretische Auseinandersetzung mit dem in der Gesellschaft Verdrängten und Ausgegrenzten.
Für viele Schulen in Hamburg ist das Sozialpraktikum ein Baustein zum sozialen Schulprofil. Das Sozialpraktikum hält Rainer Micha für "eine wunderbare Möglichkeit für Spätentwickler", erste Kontakte zu möglichen Arbeitgebern herzustellen. SMS ist auch ein Werkzeug zur Berufsorientierung in Sozial- und Gesundheitsberufen. Die Gesellschaft wird immer älter: Bis 2020 wird sich die Gruppe der 65-jährigen um fast 40 Prozent vergrößern und die Gruppe der Jugendlichen wird sich entsprechend rasch verringern; daher komme der Verständigung zwischen den Generationen immense Bedeutung zu.
Wenn schon urteilen, dann auf der Grundlage von Gegenseitigkeit
Verantwortung lernen heißt auch, Rollenwechsel ertragen zu können. Für viele Lehrkräfte sind Rollenspiele keine leichte Übung - erst recht kein Rollenwechsel. Den Lehrerinnen und Lehrern ihres Gymnasiums ein "Zeugnis" ausstellen - das konnte Anne-Marie May, Schülerin des Fontane-Gymnasiums Rangsdorf. Hierbei legen die Lehrkräfte auch Rechenschaft darüber ab, worauf es ihnen beim Lernen ankommt: "Ich bespreche mit den Schülern, was sie lernen sollen und warum." Das Feedback der Schülerinnen und Schüler ist das Kernstück der Reformen an der Schule, die im Zuge des Modellprojektes "Demokratie lernen und leben" vorgenommen werden. Die Rückmeldung der Schüler in Form eines Fragebogens bleibt anonym. Es gibt einen Fragebogen zur Schule und einen zur Qualität des Unterrichts.
Das Ergebnis des Feedbacks war für die Jugendlichen in manchen Fällen enttäuschend: "Ein Drittel der Lehrer verfiel in alte Verhaltensmuster", bedauert Anne-Marie May, Schülerin des Fontane-Gymnasiums Rangsdorf. Das heißt: Viele zogen nicht die erwarteten Konsequenzen, zumindest nicht kurzfristig. Auch damit müsse man lernen umzugehen, so die Schülerin, man könne ja nicht nur Forderungen stellen. Das Schülerfeedback wird ergänzt durch eine Selbsteinschätzung der Lehrenden und durch ein Schulleitungsfeedback und eine Elternbefragung. Diese Rückmeldekultur ist bedeutsam, weil sie Klarheit über Stimmungen und Meinungen verschafft. Schulreformen auf der Grundlage der tatsächlich vorhandenen Situation erhöhen die Identifizierung mit der Entwicklung der Schule.
Mehr Demokratie, mehr Selbstwertgefühl
Nicht nur das Fontane-Gymnasium setzt sich für eine Demokratisierung des Schullebens ein. Stellvertretend für die anderen Schulen erkunden zwölf Schulen in Brandenburg im Zuge des bundesweit angelegten Modellversuchs "Demokratie lernen und leben" neue Beteiligungsformen: Schülerfeedback an Lehrende, Schülerparlamente oder Service Learning. Für den Schulversuch verantwortlich zeichnet die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK).
Die zwölf Schulen sind in zwei Gruppen (so genannte "Schulsets") gegliedert, die unterschiedliche Schwerpunkte verbinden. Bei "Set 1" loten die Schulen der Sekundarstufen I und II die Spielräume unter dem Zeichen "Schule als Demokratie" aus. Bei "Set 2" sollen Lernpartner "Schule in der Demokratie" mit Leben ausfüllen. Hierbei geht es um Projekte im regionalen Umfeld, Unterricht an anderen Orten oder die Kooperation mit Hochschulen, Betrieben und Behörden. In Brandenburg ist "Demokratie lernen und leben" am Landesinstitut für Schule und Medien" LiSuM) angesiedelt. Nach Anke Kliewe, die den BLK-Modellversuch leitet, brauchen Schulen auf dem Weg zum demokratischen Schulleben Geduld: Es brauche mindestens zwei Jahre, bis Demokratie im Schulprogramm verankert ist.
"In einer Gesellschaft, die immer stärker von Wandel bestimmt ist, sind das frühzeitige Erfahren und Reflektieren von Werten und die Herausbildung eigener Werthaltungen entscheidend für die Fähigkeit, sich zu orientieren, Perspektiven zu entwickeln, das eigenen Lebensumfeld mitzugestalten und solidarisch zu handeln."
Solidarisch handeln - dorthin wollen die Schulsozialarbeiterinnen aus Brandenburg, Hamburg und Nordrhein-Westfalen mit den Schulen gelangen.
Autor: Arnd Zickgraf
Datum: 13.12.2005
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