Sind soziale Kompetenzen eigentlich Frauensache? Man konnte diesen Eindruck leicht gewinnen, denn Frauen waren auf der Fachtagung der Friedrich-Ebert-Stiftung in so starker Überzahl vertreten, dass eine Teilnehmerin schon mal nachhakte: "Warum sind so wenige Männer hier?" Wenn nicht wenigstens zwei Dutzend Männer die Veranstaltung besucht hätten, dann spätestens hätte man mit Fug und Recht die männlichen Vorurteile zum Thema Soziale Kompetenzen problematisieren können.
Soziale Kompetenzen sind Schlüsselkompetenzen der Zukunft, sie sind weder weiblich noch männlich. Dafür stehen auch 22 Berliner Schulen, die seit 2002 an dem Bund-Länder-Programm "Demokratie leben und lernen" mit einer ansehnlichen Zahl von Projekten teilnehmen, die da heißen "Demokratische Strukturen in der Klasse", "Förderung von Mädchen und ihrer gleichberechtigten Teilhabe", "Gewaltprävention an Schulen", "Einübung von Kommunikation" oder "Soziale Sensibilisierung und Förderung von Migranten im Quartiersmanagement".
"Schule ist ein Sozialraum, in dem tagtäglich ein geteiltes Miteinander von Lehrern, Schülerinnen und Schülern sowie den Eltern stattfindet", sagte Landesschulrat Hans-Jürgen Pokall von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport Berlin in seiner Eröffnungsrede. Einen wesentlichen Beitrag zu diesem besseren Miteinander leiste die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe.
"Demokratie ist kein Luxus"
Berlin gehört zusammen mit Brandenburg, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern zu den Vorreitern in Sachen Soziale Kompetenzen. Davon zeugen nicht nur das neue Berliner Schulgesetz von 2004, sondern auch die neuen Rahmenlehrpläne, die die Entwicklung von Sozialen Kompetenzen in Verbindung mit Fach-, Methoden- und Personalkompetenzen in den Schulen verankern wollen. Auf der Berliner Agenda steht insbesondere die Förderung einer demokratischen Schulkultur. Diese Botschaft hat sich offensichtlich auch bei den Berliner Lehrerinnen und Lehrern herumgesprochen. Lange vor Beginn war die Fachtagung völlig ausgebucht.
Schule demokratiefähig machen
Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, sie kann laut Edelstein unter Umständen gefährdet werden. Gerade an den Schulen muss Demokratie über die Einzelnen aktiv hergestellt und gelebt werden. Vor diesem Hintergrund wurde das bundesweite BLK-Programm "Demokratie lernen und leben" seinerzeit aus der Taufe gehoben. Für Wolfgang Edelstein hat Schule die zentrale Aufgabe, die Schülerinnen und Schüler auf die Zukunft vorzubereiten.
Wolle sie diesem Anspruch gerecht werden, müsse sie drei Funktionen erfüllen. Erstens: Demokratie lernen bedeutet, die Schülerinnen und Schüler zu einem bewussten demokratischen Handeln zu befähigen. Zweitens: Demokratie leben bedeutet, an einer demokratischen Community teilzuhaben und einen demokratischen Habitus zu erwerben. Drittens: Demokratie als Lebensform beinhaltet erst die Fähigkeit, eine demokratische Gesellschaft mitzugestalten.
Soziale Kompetenzen sind Schlüsselkompetenzen
Soziale Kompetenzen sind laut OECD Schlüsselkompetenzen, die sich aus drei Kernkompetenzen zusammensetzen:
· Erfolgreich selbstständig handeln können (Stichwort: Zivilgesellschaftliches Engagement);
· Werkzeuge konstruktiv nutzen können (Stichwort: Arbeit in Projekten);
· in heterogenen Gruppen erfolgreich miteinander handeln können (Stichwort: Soziale Kompetenzen).
Die Förderung sozialer Kompetenzen und demokratischer Werte orientiere sich dabei an den geltenden Menschenrechten und Kinderrechten. Edelstein warnte: In Frankreich könne man beispielhaft sehen, was eine desintegrierte Gesellschaft bedeutet, z. B. wenn sie sich von ihrem Anspruch entfernt, Minderheiten zu integrieren. Schule sei hingegen per se ein Integrationsort. "Schule nimmt alle auf", erinnerte er. Deshalb müsse Schule ein Ort der demokratischen Teilhabe sein, der die Übertragung von Verantwortung, die Erprobung von Führung oder die Duldung von begründetem Widerspruch zulasse. Ein Raum der Anerkennung und Inklusion.
Wie soziale Kompetenzen unterrichtsreif werden
Wie die sozialen Kompetenzen für die Grundschulen in Form gegossen wurden, erläuterte Mascha Kleinschmidt-Bräutigam vom Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) Berlin genauer. "Rahmenlehrpläne entsprechen nicht der Unterrichtspraxis". Dennoch sei in Berlin mehr als ein Anfang gewagt worden, denn "heute sprechen wir von einem erweiterten Lernbegriff, zu dem neben der fachlichen und methodischen auch die personale und soziale Dimension gehören. Ziel ist die Entwicklung von Handlungskompetenz, die Fach-, Methoden-, personale und soziale Kompetenzen umfasst."
Soziale Kompetenzen und Demokratie üben
Wenn ein Veranstalter Workshops anbietet, kann er damit unterschiedliche Zielen und Aufgaben verfolgen. Da die Fachtagung auch als Lehrerfortbildung anerkannt wurde, kam den sechs eingerichteten Workshops in diesem Fall eine sehr pragmatische Aufgabe zu. Sie dienten in erster Linie als Übungsfeld für das Thema soziale Kompetenzen an Beispielen: Learning by doing.
Die Workshops hießen: "Kooperation von Schule und Jugendhilfe", "Schulinterne Fortbildung", "Trainieren von personaler und sozialer Kompetenz", "Schülerinnen, Schüler, Lehrkräfte und Eltern werden zu einem Team", "Demokratisch lernen und leben", "Handlungsorientierte Kooperationsübungen zur Unterstützung der rhetorischen Kompetenz".
Einen Ausschnitt aus dem Trainingsprogramm durften die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in dem überfüllten Workshop übrigens selber ausprobieren. Das Ergebnis war ziemlich beeindruckend: Wo vorher Zurückhaltung und Distanz dominierten, waren auf einmal Neugier, Kommunikation und Freude hautnah erfahrbar. "Wir wollen mit dem sozialen Training ein wertschätzendes Miteinander und Demokratie üben", sagte die Workshopleiterin Helga Neumann.
Soziales Training lockert innere Lernblockierungen: "Die Kinder lieben das Training und sie drängeln während des Schuljahres auf Wiederholung." Dennoch gilt auch hier: Nur ein steter Tropfen höhlt den Stein. Soziales Training bedarf auch der Akzeptanz im Kollegium. Außerdem braucht es einen offiziellen Status, wie ihn das neue Berliner Schulgesetz 2004 geschaffen hat.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 29.11.2005
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