8. NOVEMBER 2005

Die Kunst, über die Grenze zu gehen

Wenn Künstler mit eigenen Projekten wie "Rhythm is it" oder einer Chansonwerkstatt in die Ganztagsschulen gehen, sind sie in der Wahrnehmung der Schule nicht nur außerschulische Partner, sondern auch "Fremde" oder "Andere". Zwei Pole - das Innen und das Außen - stoßen aufeinander und reiben sich. Wo diese Pole einen Dialog um die unterschiedlichen Konzepte anstimmen, beginnt das interkulturelle Lernen ganz von selbst, wie der Chansonsänger und Wissenschaftler Dr. Christian Alix in einem Gespräch mit der Online-Redaktion an zwei Beispielen zeigt.

Online-Redaktion: Worauf muss man sich gefasst machen, wenn Künstlerinnen und Künstler als externe Mitarbeiter an die Ganztagsschulen gehen?

Alix: Zunächst steht bei der Zusammenarbeit mit Künstlern die Situation im Vordergrund, dass die Schule es mit externen Gesprächspartnern, also mit Nichtlehrern zu tun hat. Die Grundproblematik ist immer der Dialog mit dem Anderen, der Dialog und die Zusammenarbeit zwischen Personen, die nach unterschiedlichen Konzepten handeln. Dieses Verhältnis sollte aber im Zusammenhang mit den institutionellen Rahmenbedingungen betrachtet werden. Diese Überlegungen resultieren aus langjährigen Beobachtungen, Erfahrungen im Zusammenhang mit deutsch-französischen bzw. europäischen Schulkooperationen, die ich auch wissenschaftlich aufgearbeitet habe. Ihnen verdanke ich wichtige Impulse, die mir jetzt als Künstler in meiner Zusammenarbeit mit Schulen, Lehrern und Schülern zugute kommen.

Meine Grundthese ist, dass diese Lernform einen Dialog mit dem Fremden beinhaltet. Die Kooperation mit außerschulischen Partnern, zum Beispiel mit Künstlern, ist eine Variante davon. Es geht dabei um das Gespräch mit einem "Fremden", einem "Anderen", der sich jenseits der institutionellen Grenze befindet. Hier beginnt im eigentlichen Sinn das interkulturelle Lernen. Interkulturelles Lernen als dialogisches Lernen bedeutet das ständige Arbeiten an dieser Grenze.

Das Projekt "Rhythm is it" ist ein gutes Beispiel dafür. Da gibt es auf der einen Seite die Schulen, die Lehrer und auf der anderen Seite jemand, der von außen kommt und einen anderen Status als Externer hat, und der nun ein Kooperationsverhältnis eingehen will.

Dieser Widerspruch, diese Polarität ist aber nicht auflösbar: Das Interne und Externe werden immer als Pole existieren. Doch gerade das Spannungsverhältnis dazwischen ist konstitutiv für das Lernen. Die Auseinandersetzung zwischen zwei Subjekten ist der Kern und damit natürlich auch das Thema Alterität, Anderssein. Da, wo die Grenzen sind oder waren, müssen sie neu interpretiert werden.

Online-Redaktion: Dann wäre das interkulturelle Lernen also eine Kernaufgabe für Ganztagsschulen?

Alix: Ich jedenfalls sehe da die direkte Verbindung mit dem Film "Rhytm is it". Die Aufgabe, die definiert wird, ist ja keine schulische im engen Sinne. Das Ziel der Zusammenarbeit zwischen der Hauptschule und den Berliner Philharmonikern ist ja eine Aufführung, das heißt: Eine Öffentlichkeit außerhalb der Schule wird zum Endpunkt des Lernprozesses. Der Anlass, das Medium, weshalb zwei verschiedene Lernkulturen, die schulische einerseits und die außerschulische, künstlerische andererseits zusammenarbeiten, ist die gemeinsame Veranstaltung in der Öffentlichkeit.

Das finde ich in dem Film "Rhythm is it" so interessant: Lernen findet in fortwährender Spannung zwischen unterschiedlichen Polen, zwischen unterschiedlichen Kulturen statt. Das erfordert den Umgang mit Konflikten und Krisen, wie der Film deutlich zeigt. Dies kann ich aus eigener Erfahrung sowohl als Künstler als auch als deutsch-französischer bzw. europäischer Kooperations- und Begegnungspädagoge nur bestätigen.

Das Band zwischen den Schülerinnen und Schülern sowie dem Tanzchoreographen ist irgendwann kurz davor zu reißen. Die Schüler müssen die Entscheidung ganz alleine treffen, ob sie das Projekt fortführen wollen oder nicht. Im letzten Augenblick, kurz bevor es zur Resignation kommt, gibt es aber einen Durchbruch: Doch, wir machen es! Wir wagen es!

Ich sehe eine große Parallelität zwischen dem, was in dem Film geschildert wird und dem, was ich erlebe, wenn zum Beispiel Schulen aus verschiedenen Ländern zusammenarbeiten. Meine große Hoffnung ist, dass Schule in der Lage ist, sich zu einer dialogischen Institution zu entwickeln.

Online-Redaktion: Können Sie das am Beispiel Ihres Chanson-Projektes erläutern?

Alix: Vor einiger Zeit habe ich eine Fortbildung zum Thema Chansonwerkstatt angeboten, an der auch Lehrerinnen und Lehrer teilnahmen. Es ging darum, dass Schülerinnen und Schüler eigene französische Chansons schreiben: Lieder, Texte. Im Unterschied zu "Rhythm is it" sollten sie Lieder schreiben, die ein Stück von ihnen selbst sind. Sie schreiben aber nicht nur die Liedertexte, sondern sie singen, spielen, nehmen auf und präsentieren ihre Chansons öffentlich.

Während dieser Fortbildung kamen verschiedene Lehrerinnen und Lehrer auf mich zu und äußerten den Wunsch, so etwas an ihrer Schule zu machen. So fängt es in der Regel an. Eine Lehrerin hat mich gleich engagiert.

Die Initiative ging allerdings in dem Fall von einer Einzelperson aus, die, wie sich bald herausstellte, schon lange Erfahrungen mit Theaterprojekten hatte. Dies schaffte eine wichtige finanzielle Voraussetzung, da durch diese Projekte in früheren Jahren Geld eingenommen wurde. Aus dieser Kasse bin ich später bezahlt worden. Nicht von der Schulleitung, nicht aus dem Schuletat, sondern aus dem von dieser Lehrerin in Zusammenarbeit mit ihren Schülerinnen und Schülern durch Theaterprojekte selbst verdienten Geld. Für mich war es eine Verpflichtung, mit diesem Geld verantwortungsvoll umzugehen.

Der Regisseur der Theaterprojekte, ein Bekannter der Lehrerin, zeigte sich beeindruckt, als ich eine richtige Kalkulation vorlegte. Das war für ihn ein Qualitätsmerkmal. Ich legte außerdem einen Vertrag vor. Darin wurden die Ziele des Chansonprojektes und gleichzeitig die gegenseitigen Verpflichtungen schriftlich festgehalten.

Für das Geld musste ich drei Monate unter enormen Zeitdruck arbeiten. Ich musste nämlich vorhandene Schülertexte auswählen, damit sie thematisch zusammenpassen. Weitere wurden auch von den Schülern erarbeitet. Aus allen Texten sollten Chansontexte werden, die noch von mir vertont und mit Musik arrangiert wurden.

Online-Redaktion: Es gab also als zusätzliches Bonbon einen Preis zu gewinnen?

Alix: Ja! An sich war es der Ausgangspunkt des gesamten Projektes: Wir haben an dem Schülerwettbewerb "Kinder zum Olymp" teilgenommen, und dafür musste eine Auswahl nach bestimmten Kriterien getroffen werden. Während des Unterrichts im Dezember 2004 haben wir an den Texten gearbeitet. All dies passierte im Rahmen der Institution Schule. Dann kam aber der Wendepunkt: Nach den Weihnachtsferien stellte sich die Frage, welchen Status solche Projekte an der Schule haben: Sind sie Bestandteil des Regelunterrichts oder nicht? Das ist auch eine Frage der Grenzziehung. Ich hatte einen genauen Zeitplan erarbeitet, um die Abgabefrist am 1. März 2005 einzuhalten.

Nach Weihnachten wurde es schwierig, weil ich den Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern verlor, da das Projekt ja nicht mehr im Regelunterricht stattfinden konnte. Ich wurde in dieser kritischen Phase regelrecht beiseite geschoben. Das Projekt fand ab jetzt nur noch außerhalb des Unterrichts statt und die Schülerinnen und Schüler organisierten sich selber. Ganz hervorragend wie sich später zeigte.

Doch an diesem Punkt funktionierten die Planung, die Koordination, der Kontakt und die Zusammenarbeit zwischen der Lehrerin und mir nicht mehr. Auch wenn die von den Schülerinnen und Schülern erarbeitete CD "Envie de partir" ein absolut beachtenswertes Ergebnis wurde, fand ich die Zusammenarbeit für mich als Künstler und Partner enttäuschend.

Online-Redaktion: Ohne Dialog und die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, kann Kooperation also nicht gelingen?

Alix: Die Kooperation lebt vom Umgang mit Konflikten und dem Dialog zwischen unterschiedlich motivierten Partnern. Im Kern ging es bei dem Chanson-Projekt um den Konflikt zwischen Curriculum und Projekt. Im Film "Rhythm is it" ist es ja offenkundig, dass das Projekt nichts mit dem Unterricht zu tun hatte.
An dieser Stelle habe ich gemerkt, wie schwierig es zu vermitteln ist, was künstlerische Arbeit bedeutet. Aus meiner Sicht wäre es bei dem Chanson-Projekt wichtig gewesen, freie Räume für beide Seiten auszutarieren. Eine Arbeit an der Grenze zwischen Curriculum (Schule) und Projekt (Künstler) war erforderlich. Leider war an dieser Stelle die Dialogbereitschaft bzw. -fähigkeit nicht mehr vorhanden.

In solchen Situationen ist es ein Problem, dies auszuhalten und einen Modus finden, der im Dialog verhandelbar ist. Dabei bekommt man auch Energie, Unterstützung, Argumente, Kraft, Mut von dem, was der andere sagt. Wenn man die Tür zumacht, geht das nicht.

In "Rhytm is it" ist es so: Malcolm (der Choreograph) sagt: Bis dahin kann ich gehen und weiter nicht. Zum Glück blieb mir dieser harte Konflikt erspart, denn im Rahmen meines Chansonprojekts musste ich nicht so weit gehen, da die Schülerinnen und Schüler von sich aus die Verantwortung übernommen und sich selbst organisiert haben. An diesem Punkt wurde aber etwas Grundsätzliches ausgehandelt - und das sind der Dialog und die Zusammenarbeit mit einem anderen Beruf.

Online-Redaktion: Beide Seiten lernen also, indem sie sich verändern und weiterentwickeln?

Alix: Das ist die entscheidende Frage, wenn Schule sich öffnet, wirklich öffnet. Die Lehrerinnen und Lehrer müssen ihre berufliche Identität gar nicht aufgeben. Sie müssen aber die Konflikte aushalten. Ich argumentiere bewusst auf der Ebene der Personen, nicht auf der Institutionsebene. Bei aller Institutionalität gibt es aber auch Interpretationsräume. Diese Räume entstehen dadurch, dass das System sich zum Beispiel durch Internationalisierung und Globalisierung anderen Lebenswelten öffnen muss. Oder dass Schule aufgrund der komplexen gesellschaftlichen Entwicklung nicht mehr nur allein, sondern in enger Vernetzung und Absprache mit anderen Akteuren handeln muss.

Dialog sollte als Herausforderung und Chance verstanden werden. Die Diskussion über Qualitätssicherung der Schule, das Öffnen der Schule und die Zusammenarbeit mit Experten ist eine wichtige Aufgabe. Es geht darum, Lernen auch globaler zu sehen. Diese Entwicklung kann nicht rückgängig machen und das zwingt Schule dazu, zu kooperieren und sich zu öffnen.



Dr. Christian Alix, wurde 1947 in Ivry-sur-Seine/ Frankreich geboren. Er arbeitete lange Jahre als Deutschlehrer in Frankreich und als Französischlehrer in Deutschland. Seit 1984 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt am Main. Seine Arbeitsschwerpunkte sind internationale Schulkooperation, interkulturelles Lernen und Mehrsprachigkeit. Seit 1997 schreibt, komponiert und interpretiert er eigene Chansons auf der Bühne.

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 08.11.2005
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