18. OKTOBER 2005

"Schulen sind Lebensräume für den ganzen Ort"

Am 11. Oktober 2005 unterzeichneten das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg und die Architektenkammer Brandenburg eine Rahmenvereinbarung zur Zusammenarbeit. Mit der Vereinbarung soll die Kooperation zwischen Architekten und Ganztagsschulen forciert werden. Kammerpräsident Bernhard Schuster schildert im Interview die Motivation seiner Zunft, in die Schulen zu gehen, und die Vorteile dieser Partnerschaft für Schüler und Lehrer.

Online-Redaktion: Herr Schuster, Schulbauten sind in der Regel keine Perlen der Architektur. Woran liegt das?

Schuster: In Brandenburg hat es in den vergangenen Jahren nur wenige Schulneubauten gegeben. Wir haben ja hier eher das gegenteilige Problem: Schulschließungen wegen sinkender Schülerzahlen. Schulen, für die es keine Verwendung mehr gibt und die daher umgenutzt und saniert werden müssen. Neue Schulbauten entstehen fast nur im Bereich von Gymnasien und Oberstufenzentren. Für diese Neubauten werden Wettbewerbe ausgeschrieben. Da gibt es inzwischen schon einen sehr hohen Qualitätsanspruch. Einige Schulen haben von unserer Architektenkammer auch Preise erhalten.

Online-Redaktion: Achtet man heute mehr auf ästhetische und bauliche Qualität als in früheren Jahrzehnten?

Schuster: Ich kann nur für die letzten 15 Jahre sprechen, da wir vor der Wende ja andere Bedingungen hatten. Aber ich denke schon, dass der qualitative Anspruch für diese neu errichteten Schulen ein sehr hoher ist.

Online-Redaktion: In der Architektenkammer Brandenburg besteht eine Arbeitsgruppe "Architektur und Schule". Was möchte diese Gruppe erreichen?

Schuster: In dieser Arbeitsgruppe gibt es drei Schwerpunkte. Wir wollen einerseits im direkten Kontakt von regionalen Architekten mit Schulen die Integration des Themas der gebauten Umwelt in die Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern erreichen. Lehrende sollen als Multiplikatoren in die Lage versetzt werden, die Bedeutung der Architektur für die Gesellschaft und für jeden Bürger im Unterricht zu vermitteln.

Zweitens möchten wir schulische Bildungsangebote zu diesem Thema bereitstellen. Wir stellen immer wieder fest, dass Bauherren eine gewisse Grundbildung brauchen. "Bauherren" sind dabei nicht nur die Aktiven, sondern das ist im übertragenen Sinne die Gesellschaft insgesamt. Es gibt immer weniger Menschen, die sich darum kümmern, was mit ihrer gebauten Umwelt passiert. Hier bestehen große Defizite in der Bildung. Deshalb möchten wir einen kleinen Beitrag leisten, um eine Qualifizierung zu ermöglichen.

Zum Dritten wollen wir als Arbeitskreis den Prozess des Auf- und Ausbaus des Ganztagsschulangebots im Land Brandenburg beratend begleiten. Dabei wollen wir auch Angebote machen, die es ermöglichen, dass Schulen als Bauherren qualifizierter sagen können, was sie erwarten, welche Raumprogramme sie erstellen möchten. Wir können ihnen helfen, Förderanträge zu formulieren. Denn auch hier stellen wir immer wieder fest, dass die Qualität des Raumprogramms und der Aufgabenstellung die Qualität des Endergebnisses stark beeinflusst.


 
Beispiele für Schularchitektur in Brandenburg: Das Oberstufenzentrum II in Frankfurt an der Oder (l.) und die Grundschule Grüntal

Online-Redaktion: Raumprogramme sind besonders für Ganztagsschulen entscheidend .

Schuster: Viele Schulen sind ursprünglich nicht für die ganztägige Nutzung, für Mehrfachnutzung oder für sinnvolle Überlagerungen errichtet worden. Früher fehlte die Vorstellung, dass Schulen, besonders in kleineren Orten, die Funktion eines kulturellen Zentrums übernehmen könnten. Dass Schulen nicht nur Bildung anbieten, die man sich als Dienstleistung abholt. Schulen sind heute nicht nur Lebensräume für Schülerinnen und Schüler, sondern für den gesamten Ort oder Stadtteil. Dies räumlich zu erfassen, zu ergänzen und zu differenzieren bedarf einer Selbstanalyse: Wie kann man das Erforderliche umsetzen, und wo muss man bauliche Ergänzungen vornehmen? Dazu benötigt man ein Raumprogramm, das pädagogische Ansätze beinhaltet, das aber auch für die Kinder und Jugendlichen bzw. die Bevölkerung die Freizeitmöglichkeiten insgesamt berücksichtigt. Dies ist entscheidend für die Akzeptanz einer Schule im Ort.

Online-Redaktion: Diese Akzeptanz könnte zum Beispiel dadurch entstehen, dass Vereine eine Heimat in der Schule finden?

Schuster: Ja, dies wird an vielen brandenburgischen Schulen angestrebt. Bei manchen funktioniert das schon seit Längerem - zum Teil aus Tradition, zum Teil aus der Not. Es ist doch wesentlich effizienter, ein Gebäude bis 22 Uhr und auch am Wochenende zu nutzen, als nur an fünf halben Tagen. Ein Beispiel dafür ist ein Private-Public-Partnership-Vorhaben im Landkreis Oberspreewald-Lausitz: Dort wird in Kooperation des Landkreises mit einem Konzern ein Gymnasium und ein Oberstufenzentrum errichtet, die auch an 50 Wochenenden und täglich von sieben bis 22 Uhr geöffnet sein werden. Dies hat dann natürlich Auswirkungen auf die räumlichen Angebote.

Online-Redaktion: Wie ist der Kontakt der Architektenkammer mit dem Bildungsministerium zu Stande gekommen, der nun in die Unterzeichnung der Rahmenvereinbarung gemündet ist?

Schuster: Seit zwei Jahren arbeiten wir mit dem Landesinstitut für Schule und Medien Brandenburg (LISUM) zusammen, um Bildungsangebote zu Architektur und bebauter Umwelt in die Schulen zu integrieren. Die Verbindung mit dem Ganztagsschulprogramm der Bundesregierung hat diese Absicht vereinfacht. Dazu kommt, dass der neue Bildungsminister Holger Rupprecht früher Schulleiter eines Gymnasiums gewesen ist, das Ganztagsschulangebote mit 26 Arbeitsgemeinschaften innerhalb der Schule machte. Da war es für uns einfacher, das Feld zu bestellen: Vor einem Dreivierteljahr sprachen wir mit dem Minister und gewannen den Eindruck, dass die Tür schon offen stand. Mit der Rahmenvereinbarung haben wir nun alles konkreter gefasst.

Online-Redaktion: Wie wird sich die Vereinbarung praktisch auswirken?

Schuster: Das Ministerium wird uns in den nächsten Tagen drei Schulen in kleineren Kreisstädten benennen, mit denen wir die Kooperation beginnen werden.


 
Regine Hildebrandt-Gesamtschule in Birkenwerder (l.) und die Grundschule Vehlefanz

Online-Redaktion: Welche Konzepte gibt es, um Schülerinnen und Schülern Architektur näher zu bringen?

Schuster: Wir wollen hauptsächlich mit dem LISUM zusammenarbeiten, weil dort die Lehrerfortbildung angesiedelt ist. Unsere Kollegen werden Fortbildungsangebote von "Baugeschichte" bis "Räumliche Wahrnehmung" unterbreiten. Dann wollen wir Workshops an Schulen anbieten, in denen Schüler und Lehrer an konkreten Projekten arbeiten: Zum Beispiel können sie ihren Schulhof neu konzipieren. An zwei Brandenburger Schulen sind die Pläne der Schülerinnen und Schüler auch umgesetzt worden, was die Akzeptanz der Ergebnisse erheblich vergrößert, zumal die Schüler sehen, wie viel Arbeit hinter einer Baumaßnahme steckt.

Online-Redaktion: Wie viel Personal soll von Ihrer Seite zum Einsatz kommen?

Schuster: Wir haben eine Umfrage ins Internet gestellt, an der sich die Kolleginnen und Kollegen beteiligen können. Die Arbeitsgruppe "Architektur und Schule" ist bereits groß besetzt, da kommen schon mal 25 Mitglieder zusammen. Für viele Kolleginnen und Kollegen ist dies nicht zuletzt aktive Akquisition, weil man im Landkreis, in welchem man mit Schulen kooperiert, als Person und Architekt wahrgenommen wird. Die Zusammenarbeit mit Schulen wird auch in dieser Hinsicht immer mehr als Chance betrachtet.

Online-Redaktion: Wann werden Sie mit der Kooperation beginnen?

Schuster: Wir hatten uns vorgenommen, mit den drei uns benannten Schulen Ende November, Anfang Dezember zu starten. So können wir noch bei der Qualifizierung der IZBB-Anträge helfen, die Mitte Dezember abgegeben werden sollen. Dies geschieht auch auf Wunsch des Ministeriums, das hofft, dass mit professioneller Hilfe noch eine andere Qualität in die Anträge kommt. Bisher schmoren die Schulen allzu oft nur im eigenen Saft.

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 18.10.2005
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