Es gibt eine stattliche Anzahl von Kindern und Jugendlichen in Thüringen, die schon früh eine schwere Bürde zu schultern haben: Auf ihrer Wanderung durch die schulischen Stationen schwitzen die Übergewichtigen schon bei der ersten Steigung. Dann gibt es die Erschöpften und die Müden. Oder die Depressiven. Nach einiger Zeit beschwert sich eine ganze Reihe der jungen Wanderer über Rückenschmerzen. Die Gesundheit wie die Bildungschancen vieler Kinder und Jugendlichen sind in Thüringen, aber auch in anderen Ländern, ungleich verteilt.
Einer neueren Studie zufolge schätzen 14,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Thüringen ihren Gesundheitszustand als mäßig bis schlecht ein. Das Land Thüringen möchte durch mehr ganztägige Bildung und Betreuung nun ein Zeichen gegen die gesundheitlichen Risiken in der Kindheit setzen.
"Ganztägig lernen in Thüringen. Unterstützungsmöglichkeiten für Ganztagsschulen" lautete der Titel, unter dem die Serviceagentur in Thüringen am 4. und 5. Oktober 2005 offiziell eröffnet wurde. Mit dabei: Über 100 Lehrerinnen und Lehrer, Sozialarbeiter, Partner aus Wirtschaft und Gesellschaft. Doch schon seit dem 1. Juni 2005 hatte die Serviceagentur ihre Arbeit aufgenommen. Sie ist bei der Arbeitsstelle Schuljugendarbeit am Schulamt Jena angesiedelt.
Die 2, die 16 und die neue Serviceagentur
Serviceagenturen und damit professionelle Unterstützung für die inhaltliche Gestaltung der Ganztagsschulen, gibt es mittlerweile in 13 Ländern. Ausnahmen bilden nur noch: Baden-Württemberg, Bayern und das Saarland. Als ein Baustein in der Architektur der Unterstützungssysteme fungiert die Serviceagentur in Thüringen. Sie versteht sich als Schulentwicklungsagentur und wird von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) unterstützt. Bei der Schulentwicklung haben die Ganztagsschulen aller Schulformen eine Menge Freiräume, das Land Thüringen beschränkt sich auf "Rahmenvorgaben".
Ein ganzheitliches Bildungskonzept soll den Lebensweg der Kinder von zwei Jahren bis in die Jugend begleiten. Die Ganztagsschulen sind ein Bestandteil eines mit den kommunalen Spitzenverbänden zu schließenden Paktes "Bildung und Betreuung von 2 bis 16", wonach Bildung und Betreuung im Land bezahlbar und verlässlich bleiben und regionale Netzwerke aufgebaut werden sollen. Wenn man in Thüringen einen weiten Begriff von Ganztagsschule nach den Vorgaben der Kultusministerkonferenz zugrunde legt, käme man - da die Grundschulen mit Hort dazu zählen - auf über 750 Ganztagsschulen. Allerdings haben nur 77 Thüringer Schulen 2004 auch Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) erhalten.
Die Sozialpädagogin Christine Wolfer und die Lehrer Rosa Maria Haschke und Wolfgang Koß haben die Aufgabe, Schulen im Lande zu begleiten, mit Partnern - wie dem Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (Thillm), den Schulämtern, den Landeselternvertretungen und den Schülervertretungen - zu kooperieren sowie mit Partnern aus der Wirtschaft ansprechende Projekte zu realisieren. Oder mit Schulentwicklungsprogrammen wie "Eigenverantwortliche Schule" und "Schüler unternehmen was" Schnittstellen für eine Zusammenarbeit zu nutzen. Für Staatssekretär Kjell Eberhardt aus dem Thüringer Kultusministerium ist die Serviceagentur "ein Glücksfall". Die Serviceagentur kümmere sich um die Vernetzung der Schulen mit außerschulischen Partnern und den Erfahrungsaustausch, sie vermittele Experten und moderiere Workshops.
"Ganztagsschulen sind nützlich und entlasten die Eltern"
So Staatssekretär Kjell Eberhardt in seinem Grußwort zum Beginn der Tagung. Sie ermöglichten eine engere Beziehung zwischen Lehrkräften und Schülern. Doch, und das betont der Staatssekretär, sie seien "kein Ersatz von Familie", sondern deren "Ergänzung". Auch innerhalb der Schule sollten sich die Kinder vom täglichen schulischen Alltag entspannen können, durch eine Fülle von "Rückzugsmöglichkeiten".
Das Vertrauen in die Schulen insgesamt ist auch im vereinten Deutschland nicht besonders hoch. Der Gallup-Studie in 47 Ländern zufolge genießt hierzulande das größte Vertrauen die Polizei und nicht die Erzieher und Pädagogen. Schulen kommen erst an elfter Stelle. Um Vertrauen zu schaffen, favorisiert Dr. Heike Kahl, die Geschäftsführerin der DKJS einen an "Stärken orientierten Ansatz", wonach man den jungen Menschen durchaus etwas zutrauen und sie aktiv am Schulleben partizipieren lassen müsse. Nach Kahl ist in Deutschland schon so etwas wie eine "Ganztags-Community" gewachsen, die die Stärken der Schülerinnen und Schüler in den Vordergrund stellt und nicht ihre Defizite.
Würde Churchill das heute noch sagen?
"No sports" - oder wie wir Deutschen gern sagen: "Sport ist Mord" - dieses Klischee hat sich in der Mediengesellschaft überholt. Verzicht auf Sport in der Kindheit kann fatale Auswirkungen haben. Nach Untersuchungen von Prof. Frank Bittmann vom Institut für Sportmedizin und Prävention an der Universität Potsdam ist inzwischen jedes zehnte Kind übergewichtig. In Deutschland soll es rund eine Million Kinder und Jugendliche geben, die schwer überwichtig (adipös) sind. Auch die Untergewichtigkeit, vor allem bei Mädchen, spielt eine große Rolle.
In seinem Vortrag "Gesundherhaltung von Kindern - Welche Chancen bietet die Ganztagsschule?" weist der Sportmediziner darauf hin, dass es einen "straffen Zusammenhang" zwischen Schulbildung und Übergewicht gebe. Einer Langzeitstudie von Prof. Klaus Bös zufolge sei die körperliche Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen im Zeitraum von 1975 bis 2000 um zehn Prozent zurückgegangen. Mit der Sportmüdigkeit nehmen Krankheiten wie Jugenddiabetes, Bluthochdruck und Rückenschmerzen zu. Jedes vierte Kind im Alter von 11 bis 17 Jahren klagt bereits über Rückenschmerzen.

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