07. OKTOBER 2005

Zwei Leben einer Sonnenblume

Porträt einer Schule, die mitten im Leben steht und dennoch den Charme des Unverwechselbaren hat. Die Online-Redaktion hat Schulleiter Roland Hagelstange in eine pulsierende Ganztagsschule, die Sonnenblumen-Grundschule Berlin-Baumschulenweg begleitet, deren Profil beinahe einer Sonnenblume gleicht.

Es gibt Situationen in einer Schule, die große Symbolkraft ausstrahlen. So verabredete sich die Online-Redaktion an einem sonnigen Freitagnachmittag mit Roland Hagelstange und der vollbärtige, beinahe stoisch wirkende Schulleiter, hält das Kernsymbol seiner Schule, eine Sonnenblume, in der Hand. Die populäre Pflanze ist für Hagelstange pars pro toto: Mit den Funktionen der Sonnenblume erläutert er zugleich das Profil der Schule, gibt er ihr eine unverwechselbare Identität.

Die äußeren Hüllblätter umschließen die eigentlichen Blüten. Sie stehen laut Hagelstange für die Eltern. Im Innern der Blume befinden sich die Zungenblüten, deren Aufgabe bestehe darin, die Bienen anzulocken. Sie verkörpern für Hagelstange die Lehrerinnen und Lehrer, die den Nektar Wissen für die Bienen schmackhaft machen sollen. Das Laubblatt der Sonnenblume ist das Kraftwerk der Blume: der Ort der Photosynthese. Die Wurzel führt der Blume ihre Nährstoffe zu, zu denen zählt Hagelstange die Schulverwaltung und Finanzierungsquellen. "Der Stängel hält alles zusammen." So schließt sich für Hagelstange der Kreis zwischen Sonnenblume, Schule und seinem Nachnamen. Die Schule selbst kommt ihm wie eine Sonnenblume vor, "heiter, lebensbejahend und nützlich".


 
Schulleiter Roland Hagelstange hält das Symbol der Grundschule in der Hand.

Die Sonnenblumen-Grundschule hat einen Quantensprung geschafft, schließlich hat sie den Charme der Individualität auf ihre Weise ganz neu entdeckt. Und dies obwohl das 1971 errichtete Gebäude der Schule ein so genannter Typenbau aus der ehemaligen DDR ist, den es in dieser Weise noch mindestens 20mal in Berlin gibt.

Die Wurzeln der Sonnenblumenschule

Beinahe schwungvollen, aber sicheren Schrittes durchmißt Roland Hagelstange den Schulhof. Er genießt das "pralle Leben" am Nachmittag, wie es nur eine Ganztagsschule in dieser Selbstverständlichkeit hervorbringen kann. Andererseits bedeutet Ganztagsschule für ihn aber auch harte, unermüdliche Arbeit: "Ich bräuchte 30 Stunden am Tag und 12 Tage die Woche, um das zu schaffen, was mir an Ideen in dieser Schule zugetragen wird." Allem Anschein nach, ist dem Schulleiter daran gelegen auch Öffentlichkeitsarbeiter zu sein, der das Besondere seiner Ganztagsschule in Bildern und Gleichnissen zu vermitteln sucht: Das pädagogische Profil, die Aufgaben des Schulträgers, die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer, die Lern- und Lebenssituationen der Schülerinnen und Schüler und die Rolle der außerschulischen Mitarbeiter. 

Zu Beginn der Ganztagsschule im Jahr 1990 stand ein Schulversuch als verlässliche Halbtagsgrundschule. Die Kinder sollten von 8 bis 14 Uhr betreut werden. Das war für Hagelstange der Einstieg in die Rhythmisierung. "Als das Investitionsprogramm des Bundes kam, war das Konzept schon fertig im Kopf", so der Schulleiter. Der Königsweg für das pädagogische Konzept sei die Rhythmisierung, die das "Lernen intensivieren soll, indem man den Schultag besser nutzt".


  
Die Sonnenblumen-Grundschule: "heiter, lebensbejahend und nützlich".

Die Nahrungszufuhr

An einer Ganztagsschule ist Lernen mehr als herkömmlicher Unterricht und die Stimulierung des Logos, also der der kognitiven Kompetenzen. Deshalb lernen die Kinder auch außerhalb des Unterrichts Methodenkompetenz, also die Fähigkeit, das Lernen zu lernen, und Sozialkompetenz. "Extensives Lernen" nennt Hagelstange dies. Auch weil ihm der Rahmenplan der Berliner Grundschulen zu kopflastig ist, wird in der Sonnenblumen-Grundschule großer Wert auf die Vorbereitung zum lebenslangen Lernen und produktiven Tätigsein gelegt.

Dass die Wurzeln der Sonnenblumen-Grundschule mit ausreichend Nahrung versorgt werden, merkt man auch daran, dass Hagelstange beim Thema Finanzen seine Gelassenheit bewahrt: "Ich werde vom Bezirksamt Treptow gut unterstützt. Soweit dies der Kommune natürlich möglich ist." Der Schulträger und darüber hinaus das Land Berlin - befindet Hagelstange - versorge die Schule sowohl mit genügend Mitteln wie auch mit dem erforderlichen Lehrpersonal. Ein Glücksfall für die Schule, dass ihr gleich drei Töpfe zur Verfügung stehen. Einmal die Mittel des Bundes aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung (IZBB)" für die Innenausstattung, mit denen zwei Räume für den Mensabereich umgebaut werden. Zum Zweiten gibt es Mittel aus dem Europäischen Umweltentlastungsprogramm für neue Fenster, Wärmeisolierung und die Dachdeckung. Außerdem gibt es Gelder aus dem Sportstättensanierungsprogramm des Bezirks Treptow.


 
Aus zwei Töpfen eine Ganztagsschule bauen: IZBB-Mittel für den Ruheraum und EU-Fördergelder für die neue Sporthalle.

Minuspunkte kassiert das Land Berlin aber für die knifflige Essensfrage. Aus finanziellen Gründen veranlasste die Kommune beim Catering die Sparvariante mit Ausgabeessen. Doch auf diese Weise könne keine wirkliche Essenskultur an der Schule entstehen, die so wesentlich für das Wohlbefinden und die Gesundheit der Kinder ist und dem Schulleiter übrigens eine Herzensangelegenheit: Schon aus Prinzip isst Hagelstange lieber gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern: "Bei Tischgesprächen lernt man die Kinder von einer anderen Seite kennen."

Die Wachstumsbedingungen

Nach der Mittagspause beginnt an einer Ganztagsschule die Spätphase des Schultages. An sonnenreichen Tagen dehnt sich die Wärme aus: über den Schulhof, in die einzelnen Räume des Schulgebäudes, in die Körper der Schülerinnen und Schüler. Nachmittagsatmossphäre verbreitet an Schulen die größte Nestwärme. Nun öffnet sich an der Sonnenblumen-Grundschule den Kindern in dem Typenbau eine einladende Lern- und Lebensumgebung. So gibt es umgestaltete Klassenräume, in die sie sich zurückziehen können, oder eine ansehnliche Bibliothek. Die ist kein Schmuck, denn Leseförderung wird an der Grundschule intensiv mit Lesefesten oder Lesenächten zelebriert.


 
Engagement für die Schule: eine Mutter beendet ihre Arbeit in der Küche der Berliner Grundschule. 

Mit dem Mehr an Zeit kann die Schule Partner auf Zeit oder fürs Leben gewinnen. Es gibt genügend Zeit für soziales Engagement und für Wanderungen in die Natur. "Gestern waren wir auf einem Bauernhof, und dort haben wir uns über die Anatomie von Nutztieren durchgenommen", sagt Hagelstange. Die Sonnenblumen-Grundschule verknüpft das Theoretische stets mit dem Praktischem.

Wenn beispielsweise Fenster in die Klassenräume eingebaut werden, machen die Schülerinnen und Schüler eben physikalische Experimente, die den Wärmekreislauf erklären - und schon wissen die Schülerinnen und Schüler wozu das Geld aus dem Europäischen Umweltentlastungsprogramm wirklich gut ist.



Mehr Zeit für außerschulische Partner: Beispiel Wochenplan der Klasse 2a.

Die Bandbreite der externen Partner ist an der Schule beachtlich: Sie reicht vom Schach- und Fußballverein über die Humboldt-Universität Berlin bis zur Stadtbibliothek Treptow. Und wie ein roter Faden zieht sich die thematische Anordnung der Räume durch die Schule. So gibt es etwa Räume zum Basteln oder für Schachspiele. Mit den außerschulischen Partnern verhält es sich für Hagelstange wie mit Ehepartnern: "Man lebt mit Mitte 30 in einer Partnerschaft und plant die Eheschließung: Das ist die Zeit, in der man auch mal ins BGB schaut."  

Alles zusammen und am Laufen halten

Das natürlich gehaltene und menschlich zugewandte Ambiente der Grundschule spiegelt sich auch in der Aufgeschlossenheit der Schulkinder. Noch nachmittags leben sie im Unterricht, in der Begegnung mit dem Schulleiter oder sogar mit fremden Menschen auf.

Jasmin, 9 Jahre, und Lise, 9 Jahre, lieben es, Märchen zu lesen. Mit Schneewittchen und Dornröschen entschwinden sie der Welt außerhalb ihrer Schule, denn Jasmin, deren Opa in Thailand für kärgliches Gehalt Hängematten flechtet, kennt auch die Schattenseiten der wohlhabenden Gesellschaft: "Es gibt viel zu wenig Arbeit." Nur wenn sie gut in der Schule sei, kriege sie später eine Arbeit. Ihre Mama musste die Schule in Thailand schon nach der vierten Klasse verlassen, um auf dem Reisfeld zu arbeiten.


 
Jasmin mit ihrer Freundin Lise. Ihr Traum: Tierärztin werden. Zeit für die Tierpflege in der Sonnenblumen-Grundschule.

In einer etwas behüteteren Welt lebt dagegen Antonia, 10 Jahre. In ihrer Nachmittagsfreizeit: spielt sie Schach für Kinder und fühlt sich im Kreise der Freundinnen sehr gut aufgehoben: "Ich finde es hier am Nachmittag viel schöner als zu Hause." Ihre Eltern würden es auch nicht gerne sehen, wenn ihre Freizeit auf der Straße verbringen würde. Carlotta, die neben ihr sitzt, genießt es dagegen, dass sie "keine Rechnungen schreiben muss: Kind sein, heißt für mich geschützt sein".

"Die gesellschaftlichen Probleme kommen immer ungeschminkter in der Schule an", meint Hagelstange: "Damit wird die Verantwortung, die die Schulen zu tragen haben, immer größer. Sie müssen die Zeit bestmöglich nutzen, damit die Kinder weiter kommen." Das Investitionsprogramm des Bundes habe in dieser Hinsicht "bemerkenswert viel geleistet". Hagelstange unterstreicht dabei die Vorteile seiner Schule: Sie sei weder eine Schule im sozialen Brennpunkt noch mit erhöhtem Betreuungsbedarf. "Die Schule hat einen Migrantenanteil, der bei sieben Prozent liegt." Das erleichtere Integration.

Die Ganztagsschule macht Roland Hagelstange "jeden Tag ein bisschen mehr Spaß". Sein Glück: Er hatte selber gute Lehrer und nun begleitet ihn auf Schritt und Tritt das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Als "Stängel" der Sonnenblume sieht er seinen Job darin, die Kommunikation und die Kooperationen am Laufen zu halten.

Die Blüten der Sonnenblume

Die so populären gelben Blüten der Sonnenblume, also die Zungenblüten der Schule, sind für den Schulmanager die Lehrerinnen und Lehrer. Doch wenn es nach Hagelstange ginge, sollte mancher Lehrer erstmal das wirkliche Leben kennen lernen. Lehrerinnen und Lehrer müssten möglichst viel Wirklichkeit in die Schule reinholen oder die Wirklichkeit selber erkunden. Warum sollte nicht ein Erdkundelehrer beispielsweise ein Jahr auf einem Binnenschiff die Sprache, das Land und die Menschen kennen lernen? "Der Beruf hat damit zu tun, etwas von sich zu geben". Lehrerinnen und Lehrer seien Begleiter, die ein Ziel vor Augen haben und den Kindern die Möglichkeit einräumen sollten, eigene Wege zu gehen. Schließlich findet der Pädagoge noch eine Formulierung, die den Reiz einer Ganztagsschule ausmacht, die wie eine Sonnenblume leuchtet: "Wenn ich Heizer bin, kann ich 25 Jahre Kohle in ein Feuerloch schütten. Sie lächelt nicht einmal zurück." Bei einer Sonnenblume, die man wachsen sieht, sei das ganz anders.

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 07.10.2005
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