04. OKTOBER 2005

Öffnung zum wirklichen Leben

Auch in die Welt privater Schulträger ist mit dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" frischer Wind gekommen. Der Bund der Freien Waldorfschulen veranstaltete vom 29. September bis 3. Oktober in der Waldorfschule Märkisches Viertel in Berlin seine Herbsttagung "Lebensraum Schule - Ganztagsschule - Reifung durch Erlebnispädagogik" in Kooperation mit dem Bundesverband für Erlebnispädagogik und Aventerra e.V.

In der weiten Welt privater Schulen sind die Freien Waldorfschulen seit jeher die buntesten Vertreter. Kein Notenzwang, Lernen nach Entwicklungsstufen, Einklang von Kopf, Herz und Hand, Erlebnisse in der Natur statt Pauken.

Gut 80 Jahre waren Waldorfschulen das harmonisierte Gegenbild zum vermeintlich durch Konkurrenz und Leistung geprägten staatlichen Schulsystem. Die zuweilen als "Wohlfühlschulen" belächelten Exklaven möchten nun zeigen, dass sie mit den etablierten Schulen mithalten können. Viele möchten Ganztagsschulen werden, wie die Herbsttagung "Lebensraum Schule - Ganztagsschule - Reifung durch Erlebnispädagogik" in Berlin verdeutlichte. Namhafte Experten waren zu der viertägigen Veranstaltung nach Berlin eingeladen, darunter Stefan Appel, der Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes, der demnächst seinen 50 Gründungstag feiert: "Seit ein paar Jahren öffnen sich die Waldorfschulen", stellte Stefan Appel fest.


  
Die Waldorfschule Märkisches Viertel in Berlin: von außen herkömmlich von innen anthroposophisch.

Abschied von der heilen Welt

Etwas weltfremd seien sie schon, so Appel während des Mittagessens in der Waldorfschule Märkisches Viertel. "Sie produzieren große Geister und Leute des öffentlichen Lebens wie Andreas Schleicher oder Menschen ohne Ellenbogenmentalität, die im täglichen Konkurrenzkampf überfordert sind." Dabei sei der Ursprung der Waldorfschulen ganz weltlicher Natur gewesen: "Die Firmenleitung der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria hat den Anthroposophen Rudolf Steiner mit der Entwicklung dieser Schulform beauftragt". Steiner fühlte sich berufen, die Seele des Kindes in harmonischem Ambiente aus Naturerlebnis und Ganzheitlichkeit zu entwickeln: Zurück zur Natur lautete die Devise - nicht zuletzt darauf wurde die Waldorfschule einschließlich ihrer betont verspielten und phantasiereichen  Architektur abgestimmt.

Die Kinder sollten in einer besseren und abgeschirmten Welt leben. Doch ist das heute noch zeitgemäß? "Die Eltern sind das Korrektiv und die treibende Kraft hin zu einer offeneren Waldorfschule", meint Stefan Appel. Eltern halten nicht mehr am Gewohnten fest - auch nicht in der Waldorfschule.



Ein gefragter Experte und Reisender in Bildungsfragen: Stefan Appel beantwortet Fragen aus dem Plenum.

Thomas Klinkhammer, Vater einer Tochter, ist eigens zur Fachtagung nach Berlin gereist. Er möchte zusammen mit 30 Eltern eine Freie Waldorfschule in Düsseldorf gründen und hat viele Fragen mit nach Berlin gebracht. Er sucht gezielt das Gespräch mit dem Ganztagsschulexperten Stefan Appel. Die meisten Waldorfschulen seien eher lebensfern: "Unsere Schule soll ins Leben, in die Stadt gestellt werden", so der Schulgründer in spe.

Ein Knackpunkt für Thomas Klinkhammer und seine Elterninitiative ist natürlich die Finanzierungsfrage. Das Land Nordrhein-Westfalen fördert 85 Prozent der Kosten freier Schulträger. Die restlichen Mittel sind vom Förderverein aufzubringen, also von den Eltern selbst. "Als wir uns nach einem pädagogischem Konzept umgeschaut haben, das uns am meisten überzeugte, sind wir bei Waldorf gelandet." Die nächsten Schritte ergaben sich von selbst: Kontakt zum Bund der Freien Waldorfschulen und Anerkennung als Gründungsinitiative durch die Landesarbeitsgemeinschaft.


 
Thomas Klinkhammer während der Mittagspause: im Gründungsfieber.

Waldorfpädagogik für den Ganztag

Klinkhammer legt Stefan Appel ein 23seitiges Schulkonzept vor. Darin wird nicht nur - entgegen dem Mainstream - den Naturwissenschaften große Bedeutung beigemessen, sondern auch der "sachten Heranführung an die Medien". Ein "innovatives modernes Konzept", meint die Elterninitiative. Fast eine Revolution, wenn man bedenkt, wie verpönt bisher etwa das Fernsehen in den Waldorfschulen war. Natürlich finden sich in dem Schulkonzept auch "Klassiker" der Waldorfpädagogik wieder: Das Klassenlehrerprinzip, wonach die Schülerinnen und Schüler bis Klasse 6 denselben Klassenlehrer behalten, das Prinzip der Handarbeit oder der Eurythmie.

"Angesichts der beschriebenen Rahmenbedingungen", heißt es in dem Konzept, "wollen wir die Waldorfschule Düsseldorf als Ganztagsschule führen, um einen hinreichenden Umfang an Lernzeit zu erzielen, familienergänzende und unterstützende Erziehungsleistungen anzubieten, einen gesellschaftlichen Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf; die Qualität der lokalen soziokulturellen Angebotsstruktur im Gemeinwesen steigern." Das heißt konkret: feste und obligatorische Schulkernzeiten, Hausaufgabenbetreuung, Spiel- und Freizeitangebote. Auch die Rhythmisierung wurde mitbedacht: "Für die Verzahnung des Vormittags- und Nachmittagsunterrichts ist eine gleichwertige Behandlung aller daran Beteiligten (Lehrer, Erzieher, Eltern, Externe, etc.) elementar. Um eine Einbindung oder Weiterentwicklung von Unterrichtsinhalten in Kursen und Projekten zu verwirklichen, werden vor jedem Halbjahr von einem Gremium, in denen alle Gruppen vertreten sind, die Angebote geplant." Eine wesentliche Bedeutung in dem Schulkonzept spielt auch die Einbeziehung von Partnern etwa aus der Wirtschaft und dem Handwerk.

Thomas Klinkhammer hat mittlerweile keine Zweifel mehr am Gelingen der Schulgründung. "Wir glauben, dass uns die Eltern die Tür einrennen werden." Die Anfragen für Ganztagsangebote kämen vor allem aus dem Grundschulbereich. Selbst Kinder im Alter von 12 bis 13 Jahren zeigten Interesse an einer Nachmittagsbetreuung: "Ganztagsschulen bieten Förderchancen, weil es auch in der Waldorfschule äußerst heterogene Lerngruppen gibt. Die Nachmittagsbetreuung bietet Chancen für neue Förderkonzepte."

Brauchen Waldorfschulen ganztägige Angebote?

Wer gründet, braucht Beratung: praktischer und theoretischer Art. Auf der Herbsttagung wurden noch weitere Vorträge angeboten. Alle verdeutlichten, dass Waldorfschulen sich der veränderten Gesellschaft und Bildungslandschaft in Deutschland stellen. Dazu gehört, dass viele die Möglichkeit nutzen, mit Mitteln des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung (IZBB)" des Bundes Ganztagsschule zu werden. "Vier Milliarden Euro sind eine unglaubliche Summe", betonte Stefan Appel. Weil die Anträge - laut Appel - schubkarrenweise in die Ministerien geladen würden, mahnte er die Anträge realistisch zu gestalten: "140 Prozent fordern, um 100 Prozent zu bekommen, ist die falsche Strategie."   


 
Länderübergeifender Erfahrungsaustausch: Zwei Untergruppen in der AG 3 "Gestaltung von Ganztagsangeboten an Waldorfschulen".

Dass den Ganztagsschulen - auch im Bereich der Waldorfpädagogik - die Zukunft gehöre, darüber herrschte in der von Peter Färber moderierten Arbeitsgruppe 3 "Gestaltung von Ganztagsangeboten an Waldorfschulen" weitgehend Einigkeit. Doch die unterschiedlichen Rahmenbedingungen in den Ländern beeinflussen die Gestaltungsspielräume nicht unwesentlich. In Bayern dürfe die öffentliche Förderung nur bis 15 Uhr gehen, was der Waldorfschule Gröbenzell viele Handlungsspielräume beschneidet. Auf umso günstigere Rahmenbedingungen stieß die Freie Waldorfschule Frankenthal von Christine Kalb: Rasche und unbürokratische Entscheidung über den Antrag zur Förderung nach den IZBB-Richtlinien in Rheinland-Pfalz.

Für die Lehrerin und Mutter dreier Kinder Christine Kalb ist die Herbsttagung "ein Zeichen für die Öffnung der Waldorfschulen zum wirklichen Leben. Der Erfahrungsaustausch hilft uns weiter."

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 04.10.2005
© www.ganztagsschulen.org

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