30. SEPTEMBER 2005

Integrationsfaktor Ganztagsschulen

Das Begonnene fortsetzen und vertiefen: Auf der Bundesfachtagung "Niemanden zurücklassen! Integration durch Schulsozialarbeit an Ganztagsschulen" am 27. und 28. September 2005 in Recklinghausen, die von der Kommune Recklinghausen und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft veranstaltet wurde, konnte der Prozess der Annäherung zwischen Ganztagsschule und Jugendhilfe vertieft werden.

"Niemanden zurücklassen", so lautete das Motto der Bundesfachtagung in Recklinghausen. Eine engagierte Aufforderung zum Brücken bauen und zum weitsichtigen Handeln. Denn im deutschen Bildungswesen braucht es einen grundlegenden Perspektivwechsel.

So hat die internationale Vergleichstudie PISA dem Land bescheinigt, dass es Weltmeister im Auslesen ist - anstatt diejenigen, die Unterstützung benötigen, individuell zu fördern und zu fordern. Perspektivwechsel aber bedeutet: junge Menschern dürfen in der Schule nicht auf dem Abstellgleis landen - als Sitzenbleiber, Schulversager und Frustrierte. Denn jede und jeder wird gebraucht - auch deshalb, weil Deutschland es sich schon aus demographischen Gründen nicht länger leisten kann, Begabungen ungenutzt zu lassen.

"Das Thema ist hochaktuell und von elementarer Bedeutung für die Bildungspolitik in Deutschland", sagte Petra Jung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in ihrem Grußwort zum Auftakt der Bundesfachtagung "Niemanden zurücklassen! Integration durch Schulsozialarbeit an Ganztagsschulen".

Die Schwachen mitnehmen

Gerade heute geht es um jeden Einzelnen in der Schule und im deutschen Bildungssystem. Der Glaube an das Prinzip "Selektion und Auslese" hat die schlechten PISA-Ergebnisse mit verursacht. Auch deshalb setzt das Bundesministerium für Bildung und Forschung auf ein Instrument, dass der individuellen Förderung Vorrang geben soll: auf Ganztagsschulen und den bundesweiten Ausbau von ganztägigen Bildungs- Erziehungs- und Betreuungsangeboten: "In allen Regionen in Deutschland gibt es mehr und bessere Bildungsangebote", fügte Petra Jung hinzu.



Voll besetzte Reihen im Ruhrfestspielhaus.

"Niemanden zurücklassen" bedeute auch, dass Bildungschancen nicht nach dem Status der Eltern verteilt würden. Jede achte Schule in Deutschland wird Jung zufolge zum Ende des Jahres 2005 eine Ganztagsschule sein, die mit Mittel des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) gefördet wurde. In Zahlen: 5000 neue Ganztagsangebote.

Doch frühe und individuelle Förderung, "ist nur möglich, wenn eine Vernetzung zwischen Schule und Jugendhilfe geschieht." Und die sollte die Jugendhilfe als gleichberechtigten Partner der Ganztagsschulen mit einbeziehen.

Unsichtbare Brücken

Brücken bauen zwischen den Systemen, so lautete das unausgesprochene Motto der Bundesfachtagung in Recklinghausen wie schon auf der Bundeskonferenz "Zukunftsprojekt: Gemeinsame Gestaltung von Lern- und Lebenswelten" am 21. und 22. April 2005 in Berlin. Es ging darum, die begonnene Arbeit fortzuführen. Für diese Brückenfunktion eignet sich Recklinghausen besonders gut: "Die Stadt Recklinghausen hat aus meiner Sicht eine Brückenfunktion: im Süden zum Ruhrgebiet und im Norden zum Münsterland", erinnerte Bürgermeister Wolfgang Pantförder.

"Niemanden zurücklassen" heiße, den einzelnen Menschen gerecht zu werden, so Pantförder. Dafür habe das Investitionsprogramm IZBB einen enormen Schub in den Städten ausgelöst. Es seien doppelt so viele Kinder durch das Ganztagsangebot in der Stadt erreicht worden wie ursprünglich prognostiziert. Allen Erfolgen zum Trotz sah Pantförder aber zuviel Verantwortung und Lasten auf den Schultern der Städte: "Unsere Möglichkeiten sind in den nächsten Jahren begrenzt."

Eine Ortsbestimmung in acht Thesen

Eine präzise Ortsbestimmung der Brückenfunktion zwischen Schule und Jugendhilfe war Prof. Thomas Rauschenbach vorbehalten worden. In seinem Grundsatzvortrag "Bildung und Jugendhilfe" formulierte der Direktor des Deutschen Jugendinstituts und Vorsitzende der Kommission des 12. Kinder und Jugendberichtes der Bundesregierung zentrale Thesen zum Thema der Tagung.



Prof. Thomas Rauschenbach hält einen Grundsatzvortrag auf der Bundesfachtagung in Recklinghausen.

"Bildung ist die eigentliche Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts geworden", so Rauschenbach. Niedrige und fehlende Bildungsabschlüsse erhöhten das Risiko der Arbeitslosigkeit. Außerdem hänge schulischer Bildungserfolg in Deutschland fundamental von der sozialen Herkunft ab. Deshalb plädierte der Wissenschaftler für einen erweiterten Bildungsbegriff, der "die Verbesserung der durchschnittlichen Bedingungen des Aufwachsens erreichen soll." Acht Thesen füllten diese Hypothese mit konkretem Inhalt.

Bildung ist ein Koproduktionsprozess zwischen dem Subjekt und seiner sozialen Umwelt. Bildung muss systematisch erweitert werden. Sie muss vier Kompetenzbereiche als Wissens- und Könnensdimension zusammenführen: kulturelle, instrumentale, soziale und personale Kompetenzen. Bildung findet überall statt. Herkömmliches Lernen ist mit digitalen Lernmethoden zu verknüpfen. Eine bessere Verschränkung zwischen Bildungs- und Lebenswelt sollte durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Akteure erreicht werden. Ganztagsangebote können eine Chance sein, die Trennung beider Systeme zu überwinden. Bildung, Betreuung und Erziehung sollten in der Schule ein ambitioniertes Zusammenspiel beginnen.

Bildung erweitert die Weltbezüge

Schulbildung alleine ist eine Sackgasse, die laut Rauschenbach zu mangelndem Weltbezug, als-ob-Lernen mit fehlender Ernsthaftigkeit und mangelnder Verantwortungsübernahme führt: "Wenn die Kinder- und Jugendhilfe einschließlich der Schulsozialarbeit zusammenarbeiten, dann haben sie eine Chance."

Wie diese Chance ausgestaltet werden könnte, war am 27. September Gegenstand von fünf Arbeitsforen. Die Foren behandelten komplexe und vielseitige Themenbereiche. Forum 1: Bildungsplanung: Kommune auf dem Weg zu einem Gesamtsystem von Bildung, Erziehung und Betreuung. Forum 2: Soziale Stadt: Vernetzung von Schule, Jugendhilfe und Quartiersmanagement. Forum 3: Professionalität: Anforderungsprofil, Berufsbild und Ausbildung von Schulsozialarbeiter/innen. Forum 4: Europa: Modelle von Ganztagsschule und der Vernetzung von Jugendhilfe und Schule. Forum 5: Ganztagsschule: Impulse für eine neue Lehr- und Lernkultur.

Brücken nach Europa

Blickte man - wie in Forum 4 - nach Skandinavien, konnte einem warm ums Herz werden. Beispiel Schweden. Zufriedene Lehrerinnen und Lehrer, hohe soziale Verantwortung und Chancengleichheit an Schulen, so referierte Herrmann Rademacker. Ähnliches war aus seiner Sicht aus England und natürlich aus Finnland zu berichten. In England fanden bereits seit 1902 regelmäßige Schulbesuche durch School Care Services statt, also Vorläufer der Schulsozialarbeit. Finnische Schulen seien dagegen heute "ein Wohlfahrtsstaat en miniature." Schweden und Finnland zeichneten sich ferner dadurch aus, dass seit Anfang der 80er bis 90er Jahre des 20. Jahrhunderts eine enge Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendhilfe auf den Weg gebracht hätten. In Schweden hat jedes Kind Anspruch auf zwei Stunden Sprachunterricht in seiner jeweiligen Landessprache: "Ein Zeichen des Respekts", so Rademacker. Sein gegliedertes Schulsystem hat Schweden bereits in den 60er Jahren zugunsten eines Gesamtschulsystems abgeschafft: Seitdem wird die Differenzierung zunehmend durch das Prinzip Individualisierung ergänzt.

"Selektieren, strafen, sanktionieren", so lautet für Moderator Jürgen Ludewig noch heute das Credo an deutschen Schulen. "Fördern, fördern, fördern" gelte dagegen in Finnland. Das Investitionsprogramm des Bundes alleine ist für Ludewig noch nicht ausreichend. Her müsse vielmehr ein Paradigmenwechsel, der Schule und Jugendhilfe eng zusammenbringe.

Eine zweite Chance

"Wir haben nach PISA eine zweite Chance, enge Kooperationen zwischen Schule und Jugendhilfe einzurichten", erinnerte Prof. Frank Nieslony von der Ev. Fachhochschule Darmstadt. Flächendeckende Nationalstaaten und zentral gesteuertes Ministerium seien vielfach eine Voraussetzung für Bildungsreformen. Schulsozialarbeit ist für Nieslony das Bindeglied zwischen sozialer Arbeit (Kinder- und Jugendhilfe) und Schule: "Sie nimmt eine Scharnierfunktion zugunsten der Integrationsfunktion von Schule wahr." Ein Paradebeispiel dafür machte er in den Niederlanden aus, die unheimlich viel ausprobierten und reformfreudig seien. "Schulen in Holland sind in ein Netzwerk schulischer Versorgung wie kommunale Bildungszentren eingebunden."

Atmosphärisch waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Forum 4 ohnehin verwöhnt: doch der Enthusiasmus der finnischen Pädagogin Kati Jauhianinen ließ die Herzen noch höher schlagen: "Ich komme ins Schwärmen, weil die strukturellen Änderungen in Finnland die ganze Gesellschaft verändert haben," sagte sie.

Vorreiter Kommunen?

Werden in Deutschland die Kommunen Vorläufer für eine gesellschaftliche Veränderung durch aktive Bildungsgestaltung? In Forum 1 zur kommunalen Bildungsplanung wurden solche Meinungen laut, zum Beispiel die von Siegfried Haller vom Jugendamt Leipzig und Klaus Hebborn vom Deutschen Städtetag.

"Die Bildungspolitik befindet sich auf dem Weg zu einer Re-Kommunalisierung", so Siegfried Haller vom Jugendamt Leipzig. Die regionale Steuerung im Bildungsbereich solle durch kommunale Verantwortungsgemeinschaften ergänzt werden. Klaus Hebborn vom Deutschen Städtetag forderte deshalb von den Ländern eine Stärkung der Kommunen für eine gemeinsame Aufgabenregelung durch Schule und Jugendhilfe. "Bildung ist Standortpolitik", hieß es, daher müssten die Kommunen auch mehr Mitspracherechte, zum Beispiel bei der Besetzung von Schulleitungen, erhalten.

Die Kommunen seien in der Lage, eine gemeinsame Schulentwicklungs- und Jugendhilfeplanung durchzuführen. So könne eine Zusammenfassung von Schulverwaltungsamt, Jugendamt sowie der entsprechenden Fachausschüsse diesen Prozess unterstützen. Aus Sicht der Freien Träger forderte Kristin Daleiden dagegen eine bessere Beteiligung beim Ausbau der Ganztagsschulen: "Bessere Verzahnungen sind möglich und nötig." Ganztagsschulen seien eine große Chance, die verschiedenen Professionen planvoll zusammenarbeiten zu lassen.

Nicht selten verbinden Brücken tiefe Schluchten. Schule und Jugendhilfe, so viel wurde auf der gut besuchten Bundesfachtagung in Recklinghausen deutlich, lassen sich auf vielfältige Art und Weise für ein gemeinsames Ziel zusammenbringen: für eine bessere Integration der jeweiligen Seite durch Vertrauen, statt durch bloße Machtspiele, denn "Kontrolle ist gut, aber Vertrauen ist besser", so die Finnin Jauhianinen unter großem Applaus.

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 30.09.2005
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