27. SEPTEMBER 2005

Auf dem Weg zur selbstständigen Schule

Bremen hat die Ganztagsschulentwicklung beherzt in Angriff genommen: Schon jetzt sind sämtliche IZBB-Mittel verplant. In den Bremer Ganztagsschulen findet das Präsenzarbeitszeitmodell immer mehr Anwendung und die langen Wartelisten an den Schulen zeugen von der Anziehungskraft der Angebote auf Eltern und Kinder. Allein die knappen Finanzen vereiteln die Durchsetzung alles Wünschenswerten und Machbaren.

Ein Stadtstaat wie Bremen hat es in einem zumindest leichter als ein Flächenland: Gute Beispiele sprechen sich schneller herum. Bremer Ganztagsschulen profitieren davon, denn ihre gute Arbeit macht unter Eltern in den Stadtteilen rasch die Runde – was dazu geführt hat, dass selbst dort, wo Eltern zunächst keinen Bedarf für eine ganztägige Bildung und Betreuung ihrer Sprösslinge signalisiert hatten, die Nachfrage steigt.

Ein einengender Nachteil der Hansestadt beim Aufbau der Ganztagsschullandschaft ist die angespannte Finanzsituation. Ohne die 28 Millionen Euro aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes hätte Bremen den Umbau seiner Bildungslandschaft in so kurzer Zeit niemals stemmen können, wie Bildungssenator Willi Lemke zugibt. Entscheidend aber ist, wie entschlossen die Stadt an der Weser nach ihrem miserablen Abschneiden in der PISA E-Studie zugegriffen hat, als sich die Chance ergab, etwas zu tun.

So verplante Bremen bereits im Jahr 2003 zu Beginn des IZBB-Programms die Hälfte der Mittel. Und zwei Jahre vor dem geplanten Auslaufen der Bundesförderung hat das Land schon die gesamte Summe für die Schulen verplant. 26 Ganztagsschulen sind neu aufgebaut worden, davon zehn Grundschulen und 16 der Sekundarstufe I. Eigentlich könnten es noch viel mehr Schulen werden, aber "unser Problem ist schlicht, dass wir kein Geld mehr haben", formuliert Christel Hempe-Wankerl, Referatsleiterin Grundsatzangelegenheiten der Ganztagsschulen im Land Bremen vom Senat Bildung und Wissenschaft. Im nächsten Jahr starten die drei letzten zur Förderung auserkorenen Schulen, für die gerade die Bauplanung begonnen hat. Nach diesen insgesamt dann mit IZBB-Mitteln geförderten 29 Schulen könnten keine weiteren Ganztagsschulen aufgebaut werden, wenn sich die Finanzlage nicht verbessert.

Betreuungsschulen als Vorläufer der Ganztagsschulen

Die Folgekosten der Ganztagsschulbetreuung, die sich durch die längeren Arbeitszeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Schulen ergeben, stemmt das Schulressort durch Umschichtungen im Budget und durch eine Kooperation mit dem Senator für Jugend und Soziales, indem von diesem an Orten mit Ganztagsschulen die Horte und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernommen und in die Ganztagsschulen integriert werden. Damit übernehmen die Ganztagsschulen auch die Ferienbetreuung. Diese Fusion ist ähnlich wie in Nordrhein-Westfalen nicht konfliktfrei verlaufen. Eine problematische Konsequenz der Auseinandersetzungen über die Beschäftigungsbedingungen des Hortpersonals ist die nun unterschiedliche Bezahlung: Neu eingestelltes Personal ist schlechter gestellt als das versetzte Hortpersonal, was zu Unruhe an den Schulen geführt hat.

Bremen wird im kommenden Jahr insgesamt über 35 Ganztagsschulen verfügen. Eine Ganztagstradition zeichnete sich bereits vor dem großen Anstoß durch die PISA-Studie und das IZBB-Programm ab: Seit 1990 bestanden die Betreuungsschulen, an denen sowohl im Grundschul- wie auch im Sekundarstufe I-Bereich eine ergänzende Betreuung für einen Teil der Schülerinnen und Schüler am Nachmittag angeboten wurde. Diese Schulen haben sich inzwischen fast alle zu Ganztagsschulen weiterentwickelt, wobei vier Sekundarstufenschulen schon vor dem Beginn des IZBB-Programms mit Mitteln des Landes Bremen diesen Schritt vollzogen hatten. "Die Tradition der Betreuungsschulen war eine ganz wichtige Vorbereitungsphase auf dem Weg zur Ganztagsschule", erklärt Christel Hempe-Wankerl. "Dadurch kamen bereits die Erzieherinnen und Erzieher in die Schulen, und es begannen die Kooperationen mit den freien Trägern."

Die Sekundarstufeschulen arbeiten grundsätzlich mit einem freien Träger zusammen, der die Mittel verwaltet. Dort stellen also weder das Land noch die Schulträger Personal ein, sondern in der Regel die Schulvereine, die neben den Wohlfahrtsverbänden die große Gruppe der Kooperationspartner stellen. Sie stellen auf Grundlage von Kooperationsverträgen mit dem Senator für Bildung und Wissenschaft, die ihnen auf Basis einer Rechnungsgrundlage eine Zuwendung sichert, das Personal ein, verwalten die Mittel und das Personal und betreiben die Küchen. "Das funktioniert hervorragend", so die Ganztagsschulreferatsleiterin. "Da steckt allerdings sehr viel ehrenamtliche Arbeit – auch von Eltern – drin."

Schulen als mittelständische Betriebe

Langsam nimmt die Organisation der Ganztagsschulen Züge an, die den Ehrenamtlichen schon unheimlich werden. Das Schulzentrum Budjadinger Straße, einer Schule mit mehreren Bildungsgängen, arbeitet beispielsweise mit einem ausgeklügelten Kurssystem, bei dem 36 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Kurse anbieten. Diese werden als Fachleute zusätzlich von der Schule eingekauft – ein "zweites Kollegium", wie die Schule es ausdrückt, das mit einem Teil an Stunden in der Schule arbeitet. Die Schulen legen Wert darauf, dass die Verantwortlichkeit für diesen Organisationsteil bei ihnen bleibt, da sie besser vor Ort beurteilen können, was sie wollen und benötigen. Für Christel Hempe-Wankerl ist dies ein weiterer Schritt zur Entwicklung einer selbstständigen Schule: "Die selbstständige Schule ist ganz klar das Ziel, und an den Ganztagsschulen werden schon mal Personaleinstellungen und Mittelverwalten geübt."

Das Land versteht sich bei dieser Entwicklung mehr als Helfer und Moderator. Schon jetzt trifft sich Christel Hempe-Wankerl regelmäßig einmal im Monat mit den Schulleiterinnen und Schulleitern der Ganztagsschulen. Die Sachbearbeiterin für die Ganztagsschulen ist immer dabei, häufig auch die Kollegin, welche die Zuwendungsbescheide bearbeitet. Dort werden alle Fragen rund um Personal und Mittel besprochen, auch Fragen beispielsweise nach dem Urlaubsanspruch und Weiterbildungen. Aber diese Runde diskutiert nicht nur organisatorische und rechtliche Sachverhalte, sondern auch Pädagogisches: Wie sorgt man für die Verzahnung von Unterricht und unterrichtsergänzenden Maßnahmen? Wie rhythmisiert man den Tag? Wie sieht es aus mit verpflichtenden Kursen?

"Im übertragenen Sinne handelt es sich bei den Ganztagsschulen der Sekundarstufe I um ein Netzwerk mittelständischer Betriebe. Mit der Anzahl des Personals und dem Finanzdurchlauf sind diese Ganztagsschulen nämlich im Grunde Betriebe, die hier von Eltern, Schulleitungen und Lehrkräften gemanagt werden", berichtet die Ganztagsschulreferentin. "Verglichen mit den Ganztagsschulen in anderen Bundesländern sind unsere Schulen des Sekundarbereichs I jedoch unterfinanziert, weil sie zusätzliche Mittel für den Ganztagsbetrieb bisher nur für 25 Prozent ihrer Schülerschaft erhalten", gibt Christel Hempe-Wankerl zu, daher müssten die Ganztagsschulen der Sekundarstufe I immer wieder schauen und rechnen, wie sie ihre ganztägige Organisation durchführen – ob für alle Schülerinnen und Schüler tageweise verpflichtend, oder zum Beispiel an allen Tagen, ob für einige Jahrgänge oder Züge.

Präsenzarbeitszeitmodell auf dem Vormarsch

Die Ganztagsschulen der Primarstufe werden zentral von der Behörde des Senators für Bildung organisiert. Dieser hat einen inhaltlichen Schwerpunkt gesetzt, indem er nur noch gebundene Formen zulässt, nachdem zunächst die offene Form gefördert worden war. "Wenn man mit Ganztagsschulen nicht nur familienpolitische Zwecke verfolgt, sondern eine qualitative Verbesserung des Unterrichts mit einer Steigerung der Lernleistungen der Kinder erreichen möchte, geht das unserer Überzeugung nach nur in der gebundenen Form", meint Christel Hempe-Wankerl. Hier könnten Unterricht, Projektarbeit, von Schülerinnen und Schülern selbst verantwortetes Lernen, Arbeitsgemeinschaften und Freizeit sinnvoll verzahnt und über den ganzen Tag verteilt werden. "Dazu müssen Lehrerinnen und Lehrer auch am Nachmittag in der Schule sein. Wir favorisieren daher das Arbeitszeitmodell mit 35 Stunden Präsenzzeit", erklärt die Referentin.

Das Präsenzarbeitszeitmodell findet in Bremen immer mehr Anhänger. Die neu hinzugekommenen Grundschulen arbeiten alle mit diesem Modell, für das im Zuge der Baumaßnahmen auch Lehrerarbeitsplätze in den Schulen eingerichtet worden sind. In den Sekundarschulen setzt es sich dagegen eher "durch die Hintertür", ergänzt Christel Hempe-Wankerl. So merkten die Schulen beispielsweise, dass sie  36 verpflichtende Kurse nicht alle am Nachmittag anbieten könnten. Die Gesamtschule Mitte habe aus dieser Einsicht heraus als erste Sekundarschule in diesem Schuljahr auch das Präsenzzeitmodell eingeführt.

Berliner Ganztagsschulkongress zeigte das Erreichte

Dass Ganztagsschulen vor allem eine bildungspolitische und nicht nur eine sozialpolitische Initiative sind, hat der Senat mit der Förderung dieser Schulen auch abseits von den so genannten sozialen Brennpunkten deutlich zu machen versucht. An einer Grundschule in einem bürgerlichen Stadtteil waren zunächst seitens der Eltern Vorbehalte gegen diese Schulform angemeldet worden, inzwischen ist die Nachfrage auch aus anderen Wohnbezirken nach den Ganztagsschulplätzen aber so groß geworden, dass zu diesem Schuljahr nur noch Ganztagsschülerinnen und -schüler aufgenommen werden. Eltern, die keine ganztägige Bildung und Betreuung für ihre Kinder wünschen, müssen ihre Kinder an anderen Grundschulen anmelden.

Dass diese anderen Grundschulen auch einmal Ganztagsschulen werden, ist realistischerweise nur bei weiterer finanzieller Unterstützung aus Berlin zu erwarten. Beim Senator für Bildung und Wissenschaft liegt eine lange Liste von Schulen, die gerne Ganztagsschulen werden möchten – und dieser Wunsch kommt sowohl von Schul- wie auch von Elternseite. "Wenn wir das Geld auch für die Folgekosten hätten, könnten wir sofort viele Schulen zu Ganztagsschulen umwandeln", erklärt Christel Hempe-Wankerl.

Mit dem bereits Erreichten kann man der Ganztagsschulreferentin zufolge trotz aller Unzulänglichkeiten aber zufrieden sein. Der Berliner Ganztagsschulkongress, der am 2. und 3. September 2005 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Kooperation mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) veranstaltet wurde, habe das deutlich gemacht: "Die Kolleginnen der Schulen, die auf dem Ganztagsschulkongress in Berlin waren, haben mir berichtet, dass sich ihre Ganztagsschulangebote im Vergleich mit den Schulen aus anderen Ländern sehen lassen können. Dies wird auch der für das Jahresende in Bremen geplante Ganztagsschulkongress deutlich machen."

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 27.09.2005
© www.ganztagsschulen.org

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