Bilder sagen mehr als tausend Worte. Während sich auf dem Ganztagsschulkongress am 2. und 3. September 2005 rund 1.400 Kongressbesucher erst einmal zurechtfinden mussten, protokollierten Reinhard Kuchenmüller und Marianne Stifel von der Firma VISUELLE PROTOKOLLE Szenen, Ereignisse und Situationen in Bildern. Reinhard Kuchenmüller schildert in einem Interview, welche Wirkungen visuelle Protokolle haben und wie er den Ausbau von Ganztagsschulen als Beitrag für ein besseres Bildungssystem einschätzt.
Online-Redaktion: Welchen Eindruck haben Sie von der Veranstaltung in Berlin gewonnen, und was war aus Ihrer Sicht das Besondere daran?
Kuchenmüller: Die Veranstaltung hatte ganz klar zwei Gesichter. Das erste zeigte sich morgens. Als wir ankamen, war alles mit Sicherheitsbeamten voll, die Taschenkontrollen machten, weil Bundeskanzler Schröder kommen sollte. Es war alles sehr steif, und die Leute hatten aus meiner Sicht recht wenig Kontakt. Das ist auch dadurch erklärbar, dass sie in kleinen Gruppen von Schulen kamen und in dem riesigen Gewühle von 1.400 Besuchern keine Querkontakte möglich waren.
Wir waren nur einen Tag da, aber bis zum Abend hat sich viel verändert. Erst einmal wurde der Druck der Politik weggenommen, und dann folgten die Workshops mit den inhaltlichen Themen und persönlichen Begegnungen. Es entwickelte sich eine sehr fröhliche, freundliche Aufbruchstimmung.
Online-Redaktion: Haben Sie für Ihre Visualisierungen inhaltliche Vorgaben bekommen, oder haben Sie sich bei Ihren Arbeiten von Ihrem eigenen Geschmack leiten lassen?
Kuchenmüller: Wir bekommen nie Vorgaben. Es gehört zu unserer Arbeitsweise, dass wir sowohl die Aussagen der Leute in der Diskussion aufnehmen als auch die Stimmungen. Übrigens auch für das, was nicht gesagt werden kann oder aus Ängstlichkeit nicht gesagt wird.
Ein Beispiel: Ein Referent hat von Finnland erzählt und didaktisch einen mäßigen Vortrag mit lauter klein gedruckten Folien gehalten. Aber der Vortrag war so berührend und hinreißend, weil er es geschafft hat, als Person die Energie der finnischen Schulwirklichkeit rüberzubringen. Davon war die ganze Gruppe berührt und man vergaß, dass er schlechte Folien hatte. Das haben wir aufgenommen, visualisiert, und das kann man nun in den Bildern betrachten.
Online-Redaktion: Welche Botschaften vermitteln die Bilder, die Sie entworfen haben, und wie muss man sich die Visualisierung vor Ort konkret vorstellen?
Kuchenmüller: Eine Bemerkung zu unserer Arbeitsweise. Wir sind dabei, wenn Leute miteinander sprechen, nehmen das auf und malen daraufhin ein Bild. Das geht sehr schnell und dauert ungefähr zwei Minuten, damit wir im Fluss bleiben können und schon wieder die weiteren Botschaften und Aussagen für das nächste Bild abspeichern. Wenn das Bild fertig ist, setzen wir einen ganz kurzen Text dazu. Mit diesem Text, der häufig ein wörtliches Zitat ist oder ein Auszug aus einem Satz oder auch nur eine Kompilation dessen, was jemand gesagt hat, verankern wir praktisch das Bild in der konkreten Situation.
Das heißt, mit Bild und Wort nehmen wir auf, was atmosphärisch und inhaltlich gesagt wird. In diesem Fall war es die überall zu spürende und drängende Notwendigkeit, unser Bildungswesen zu verändern.
Online-Redaktion: Ein Bild sagt mehr aus als tausend Worte: Wie war denn die Resonanz auf Ihre visuellen Protokolle?
Kuchenmüller: Das konnte man sehr gut beobachten. Ich hatte ja schon beschrieben, wie die Stimmung vormittags war. Als die ersten Bilder fertig waren, haben wir sie sofort aufgehängt. Wir haben eine fortlaufende Bilderwand im Foyerbereich aufgestellt. Anfangs gingen die Leute noch daran vorbei, drehten kurz den Kopf zu den Bildern und es war in ihrem Gesichtsausdruck zunächst nichts zu spüren.
Das hat sich im Laufe des Tages bis zum Abend ständig verändert. Am Abend standen Gruppen davor und haben diskutiert. Ich sehe noch einen älteren Herren in einem silbergrauen Anzug vor mir, der vorbeilief und eine kurze Kopfbewegung rüber machte. Dann ging er zwei Schritte vor die Bildwand zurück und fing an, herzlichst zu lachen. Er war einfach von einem Bild berührt und hat sich aus der Gesamtstimmung erlaubt, zu lachen. Das freut uns immer sehr, wenn Leute über den Humor der Bilder zum Lachen gereizt werden. Die Menschen verstehen also in kürzester Zeit die Botschaft der Bilder, die man mit langen Sätzen nur schwer vermitteln kann.
Online-Redaktion: Haben Sie eigentlich zuvor schon mit Schulen zusammengearbeitet?
Kuchenmüller: Im Lauf der letzten Jahre haben wir mehrfach mit der Bertelsmann Stiftung zusammengearbeitet, die verschiedene Aktionen im Schulbereich durchgeführt hat. Die Stiftung hatte Schüler und Studenten ausgewählt und gesagt: Jetzt entwickelt mal Modelle, wie Schule und Hochschule aussehen könnten. Die Ergebnisse wurden dem Bundespräsidialamt vorgestellt. Wir waren dabei und haben das visualisiert. Das war die eine Stufe.
Die andere Stufe war eine persönliche. Im früheren Leben war ich Architekt. Ich habe am Institut für Schulbau der Universität Stuttgart gearbeitet. Dort habe ich in Forschungsprojekten zusammen mit Lehrerinnen und Lehrern Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre Schulen entwickelt, Gesamtschulen und Ganztagsschulen. Fast alles, was an Gutem heute existiert, ist damals auch schon gefordert worden. Es ist nur nicht in die Realität umgesetzt worden.
Online-Redaktion: Wird dies denn heute durch das Ganztagsschulprogramm ermöglicht?
Kuchenmüller: Ja, ganze Teile davon. Etwas zögerlich noch vielleicht. Am besten, ich sage noch was zu den Finnen. Wenn die die Nummer eins sind, dann nicht deswegen, weil sie die PISA-Kriterien als Hauptkriterien haben, sondern weil sie ein so lebensbezogenes und ethisch wertvolles Gesamtsystem aufgebaut haben, das dann auch die PISA-Kriterien erfüllt. Davon können wir uns eine Scheibe abschneiden.
Die Schule ist Vorreiter einer gesellschaftlichen Entwicklung und kann sehr viel bewegen. Sie ist natürlich auch ein Spiegel. Das erinnert mich ein bisschen an England, wo die Grundschule über Jahrzehnte einen Optimierungsprozess durchlaufen hat. Und zwar unter Wechselwirkung von Schulbauarchitektur, Reformpädagogik, Ausprobieren, in die Breite bringen und Veröffentlichen. Diese Entwicklung wurde von Margaret Thatcher ziemlich radikal abgeschnitten, was sich dann für das ganze Land negativ ausgewirkt hat. So hoffe ich, dass es jetzt in Finnland - ich weiß, dass da auch gesellschaftliche Probleme sind - durch die hervorragende Schule insgesamt eine bessere Gesellschaft ergibt.
Online-Redaktion: Sehen Sie auch Potenzial, dass Ganztagsschulen in Deutschland eine finnische Philosophie von Schule transportieren?
Kuchenmüller: Wir waren den ganzen Tag in Aktion, wir haben pausenlos gezeichnet. Direkte Beiträge habe ich nur von den beiden Schulleitern gehört, die auf dem Podium miteinander diskutiert haben (der Spreewald-Grundschule Berlin und der Offenen Schule Kassel-Waldau; d. Red.). Sehr interessant war die Spanne zwischen Idealismus und Erfahrung. Insgesamt glaube ich, dass auf der Schulebene Ansätze für eine Entwicklung wie in Finnland durchaus vorhanden sind. Doch gesellschaftlich sehe ich da kaum ein Problemverständnis. Man diskutiert immer wieder über PISA und ob wir da hinterherkommen und nächstes Mal zum Beispiel in Mathe besser sind. In den 1960er Jahren war die Diskussion jedoch sehr viel bildungsbezogener als heute.
Online-Redaktion: Welchen Stellenwert haben Kreativität, Kunst und Innovation für ein Bildungssystem?
Kuchenmüller: Wichtig ist, dass an Ganztagsschulen eine neue Form von Bildung möglich ist, die Kreativität als selbstverständliches Element mit einschließt. Die Schule sollte ermöglichen, dass man Wirklichkeit auf verschiedenen Kanälen aufnimmt: rational, emotional und kreativ. Dann entstehen daraus ganze Menschen.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 20.09.2005
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