"Die Schule ist für mich das allerwichtigste auf der Welt." Überzeugter hört man selten Kinder über die Bedeutung von Bildung und Ganztagsschule reden als Cansu. Dabei ist sie erst 9 Jahre und besucht die vierte Klasse in der Grundschule Köllnische Heide in Berlin. An ihrer Seite befindet sich die beste Freundin Antonia, 10 Jahre: Zwischen beiden Mädchen, die aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammen, scheint kein Blatt Papier zu passen.
Und dennoch werden sich ihre Wege in Kürze trennen, weil Cansus Mutter in einen anderen, besser gestellten Bezirk von Berlin ziehen möchte: "Abstimmung mit dem Möbelwagen", nennt Schulleiterin Astrid Busse dieses Phänomen, das sich darin äußert, dass immer mehr einheimische oder gut integrierte ausländische Familien die Brennpunktbezirke von Berlin verlassen.
Cansu hat es noch gut getroffen. Doch häufig sind es Mädchen mit muslimischem Hintergrund, denen bei Schule und Ausbildung nicht selten Steine in den Weg gelegt werden. Auch deshalb brauchen sie eine besonders ausgeprägte Motivation, wenn sie ihre oft streng vorgezeichneten Lebensbahnen verlassen wollen. Sie benötigen ferner einen verlässlichen Rahmen aus Unterricht und Freizeitgestaltung jenseits des Elternhauses.
Mehr als ein Auffangbecken
Wie weit viele männliche Muslime zu gehen bereit sind, wenn ein junges weibliches Familienmitglied aus der traditionalen Familienstruktur ausbrechen will, zeigen die Morde an muslimischen Mädchen und Frauen in Berlin, die an der Grundschule Köllnische Heide immer wieder zum Gesprächsthema wird. "Ein anständiges Mädchen trägt Kopftuch, ordnet sich dem jüngeren Bruder unter, bleibt zu Hause, fährt nicht auf Klassenfahrt und darf natürlich von ihren Brüdern gehauen werden", fasst Busse die Argumente vieler muslimischer Schüler zusammen. Die muslimischen Jungen weigern sich sogar, mit deutschen Jungen ein Zimmer auf Klassenfahrten zu teilen.
Noch vor zehn Jahren gab die Situation Anlass zum Optimismus, man sprach von Multikulti-Gesellschaft und ihren verlockenden Perspektiven in einem Land, dessen Bevölkerung im Durchschnitt immer älter wird. Heutzutage hoffen viele auf eine Verbesserung der Integrationschancen durch Ganztagsschulen wie die Grundschule Köllnische Heide mit rund 650 Schülerinnen und Schülern in Berlin, die bei Wissenschaftlern als gute Beispielschule gilt.
Die Grundschule zählt bundesweit zu den ältesten und größten und eine Begehung offenbart ein beinahe unüberschaubares Spektrum von Räumen mit Unterrichtsfunktion oder Freizeitcharakter. Der Ganztag an der Grundschule erstreckt sich regulär von 8 bis 16 Uhr, und bei Bedarf gegen ein kleines Entgelt auch von 6 bis 18 Uhr. Von eins bis halb drei gibt es die ungebundene Mittagszeit ("UMZ"). "Ganztagsschulen fangen in Zeiten, in denen die Zuwendung zum Kind nachgelassen hat, und wo es immer seltener ein gemeinsames Mittagsessen in der Familie gibt, viel auf", sagt Astrid Busse.
Im Überfluss: Platz und Zeit
Individuelle Förderung, selbst gestaltete Freizeit und soziales Lernen sind Grundpfeiler der Grundschule Köllnische Heide. Hinzu kommt der zweijährige Übergang von der Vorschule in die Grundschule. Ein Team von 40 Lehrerinnen und Lehrern wird von 38 Erzieherinnen und zwei Sonderpädagogen unterstützt. "Platz und Personal sind zwei Säulen der Ganztagsschule. Wir haben beides", ergänzt die Schulleiterin.
Immer mehr Schülerinnen und Schüler sind heutzutage darauf angewiesen, dass sie einen Platz in der Ganztagsschule finden. Kinder, deren Eltern arbeitslos sind, würden Busse zufolge Tag für Tag vor dem Fernseher veröden, wenn sie nicht die Möglichkeit hätten, eine Ganztagsschule zu besuchen.
Entsprechend heißt es im Schulgesetz für das Land Berlin § 4, Absatz 10: "Schülerinnen und Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache sollen unter Achtung ihrer ethnischen und kulturellen Identität durch den Erwerb und sicheren Gebrauch der deutschen Sprache sowie durch besondere Angebote so gefördert werden, dass sie mit Schülerinnen und Schülern deutscher Sprache gemeinsam unterrichtet und zu den gleichen Abschlüssen geführt werden sowie aktiv am Schulleben teilnehmen können."
Halt im Quartier
Natürlich sind auch Ganztagsschulen auf die Unterstützung der Eltern oder das Engagement von außerschulischen Kooperationspartnern angewiesen. Mit dem Elternengagement hat Busse an ihrer Schule aber so ihre Last. Viele beherrschen die deutsche Sprache nicht und lassen sich kaum in der Schule blicken: "Eigeninitiative gibt es fast gar nicht."
So ist Schulleiterin Busse erleichtert, dass es in Berlin das Quartiersmanagement gibt, das sich auf soziale Brennpunktgebiete in Berlin fokussiert und mit dem "eine Aufwertung und dauerhafte Verbesserung der Situation" erreicht werden soll. In Berlin gibt es insgesamt vier Quartiermanagement-Gebiete, die im Rahmen des Bund-Länder-Programms "Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - die soziale Stadt" eingerichtet wurden. Quartiersmanagement bedeutet Hilfe zu Selbsthilfe und Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements. Es bietet in der Ferienzeit Projekte in sozialen und kulturellen Zusammenhängen an, also außerschulische Bildungsangebote wie beispielsweise zum Thema "Indianer".
Vom Ende der Zeitverschwendung
Weil nach Einschätzung von Schulleiterin Astrid Busse heutzutage viele Schülerinnen und Schüler kaum einen Fuß außerhalb ihres Stadtviertels setzen, ist das Lernen außerhalb der Schule ein weiterer Schwertpunkt geworden: "Wir versuchen so viel wie möglich raus zu gehen, weil jeder Mensch draußen andere Dinge lernt als im Klassenzimmer." Da die Grundschule eine Ganztagsschule ist, kann man nachmittags leichter Termine für Museen oder andere öffentliche Einrichtungen vereinbaren. Die Kinder erleben die Ganztagsschule auf diese Weise als Einheit von Bildung und Lebenswelt.
Ferienarbeit eignet sich für Busse besonders gut dafür, das selbstständige Lernen zu fördern, das ja auch bei den PISA-Erhebungen eine große Rolle gespielt hat. Die Grundschule Köllnische Heide hat übrigens - außer in den Sommerferien, Weihnachten und Neujahr - das ganze Jahr über geöffnet. "Die Kinder sind gerne hier. Das ist ihr Lebensraum, und ihre Tage und Wochen sind abwechslungsreich rhythmisiert." In der Grundschule Köllnische Heide werden außer den schwachen auch starke Schülerinnen und Schüler in wichtigen Hauptfächern mit dem Ergebnis gefördert, dass 22 Prozent nach der sechsten Klasse auf das Gymnasium empfohlen werden.
"Bildung ist die einzige Chance"
Es ist wohl ein Phänomen der heutigen Zeit, dass sich der Blick der Kinder immer früher auf die berufliche Zukunft richtet und eine Idee des 19. Jahrhundert, die die Kindheit als Schutzraum definierte, Schritt für Schritt an Geltung verliert: "Wenn man in der Schule gut ist, kann man gute Arbeit finden", befindet Cansu. Ganztagsschulen stellen sich diesem Trend der Zeit und gewähren dennoch einen Schonraum. Doch auch Schulleiterin Astrid Busse verheimlicht nicht, dass sie in den Abschlussreden für die 6. Klassen regelmäßig an den Ernst des Lebens appelliert und die Bedeutung der Bildung unterstreicht: "Bildung ist - anders als vor 15 Jahren - die einzige Chance." Wer weiß, vielleicht bringt ja der Hörsaal einer Universität Cansu und Antonia eines Tages wieder zusammen.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 16.09.2005
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