Individuelle Förderung braucht Zeit, denn jedes Kind und jeder Jugendliche hat seinen eigenen Rhythmus, seine eigene Welt. Der zweite bundesweite Ganztagsschulkongress, den das Bundesministerium für Bildung und Forschung in Kooperation mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung am 2. und 3. September 2005 im Berliner Congress Center veranstaltete, zog über 1.400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen Bundesländern und dem europäischen Ausland an. Unter dem Motto "Individuelle Förderung - Bildungschancen für alle", wurde in Berlin ein breiter Dialog über Best-Practice-Beispiele geführt.
"Weißt du, was ich kann?!" Mit dieser Frage oder besser: mit dieser Aufforderung an die Lehrenden, doch einmal auf die Potentiale und Fähigkeiten ihrer Klientel zu schauen, mögen sich Generationen von Schülerinnen und Schülern im Stillen bereits auseinander gesetzt haben. Auf dem zweiten bundesweiten Ganztagsschulkongress 2005 wurde diese Frage am Freitag, dem 2. September, um 11.10 Uhr von einem kurzweiligen und gekonnt inszenierten Film beantwortet. David Weigend und Ivo Betke, selbst noch Schüler, reisten durch die bundesdeutschen Lande, um herauszufinden, ob das Lernen in den Klassenzimmern die einzelnen Schülerinnen und Schüler mitnimmt. Sie haben dies – im Auftrag der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung – stellvertretend für viele Leidensgenossen getan.
"Weißt du, was ich kann?!" ist ein anderer Ausdruck für das Motto des diesjährigen Ganztagsschulkongresses "Individuelle Förderung – Bildungschancen für alle", den das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Kooperation mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) am 2. und 3. September 2005 im Berliner Congress Center veranstaltete. Die Resonanz auf den Kongress war – wie schon im letzten Jahr – überwältigend: Über 1.400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen Bundesländern waren zum Erfahrungsaustausch angereist und durch das Programm des ersten Tages führte kompetent die Moderatorin der PISA-Fernsehshows, Inka Schneider.
Bildung in Deutschland und Europa diskutieren
"80 Prozent aller Menschen begrüßen laut einer aktuellen Forsa-Umfrage den Aufbau von Ganztagsschulen", sagte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn in ihrer Eröffnungsrede und im Beisein des finnischen Botschafters René Nyberg, der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Prof. Johanna Wanka, des Berliner Bildungssenators Klaus Böger und der Mitbegründerin der DKJS, Prof. Rita Süssmuth. Bulmahn begrüßte Gäste aus allen Bundesländern sowie aus Finnland, Schweden, Frankreich, Italien und der Schweiz: "Schön, dass Sie hier sind, um mit uns gemeinsam über Bildungsreformen in Deutschland und in Europa zu diskutieren."
Ob jemand aus einem Professorenhaushalt, einer Arbeiter- oder einer Einwandererfamilie komme, dürfe keine Rolle für die Bildungschancen spielen: "Wir brauchen Schulen, die gelingen, weil wir den dramatischen Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg endlich aufbrechen müssen", fuhr die Bildungsministerin fort. Wenn es gelinge, eine neue Lern- und Lehrkultur mit individueller Förderung umzusetzen, würden sich die Schulen grundlegend ändern. Bulmahn betonte, dass der bundesweite Ausbau der Ganztagsschulen nicht mehr aufzuhalten sei: "Wir müssen das Begonnene fortsetzen, wir brauchen Ihr Engagement, Ihre Verantwortung und Kreativität."
Kontinuität statt Rolle rückwärts
Bildungsreformen brauchen mitunter einen langen Atem, so die Gründerin und Gesellschafterin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung Prof. Rita Süssmuth in ihrem Grußwort. "Es gibt auch Fortschritte, und man muss beharrlich sein, gerade, wenn man gescheitert ist", erinnerte Süssmuth an die Dekade der 1970er Bildungsreformen, in der bereits einmal eine umfassende Modernisierung des deutschen Bildungssystems, darunter auch der Ausbau von Ganztagsschulen, gefordert wurde.
Nicht zuletzt daran knüpft auch das Ganztagsschulprogramm von Bund und Ländern an. Süssmuth mahnte, keine Zeit mehr zu verlieren. In der Gesellschaft gebe es eine wachsende Zahl von Kindern, die nicht oder nur bedingt ausbildungsfähig seien. "Nehmt gute Ganztagsschulbeispiele und sorgt dafür, dass sie flächendeckend werden. Notwendig ist Kontinuität, nicht wieder eine Rolle rückwärts", schloss die Professorin unter laut brandendem Applaus.
Den Perspektivwechsel wagen
Kaum ein Medium eignet sich besser, Emotionen, wie sie die Rede von Rita Süssmuth ausgelöst hatte, aufzunehmen, als ein Film: Mit "Weißt du, was ich kann?!" wurde zudem ein Perspektivwechsel eingeleitet, der die Schülerinnen und Schüler aus der Rolle der Objekte von Schule in eine aktive Subjektposition versetzte.
"Man muss einen Perspektivwechsel wagen, um deutlich zu erkennen, was in jedem Einzelnen steckt", so die Feststellung von Dr. Heike Kahl, Geschäftsführerin der DKJS in dem Gespräch mit den zwei Filmemachern und dem neuen Ganztagsschulbotschafter, dem Schauspieler Peter Lohmeyer. Übrigens haben das Bundesbildungsministerium und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung Sportler, Schriftstellerinnen, Schauspieler und Moderatoren als Botschafter für Ganztagsschulen berufen, um die Popularität von Ganztagsschulen weiter zu fördern. Ein prominenter Zuschauer und Familienvater, der in der ersten Reihe herausragte und eine große Attraktion im Plenum war, verfolgte den Kongress aufmerksam: der frisch gebackene Ganztagsschulbotschafter und Ex-Boxweltmeister Dr. Vitali Klitschko.
Wege zur Zivilgesellschaft ?
"Worin besteht der Reiz der Ganztagsschulen und des Investitionsprogramms des Bundes (IZBB)?" fragte Moderatorin Inka Schneider die Schulleiter Erhard Laube von der Spreewald-Grundschule Berlin und Bärbel Buchfeld von der Offenen Schule Kassel-Waldau. Schulen in sozialen Brennpunkten stehen vor besonderen Anforderungen der individuellen Förderung, so Laube, dessen Schule noch 1999 ausschließlich Kinder mit Migrationshintergrund besuchten. Mit einem derzeitigen Anteil von 60 Prozent "kann man nur erfolgreich lernen, wenn man Ganztagsschule wird." An der Spreewaldschule entschloss sich das ganze Kollegium einmütig zu diesem Schritt.
In der Schule müssen die Kinder lernen, eigenständig mit ihrer Zeit umzugehen. Dabei helfe die institutionelle Verankerung der Zusammenarbeit zwischen Lehrenden und Erziehern. Hausaufgaben hat die Spreewald-Grundschule bereits abgeschafft, und nun solle die Schule ein Haus des Lernens werden: "Das ist ein Beitrag zur Zivilisierung der Gesellschaft", sagte Laube.
"Langsam, leise, freundlich und friedlich", charakterisierte Schulleiterin Bärbel Buchfeld die Offene Schule Kassel-Waldau. "Das Kollegium bezahlt seit 20 Jahren seine Fortbildungen aus eigener Tasche", so die Schulleiterin. Keine Schülerin und kein Schüler verlasse die Schule ohne Abschluss. Eine große Rolle in dieser Schule mit Leuchtturmcharakter nehme das gemeinsame Essen ein. Doch Buchfeld kritisierte auch, dass viele Kinder verarmen und sich das Essen in der Schule nicht mehr leisten könnten.
Anwälte für die Ganztagsschulen
Gute Ganztagsschulen entstehen in der Breite kaum in einem institutionellen, bildungspolitischen Vakuum. Deshalb wurde eine Gesprächsrunde anberaumt, an der Klaus Böger als Vizepräsident der KMK, Wolfgang Rombey vom Deutschen Städtetag und Dr. Heike Kahl von der DKJS teilnahmen. Die Themenstellung lautete: "Wie kann das Begleitprogramm Schulen und Schulträger unterstützen?"
"Schulen brauchen Unterstützung", so Heike Kahl mit Bezug auf das seit einem Jahr initiierte Begleitprogramm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen." In einem Jahr sei es gelungen, mit 13 Ländern einen Kooperationsvertrag abzuschließen: "Das ist ein gutes Zeichen." Zehn Länder haben bereits Serviceagenturen aufgebaut, drei kommen demnächst noch hinzu. Außerdem gebe es vier Werkstätten und den jährlich stattfindenden Wettbewerb "Zeigt her eure Schulen."
Großer Finanzbedarf in Kommunen und Ländern
Den Nutzen des Begleitprogramms unterstrich aus Sicht der Kommunen Wolfgang Rombey: "Man muss die soziale Wirkung und die Kreativität dieses Programms nutzen." Ganztagsschulen werden für Rombey von der Basis aus gestaltet: "Wir als Politiker müssen die Rahmenbedingungen bereitstellen."
Das Problem sei, dass viele Kommunen über keine freien Mittel verfügten: "Das Bundesprogramm ist ganz wichtig, denn wir sind auf die Mittel angewiesen." Doch abgesehen von der Sachausstattung müssten weitere Aspekte wie die Lehrer- und Personalausstattung geklärt werden.
Europäische Maßstäbe für Deutschland
Damit war indirekt das Ressort des Berliner Bildungssenators angesprochen. "Ich kann mich vor Anträgen kaum retten", so Böger zu dem ungebrochenen Run auf das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" des Bundes. Wirkliche Chancen haben Ganztagsschulen für den Politiker aber nur dort, wo Schulleiter, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Schüler engagiert sind. Und: "Man muss das Programm den Schulbehörden schmackhaft machen." Außerdem sollten sich Ganztagsschulen auf der Basis von Qualitätsstandards evaluieren lassen.
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