5. SEPTEMBER 2005

"Das Begonnene fortsetzen"

Am 2. und 3. September 2005 fand in Berlin der zweite Ganztagsschulkongress des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung statt. Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung, begrüßte die 1.400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Wir dokumentieren für Sie die Eröffnungsrede der Ministerin.

Sehr geehrter Herr Botschafter Nyberg,
sehr geehrte Frau Prof. Wanka,
sehr geehrter Herr Senator Böger,
sehr geehrte Frau Prof. Süssmuth,
verehrte ausländische Gäste,
meine sehr geehrten Herren und Damen!

Ich begrüße Sie herzlich zum zweiten Ganztagsschulkongress des Bundesministeriums für Bildung und Forschung – und ich freue mich sehr, dass Sie so zahlreich aus dem ganzen Bundesgebiet nach Berlin gekommen sind.
Ganz besonders begrüßen möchte ich unsere zahlreichen Freunde, die aus ganz Europa zum Ganztagsschulkongress angereist sind: aus Finnland, aus Schweden, aus Frankreich, aus Italien, aus der Schweiz. Schön, dass Sie hier sind, um mit uns gemeinsam über Bildungsreformen in Deutschland und in Europa zu diskutieren. Für dieses Engagement jetzt schon ganz herzlichen Dank an Sie alle.

"Kinder wollen lernen! Nichts als lernen! Unvorstellbar für alle, die nur die alte Schule kennen", sagt Alfred Hinz, Schulleiter an einer der ältesten Ganztagsschulen Deutschlands.

Es ist wahr – und ich habe es bei meinen Besuchen in Ganztagsschulen überall in unserem Land viele Male selbst erlebt. Schulen, die gelingen, lassen uns staunen, sie verdienen unsere Begeisterung, sie provozieren aber manchmal auch ungläubiges Nachfragen: "Reicht das denn aus," so heißt es dann gelegentlich, "wenn so viel Freude herrscht. Kann Lernen dann wirklich erfolgreich sein?"

Ja, heißt die einfache Antwort – und das lässt sich auch beweisen: Denn es gibt diese Schulen in Deutschland – und es wird immer mehr davon geben: Schulen, in denen mit Freude und Erfolg gelernt wird, in denen Kinder ernst genommen werden mit ihren individuellen Bedürfnissen und Begabungen, in denen die Bereitschaft der Kinder, sich anzustrengen, herausgefordert, ihre Neugier, ihre Hingabe ans Lernen geweckt und ihr ganz eigener Wille zu guten Leistungen gefördert werden.

Von diesen Schulen brauchen wir noch mehr in Deutschland. Wir brauchen Schulen, die gelingen, weil wir unseren Kindern bessere Bildungschancen eröffnen wollen und weil wir ihnen die dringend notwendigen Wege zu früher und individueller Förderung ebnen müssen.
 
Wir brauchen Schulen, die gelingen, weil die Qualität unseres Bildungssystems letztlich über die kulturelle, soziale und vor allem wirtschaftliche Zukunft unseres Landes entscheidet. Nur mit gut ausgebildeten Menschen ist Fortschritt möglich – ihr Können, ihre Kompetenz, ihr Wissen und ihr Einsatz sind unsere größte Stärke.

Wir brauchen Schulen, die gelingen, weil wir den dramatischen Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg endlich aufbrechen müssen. Die Vererbung von Bildungschancen ist immer noch der größte gesellschaftspolitische Skandal in Deutschland!

An dieser Stelle gibt es für mich keine Alternative: Jeder Mensch braucht gute Bildungschancen. Kein Kind darf einfach abgeschrieben werden. Und es darf keine Rolle spielen, ob jemand aus einem Professorenhaushalt, einer Arbeiter- oder einer Einwandererfamilie kommt.

All diesen Zielen sind wir mit der Umsetzung des Ganztagsschulprogramms inzwischen ein gutes Stück näher gekommen. Überall in Deutschland entstehen mit großem Engagement von Lehrern, Eltern, Schülerinnen und Schülern und vielen außerschulischen Partnern mehr Ganztagsschulen.

Überall ist deutlich zu spüren, dass eine klare Mehrheit in unserem Land das Engagement der Bundesregierung unterstützt und als einen wichtigen Impuls für neue Gestaltungsmöglichkeiten im deutschen Bildungssystem versteht. Darüber hinaus wird endlich die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf Wirklichkeit. 80 Prozent aller Menschen – so eine Forsa-Umfrage aus der letzten Woche – begrüßen den Aufbau von Ganztagsschulen und stehen hinter dem Vier-Milliardenprogramm der Bundesregierung.

Ganztagsschulen stehen in Deutschland mittlerweile für die umfassende Bildungsreform, die in unserem Land begonnen hat und für viel Aufbruchstimmung sorgt. Das ist auch ein Erfolg der Menschen, die die Chancen dieses Aufbruchs erkannt haben, seine Umsetzung einfordern und ihren Teil dazu beitragen, in allen Regionen Deutschlands mehr und bessere schulische Ganztagsangebote zu schaffen.

Nach dem derzeitigen Planungsstand der Länder werden am Ende dieses Schuljahres rund 5.000 Ganztagsschulangebote zur Verfügung stehen. Allerdings – und bei dieser einen kritischen Anmerkung möchte ich es belassen – nutzen die Landesregierungen dieses Angebot unterschiedlich schnell und mit unterschiedlich hohem Eigenengagement. Hier gibt es noch einiges zu optimieren.

Das Ganztagsschulprogramm wird nur dann zu einem vollen Erfolg, wenn die Länder es für eine grundlegende Schul- und Unterrichtsreform nutzen. Und wenn Bund und Länder gut zusammmenwirken, so wie es in den meisten Ländern auch geschieht.

Meine Damen und Herren,
das Mehr an Zeit in der Ganztagsschule ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für eine bessere Schule. Entscheidend sind die Ideen aller Beteiligten vor Ort und die Umsetzung dieser Ideen für die Gestaltung eines rhythmisierten Schulkonzepts für den ganzen Tag. Entscheidend dabei ist die Bereitschaft zur Kooperation mit unterschiedlichen Partnern: der Kinder- und Jugendhilfe, genauso wie mit den Umweltverbänden, Sportvereinen, Unternehmen oder kirchlichen Einrichtungen.

Es geht um das, was in den Schulen geschieht. Es geht um die Verwirklichung von pädagogischen Konzepten, die die Bildungschancen aller Kinder deutlich verbessern. Es geht um die individuelle Förderung. Es geht darum, das Gewohnte in Frage zu stellen, Unterricht interessanter und spannender zu machen.

Es geht um eine neue Lern- und Lehrkultur, die Schulleiter, Lehrer und Erzieher gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern entwickeln müssen! Wenn das gelingt, dann werden sich unsere Schulen grundlegend verändern: Aus Lernorten können Lebensorte werden: überall im Land – und weit über die jetzt geförderten Ganztagsschulen hinaus.

Meine Damen und Herren,
Ganztagsschulen mit neuen Unterrichtsformen entstehen nicht von einem Tag auf den anderen. Schulen, die sich  auf den Weg machen, sollen deshalb Weise begleitet und unterstützt werden.

Aus diesem Grund haben wir gemeinsam mit den Ländern ein umfassendes Begleitprogramm mit vielen inhaltlichen Angeboten auf die Beine gestellt, das unter dem Titel "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung angesiedelt ist.

Es geht vor allem darum, die vielen guten Beispiele sichtbar zu machen, die es bereits gibt. Eine enge Vernetzung, die einen intensiven Erfahrungsaustausch ermöglicht, die Beratung durch Experten und qualifizierte Angebote zur Fortbildung, all das sind wichtige Punkte, die den Verantwortlichen dabei helfen sollen, ihre Ganztagsschule zu einem Ort werden zu lassen, an dem mit Freude und mit Erfolg gelernt wird.

Meine Damen und Herren,
ich bin mir sicher: der bundesweite Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen ist nicht mehr aufzuhalten! Eltern, Lehrer und Schüler haben erkannt, dass sich in der deutschen Bildungspolitik und Bildungspraxis etwas bewegen lässt. Und sie engagieren sich, sie wollen mitmachen und mitgestalten können.

Für viele Schulen in unserem Land war der Start unseres Ganztagsschulprogramms eine Initialzündung und der Beginn eines neuen Selbstverständnisses. Jetzt kommt es darauf an, das Begonnene fortzuführen, damit die vielen guten Ansätze überall im Land zur vollen Wirkung kommen.

Deshalb brauchen wir das Engagement und die Kreativität von Ihnen allen, die vor Ort für Bildung Verantwortung tragen. Wir brauchen das Engagement der Länder, Kommunen, Verbände und Sozialpartner und natürlich der Schulleiterinnen und Schulleiter, der Lehrkräfte der Schüler und der Eltern. Was ich in den letzten Wochen vor Ort an den Schulen an Aufbruch und Engagement erlebt habe, hat mich beeindruckt und bewegt – Ihnen allen dafür meinen Respekt und meine Anerkennung!

Was wir in unserem Land brauchen, ist vor allen Dingen Optimismus, dass wir gemeinsam gut genug sind, diese neuen Herausforderungen zu bestehen. Nur mit diesem Optimismus, werden wir erfolgreich sein.

Vielen Dank!

 

Autor: Bundesministerium für Bildung und Forschung
Datum: 05.09.2005
© www.ganztagsschulen.org

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