Ein grelles, die warme Sommerluft durchschneidendes Zischen dringt in wiederkehrenden kurzen Abständen aus dem Zelt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Man wähnt sich in einer florierenden Werkstatt. Anderswo im Garten des Bundeskanzleramtes spielen Kinder Tischfußball, Erwachsene informieren sich über die Projekte verschiedener Bundesministerien, oder sie trinken bei strahlendem Sommerwetter gemütlich ihr Bier.
Am Tresen des BMBF stehen Petra Jung und Therese Häse und füllen alle paar Minuten einen Luftballon aus der Propangasflasche oder verteilen Infomaterialien zum Thema Ganztagsschulen. Vom Morgen bis zum frühen Abend. Das Ganztagsschulprogramm entpuppte sich auch im Bundeskanzleramt als ein starkes Zugpferd, als Publikumsmagnet.
Zugpferd Ganztagsschule
Es waren nicht nur Luftballons mit der Aufschrift "Ganztagsschulen. Zeit für mehr. www.ganztagsschulen.org" gratis erhältlich, sondern aktuelle Infobroschüren, Stifte oder die Demoversion der DVD "Treibhäuser der Zukunft". Die Bundesregierung zählt zum Ende dieses Schuljahres bereits 5.000 neue Ganztagsangebote, die nach den Planungen der Länder aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes gefördert werden.
Ganztagsschulen brillieren durch ihre Vielfalt und die Nähe zur Lebenswelt. Beispiel Sport: Vor dem Zelt des BMBF kicken Fußballerinnen der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportschule Potsdam, sie bereiten sich für ein kleines Fußballmatch vor. Mädchen und Fußball oder Sport und Ganztagsbetreuung, das ist auch eine Erfolgsstory, die mit dem bundesweiten Ausbau der Ganztagschule eng verbunden ist.
"Viele sportliche Angebote standen im Vorzeichen der Fußball-WM 2006", heißt es in einer Pressemitteilung des Bundeskanzleramts vom 28. August 2005. Die Sportschule Potsdam, eine Eliteschule des Sports, teilte sich mit der Sonnenblumenschule aus Berlin-Baumschulenweg und dem Projekt "Mentor - die Leselernhelfer" des Hannoveraner Buchhändlers Otto Stender das Zelt mit dem BMBF.
Mit Ganztagsschulen in den Spitzensport
"Hochleistungssport kann man nur mit Ganztagsbetreuung durchführen", sagt Dieter Weber, Lehrer für Mathe und Physik. Und natürlich über Kooperationen. So kicken die Mädchen nicht nur in der Sportschule Potsdam, sondern parallel bei Turbine Potsdam. Die Vereinstrainerin arbeitet eng mit der Schule zusammen und umgekehrt.
"Die Sportschule Potsdam hat ein komplett auf Begabungsförderung abgestimmtes Konzept entwickelt", erläutert Schulleiter Rüdiger Ziemer. Neben dem Ganztagsbereich gehört dazu ein Vollzeitinternat, das für 340 von rund 600 Schülerinnen und Schülern offen steht. An der Schule unterrichten 60 Lehrerinnen und Lehrer, 25 Erzieher und 40 Trainer. Ziemer legt Wert darauf, dass der Hochleistungssport des Nachwuchses unabhängig vom Geldbeutel der Eltern gewährleistet werden kann. Eltern zahlen lediglich 150 Euro für die Vollverpflegung ihrer Kinder in dem Internat und werden am Erfolg beteiligt.
Schaut man sich einen Stundenplan für die Klasse 7 genauer an, werden die täglichen Belastungen der Kinder sehr evident. Ab 7:15 Uhr drei Stunden Unterricht, darauf folgen zwei Stunden Training. Mittagessen und ab 13 Uhr Hausaufgaben, kreatives Arbeiten und Ähnliches. Ab 14 Uhr zwei Stunden Unterricht, darauf eineinhalb Stunden Pause, wieder zwei Stunden Training, Abendessen und um 18 Uhr Schluss.
"Diese Zeit und Freiräume brauche ich als Ganztagsschule", erläutert Ziemer. Alle Sportarten müssen zwei Mal am Tag trainiert werden: "Sonst können wir keine Juniorenweltmeister hervorbringen", fährt der Schulleiter fort. Ohne Rhythmisierung, dem wohl austarierten Wechsel aus Anspannung und Entspannung geht an der Sportschule Potsdam gar nichts.
Zwei Nachwuchsfußballerinnen der Schule, Juliane Schötz, 16 Jahre, und Lea Nothoff, 15 Jahre, geben dem Schulleiter Recht: "Wir haben uns im Fußball und menschlich weiter entwickelt", sagt Juliane. Lea ergänzt: "Wir kommen erst abends zur Ruhe, doch Fußball ist unser Leben."
Kickern mit dem Bundeskanzler
Fußball und Sport war ein Leitthema beim Tag der offenen Tür. So ließ Bundeskanzler Gerhard Schröder neben einer langen Reihe bunt gekleideter Schülerinnen und Schüler an einem um mehrere Meter verlängerten Kickertisch die Kickerbälle klocken. Kurz darauf sah man den fußballbegeisterten Kanzler als Zuschauer eines Schüler-Fußballmatches. Auch der Parlamentarische Staatssekretär des BMBF, Ulrich Kasparick, maß dem Leistungssport im Rahmen eines Besuches des BMBF-Zeltes große Bedeutung bei.
Ein echter Kontrast zur Eliteschule in Potsdam war die Sonnenblumen-Grundschule in Berlin-Baumschulenweg: Selbst gebastelte Sonnenblumen, bunt bemalte Stühle, Darbietungen von Jazzmusik im Freien - daran erkannte man den Charakter, das Profil der Schule bereits auf Anhieb: "Wir arbeiten ganz eng mit vielen Partnern zusammen", sagte Schulleiter Roland Hagelstange. Bunt wie das Ambiente im Kanzleramt ist auch der Kreis der Partner der Sonnenblumenschule. Dazu gehören unter anderem eine Musikschule, ein Theater, ein Schach- und Sportclub, die Architektenkammer Berlin, ein Schulzoo oder die Freie Universität Berlin.
An der FU Berlin können die Kinder vor Ort forschen, sie "merken, dass es Erwachsene gibt, die selber ein Leben lang lernen wollen", so Hagelstange. Mit weißen Kitteln und Schutzbrille fühlen sie sich als kleine Wissenschaftler. Eine ebenso interessante Kooperation unterhält die Schule mit dem BMBF-Projekt "Lernort Labor": "Das Lernen hat hier eine hohe Dichte und Qualität", ergänzt Hagelstange.
Hannovers Antwort auf PISA
Im Zelt des BMBF, der immer gut besuchten Werkstatt für Ganztagsschulen, war auch die Initiative "Mentor - die Leselernhelfer" untergebracht. Ein respektabler Herr, ein Buchhändler mit Schnurrbart und Pfeife, der ein wenig an Günter Grass erinnerte, stellt in einer kleinen Talkrunde die Eckpfeiler des Projektes dar. Sein Buchhandel liegt nur 300 Meter von Gerhard Schröders Eigenheim entfernt: man kennt sich aus verschiedenen Zusammenhängen. Außerdem war der Bundeskanzler hin und wieder Kunde - als er noch Zeit zum Bücherlesen hatte.
Mit 66 Jahren entdeckte Buchhändler Otto Stender "Hannovers Antwort auf PISA", denn PISA hatte gravierende Mängel in der Lese-, Schreib- und Sprachkompetenz aufgedeckt. "Mentor" will Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und 16 Jahren das Lesen und bessere Sprachkompetenzen nahe bringen. Laut Stender haben 61 Prozent der Jugendlichen noch nie freiwillig ein Buch gelesen. Höchste Zeit gegenzulenken.
"Ganztagsschulen sind ganz wichtig", erläutert Otto Stender, denn die Leseförderung findet außerhalb des Unterrichts entweder in Schulräumen, Bibliotheken oder anderen öffentlichen Einrichtungen statt. Die eigens ausgebildeten und ehrenamtlichen Mentoren, die sich als Erzieher, Lehrer oder Betreuer verstehen, arbeiten eng mit den Lehrern des Kindes zusammen.
Der letzte Besucher
Als die Uhr am Samstag schon 18 Uhr geschlagen hatte und das Zelt des BMBF sich in den Feierabend verabschieden wollte, schaute ein letzter Besucher vorbei: Rainer Zimmermann, pensionierter Lehrer und engagierter Großvater. "Beide Eltern des Kindes sind erwerbstätig, und sie brauchen eine Betreuung ihres Kindes bis 16 Uhr, in der auch die Hausaufgaben erledigt werden."
Der Besucher freute sich über die frisch erschienene Dokumentation zum Ersten Ganztagsschulkongress 2004 "Ganztagsschule neu gestalten" (Band 15 des BMBF zur Bildungsreform): "Mich interessiert, welche neuen Methoden in der Ganztagsschule angewandt werden." Ein Glück für das Team des BMBF: Er wünschte keinen Luftballon. Die Werkstatt war im Begriff zu schließen - und nun schien es, als wolle der Garten des Bundeskanzleramtes sich von dem Trubel des Volksfestes wieder auf sich selbst besinnen.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 02.09.2005
© www.ganztagsschulen.org
Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt. Wir bitten bei Zustimmung um folgende Zitierweise: Autor: Artikelüberschrift. URL: http://www.ganztagsschulen.org. Datum des Zugriffs: xx.xx.xxxx
www.bmbf.de [zur Website]

www.sportschule-potsdam.de [zur Website]

www.sonnenblumen-grundschule.cidsnet.de [zur Website]
