30. AUGUST 2005

Finnland in Hellersdorf

Die Grundschule am Hollerbusch in Berlin-Hellersdorf ist eine der ersten Ganztagsschulen der Stadt gewesen. Fünf Jahre nach den ersten Diskussionen, ob man Ganztagsschule werden wolle, ist die Schule ein gutes Stück vorangekommen. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn würdigte das Engagement der Schulleitung, des Kollegiums und der Eltern während eines Besuchs am 24. August 2005.

Im Theater der Grundschule am Hollerbusch hat der mit Spannung erwartete Besuch Platz genommen: Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn und Klaus Böger, Berliner Senator für Bildung, Jugend und Sport, sind am Morgen des 24. August 2005 in die Schule in Berlin-Hellersdorf gekommen, um sich über das Schulprogramm und die Bauarbeiten zu informieren und die geleistete Arbeit der Schulleitung, des Kollegiums und der Eltern zu würdigen.


 
Schulleiterin Karin Ronneberger (l.) und die leitende Erzieherin Corinna Zepernick (r.) begrüßen Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (2.v.r.) und Senator Klaus Böger (2.v.l.). Die Schülerinnen und Schüler überreichen den Gästen ihre Schülerzeitung

Auf der Bühne präsentieren Schülerinnen und Schüler der Klassen eins bis sechs einen Querschnitt aus dem Schulprogramm in Form einer kleinen Geschichte um eine Laute, deren Besitzer durch die Jahrhunderte wechselten. Die Kinder des Projektkurses Darstellendes Spiel und des Wahlunterrichts/verbindlich (WUV) Orientalischer Tanz, Kunst und Musiktheater zeigen in rascher Folge ihr Können, darüber hinaus stellen die Schülerinnen und Schüler auch ein kleines Gleichnis zum Thema Gewaltprävention vor. Die Zuschauer danken den Kindern ihre souveränen Darbietungen mit Applaus.


 
Im Theater der Schule zeigen die Schülerinnen und Schüler Tanzdarbietungen

Edelgard Bulmahn ergriff im Anschluss das Wort: "An dieser Schule können wir sehen, wie sich Lehrerinnen und Lehrer dafür einsetzen, ein maßgeschneidertes Konzept zu entwickeln, um den individuellen Stärken und Schwächen der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden. Individuelle Förderung ist ein Beitrag zur Chancengleichheit der Kinder. Ein richtiger Erfolg wird eine Ganztagsschule dabei nur durch das Engagement der Lehrerinnen und Lehrer. Für dieses Engagement danke ich Ihnen!"

Eltern machten Druck beim Bezirksamt

Schulleiterin Karin Ronneberger bestätigte in ihrer Begrüßung, dass eine Ganztagsschule "viel Arbeit mit sich bringt. Daher braucht man Lehrerinnen und Lehrer, die ihren Beruf lieben. Ich freue mich, dass an dieser Schule ein sehr engagiertes Kollegium zusammenwirkt." Dies habe sich auch beim gemeinsam bewältigten Umzug in der Vorwoche in das frisch sanierte zweite Gebäude gezeigt.



Schulleiterin Karin Ronneberger

In den Sommerferien war einer der beiden Plattenbauten der Grundschule vollständig saniert worden: Beim anschließenden Rundgang durch das Gebäude machte es den Eindruck eines Neubaus: Im Erdgeschoss ist eine Mensa entstanden, Fußböden, Tapeten und Toiletten sind neu, ein Aufzug ist angebaut worden, damit auch behinderte Kinder keine Probleme haben, die vier Stockwerke zu erreichen. Des weiteren sind ein Werkraum, Keramiköfen und weitere Aktionsräume entstanden und Internetanschlüsse eingerichtet worden. Insgesamt 1,9 Millionen Euro wurden verbaut. Die Bauarbeiten sind aber noch nicht vorbei: Derzeit wird der Schulhof umgestaltet, unter anderem entstehen Bewegungselemente.

Es war nicht ganz einfach, diese Umbauten auf den Weg zu bringen. Ein Elternvertreter berichtet am Rande, dass das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf sich zunächst gegen die Pläne wendete, da man die zehn Prozent Eigenanteil zu der Förderung von rund 900.000 Euro aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes nicht aufbringen wollte. "Wir mussten Druck machen und haben auch mit Kontaktaufnahme zu den Medien gedroht", erklärt der Vater. "Nicht für jeden Bereich hat Schule Priorität", klagt Karin Ronneberger.

Zersplitterung am Nachmittag beendet

Der Druck hat sich gelohnt, Haus 2 ist laut der Schulleiterin ein "Schmuckstück" geworden. Die Klassenzimmer sind neu eingerichtet, hell und freundlich. Dem Unterrichtsraum gegenüber liegt jeweils das entsprechende Hortzimmer für den Nachmittagsbereich. "Unterricht und Erziehung sind zwei Seiten einer Medaille und gehören zusammen", so Klaus Böger. Beim Rundgang erhielten Ministerin Bulmahn und der Bildungssenator auch einen Einblick in die Gesundheitsförderung der Klassen während des Unterrichts. Die Lehrerin unterbricht alle 20 Minuten den Unterricht und leitet die Schülerinnen und Schüler zu drei kurzen Bewegungsübungen an. Der Wechsel von Entspannung, Wahrnehmung und Bewegung hilft, die Konzentration und die Beweglichkeit der Kinder zu stärken.


 
Blick in ein Klassenzimmer. Rechts zeigt die Klasse der Bundesbildungsministerin, wie sie sich während des Unterrichts fit hält

Seit dem Schuljahr 2003/2004 ist die Grundschule am Hollerbusch offene Ganztagsschule, eine der ersten in Berlin. 545 Schülerinnen und Schüler besuchen die Schule, davon nehmen 300 der Klassen eins bis drei den Ganztagsunterricht wahr. 36 Lehrerinnen und Lehrer sowie 17 Erzieherinnen stehen den Kindern zur Seite. Der Ganztagsbereich wächst derzeit noch Schuljahr für Schuljahr. Von Montag bis Donnerstag finden von 8.00 bis 16.00 Uhr kostenfreie, verbindliche Veranstaltungen statt. Freitags ist die Teilnahme am Ganztagsbereich nach Unterrichtsschluss freigestellt. Früh- und Späthortbetreuung werden zusätzlich angeboten. Lediglich das Mittagessen ist kostenpflichtig.



Mittagessen in der Mensa

Und die Schule ist gefragt: Corinna Zepernick, die leitende Erzieherin, berichtet von Anmeldungen auch aus anderen Einzugsbereichen. "Wir sind ein gutes Team", erklärt die Erzieherin, "und es war eine gemeinsame Entscheidung des ganzen Kollegiums, Ganztagsschule zu werden. Viele Kinder nahmen schon Nachmittagsbetreuung wahr, aber in verschiedenen Einrichtungen, und wir wollten diese Zersplitterung beenden." Nun wird unter dem Dach der Schule in gemeinsamer Betreuung von Tandems aus Lehrerinnen und Erzieherinnen eine Vielzahl von Arbeitsgemeinschaften angeboten: Neben den eingangs bereits erwähnten sind das Malen und Zeichnen, Gesunde Ernährung, Tanzen, Karate, Judo, Leichtathletik, Chor, Keramik, Ohrenreise ins Märchen- und Geschichtenland, Biologische Experimente, Handball, Wandern, Technik und Schulzeitung. Kooperationspartner sind Sportvereine und zwei Musikschulen.

Positive Resonanz aus weiterführenden Schulen

Der Schule sei die Praxisvermittlung und die Vernetzung von Unterricht und Angeboten wichtig. Corinna Zepernick nennt ein Beispiel: "Wenn am Morgen im Sachkundeunterricht die Post zum Thema wird, besucht die Erzieherin mit den Kindern nachmittags die Postfiliale in der Nähe. Unser Konzept einer ganzheitlichen Erziehung kommt sehr gut bei den Eltern an." Die Zusammenarbeit mit den Eltern sei ebenfalls gut, wie sich zum Beispiel bei der Konzeption der Schulhofgestaltung gezeigt habe.



Mit Liebe zum Detail: Asterix und Obelix als Wandschmuck auf der Toilette

Die Grundschule am Hollerbusch bietet überdies seit vielen Jahren vielfältige zusätzliche Fördermaßnahmen für Kinder mit Lernschwierigkeiten an. Um diese Schülerinnen und Schüler ebenso wie solche mit Entwicklungsvorsprüngen optimal zu fördern, beteiligt sich die Schule seit 1999 am Modellprojekt "Schule in eigener Verantwortung" und führte den 40 Minuten-Takt ein. Die fehlenden fünf Unterrichtsminuten werden angespart und für zusätzliche Unterrichtsstunden genutzt, beispielsweise für klassenübergreifende Leistungskurse in Mathematik, Englisch und Deutsch. Für jedes Fach gibt es drei Kurse mit je zwei Wochenstunden. Zwei Kurse werden für "Mittelfeldschüler" angeboten, ein Kurs für leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler. "Wir möchten unseren Kindern stressfreies Lernen ermöglichen und sie optimal auf die Oberschule vorbereiten", erklärte Karin Ronneberger. Dass dies dem Kollegium gelinge, belege die positive Resonanz, die sie aus den weiterführenden Schulen erfahre.


 
Bereits fertig: Haus 2 mit dem Außenaufzug. Noch im Bau: Der Schulhof

Neben der Bundesbildungsministerin zeigte sich auch Klaus Böger vom Erreichten an der Grundschule am Hollerbusch beeindruckt: "Man muss nicht nach Finnland reisen, um Beispiele für gute Schulen zu finden - eine Fahrt nach Hellersdorf reicht auch", so der Bildungssenator.

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 30.08.2005
© www.ganztagsschulen.org

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