Claire McManus, Studienleiterin für religiöse Erziehung an einer Highschool aus Boston, USA. Sie hat einen Abschluss über Kirchengeschichte gemacht.
Online-Redaktion: Stellen Sie sich vor, der Weltjugendtag wäre eine Art Mega-Schule im Freien. Was können Sie und die Jugendlichen hierbei lernen?
McManus: Wenn man junge Menschen zusammenbringt, entfalten sie Freude und eine tiefe Spiritualität, wenn man ihnen, wie hier, die Gelegenheit dazu gibt. Sie müssen aber auch immerzu spielen und man sollte ihnen auch die Gelegenheit dazu geben. Wenn Jugendliche ihre Spiritualität nicht entfalten, füllen manche die Leere mit einem Colt, Drogen, Alkohol und anderen Dingen.
Online-Redaktion: Welche Erfahrungen haben Sie in den Staaten mit Ganztagsschulen gemacht?
McManus: Bei uns in Boston geht die öffentliche Schule von 8 bis 15 Uhr. Es gibt eine Bewegung aus der Mitte religiöser Gruppen, Ganztagsschulen in Brennpunkten mitten in der Stadt einzurichten. Das ist eine Art Feuerwehr, die von 7 bis 17 Uhr andauert. Dort erhalten die Kinder auch ihre Mahlzeiten.
Online-Redaktion: Welche Bildung brauchen die Jugendlichen heute?
McManus: Gute Frage. Sie brauchen vor allem die Fähigkeit, kritisch zu lesen. Außerdem gut schreiben, reichlich Mathematik, um im Leben zu bestehen. In den USA kann jedes Kind mittlerweile bis zu einem gewissen Grad mit dem Computer umgehen. Viel wichtiger als Computerkenntnisse sind aber Sprachkenntnisse. Im Vergleich mit Europa hinken die USA in dieser Hinsicht hinterher. All diese Fähigkeiten und Schlüsselkompetenzen können genauso gut an staatlichen Schulen wie an Privatschulen vermittelt werden.
Online-Redaktion: Welche Bedeutung hat dieser Weltjugendtag für Sie?
McManus: Wir werden hier mit frischer Hoffnung aufgeladen. Und das ist wichtig, schließlich kommen wir aus einer schwierigen Gegend in Boston. Für viele Jugendliche, die jetzt mit uns nach Köln gekommen sind, gibt es zu Hause nicht viel Hoffnung. Gerade deswegen stehen wir und die Kirche den jungen Menschen in schwierigen Zeiten zur Seite.

Vincent Doolan und Claire McManus (r.)
Online-Redaktion: Wie erleben Sie den Weltjugendtag unter den Türmen des Kölner Doms?
Doolan: Die Atmosphäre hier ist fabelhaft, großartig. Ich sitze hier am Rhein und schaue dem Treiben zu. Die Jugendlichen verschiedener Nationen lernen sich kennen und befreunden sich. Es ist einfach eine reine Freude mit den jungen Menschen zusammen zu sein. Wir gehen nach Hause mit dem Gefühl, es gibt eine große Gemeinde der Gläubigen in aller Welt.
Online-Redaktion: Aus welchem Grund bringen sich in den USA die Kirchen in die Schulen ein?
Doolan: Ich war sieben Jahre an einer katholischen Highschool. Ich unterrichte nicht vor Klassen, sondern bin, wann immer die Kinder und Jugendlichen mich brauchen, für sie da. Taucht ein Problem an der Schule auf, ziehen mich Lehrer und Schulleiter hinzu, um es gemeinsam zu lösen. Oft wissen die Kinder und Jugendlichen überhaupt nicht, wie sie es klar machen sollen, dass sie etwas belastet. Bei der Beratung junger Leute habe ich wundervolle Momente erlebt.
Rund 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler bei uns haben außerhalb der Schule keinen Kontakt zur Religion. An unserer Schule bin ich Pastor für rund 500 Schülerinnen und Schüler. Meiner Erfahrung nach suchen die Jugendlichen heute nach etwas, woran sie sich halten können. Junge Menschen haben eine Menge Probleme und müssen frühzeitig viele wichtige Entscheidungen für ihr Leben treffen. Und von den Eltern erfahren sie oft nicht mehr die nötige Unterstützung. Die Ganztagsschulen, vor allem die öffentlichen Schulen, haben daher die Aufgabe, Kinder und Jugendliche zu sozialen Wesen zu erziehen, denen auch ethische Fragen nicht fremd sind. Das ist zentral. Es gibt heute zuviel Gewalt, Drogen und Vergewaltigung in unserer Gesellschaft.
Die öffentlichen Schulen bei uns werden durch die Städte und Gemeinden betrieben. Diese aber haben große Finanznöte. Selbst notwendige Angebote können die Städte teilweise nicht mehr aufrechterhalten. Sowohl die Städte als auch die Kirchen tun sich aus diesem Grunde nicht leicht, die Verantwortung für die öffentlichen Schulen zu tragen. Mancherorts werden sogar die Sportangebote gestrichen. Die öffentlichen Schulen in den USA kämpfen teilweise ums materielle Überleben.
Online-Redaktion: Wie sieht die Wirklichkeit an Ihren Schulen denn aus?
Doolan: Einmal steckte ein Junge bei uns in einer schweren Krise. Er zog draußen herum und wollte nicht mehr zu seinen Eltern zurückkehren. Eines Nachts zog es ihn auf eine Brücke. Er hatte das Gefühl, die Sicherungen würden bei ihm durchbrennen. Er wollte jemanden umbringen. Er erzählte mir das als er mich am folgenden Morgen aufsuchte. Er stellte sich vor mich hin, öffnete seinen Mantel und präsentierte mir ein Messer. Ich sei der erste der Mensch, den er nach der Nacht sehen wollte und um darüber zu sprechen. Ich glaube, er hat dies nur deshalb gemacht, weil ich schon zuvor ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufgebaut hatte, das ihn nun trug. Und er gestand mir, dass irgendetwas ihn daran hinderte, gewalttätig zu werden oder sich zu erhängen. So ein Vertrauensverhältnis erfordert Zeit, und dies kann sich wohl am besten in einer Ganztagsschule entwickeln.
Xavier Deligny, 23 Jahre, Normandie in Frankreich, Mitglied bei den Pfadfindern.

Xavier Deligny (l.)
Online-Redaktion: Stellen Sie sich vor, der Weltjugendtag wäre eine Art Live-Schule. Was haben Sie auf dieser Schule bis jetzt gelernt?
Xavier Deligny: Der Weltjugendtag ist ein sehr wichtiges Ereignis. Wir treffen Menschen aus aller Welt. Wir lernen ihre Kulturen kennen und teilen denselben Glauben. Es ist ein großes Privileg für mich, in Köln sein zu können. Ich war bereits auf den Weltjugendtagen in Paris und Rom. Hier ist eine großartige Atmosphäre. Nach den Aufenthalten bei den Weltjugendtagen in Paris und Rom fühlte ich mich wie aufgeladen durch den Geist Gottes.
Online-Redaktion: Was bedeutet die Fahne für Sie hier. Fahnen werden bei Fußballspielen geschwungen, aber auch in Kriegen. Warum tragen Sie die Fahne Frankreichs mit sich herum?
Xavier Deligny: Die Fahne hilft uns zu kommunizieren und uns in der Masse der Menschen wieder zu erkennen. Und sie hilft, unsere Werte mit denen anderer Nationen auszutauschen.
Online-Redaktion: In Frankreich sind Ganztagsschulen die Regel. Was halten Sie davon?
Clémentine: Wenn ich die Wahl hätte, würde ich lieber zur Halbtagsschule gehen. Bei uns in Frankreich haben wir ja traditionell die Ganztagsschule. Und da heißt es arbeiten, arbeiten, arbeiten. Wir konnten in der Sekundarstufe im Alter von ca. 16 Jahren zwischen Naturwissenschaften, Wirtschaft und Sprachen wählen. Ich habe mich für den naturwissenschaftlichen Schwerpunkt entschieden. Das Abitur in Frankreich ist ziemlich hart. 18 Prozent der Schüler fallen beim ersten Anlauf durch. Ich hätte lieber weniger Zeit in der Schule verbracht.

Sebastian Renczikowski (r.)
Online-Redaktion: Fahnen werden bei Fußballspielen geschwunden, aber auch in Kriegen. Warum tragen Sie die Deutschlandfahne mit sich herum?
