Wenn eine Schule wie die Ganztagsschule Hegelsberg in Kassel in die Ferien geht, dann nehmen nicht nur die darin lebenden Individuen eine Auszeit, sondern die "dritten Pädagogen", also die Räume, offensichtlich auch. Die Stimmung in den Gängen verändert sich und irgendwie scheint es, dass mit dem Verschwinden des Lebens auch die Atmosphäre in den Klassenräumen aufhören will, zu schwingen. Eine Ausnahme machte in der Schule Hegelsberg am 11. Juli 2005 das Lernatelier. Hier waren acht Tage vor den Ferien noch fühlbare Schwingungen in einem speziellen Raum zu spüren. Woran lag es?
Als die Schülerinnen und Schüler der Klasse 8 g an einem grauen Nachmittag im Lernatelier der Schule ihre Abschlusspräsentationen halten sollen, bekommen sie in dem 90 Quadratmeter großen Raum von den Bewegungen des Himmels und der Natur nichts mehr mit. Das Lernatelier, ein so genanntes Oktogon des Lernens, stellt eine in sich geschlossene Lernlandschaft dar, in der die verschiedensten Formen des Lernens miteinander verschmolzen bzw. kombiniert werden. Also mediengestütztes, teamorientiertes und individuelles Lernen, selbst organisierte Recherche usw.
Landschaften des Lernens
Es erinnert von innen an eine Raumkapsel, die die Lernenden in ihnen ansonsten unzugängliche (virtuelle) Bereiche der Information und des Wissens befördert und die Raum-Zeitgrenzen überbrückt. In dem fahl beleuchteten Raum befinden sich Einzelarbeitsplätze, Gruppentische, Partnertische, ein Gruppenauditorium und ein wandtafelgroßes computergesteuertes Whiteboard. Dazu schreibt Stefan Appel: "Ein solches Whiteboard, das auch interaktive Wand genannt wird, macht unter Zuhilfenahme eines Beamers für eine gesamte Lerngruppe die Einbeziehung des Internets oder die Verwendung gespeicherter Lernprogramme oder selbst entworfene Software für den Unterrichtsprozess möglich" (Die Ganztagsschule, Heft 2/3-2005, S. 89).
Für Schulleiter Appel sind Lernateliers nicht zuletzt Lernlandschaften, in denen "einzelne Personen wie auch Teams oder größere Gruppen arbeitsteilig, zeitgleich oder versetzt lernen, arbeiten oder sich informieren können". Die kompakte Lernlandschaft in der Schule Hegelsberg kombiniert alte und neue Schule und wird von den Schülerinnen und Schülern auch deshalb nicht als radikaler Bruch ihrer Lerngewohnheiten empfunden.
Andere Kulturen verstehen lernen
Alexander Scheuerer, stellvertretender Schulleiter, möchte dafür gewissermaßen den Beweis vorlegen. An diesem Nachmittag sollen seine Schülerinnen und Schüler eine unbenotete Präsentation zum selbst gewählten Thema "Königreich der Himmel" abliefern. Ein durchaus heikles Sujet, handelt es sich doch bei diesem Kinofilm um die mittelalterliche Welt der Kreuzzüge, Sarazenen und der Religionskriege, dessen Hauptspielplatz nicht zufällig Jerusalem ist.
Der ,Kampf der Kulturen' entspricht ganz Scheuerers Geschmack, denn in der Lerngruppe sitzen außer Christen auch Muslime weiblichen und männlichen Geschlechts. Die muslimischen Mädchen, von denen einige Schleier tragen, sind zurückhaltend, während die anderen mit ihren körperlichen Reizen nicht sparen. Jedes Mitglied der Lerngruppe hat eigene Themen und Lernstoffe in die Projektarbeit eingebracht. Lernen durch Teamarbeit und Individualisierung. Ob Inhalte und Methodenarbeit zu mehr Aufklärung und Toleranz unter Schülern beitragen können?
Virtuelle Reisen durch die Weltreligionen
Das erste Thema, "Die drei Weltreligionen", ist gleichzeitig das anspruchvollste. Elli, Norgen, Sabrina und Silvia wählten eine Powerpoint-Präsentation, die sie in Verbindung mit Whiteboard und elektronischem Stift flüssig und gut abgestimmt vortragen. Sie präsentieren einen virtuellen Besuch einer Synagoge, einer Moschee und einer Kirche. Scheuerers Kommentar: "Sie haben die drei Weltreligionen umfassend präsentiert."
Dann sind Hümeya, Esra, Latifa und Farhad mit dem Thema "Jerusalem: Saat des Hasses (früher - heute)" an der Reihe. Die Gruppe versteht es, das Thema ausgewogen zu vermitteln. Sie nutzten zwar nicht alle Möglichkeiten des Whiteboards wie das Einspielen von Filmmaterial oder virtuelle Veranschaulichungen, auch ist der Vortrag weniger gut abgestimmt und etwas überhastet, aber immerhin: Er weckt Verständnis für andere kulturelle Perspektiven.
Alte Schule - neue Schule
Alte Schule welkt nicht, so könnte das Fazit von Tilmans Ein-Mann-Vorstellung lauten. Der aufgeweckte Schüler stellt sich vor einer Karte mit den Mittelmeerländern und zeichnet einprägsam die verschiedenen Wellen der Kreuzzüge nach. Keine Minute Langeweile kam auf.
"Lepra und die Pest" heißt das Thema der vierten Arbeitsgruppe, ein typisches Jungenthema, das bei den Mädchen Widerwillen auslöst. Die vier Jungen gehen textbasiert vor und lassen die multimedialen Möglichkeiten des Whiteboards weitgehend ungenutzt. Nicht die Präsentation zeigt Wirkung, sondern das provokative Thema.
Die abschließende Gruppe, die mit drei Jungen besetzt ist, widmet sich Saladin als einer der wichtigsten Figuren in dem Film "Königreich der Himmel". Saladin ist nicht nur eine der bekanntesten historischen Persönlichkeiten des Islam, er ist auch Vorlage für eine Figur in Lessings "Nathan der Weise". Der Gruppe gelang ein interessanter Vortrag, in dem die Jungen eine Bewertung von Saladins Rolle auch im heutigen Islam wagten.
Lernateliers als Brückenbauer
Schon Saladin in "Nathan der Weise" versuchte, zwischen den Kulturen zu vermitteln. An der Ganztagsschule Hegelsberg fiel diese Aufgabe in Rahmen des zweiwöchigen Projektes dem Lernatelier zu: "Wir wollen Brücken bauen durch verändertes Methodenlernen" erläutert Scheuerer.
Viele Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind für den Pädagogen durch den herkömmlichen Unterricht nicht nur benachteiligt, sondern häufig verabschiedeten sie sich innerlich vom Unterricht: "Schule soll Lust betonte projektorientierte und individualisierte Angebote machen. Außerdem sollten die Lehrerinnen und Lehrer Beziehungen zu den Schülern aufbauen", so Scheuerer weiter.
Die Berührungsängste zwischen den Kulturen und Geschlechtern waren in der Lerngruppe offenkundig. So blieben nicht nur die muslimischen Mädchen unter sich, sondern auch die Geschlechter bevorzugten das Arbeiten jeweils miteinander. Scheuerer nennt die Gründe: "Orthodox-islamische Schülerinnen leben kognitiv in der Schule und emotional in ihrer eigenen Welt."
Individuelle Förderung plus interkulturelles Lernen
Das Lernatelier erweist sich in diesem Zusammenhang zwar nicht als Wundermittel, aber es schafft bessere Voraussetzungen, um individuelle Förderung in einer heterogenen Gruppe systematischer durchführen zu können. Die Schülerinnen und Schüler, die von 8 bis 16 Uhr im Lernatelier verbrachten, nutzten die inspirierende Raum- und Sachausstattung insbesondere zur Verbesserung der eigenen Medien- und Methodenkompetenz und zum selbstständigen Lernen.
Ein entscheidender Vorteil des Lernateliers ist in diesem Zusammenhang die Methodenvielfalt und die Möglichkeit, es beispielsweise zu einem Schreibzentrum zur Förderung der sprachlichen Fähigkeit der Migranten zu machen. So können Lernateliers dabei helfen, individuelle Förderung und interkulturelles Lernen zu verbinden.
Ganztagsschule als Lebensschule kann so den unterschiedlichen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler gerecht werden. Während einheimische Schüler etwa Lücken in Mathematik aufarbeiten, können jene mit Migrationshintergrund die deutsche Sprache lernen:" Ein Blick auf die Schule zeigt, dass es dort zu wenig gelingt, Migrantenkinder auf einen erfolgreichen Bildungsweg zu bringen. Auch mangelhafte Kenntnis der deutschen Sprache erweist sich als deutliche Barriere, mit Erfolg zu lernen" (Pressemeldung des VBE vom 29. Juli 2005).
Gelenkstelle zur Außenwelt
Lernateliers haben in Deutschland noch Pionierstatus, was angesichts des Preises von 50 000 Euro nicht verwundert. Bundesweit gibt es noch zwei weitere solche Einrichtungen und die Schule Hegelsberg fungiert als Pilotschule des Ganztagsschulverbandes.
Ganztagsschulen, die sich für die Einführung von Lernateliers entscheiden, sollten auch wissen, was auf sie zukommt: Es müssen Fortbildungen des Lehrerkollegiums stattfinden, Schülerinnen und Schüler bekommen ein Methodentraining in Mind Mapping, Lesetechnik oder erarbeiten Schlüsselbegriffe.
Alles in allem wird die Schulentwicklung davon nicht unberührt bleiben können, denn Lernen ändert seinen Charakter durch die Medien- und Sachausstattung nachhaltig. Lernen wendet sich der Außenwelt zu: Das Lernatelier unterstützt nicht nur den Unterricht, es schafft auch eine Brücke in die Arbeitswelt, in dem es "für Bewerbungen oder für das Einüben im Assessmentcenter verwendet werden kann", so Scheuerers Fazit. Die Schwingungen im Raum, die von dem Achteck der Lernmöglichkeiten am 11. Juli 2005 hervorgerufen wurden, müssen so auch in der Ferienzeit nicht einfach verpuffen.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 02.08.2005
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