29. JULI 2005

Zukunft selber machen - Teil 2

Nach der Kritik hatten die Moderatoren der Mobilen Zukunftswerkstatt die Vision und die Realisierung gesetzt. Am zweiten und dritten Tag planten Schüler und Lehrer der Schule am Roten Berg im niedersächsischen Hasbergen gemeinsam ihre Schule von morgen. Eine Schule mit Saunalandschaft, mehr Mitspracherechten der Schüler – und einem anderen Unterricht.

Die Schule am Roten Berg in Hasbergen lässt sich schwerlich als "Schule im sozialen Brennpunkt" bezeichnen. Ländlich gelegen und mit einem Migrantenanteil von 16 Prozent – hauptsächlich Kinder von Aussiedlern – hat die Haupt- und Realschule kaum mit den Problemen zu kämpfen, die in Schulen großer Metropolen sichtbar werden. Die räumliche Ausstattung, die Unterstützung durch einen Sozialpädagogen, die Gemeinschaftsdienste der Klassen, die Selbsthilfegruppen wie Schüler- und Konfliktlotsen kann nicht jede Ganztagsschule so vorweisen.

Dennoch gibt es Schwierigkeiten: Einige Schülerinnen und Schüler finden die Nachmittage an der Schule sinnlos. Es gebe keine Verbindung zu den Unterrichtsinhalten. Lehrer klagen über unmotivierte und "verhaltensgestörte" Schülerinnen und Schüler. "Ein Problem ist, dass manche Kinder zu Hause überhaupt nicht von den Eltern gefordert werden", meint ein Pädagoge. Sich anzustrengen, fokussiert auf ein Ziel zu arbeiten, sei diesen Schülerinnen und Schülern fremd.



Ein von Schülerinnen und Schülern erträumter Klassenraumplan

Tatsächlich tun sich einige Kinder und Jugendliche am zweiten und dritten Tag der Mobilen Zukunftswerkstatt schwer, zu artikulieren, was ihnen an ihrer Schule nicht gefällt. Andere, die den Lehrerinnen und Lehrern bisher eher als schüchtern und wenig mitteilungsbedürftig aufgefallen sind, entwickeln großes Engagement und bringen sich verstärkt in die Diskussionen ein.

Träumen von einer anderen Schule

Gewöhnungsbedürftig für die Lehrerinnen und Lehrer ist indes das Prinzip des "Open Space": Niemand wird gezwungen, an etwas teilzunehmen, man kann sich frei auf dem gesamten Schulgelände bewegen. Während Moderator Marc Schmieder versicherte, dass gemäß dem "Open Space"-Prinzip "die, die hier sind, genau die Richtigen" seien, waren die Pädagogen skeptischer, wenn eine Fluktuation aus den Arbeitsgruppen einsetzte. Bei manchen verfestigte sich der Eindruck, die Schülerschaft wähle scheinbar wieder das bequeme Aus-dem-Weg-Gehen.

An seine Grenzen kam die Mobile Zukunftswerkstatt bei den Zusammenkünften in der Turnhalle, die jeweils zu Beginn und am Ende eines Tages stattfanden. Bei 120 Schülerinnen und Schülern war Unruhe garantiert, die am zweiten Tag auch von Kissenschlachten begleitet wurde. Das Moderatorenteam der Servicestelle Jugendbeteiligung und des Bundesarbeitskreises "Schüler gestalten Schule" reagierte und setzte am dritten Tag verstärkt auf die Arbeit in den kleineren Gruppen, die sich als effektiver und zeitlich eigentlich immer noch zu kurz herausstellte.



Traumphase auf Matten und Kissen in der Turnhalle zu Beginn des zweiten Tages

Die Kissen, Matten und Decken waren am zweiten Tag in der Turnhalle ausgelegt worden, um eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Schüler- und Lehrerschaft legten sich hin, schlossen die Augen und malten sich in einer geführten Meditation ihre Traumschule aus. Anschließend wurden diese Träume zu Papier gebracht und die Zettel an die Stellwände gepinnt. Die Wünsche reichten vom Schulzoo, Swimming Pool und Laptops über Mitbestimmung und Gleichberechtigung bis zu freier Fächerwahl und eigener Projektarbeit.

Aufbrechen der festen Schüler-Lehrer-Rollen

Letztere gehörte auch zu den Forderungen, welche die "Unterricht"-Gruppe am zweiten Tag aufstellte. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wünschten sich mehr selbstständiges Arbeiten im Unterricht mit Gruppenarbeit, Referaten, vernetzten und flexiblen Themen. Einen differenzierten Unterricht, der durch Abwechslung fesselt. Kein Wunder: Die Schülerinnen und Schüler berichteten übereinstimmend über eine bisher erlebte Unterrichtsgestaltung, die sich auf Frontalunterricht und das Lösen von Aufgaben im Lehrbuch beschränkte. In Physik und Chemie habe es teilweise nur einen Schülerversuch pro Halbjahr gegeben.

Weitere Forderungen waren die nach Lernorten außerhalb der Schule, mehr Raum für Kreativität und Zeit für Diskussionen. Die Lehrerinnen und Lehrer wünschten sich einen besseren Austausch untereinander und das Aufbrechen der festen Schüler-Lehrer-Rollen. "Meine Idealvorstellung ist, dass die Schüler selbstständig arbeiten und sich der Lehrer nur noch als Moderator in der Klasse bewegt, schaut, wie es läuft, und nur Hilfestellung leistet, wenn es nötig ist", erklärte Rektor Hans-Ulrich Lingk. Hier entstehe flexibler Unterricht dadurch, dass die Lehrer sich für manche Schüler Zeit nehmen könnten, während die anderen schon alleine arbeiteten.



Diskussionen in der Gruppe "Unterricht"

Alles in allem sollte man den Schülerinnen und Schülern nicht alles "vorkauen", sondern sie mehr aktivieren. "Ein Gedicht könnte nicht nur auswendig gelernt, sondern auch mal als Theaterstück interpretiert werden", schlug eine Lehrerin vor. Exkursionen und Biologieunterricht "vor Ort" in Wald und Flur waren weitere genannte Möglichkeiten, die bleierne Langeweile aufzubrechen. Eine Einsicht ergab sich durch die Diskussionen in den Gruppen wie von selbst: "Miteinander zu sprechen bringt mehr als das 'Augen zu und durch'."

Nicht alles auf einmal umsetzen wollen

Am dritten Tag trafen sich die vier Arbeitsgruppen "Unterricht", "Umgang", "Unterhaltung" und "Umgebung", um in der Realisierungsphase konkrete Schritte zur Umsetzung der Visionen zu beschließen. Für Hans-Ulrich Lingk begann jetzt der spannendste Teil, denn "wir wollten ja nicht nur drei schöne Tage miteinander verleben, sondern sind hier, um unsere Schule weiterzuentwickeln".

In der Gruppe "Unterricht" mahnte Moderator Marc Schmieder: "Es ist nicht möglich, alles auf einmal umzusetzen, aber man kann erste Schritte beschließen und angehen. Für Unterricht konkrete Projekte mit einem Ziel, einer festen Gruppe und einem Zeitraum zu entwickeln, ist natürlich schwieriger als die Gestaltung von Außenanlagen." Die Ziele sollten in jedem Fall "spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert" gesteckt werden – die "SMART"-Methode.



Ziele setzen mit der "SMART"-Methode

In der Unterrichtsgruppe gelang es, Projekte zu den Themen "Neue Regeln aufstellen", "Raumgestaltung", "Bewegung im Unterricht" und "Selbsttätigkeit und Eigenverantwortung" anzustoßen. Zwei Schülerinnen der 8. Klasse, die moniert hatten, dass die Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag "nichts brächten", schlugen vor, die Schülerschaft in den Klassen über das AG-Angebot mitbestimmen zu lassen. Die Vorschläge sollten an die Schulleitung weitergereicht werden, die diese dann umsetzen solle. Als Stolperstein könnte sich dabei die große Wunschpalette erweisen, sodass sich letztendlich nicht alles in die Realität werde umsetzen lassen, ahnten die Mädchen. Drei Fünftklässler wollten Computer und CD-Spieler für die Klassen mit Hilfe von Sponsoren anschaffen. Eine Lehrerin und drei Schülerinnen vereinbarten, Verhaltensregeln für alle zu entwickeln, um eine gute Lernatmosphäre zu schaffen.

"Genau das Richtige für diese Schule"

Zuletzt erarbeitete die Gruppe "Unterricht" noch die Punkte, die zur Umsetzung nötig sind: Es müssen feste Termine für weitere Treffen der Gruppen vereinbart und mehr Leute mit ins Boot geholt werden. Bis zu den Herbstferien soll zu diesem Thema eine Schulversammlung abgehalten werden. Berichte sollen festhalten, ob und was sich im Unterricht geändert hat. Schülerrat und Eltern sollen einbezogen werden. Rituale wie regelmäßige Treffen helfen bei der Strukturierung der Arbeit. Alle Gruppen sollen sich gegenseitig mit Terminen, Listen und Aushängen transparent machen.

Beim Abschluss in der Turnhalle fingen die Gruppen bereits damit an. Vertreterinnen und Vertreter erklommen jeweils die Bühne, um kurz vorzustellen, welche Veränderungen sie im kommenden Schuljahr in Angriff nehmen wollen: Einige Schüler wollen ein Fußballturnier organisieren und die Erlöse an UNICEF spenden. Eine Halfpipe, ein Schulgarten, Sauna, Schwimmbad, ein Fußballplatz mit Kunstrasen, ein Kletterturm und ein Volleyballplatz sollen mit Hilfe von Sponsoren errichtet werden. Eine Gruppe setzt sich dafür ein, eine Montainbike-AG zu schaffen. Bei der Notengebung wollen die Schülerinnen und Schüler jederzeit ihren aktuellen Stand abfragen können. Ein Anti-Rassismus-Projekt soll initiiert werden. Tische und Stühle sollen erneuert, mehr Tischtennisplatten, neue Fische für das Aquarium und Pflanzen angeschafft werden.



Schüler und Lehrer präsentieren zum Schluss der Veranstaltung ihre Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen

"Am Anfang hatte ich ein komisches Gefühl im Bauch", verabschiedete Rektor Lingk das Moderatorenteam der Servicestelle Jugendbeteiligung und des Bundesarbeitskreises "Schüler gestalten Schule" am Schluss der dreitägigen Veranstaltung. "Da kommen fremde Leute in die Schule, und wir wussten nicht genau, was passieren wird. Aber jetzt kann ich sagen, dass die Mobile Zukunftswerkstatt genau das Richtige für diese Schule gewesen ist. Wir entwickeln das dringend benötigte 'Wir-Gefühl', und die Ergebnisse, die ihr erarbeitet habt, machen mich stolz. Einige Projekte werden bestimmt in Gang kommen. Wir versprechen auf jeden Fall dranzubleiben."

Für den Januar kommenden Jahres ist eine weitere Evaluation in der Schule am Roten Berg geplant. Auch www.ganztagsschulen.org wird den Prozess in Hasbergen redaktionell weiter begleiten.

Lesen Sie hier den ersten Teil unserer Reportage über die Mobile Zukunftswerkstatt in Hasbergen.

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 29.07.2005
© www.ganztagsschulen.org

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Moderator Benjamin Mosebach mit Schülerinnen und Schülern in der Gruppenarbeit

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