Marc Schmieder ist einen Moment lang entgeistert. "Ihr wollt doch lernen?", fragt er die drei Siebtklässler noch einmal, die ihm diese Frage soeben verneint haben. "Nö, wozu lernen? Wer will heutzutage schon lernen? Was bringt das denn?", erwiderten sie dem Moderator der Servicestelle Jugendbeteiligung. Die Frage blieb unbeantwortet: Wozu lernen?
Willkommen in der Schulwirklichkeit 2005. Mit Marc Schmieder sind neun weitere Schüler und Studenten in die Haupt- und Realschule der Kleinstadt südlich von Osnabrück gekommen, um erstmals in einer Schule im Rahmen des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" der Deutschen- Kinder und Jugendstiftung (DKJS) eine Mobile Zukunftswerkstatt zu veranstalten. Innerhalb von drei Tagen sollen vom 4. bis 6. Juli 2005 in drei Phasen 120 Schülerinnen und Schüler der fünften bis zur neunten Klasse und etwa 20 Lehrerinnen und Lehrer gemeinsam ergründen: "Wo stehen wir? Wie müssen wir uns weiterentwickeln?", wie es Schulleiter Hans-Ulrich Lingk formuliert.
Lingk war 19 Jahre an einer ganztägigen Gesamtschule in Osnabrück tätig, nun hat er die Form ganztägiger Bildung und Erziehung auch an der Schule am Roten Berg eingeführt, weil er von diesem Konzept überzeugt ist: "Man erreicht die Schüler auf anderem Wege. Schule besteht ja nicht nur aus Mathematik, Englisch oder Deutsch. Mehr Zeit bringt auch mehr Kontakt. Ganztagsschulen sind in anderen Ländern die Regel und ein Mittel, Leistungen zu verbessern."
Geteilte Begeisterung im Kollegium
Die Schule am Roten Berg hat sich als gebundene Ganztagsschule bereits einen Namen gemacht: Von der Bundeszentrale für politische Bildung wurde sie für ihr Anti-Mobbing-Projekt ausgezeichnet, und sie gehörte zu den 20 nominierten Schulen im bundesweiten Wettbewerb "Zeigt her Eure Schule" der DKJS und des BMBF und wurde am 20. April 2005 zur Preisverleihung nach Berlin eingeladen. Die Schule erhielt eine Nominierung für ihr Projekt "Alt hilft jung". Eine Gruppe von Senioren baute in Zusammenarbeit mit einer Tischlerei einen Spieleraum und eine Cafeteria, die von Schülerinnen und Schülern, Eltern, Lehrerinnen und Lehrern und der Schulleitung gemeinsam geplant worden waren. Im Januar 2005 weihte man die Räumlichkeiten feierlich ein. "Dieses Projekt hat uns mit dem Ort verbunden", berichtet Lingk.
Am Rande der Preisverleihung in Berlin hatte der Schulleiter den Wunsch nach einer Supervision für seine Ganztagsschule geäußert und von der Möglichkeit erfahren, die Mobile Zukunftswerkstatt in seine Schule zu holen. Innerhalb von vier Wochen wurden die Details zwischen der Schule und der Servicestelle Jugendbeteiligung und dem Bundesarbeitskreis "Schüler gestalten Schule" geklärt, sodass es noch kurzfristig vor den Ferien zu dieser Veranstaltung kommen konnte.
Aber immerhin nahm die Mehrheit der Lehrerschaft die Gelegenheit wahr, sich mit den Schülerinnen und Schülern über den Zustand und die Zukunft ihrer Schule auszutauschen. Enttäuschender war da die Elternresonanz - sie ging gegen null. Von den 360 Schülerinnen und Schülern nahmen etwa 120 an der Zukunftswerkstatt teil: Aus den 18 Klassen jeweils die zwei Klassensprecher und weitere fünf Kinder und Jugendliche, die sich freiwillig melden konnten. Zum Teil kamen diese fünf "Freiwilligen" nur mühsam zusammen.
Das Motto der Mobilen Zukunftswerkstatt stand in bunten Lettern auf einer Bühne in der Turnhalle, die für die drei Tage als zentraler Veranstaltungsort diente: "Zukunft selber machen". Nach der Begrüßung teilte sich das Plenum in kleinere Gruppen auf, um in Klassenräumen über das Procedere zu diskutieren und in die erste Phase, die Kritikphase, einzutreten. "Ihr könnt hier planen, wie eure Schule aussehen soll", warb Marc Schmieder. "Wir wollen gemeinsam in die Zukunft schauen und Schule besser gestalten."
In einer kurzen Vorstellungsrunde sollten nun 30 anwesende Schülerinnen, Schüler, Lehrerinnen und Lehrer mitteilen, welche Veränderungen sie sich erhoffen: Mehr Arbeitsgemeinschaften, mehr Sportangebote, mehr Aktionsmöglichkeiten in der Mittagspause und innerhalb der Schule waren einige Anregungen. Und immer wieder: Saubere Toiletten mit Seifenspendern und Papierhandtüchern. "Da wäre ich nicht drauf gekommen", gab eine Lehrerin unumwunden zu. Die Lehrerinnen und Lehrer erhofften sich unter anderem, dass sie und die Schüler durch die drei Tage zu einer echten Gemeinschaft zusammenwachsen würden.
"Schüler werden bei uns zu selten gefragt"
Nach dieser Einstimmung kam die Zukunftswerkstatt richtig in Fahrt: Alle Beteiligten waren aufgefordert, auf kleine Klebezettel zu schreiben, was sie an der Schule stört, und diese Zettel an den betreffenden Orten anzubringen. Schon bald durchstreiften die Schülerinnen und Schüler ihr Gebäude kreuz und quer und klebten die kleinen bunten Zettel an Wände und Türen. Auf manchen waren nur Albernheiten zu lesen, andere gaben ernsthafte Anregungen: "Vertretungsplan zu spät", "Lingk hält bei Streit immer zu den Lehrern", "Spieleraum soll immer offen sein", "neue Stühle", "Ganztagsschule nur freiwillig".
Die Kommunikation zwischen Schulleitung, Kollegium und der Schülerschaft war mindestens an diesem Punkt offenbar nicht ausreichend. "Wir hätten die Schüler schon längst fragen sollen", räumt eine Lehrerin in der kurzen Visionsrunde nach dem Aufkleben der Kritikzettel ein. "Die Schüler werden zu selten bei uns gefragt." Die Kinder und Jugendlichen fanden es umgekehrt gut, dass "wir mal mitkriegen, was auch andere stört" und "wir unsere Meinung sagen können".
Köpfe frei für Visionen
Dazu war auch in vier thematisch geordneten Arbeitsgruppen "Umgang", "Unterricht", "Umgebung" und "Unterhaltung" am Nachmittag Gelegenheit, in denen die Kritik spezifiziert werden sollte. Während sich ein Großteil der Kinder und Jugendlichen in die "Unterhaltung"- und "Umgebung"-Gruppen stürzten, waren in der Gruppe "Unterricht" zum Bedauern der Lehrkräfte nur wenige vertreten. Unter der Moderation von Marc Schmieder sollte die Gruppe drei Thesen aufstellen, woran es im Unterricht hakt.
Dabei ereignete sich auch die eingangs geschilderte Szene, die die Diskussion anstieß: Was war zuerst da - desinteressierte Schüler oder langweiliger Unterricht? Die Kritik der Schüler machte sich an der Unterrichtsgestaltung fest: Zu wenig selbstständiges Lernen, eintönige Unterrichtsgestaltung, bei der die "Lehrer zu viel reden". Umgekehrt kritisierten die Lehrerinnen und Lehrer, die Schüler brächten keine Leistung, obwohl sie es könnten, und sähen den Unterricht lediglich als "Unterbrechung der Pausen". Man sei als Lehrer dankbar über jede Frage, die Schüler stellten. "Die Null-Bock-Stimmung war im abgelaufenen Schuljahr mein größtes Problem", berichtete Gerhard Johann to Büren, Lehrer für Physik-, Biologie- und Chemielehrer. "Ich hatte rund 50 Prozent in der Klasse, die sich einfach nicht beteiligten."
Sehr offen, ehrlich und nachdenklich diskutierte die Unterrichtsgruppe über diese Problematik, bis sie sich am Ende dieses ersten Tages zusammen mit den anderen Gruppen auf dem Schulhof versammelte. Dort wurde die gesammelte Kritik, die symbolisch auf Luftballons gemalt, auf Papier geschrieben, zur Styropor-Toilette verarbeitet und mit Straßenkreide auf den Boden geschrieben worden war, verbrannt, weggewischt und zerstört. Die Köpfe und der Weg sollten frei werden für Visionen an den zwei folgenden Tagen.
Lesen Sie hier den 2. Teil unserer Reportage über die Mobile Zukunftswerkstatt in Hasbergen.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 26.07.2005
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