15. JULI 2005

"QUAST" für Qualität

Die Unterstützung der Qualitätsentwicklung von Ganztagsschulen ist das erklärte Ziel der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen. 28 regionale Qualitätszirkel sollen dabei helfen. Welche Möglichkeiten sich den Schulen bieten, welche Unterstützung die Serviceagentur konkret leisten kann und wie es mit den Ganztagsschulen nach dem kürzlichen Regierungswechsel in Nordrhein-Westfalen weitergeht, konnten rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am 30. Juni 2005 bei der Auftaktveranstaltung "Qualitätszirkel im Ganztag" in Dortmund erfahren.

In diesem Augenblick kann sich Dr. Norbert Reichel vom nordrhein-westfälischen Schulministerium der ungeteilten Aufmerksamkeit der rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Auftaktveranstaltung "Qualitätszirkel im Ganztag" am 30. Juni 2005 im Dortmunder Dietrich-Keuning-Haus sicher sein. Mit dem Satz "Aber sicher wollen Sie von mir noch etwas Anderes hören..." hat der im Düsseldorfer Ministerium zuständige Referatsleiter schelmisch das Bedürfnis im Saal aufgenommen, etwas über den weiteren Ganztagsschulkurs des Landes nach dem Regierungswechsel vom Frühjahr 2005 zu erfahren.

Viel hatte Reichel allerdings noch nicht zu berichten, da auch er bisher kaum mehr als die Absichtserklärungen im Koalitionsvertrag kannte. Klar ist, dass aus dem Ministerium für Schule, Jugend und Kinder wieder ein reines Schulministerium wird. Der Bereich Jugend und Kinder wandert in das so genannte Generationenministerium. Reichel sah das als nicht gravierend an: "Die Kooperation zwischen den Bereichen Schule und Jugendhilfe wird es weiter geben, die hatten wir auch vor dem gemeinsamen Ministerium hingekriegt. Die Beratergruppe Schule-Jugendhilfe bleibt bestehen."



Bote aus der Landeshauptstadt: Norbert Reichel

In der Koalitionsvereinbarung seien für den Ganztagsschulbereich zusätzliche 120 Millionen Euro für den Zeitraum der Legislaturperiode eingeplant. Die Sekundarstufe I und dabei besonders die Hauptschulen sollen künftig ebenfalls gefördert werden. "Es ist ein massiver weiterer Ganztagsschulausbau geplant, und ich bin guten Mutes, dass das Programm intensiviert wird", meinte der Ministeriumsvertreter, "zumal mit Hans-Heinrich Grosse Brockhoff jemand Chef der Staatskanzlei geworden ist, der sich in seiner Zeit als Stadtdirektor von Düsseldorf sehr für Ganztagsschulen stark gemacht hat." Norbert Reichels Fazit: "Die Kommunen können getrost weiter planen."

QUAST als Unterstützung für Offene Ganztaggrundsschulen

So viel Raum und Interesse die aktuelle Politik an diesem Tag auch einnahm, das eigentliche Thema war ein anderes: Was kann die Serviceagentur Nordrhein-Westfalen zusammen mit den 28 Trägern, die in den Qualitätszirkel aufgenommen worden sind, leisten, um die Qualität der Offenen Ganztagsschulen im Land zu verbessern?

Norbert Reichel nannte Punkte, die er für wichtig hält: Das Qualifizieren von Multiplikatoren und den Aufbau eines landesweiten Netzwerks von Beratern. In der Koordination kämen auf diese zusammen mit den Schulleitungen große Aufgaben zu: "Das Personal ist sehr heterogen, der Teilzeitanteil enorm hoch." Für die inhaltliche Qualitätsentwicklung seien Sprachförderung, individuelle Förderung, die Partizipation von Kindern und eine qualifizierte Elternberatung wesentlich.



Das Auditorium im Dietrich-Keuning-Haus

Jeder dieser genannten Punkte wäre schon eine Herausforderung für sich - in Zeiten, in denen "alle genug zu tun haben", wie es Dr. Rainer Strätz vom Sozialpädagogischen Institut NRW ausdrückte, können sich Schulen schnell überfordert fühlen. Strätz hofft, den Ganztagsschulen mit dem aus der Jugendhilfe stammenden Instrument "QUAST - Qualität für Schulkinder in Tageseinrichtungen" ein Unterstützungsmittel an die Hand geben zu können, und stellte dieses in seinem Vortrag "QUAST als Instrument zur Qualitätsentwicklung im Offenen Ganztag" vor.

Im Rahmen der Nationalen Qualitätsinitiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hatte eine Arbeitsgruppe nach Analyse des internationalen Fachwissens, umfangreichen Interviews sowie länder- und trägerübergreifenden Expertenanhörungen Bewertungsmaßstäbe und Instrumente entwickelt. Diese Qualitätskriterien wurden anschließend in verschiedenen Tageseinrichtungen mit allen Beteiligten erprobt und schließlich 2004 veröffentlicht.

Chance der Verknüpfung zwischen Schule und Jugendhilfe

Den QUAST-Kriterienkatalog hält der Psychologe auch auf Ganztagsschulen übertragbar: "Es gibt genügend Gemeinsamkeiten zwischen Jugendhilfe und Schule. Und ich hoffe, noch zu erleben, dass sich Grundschule und Jugendhilfe zusammensetzen, um einen gemeinsamen Bildungsplan für Kinder bis zehn Jahren zu entwerfen. In Hessen gibt es das bereits."

Für Strätz ist die Offene Ganztagsschule nur in der Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe vorstellbar, wobei die Vernetzung der beiden Teile entscheidend sei. "Mit der Offenen Ganztagsgrundschule besteht erstmals die Chance dieser Verknüpfung, das ist die wesentliche Aufgabe dieser Schulen - und unser Material kann Ihnen dabei helfen", erklärte der Wissenschaftler.



Rainer Strätz stellt QUAST vor

Der QUAST-Kriterienkatalog bietet zu Themenkomplexen in der Arbeit mit Kindern und in der Schule Checklisten, die - an guten Beispielen orientiert - Arbeitsabläufe erleichtern und Probleme lösen helfen. Solche Themenkomplexe sind unter anderem Lebensweltorientierung, Partizipation, Integration von Differenzen aller Art und die Unterstützung von Eigenaktivität. Des weiteren werden bedarfsgerechte Angebote, Kompetenzen des pädagogischen Personals, die Personalausstattung und die Raumstruktur behandelt. Themen wie Evaluation und Qualifizierung sind ebenfalls dargestellt.

Ergebnisse kommen wie von selbst

Mit Hilfe von Tabellen und Fragebögen können die verschiedenen Akteure in der Ganztagsschule Themenkomplexe evaluieren, mit denen es laut Strätz oft schnell gelingt, Knackpunkte herauszufiltern. "Wenn die Schulleitung die Themen setzt und konkrete Fragebögen dazu ausgibt, kommen die Ergebnisse wie von selbst. Die Materialien sind derart detailliert, dass man bestimmten Aussagen nicht mehr ausweichen kann", erklärte der Psychologe. Nach der Evaluation, die intern oder mit externer Beratung erfolgen kann, folgen Gespräche der Beteiligten, in denen versucht wird, einen gemeinsamen Handlungsbedarf zu formulieren.

Als Knackpunkte in Ganztagsschulen hat Strätz die Themen Partizipation von Kindern und Eltern, Verzahnung von Vor- und Nachmittag, die Gestaltung von freier Zeit, die Zusammenarbeit im Team, geschlechterspezifische Projekte und den Einsatz von Medien ausgemacht. "Die Offene Ganztagsschule scheitert, wenn sie sich zu viel auf einmal vornimmt", warnte der Psychologe. "Es ist wichtig, die bei QUAST vorgegebene Reihenfolge einzuhalten." Sabine Wegener, Leiterin der Serviceagentur Nordrhein-Westfalen, unterstrich dies: "Wer sich an diesem Katalog orientiert, vergisst nichts." Den Einwand, QUAST koste die Schulen zu viel Zeit, ließ Strätz nicht gelten: "Qualität zahlt sich aus - und am Ende spart man Zeit, die vorher durch mangelnde Absprachen und ständige Elterngespräche verloren gegangen ist."



Volker Kohle (l.) und Sabine Wegener von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung erläutern zu Beginn der Veranstaltung das Begleitprogramm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen"

65 Schulträger aus Nordrhein-Westfalen hatten sich bei der Serviceagentur "Ganztägig lernen" beworben. Sabine Wegener erklärte die Auswahlkriterien: "Voraussetzung war eine bestehende Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe. Im Bereich des Schulträgers mussten möglichst viele Offene Ganztagsgrundschulen vorhanden und ebenso konkrete Vorstellungen formuliert sein, was man erreichen möchte." Die regionale Ausgewogenheit spielte eine geringere Rolle, es sollten lediglich Qualitätszirkel in allen fünf Bezirksregierungen vorhanden sein. "Diese Gruppen müssen zusammenhalten, damit nicht jeder das Rad immer wieder neu erfindet", meinte Rainer Strätz.

Kreativität unter Zeitdruck

Neben der Orientierung an den QUAST-Materialien können die ausgewählten 28 Qualitätszirkel im Jahr 2005 auf jeweils 3.000 Euro der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung zurückgreifen. Mit dieser Summe werden den Qualitätszirkel Personal und Sachkosten erstattet, die bei der fachgerechten Durchführung des Zirkels entstehen: Referentenkosten, Reisekosten, Material für Dokumentationen und Tagungen, Teilfinanzierung von Überstunden oder Vertretung des Personals im Ganztag, das am Qualitätszirkel teilnimmt.

In den regionalen Arbeitsgruppen am Nachmittag regte sich Unmut, dass diese Gelder aus haushaltstechnischen Gründen bereits bis Jahresende ausgegeben werden müssen. Das erhöht den Zeitdruck auf alle Beteiligten, da das neue Schuljahr in Nordrhein-Westfalen erst Ende August beginnt und die Rechnungen bereits bis zum 1. Dezember bei der Serviceagentur eingereicht werden müssen. Inhaltlich können die Qualitätszirkel frei über die Gelder verfügen, der "Kreativität und den Ideen sind keine Grenzen gesetzt", wie Eva Adelt von der Else-Lasker-Schüler-Gesamtschule in Wuppertal versicherte.


 
In Kleingruppen aufgeteilt, machen sich die Regionalen Arbeitsgruppen am Nachmittag daran, Ziele für die Qualitätszirkel zu formulieren

Ideen konnten die Regionalen Arbeitsgruppen gleich an Ort und Stelle entwickeln: Welche Ziele wollen die Qualitätszirkel in den kommenden Monaten verwirklichen? In kleinen Gruppen zogen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zurück und stellten ihre Prioritätenlisten auf, die zum Abschluss im Plenum vorgetragen wurden. Die Gruppe Detmold/Münster zum Beispiel möchte zehn Experten schulen lassen, da zwei Personen für die große Anzahl an Offenen Ganztagsschulen zu wenig seien. Die Gruppe Köln äußerte den Wunsch nach Fortbildungen und gemeinsamen Praxisbeispielen, um "voneinander zu lernen". Externe Experten wolle man als Impulsgeber nutzen. Arnsberg will QUAST als "Steinbruch für Themen" nutzen, fragte aber auch nach der Dauerhaftigkeit der Qualitätszirkel.

Sabine Wegener versicherte: "Ich will Sorge dafür tragen, dass die Weiterarbeit bis zu den Sommerferien 2006 gesichert ist und weitere Qualitätszirkel dazukommen."

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 15.07.2005
© www.ganztagsschulen.org

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Intensiver Austausch in den regionalen Arbeitsgruppen am Nachmittag

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