Man stelle sich vor, es ist Schulschluss und keiner will nach Hause. "Michael, nun komm doch endlich!", ruft die Mutter um 16 Uhr quer über den Schulhof, doch ihr Sohn, der die Hunsrück-Grundschule in Berlin-Kreuzberg besucht, antwortet nur: "Nein, Mama, ich will noch mit meinen Freunden spielen." Man stelle sich vor, Eltern sitzen gemeinsam auf dem Hof und unterhalten sich über die Schule. Oder Lehrerinnen und Lehrer, die um 17 Uhr noch im Lehrerzimmer zusammen arbeiten. Oder zwei Lehrerinnen, die gemeinsam mit zwei Erzieherinnen ein Seminar besuchen. Oder ein Kind, das unbedingt selber auf dem Schulhof das Radfahren lernen will.
All diese Beobachtungen hat Mario Dobe, Schulleiter der Hunsrück-Grundschule, im gerade zu Ende gegangenen Schuljahr gemacht und teilte sie am Abend des 22. Juni 2005 den etwa 50 Zuhörerinnen und Zuhörern in der Aula seiner Schule mit. Dobe war Gastgeber der Werkstatt 4 "Lebenswelt" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, die im Rahmen des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" kürzlich eingerichtet wurde. Der Schulleiter zeigte sich überzeugt, dass "vieles von dem, was bei uns gewachsen ist, die Geborgenheit, welche die Kinder in ihrer Schule fühlen, die Organisationsform der Gebundenen Ganztagsschule braucht". Nötig seien aber auch "Eltern, die die Chancen sehen, Pädagogen, die zur Offenheit und Kooperation bereit sind, eine Verzahnung von Unterricht und Freizeit, ein anderer Unterricht und Freiräume".
Gerade die Verzahnung von Unterricht und Freizeit und die außerschulischen Freiräume sind auch ein Anliegen der "Initiative für große Kinder", deren rund 40 Mitglieder die Werkstatt 4 unterstützen: Bildungs- und Entwicklungsforscher, Sozial- und Sportwissenschaftler, Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe, Mitarbeiter von Schulverwaltungen, Lehrer, Eltern, Ärzte, Therapeuten, Sozialarbeiter, Stadtplaner und Vertreter verschiedener Institutionen haben sich in der Initiative zusammen gefunden. Sie wollen die Belange von Kindern stärker in das Bewusstsein rücken und die "segmentierte Sichtweise auf die Kinder als Schüler, Patienten, Klienten, Kunden und Konsumenten" überwinden.
Atmosphäre der Geborgenheit
Die Werkstatt "Lebenswelt" möchte daran mitwirken, in Ganztagsschulen die Lebensqualität von Kindern zu verbessern und bei der Konzeption und der Qualitätskontrolle von Ganztagsschule die Belange der Kinder zu vertreten. Die Werkstatt vermittelt den Ganztagsschulen Experten, Fortbildung und Beratung mit dem Schwerpunkt auf grundlegenden, entwicklungsrelevanten Lebensbedürfnissen von Kindern zwischen Einschulung und Pubertät. Zu diesen Bedürfnissen zählen zum Beispiel, Wissen und Können erwerben zu wollen, sich zu bewegen, eigenverantwortlich etwas zu unternehmen, das Wohnumfeld zu erkunden oder an Entscheidungen beteiligt zu werden.
"Erwachsene sehen oft nur die kognitive oder psychotherapeutische Seite und doktorn an Symptomen rum", erklärte Diplompsychologin und Werkstattleiterin Oggi Enderlein zur Eröffnung der Tagung, zu der sie viele der Expertinnen und Experten eingeladen hatte, damit diese in Kurzreferaten bestimmte Themenkomplexe beleuchteten.
Kinder als Ganzes zu sehen, dem ist Prof. Lothar Krappmann schon recht nahe gekommen. Zusammen mit seinem Kollegen Hans Oswald, der an der Universität Potsdam Pädagogik lehrt, hatte sich der Honorarprofessor für Soziologie der Erziehung an der Freien Universität Berlin und "Gründungsvater" der "Initiative für große Kinder" drei Jahre lang vom 4. bis 6. Schuljahr in eine Klasse gesetzt und das soziale Leben und Lernen von Grundschulkindern beobachtet. Aus dem Erfahrungsfundus schöpft Krappmann bis heute und teilte einige Schlussfolgerungen mit: "Die Qualität eines Kinderlebens hängt von der Kommunikation mit anderen Kindern ab. Kinder gewinnen viele Fähigkeiten im Streiten und Kommunizieren - sie lernen Standpunkte einzunehmen, auszuwählen, zu vergeben und zu versöhnen. Die Schule ist damit ein Ort der Sozialisation und des Lernens."
Kinder brauchen laut des Mitglieds der "Kommission für die Rechte des Kindes" der Vereinten Nationen Räume und Zeiten, die sie selber gestalten können. Innerhalb der Schule sei das nur begrenzt möglich, daher müssten sie die Möglichkeit erhalten, auch in ihrer Umgebung zu lernen und mal ohne Erwachsene etwas selbst auszuprobieren. "Schwimmen lernt man nicht am Beckenrand, man muss ins Wasser", fand Krappmann ein Bild für das Lernen in der Lebenswelt der Kinder. "In der Kinderwelt entsteht die nächste Erwachsenenwelt", mahnte der Bildungsforscher ein anderes Lehr- und Lernverständnis an, das über Klassenräume und Aufgabenlösen hinausgeht.
Nach Lothar Krappmann trat Prof. Bärbel Kirsch an das Rednerpult, um einen Beitrag aus entwicklungspsychologischer Sicht zu leisten. Die Psychologin von der Universität Potsdam forderte wie ihr Vorredner, der selbstständigen Erprobung der eigenen Leistungsfähigkeit der Kinder mehr Raum zu geben und Freiräume für ihren Bewegungsdrang zu schaffen. Darüber hinaus müssten sich in Ganztagsschulen Phasen des Lernens und Spielens ablösen und eine "Atmosphäre der emotionalen Wärme und Geborgenheit" bilden. Wenn man die Erkenntnis- und Erlebnisbedürfnisse von Kindern befriedige, kämen diese zu einem ausgeglichenem Wesen. "Diese Kinder werden später im Leben Probleme eher meistern können", sagte Bärbel Kirsch.
Wundermittel Partizipation
Doch es zählt nicht allein die seelische Ausgeglichenheit, was Oggi Enderlein bereits zu Beginn der Veranstaltung mit ihrer Sorge um die zunehmende Übergewichtigkeit und Unbeweglichkeit von Kindern und Jugendlichen angesprochen hatte. Folgerichtig kam auch ein Sportmediziner zu Wort, der ebenfalls dem Beirat der Initiative für große Kinder angehört. Prof. Frank Bittmann, ebenfalls von der Universität Potsdam, schilderte die schlechte körperliche Verfassung vieler Kinder und Jugendlicher als großes Problem: "Es drohen ernährungsbedingte Krankheiten wie Diabetes in immer früherem Alter." Dabei gehe es durchaus nicht nur um Übergewicht: "Wir haben auch in zunehmenden Maße untergewichtige Jugendliche, meistens Mädchen."
Bittmann forderte soziale Geborgenheit für Kinder und Jugendliche, die eminent wichtig für die Gesundheit sei. Zweitens sei Bildung wesentlich, denn "gebildete Menschen werden erwiesenermaßen nicht so oft krank wie ungebildete". Neben Bewegung und vernünftiger Ernährung sei die psychische Ausgeglichenheit wichtig.
Den Kindern zu ihrem Recht zu verhelfen, ist das Anliegen der Nationalen Koalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland. Ihr Sprecher Dr. Jörg Maywald forderte eine Beteiligung der Kinder an allen sie betreffenden Entscheidungen. "Wir behandeln die Kindheit oft als einen Mangel an Erwachsenwerden, statt dessen sollten wir den Eigenwert der Kindheit schätzen lernen", erklärte Maywald. "Die Kinderrechte sollten als Selbstverpflichtung auch in die Schulen integriert werden. Eltern und Fachkräfte müssen die Lehrer bei ihrer Arbeit unterstützen, denn Partizipation ist der Schlüssel. Alle Beteiligten müssen die schützende Hand über die Kinder halten, um sie notfalls aufzufangen."
"Auch kleine Dinge bewirken große Veränderungen"
Um Beteiligung ging es auch Antje Hendriks. Die Stadtplanerin beklagte, dass sich Schulen bislang zu sehr von der Stadtentwicklung abgekoppelt und Kinder keine Lobby in der Stadtplanung hätten. "Dabei kann gerade das Thema Raum ein ideales Thema für Stadtplanungsprojekte sein", berichtete die Diplomarchitektin. "In Brandenburg zum Beispiel haben Kinder Modelle entworfen und Pressekonferenzen abgehalten, als es um die Neugestaltung einer innerstädtischen Fläche ging."
Welche Fähigkeiten Kinder entwickeln können, davon konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Turnhalle der Hunsrück-Grundschule überzeugen. Als Block zwischen den Redebeiträgen war eine Vorführung des Schulzirkus "Molto Vitale" der Emil Molt-Schule aus Berlin-Zehlendorf angesetzt worden. Schülerinnen und Schüler der Klassen drei bis neun führten hier artistische Kunststücke auf, dass einem "das Herz lacht", wie Oggi Enderlein meinte. "Hier können sich die Kinder Selbstbewusstsein holen, ihre Persönlichkeit stützen und Teamfähigkeit lernen."
Im Anschluss an diese Vorstellung nahm die Diplomsozialpädagogin Conny Fischer, die von Oggi Enderlein als "Mutter der Zirkuspädagogik in Berlin" vorgestellt wurde, Bezug auf Kinderwünsche: "Sie wünschen sich, dass die Lehrer ihnen zuhören, sie nicht anschreien und ihnen nicht drohen, dass sie freundlich sind und nicht so viel reden - das zu ändern, erfordert kein Geld und keine Beschlüsse. Auch kleine Dinge bewirken große Veränderungen."
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 08.07.2005
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